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Igor Strawinsky:
Petruschka, Le sacre du printemps

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
I. Strawinsky: Petruschka, Sacre du printemps
(Oslo Philharmonic Orchestra; Ltg.: Mariss Jansons).
EMI Classics (LC 6646) CDC 754 899-2. Prod. 1993, © 1993

Petruschka

Ein Genie bricht sich immer Bahn – auch gegen alle widrigen Umstände. Igor Strawinsky zeigte schon in jungen Jahren eine Vorliebe für das Ballett, und er hätte seine Leidenschaft sicherlich auch ohne den Kulturagenten Sergej Diaghilew und dessen Ballets Russes ausgelebt. Dennoch bleibt die Frage, ob nicht Diaghilew einen entscheidenden Einfluß auf den damals 29jährigen Komponisten gehabt hat. Immerhin ist Diaghilew mehr gewesen als ein bloßer Ballett-Impressario. Aus einer wohlhabenden, kulturell vielseitigen Petersburger Familie stammend, hatte er in seiner Jugend den Ehrgeiz, Komponist zu werden. Als Rimsky-Korsakow ihm davon abriet, wandte er sich den bildenden Künsten zu: er studierte Malerei, gründete die erste russische Kunstzeitschrift und veranstaltete in Petersburg und Moskau Kunstausstellungen. Nach den politischen Unruhen von 1905 ging Diaghilew nach Paris. Er mietete für einen Sommer zwölf Säle des Grand Palais und präsentierte in den Räumen mit großem Erfolg alte und zeitgenössische russische Malerei. Im darauffolgenden Jahr arrangierte er Konzerte mit russischer Orchestermusik, richtete dann sein Augenmerk auf die Oper und gründete 1909 zusammen mit dem Choreographen Michel Fokine eine Ballettkompanie, die berühmten Ballets Russes.

Mit seiner Ballett-Companie wollte Diaghilew vor allem zeitgenössische Musik aufzuführen, Stücke, die eigens für ihn geschrieben wurden, und Strawinsky, der gerade in Paris angekommen war, war der erste Komponist, den er dafür engagierte. Nach dem überwältigenden Erfolg des Feuervogels im Juni 1910 konzipierte Strawinsky dann den Plan zu seinem Sacre du printemps – ein Projekt, das er dann allerdings wegen seines Unfanges zunächst zurückstellte.

Stattdessen komponierte er während seines Sommerurlaubs in der Schweiz ein konzertantes Stück für Klavier und Orchester, eine Art Burleske, in der das Klavier "eine Gliederpuppe darstellt, die plötzlich mit Leben begabt ist und die das Orchester mit diabolischen Arpeggien-Kaskaden reizt, während das Orchester mit drohenden Fanfaren antwortet." Für diese Marionette kam nur ein Name in Frage: "jene arme, komische, häßliche, empfindsame und irregeführte Gestalt, die berechtigt oder auch nicht, ständig von trotziger Wut geschüttelt wird und in Frankreich als Pierrot, in Deutschland als Kasperle und in Rußland als Petruschka bekannt ist."

Diaghilew, der eigentlich erwartet hatte, daß Strawinsky am Sacre du printemps arbeitete, drängte den Komponisten, die Petruschka-Musik zu einem Ballett auszubauen: "Als Schauplatz wählten wir den Marktplatz mit seiner Menschenmenge, seinen Buden und den Zauberkünsten der Taschenspieler. Plötzlich erwachen die drei Puppen des Gauklers zum Leben: Petruschka, sein Rivale der Mohr und die Ballerina – und dann läuft das Drama ab ..."

Zweites Bild: Die Puppen ruhen wieder in ihren Kästen. Petruschka leidet unter seiner Häßlichkeit und der Unbeholfenheit seiner Bewegungen. Er verliebt sich in die Ballerina, doch die verspottet ihn.

Drittes Bild: In einem verschwenderisch ausgestatteten Séparée ruht der Mohr. Die Ballerina fühlt sich zu ihm hingezogen und tanzt vor ihm. Petruschka wird von Eifersucht gepackt und stört die Liebesszene. Aber der Mohr wirft ihn hinaus.

