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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Der Narr auf der Brücke –
Aus dem Leben des Troubadours Bernart de Ventadorn

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Sendung: Alte Musik kommentiert, 31.1.1995)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Bernart de Ventadorn
Werk-Titel: Quand l'erba fresc <Track 11.> 2:30
Interpreten: Ensemble des Musiciens de Provence
Label: Arion (LC ____)
ARN 68064
<Track 11.> Gesamt-Zeit: 2:30

Ihre Heimat war das südliche Frankreich, das Gebiet der Provence, das Limousin, die Auvergne. Hier zogen die Troubadours von Burg zu Burg, priesen in endlosen Gesängen den Mut und die Tapferkeit ihrer jeweiligen Gastgebers und besangen die Schönheit der anwesenden Damen. Man schrieb das 12. Jahrhundert nach Christi Geburt, die Zeit des sogenannten Hohen Mittelalters. In der Gegend um Paris entstanden die ersten gotischen Kathedralen, der Papst hatte zum Kampf gegen die Muselmanen aufgerufen, die das Heilige Land bedrohten, und Richard Löwenherz, der spätere König von England, verbrachte noch seine Jugend in Poitiers, am Hofe seiner Mutter Eleonore von Aquitanien. Das Rittertum mit seinen Schwertkämpfen und prachtvollen Turnieren, mit entsagungsvollem Minnedienst und derbem Liebesverlangen stand in voller Blüte.

Auf der Burg des kunstsinnigen Grafen Eble von Ventadorn machte in jener Zeit ein junger Mann von sich reden wegen seiner poetischen und musikalischen Begabung. Bernard de Ventadorn, wie er später genannt wurde, stammte aus einfachen Verhältnissen. In einer zeitgenössischen Lebensbeschreibung heißt es über ihn:

Er war von niederer Geburt, der Sohn eines Bäckerin und eines Bediensteten, der in der gräflichen Backstube für das Feuerholz zu sorgen hatte. Aber egal, wessen Sohn Bernart auch war, Gott schenkte ihm eine angenehme und schöne Gestalt und ein edles Herz, dem ja aller Adel entspringt, und er gab ihm Geist, Wissen, Ritterlichkeit und Sprachgewandheit. Und Bernart verfügte auch über Scharfsinn und über die Kunst, passende Worte und fröhliche Melodien zu finden. Der Graf von Ventadorn, sein Dienstherr, fand an ihm und an seinem Singen großes Gefallen und erwies ihm viele Ehren. Der Graf hatte aber eine schöne und heitere, junge edle Gemahlin, die ebenfalls Gefallen fand an Herrn Bernart und seinen Liedern. Sie verliebte sich in ihn und er sich in sie: so sehr, daß er Verse und Lieder über sie schrieb, über die Liebe, die er für sie empfand und über die Tugend der jungen Dame. Die Gräfin von Ventadorn liebte ihn grenzenlos: Sie war ihm so zugetan, daß sie weder Verstand, noch Ehre und Tugend bewahrte. Auch hatte sie keine Angst vor der Schande, sondern folgte ganz allein ihrer Begierde. Lange dauerte ihre Liebe an, bis der Graf, ihr Gemahl es merkte. Aber als er die verbotene Liebschaft entdeckte, wurde er sehr traurig und betrübt. Er schloß die Gräfin, seine Gemahlin, in ihre Gemächer ein und verrsetzte sie in großen Kummer und Schmerz, denn er entließ Bernart und befahl ihm, er solle sich nie wieder in der Gegend blicken lassen.
Musik-Nr.: 02
Komponist: Bernart de Ventadorn
Werk-Titel: Be m'an perdut <Track 12.> 6:35
Interpreten: Martin Best
Label: Hyperion (LC ____)
CDA 66211
<Track 12.> Gesamt-Zeit: 6:35

Nachdem die Affaire mit der Ehefrau seines Brotgebers aufgeflogen war, mußte Bernart die Burg Ventadorn verlassen. Zunächst hegte er noch Groll in seinem Herzen, und in einem seiner Lieder bekundet er, daß er nicht mehr länger Lust habe, den Beruf eines Sänger auszuüben, da ihm seine Gesänge nichts als Schwierigkeiten einbrächten. Mit einem Anflug von Selbstironie beschreibt er sich als einen "Narren auf der Brücke": Anstatt die Brücke der Länge nach zu überqueren, von einem Ufer zum anderen, versucht er immer wieder, seitwärts hinüberzukommen – und fällt dabei natürlich prompt ins Wasser. Aber ganz so ernst scheint es Bernart mit seinem Entschluß, die Dichtkunst an den Nagel zu hängen, dann doch nicht gewesen zu sein, denn er dichtete und komponierte fleißig weiter. Immerhin sind 44 Gedichte und zwanzig Melodien von ihm überliefert.

