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Bedrich Smetana: Ma Vlast – Mein Vaterland

Ein Zyklus Symphonischer Dichtungen

Dieser Beitrag ist entstanden als Programmheftbeitrag
zum Europäischen Musikfest der
Internationalen Bachakademie, Stuttgart (12.9.1993)

Programm

  1. Vysehrad:
    Die Harfe des Sängers Lumir erklang auf dem stolzen Vysehrad dem Sitze der böhmischen Fürsten und Könige. Die Burg erstrahlte in Ruhm und Glanz. Wilde Kämpfe kamen und mit ihnen erblaßte die Pracht des Vysehrad Wie ein Echo ertönt über ihm der längst verklungene Gesang Lumirs.

  2. Die Moldau:
    Aus zwei Quellen entspringt sie, plätschert munter im Gestein und glitzert in der Sonne, sie wird breiter, ihre Ufer hallen von Jagdfanfaren und ländlichen Tänzen wider. – Mondschein, Nymphenreigen. – Sie gelangt zu den St. Johannes-Stromschnellen, an deren Felsen ihre Wellen zu schäumender Gischt zerspritzen. Von dort strömt sie breit hin gen Prag, wo sie der altehrwürdige Vysehrad begrüßt.

  3. Sárka:
    Betrogen in der Liebe, schwört sie Rache dem ganzen Männergeschlecht und läßt sich listigerweise von ihren Gefährtinnen, den Amazonen, im Walde an einen Baum binden. Mit fröhlichern Gefolge reitet der Ritter Ctirad vorbei, erblickt die gefesselte Sárka, und entbrennt zugleich in Liebe zu ihr. Das ganze Gefolge läßt sich zum fröhlichen Zechengelage nieder, der Metbecher kreist, bis alle ermüdet einschlafen, Da stürmen auf einen Hornruf Sárkas ihre streitbaren Gefährtinnen herbei und morden die schlafenden Mannen.

  4. Aus Böhmens Hain und Flur:
    Das Herz jubelt vor Freude ob der Schönheit des Böhmerlandes, dessen gesegnete Auen sich dem Blick bis fern an den Horizont weiten. Ein leichtes Lüftchen säuselt im Haine, von fernher nähern sich die Klänge eines ländlichen Festes, bis die ganze Flur von Tanz und Gesang erschallt.

  5. Tábor:
    Das ist die feste Burg, von den Hussiten gegründet, zu Schutz und Trotz der kriegerischen Scharen. "Wer da ist ein Gotteskämpfer" tönt der düstere Choral, der die Streiter entflammt, aber Grauen verbreitet in den Reihen der Feinde. Es ist die Zeit böhmischer Kraft und Größe.

  6. Blanik:
    Die Heiden der Hussitenzeit ruhen im Berge Blanik. Hirten weiden auf seinem Abhange ihre Herden. Unheil kommt über das Land. Da steigen gen die Ritter herauf, bringen Sieg und Rettung. Und in neuem Glanze strahlt der Ruhm des Böhmerlandes.

Erläuterungen

Als die habsburgische Monarchie im Oktober 1860 die tschechischen Verfassungsrechte wiederherstellte und dem Parlament in Prag eine gewisse Autonomie in der Gesetzgebung zugestand, wurde das politische und gesellschaftliche Leben in Böhmen und Mähren von einer Vielzahl nationaler Aktivitäten bestimmt. Hatte sich die tschechische Oberschicht bislang daran orientiert, was in Wien gerade in Mode war, so besann man sich nun auf das eigene kulturelle Erbe. Die tschechische Sprache wurde literaturfähig, man forderte eine eigenständige tschechische Musik und sammelte Geld für ein Nationaltheater, dessen Architektur mindestens ebenso prächtig werden sollte wie die des Hoftheaters in Wien.

Auch Smetana, der seit 1856 in Göteborg weilte und erst im Mai 1861 nach Prag zurückkehrte, wollte sich dieser nationalen Bewegung nicht entziehen. In rascher Folge entstanden die Opern "Die verkaufte Braut", "Die Brandenburger in Böhmen", "Dalibor" und "Libuse" – allesamt Stoffe mit böhmischem Kolorit oder mit Beziehung zur tschechichen Geschichte.

Noch während der Arbeit an "Libuse" begann Smetana 1874, die symphonische Dichtung "Die Moldau" zu komponieren. Die Idee zu einem solchen Naturgemälde in Tönen war Smetana bereits Ende der sechziger Jahre gekommen, aber nun sollte es ein ganzer Zyklus werden – ein musikalisches Epos, das den Bogen spannt von der böhmischen Geschichte mit ihren Höhepunkten ("Vysehrad") und Niederlagen ("Tábor", "Blaník") über die heimische Sagenwelt ("Sárka") bis hin zu den Landschaftsportraits "Die Moldau" und "Aus Böhmens Hain und Flur".

Für "Die Moldau" selbst brauchte Smetana gerade neunzehn Tage (in dieser Zeit schritt der Verlust seines Gehörs, der erst wenige Monate zuvor eingesetzt hatte, soweit fort, daß er am Ende der Partitur notierte: "Ich bin völlig taub."), die übrigen Dichtungen entstanden in großen Abständen in den folgenden fünf Jahren.