Viertes Bild: Petruschka flieht aus dem Theaterzelt, der Mohr verfolgt ihn und sticht ihn mit seinem Krummsäbel nieder. Petruschka stirbt. Die Menschen sind entsetzt und rufen nach der Polizei. Doch der Gaukler kann die Anwesenden überzeugen, daß es sich bloß um Holzpuppen handelt. Als die Menge sich verläuft und der Gaukler sich anschickt, die Puppen wieder einzupacken, erscheint Petruschkas Geist über dem kleinen Theater. Der Gaukler rennt entsetzt davon.

Die Atmosphäre während der Proben war so angespannt, daß es bisweilen aussah, als würde das ganze Unternehmen der Ballets russes auseinanderbrechen. Der Choreograph Michel Fokin war mit der Aufgabe sichtlich überfordert, die Tänzer fühlten sich wie Galeerensklaven, "nur Strawinsky, der die niedere Arbeit eines Pianisten ausübte, blieb unbeirrt. Seine einzige Konzession an die Hitze und Müdgkeit bestand darin, daß er seinen Rock ablegte, nicht ohne sich vorher angemessen für sein hemdsärmeliges Erscheinen zu entschuldigen." Die Begeisterung des Publikums die Uraufführung im Juni 1911 mit dem legendären Waslaw Nijinsky in der Titelrolle war für alle Beteiligten umso überraschender.

Le sacre du printemps

Für die Beteiligten offensichtlich nicht überraschend kam zwei Jahre später der Skandal um den Sacre du printemps. Dhiagilew hatte vor Beginn der Premiere am 29. Mai 1913 strikte Anweisung gegeben, das Stück unter allen Umständen zu Ende zu bringen. Und er sollte recht behalten. Schon während die Einleitung gespielt wurde, brach im Publikum Gelächter aus.

Ein Teil der Zuhörer war fasziniert von dem, wie sie meinten, blasphemischen Versuch, die Musik als Kunst zu zerstören, und mitgerissen von wütender Begeisterung fingen sie an, bald nachdem der Vorhang sich geöffnet hatte, zu miauen und Vorschläge für den Fortgang der Vortstellung zu machen. Andere wiederum schrieen, man möge endlich ruhig sein. Und bald schon beschränkte sich die Auseinandersetzung nicht nur auf Geräusche, sondern artete in einem Handgemenge aus.

Der Dirigent Pierre Monteux dirigierte währenddessen unbeirrt weiter. Im Polizeibericht war tags darauf zu lesen, daß es während der Vorstellung im Théâtre des Champs-Elysées glücklicherweise nur 27 Leichtverletzte gegeben habe. Auch die Presse goß Hohn und Spott über das Werk, und selbst die Komponisten-Kollegen ließen kaum ein gutes Haar an der Musik: Claude Debussy prägte das Bonmot vom "Massacre du printemps" und der weiß Gott nicht reaktionäre Arnold Schönberg fühlte sich "unangenehm an das Tanzen von wilden Negerpotentaten erinnert".

Was hatte das Publikum damals so aufgeregt? Zum einen wohl das ungewohnte Sujet: Der Sacre ist kein Ballett mit einer durchgehenden Handlung, sondern "die Vision einer großen heidnischen Feier, bei der alte weise Männer im Kreis sitzen und dem Todestanz eines jungen Mädchens zuschauen, das geopfert werden soll, um den Gott des Frühlings günstig zu stimmen." Mit entsprechender Urgewalt hat Strawinsky die Partitur gestaltet. Das Orchester wird über weite Strecken als überdimensionales Schlagzeug eingesetzt, und die vorwärtstreibenden Rhythmen werden zum fundamentalen Mittel des musikalischen Ausdrucks. Mit dem Sacre hat das romantische Ideal der Musik, das poetisch-gefühlvolle Verströmen von melodischen Bögen, ihr Ende gefunden.

Nicht weniger irritiert war das Publikum von Nijinskys Choreographie. Dem Charakter der Komposition entsprechend verzichtete Nijinsky auf die obligatorischen Pas des deux und forderte von den Sängern eine ganze Reihe ungewöhnlicher Abläufe und Haltungen: einwärts gekehrte Fußstellungen, verdrehte Arme, polyrhythmische Bewegungen, Gesten primitiven Schreckens und unkontrollierter Raserei. Was wir heute als mächtig und ausdrucksvoll beurteilen würden, war in den Augen der damaligen unbedarften Zuschauer geschmacklos und ein Zeichen für den Niedergang der guten Sitten.