Vorbild für diesen Zyklus, den Smetana "Ma Vlast" ("Mein Vaterland") überschrieb, waren die symphonischen Dichtungen von Franz Liszt. Während jedoch Liszt immer noch an der Struktur der klassischen Sonatensatzform festhielt und die gliedernden Abschnitte Exposition, Durchführung und Reprise lediglich modifizierte, löste Smetana sich von diesem starren Schematismus. Bei ihnm orientiert sich die musikalische Struktur ausschließlich an dem poetischen Gehalt.

Jede der symphonischen Dichtungen aus "Ma Vlast" in sich abgeschlossen, weswegen es auch nicht zwingend ist, den Zyklus in seiner Gesamtheit aufzuführen. Allerdings gibt es ein lockeres Netz von musikalischen Querbezügen zwischen den einzelnen Stücken: Immer wieder werden Motive aufgegriffen, zitiert und umgebildet (so erscheint z.B. das Thema der ersten Dichtung "Vysehrad" im entsprechenden Abschnitt der "Moldau", wenn an ihrem Ufer die alte Königsburg auftaucht).

Als "Ma Vlast" im November 1882 in Prag erstmals zyklisch aufgeführt wurde, bat Smetana den befreundeten Dichter Vaclav Zeleny, die musikalischen Programme literarisch auszuarbeiten:

Die Moldau:
Zunächst belauscht diese Komposition die beiden Quellen, die sogenannte "warme" und die "kalte" Moldau, die im Schatten des Böhmerwaldes entspringen. Ihre lustig dahinrauschenden Wellen vereinigen sich und erglänzen in den Strahlen der Morgensonne.
Der Waldbach wird zum Fluß Moldau, der auf seinem Weg durch die böhmische Landschaft zu einem gewaltigen Strom anwächst. Er fließt durch dichte Waldungen, in denen das fröhliche Treiben einer Jagd hörbar wird. Er fließt durch Wiesen und Haine, wo unter lustigen Klängen ein Hochzeitsfest mit Gesang und Tanz gefeiert wird.
In der Nacht tanzen die Wald- und Wassernymphen beim silbernen Mondschein auf den glänzenden Wellen ihre Reigen. Stolze Burgen, Schlösser und ehrwürdige Ruinen als Zeugen vergangener Herrlichkeit ziehen vorüber.
Der Strom braust und tost in den Katarakten von St. Johannes. Mit Gewalt und schäumenden Wellen bahnt er sich den Weg durch die Felsenspalte in das breite Flußbett, in welchem er mit majestätischer Ruhe weiter gen Prag dahinfließt, begrüßt vom altehrwürdigen Vysehrad, bis er schließlich in weiter Ferne den Augen des Dichters entschwindet und sich in die Elbe ergießt.

Sarka:
Nicht die Landschaft bei Prag ist gemeint, sondern die böhmische Sage von der streitbaren Königin Sarka, die aus Zorn über die Untreue ihres Geliebten dem ganzen Männergeschlecht Rache geschworen hat. Nach einer Reihe von Kämpfen greift sie zu einer List, um die böhmischen Ritter zu überwältigen: Sie läßt sich im Wald an einen Baum fesseln. Aus der Ferne dringt Waffenlärm. Der Ritter Ctirad ist mit seinen Knappen im Anmarsch. Er vernimmt das Klagen der schönen Maid, erblickt Sarka und ist von ihrer Schönheit verzaubert. Als seine Liebesbeute führt er sie mit ins Lager. In der Nacht, als die Ritter trunken zu Boden gesunken sind, ruft Sarka mit einem Hornsignal ihre Gefährtinnen herbei. Sie fallen über die Schlafenden her und metzeln sie nieder.

Aus Böhmens Hain und Flur:
Dieses symphonische Gedicht malt in weiten Zügen die Gedanken und Gefühle, die uns beim Anblick der böhmischen Landschaft erfassen. Aus dem weiten Umkreis dringt inniger Gesang zu unseren Ohren, alle Haine und die ganze blühende Flur singen ihre Weisen, fröhliche und traurige. Sie alle kommen zu Wort, die tiefen, dunklen Wälder - in den Solopartien der Hörner - und die sonnigen fruchtbaren Tiefebenen der Elbe und andere Teile des reichen, schönen Landes Böhmen. Ein jeder kann dieser Komposition die Erinnerung an das entnehmen, was er ins Herz geschlossen hat. Der Dichter hat freien Weg, er braucht sich nur an die Einzelheiten der Komposition zu halten.

In einem zeitgenössischen Bericht über die erste zyklische Aufführung in Prag heißt es:

Bis zum Schlußakkord hielt die Spannung im Auditorium an. Das Publikum lauschte mit angehaltenem Atem so angespannt, daß an den zart gespielten Stellen selbst das leise Rascheln der Programme deutlich zu hören war. Als der letzten Ton verklungen war, brach ein wahrer Orkan der Begeisterung aus. Auf allen Seiten erklang aus Hunderten von Kehlen jubelnd der Name Smetana; Kränze wurden ihm überreicht mit Schleifen in den nationalen Farben. Das Publikum war von seinen Sitzen aufgesprungen, schwenkte Hüte und Tücher und applaudierte dem Meister, der, auch wenn er von seinem eigenen Werk nicht einen einzigen Ton vernommen hatte, dennoch sichtlich beglückt war.