Nach seinem Liebesdesaster in Ventadorn wandte Bernart sich in Normandie, wo zu jener Zeit Leonore von Aquitanien als Lehensherrin residierte. In der Vida, der Lebensbeschreibung Bernarts, heißt es:

Leonore war jung und heiter, von großer Tapferkeit und Macht, und sie kannte sich aus in den Fragen der Ehre und des Verdienstes. Ihr gefielen die Kanzonen und die Verse von Bernart sehr, und sie nahm ihn in ihren Hofstaat auf. Und so, wie Bernart sich in die Gemahlin seines Herrn von Ventadorn verliebt hatte, so schenkte er nun der Herzogin seine Liebe, und sie bekundete Zuneigung für ihn. Lange Zeit erlebte er mit ihr große Freude und ein großes Glück, bis sie den König von England zum Gemahl nahm, der sie mit fortführte über den Meeresarm in sein Königreich. Und Bernart sah die Herzogin niemals wieder und erhielt auch keine Nachricht von ihr.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Bernart de Ventadorn
Werk-Titel: Quand vei la lauzeta mover <Track 4.> 10:20
Interpreten: Clemencic Consort
Ltg.: René Clemencic
Label: HMF (LC 7045)
90396
<Track 4.> Gesamt-Zeit: 10:20
Technik: weitere Möglichkeiten zum Ausblenden:
1:40 / 3:18 / 4:32 / 5:36 / 6:47 / 8:13

Der Abschiedsschmerz, dem sich Bernart de Ventadorn lustvoll hingab, war allerdings nicht von langer Dauer. Kaum war seine angebetete Leonore von Aquitanien mit ihrem Hofstaat nach England übergesetzt, wandte er sich anderen Damen zu – adligen und weniger adligen, die ihm als Beschützerinnen, Mäzene und Liebhaberinnen zu Diensten waren. Ob dabei alle Episoden, die Bernart in seinen Liedern schildert, sich auch tatsächlich so ereignet haben, mag man mit Recht bezweifeln: Vieles gehört in den Bereich der literarischen Stereotypen, die Treueschwüre und die heimlichen Liebesabenteuer in der paradiesischen Natur ebenso wie der schnöde Verrat der Angebeteten.

Bernart de Ventadorn liebte eine edle und schöne Dame, und er diente ihr und ehrte sie so, daß sie sagte und tat, was immer er wünschte. Aber die Dame änderte alsbald ihren Willen und suchte sich einen anderen Liebhaber. Dies erfuhr Bernart, und er ward traurig und krank. Und er dachte daran, seine Geliebte zu verlassen, da die Gegenwart eines Nebenbuhlers schmerzhaft für ihn war. Aber wie ein Mann, den die Liebe besiegt hat, dachte er, es sei besser für ihn, bloß die Hälfte der Geliebten zu besitzen als sie ganz zu verlieren. Und Bernart schrieb das Lied, das mit den Worten anhebt "Nun ratet mir, ihr Herren".

Musik-Nr.: 04
Komponist: Bernart de Ventadorn
Werk-Titel: Era-m cosselhatz, senhor <Track 5.> 4:50
Interpreten: Sinfonye
Ltg.: Stevie Wishart
Label: Hyperion (LC ____)
CDA 66367
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 4:50

Die Dichtkunst von Bernart de Ventadorn war weit über die Grenzen Fankreichs bekannt. Dante zitierte das "Lerchenlied" in seiner "Göttlichen Komödie",und auch im mittelhochdeutschen Minnesang und in englischen Vers-Epen finden sich immer wieder Wendungen, die wörtliche Übertragungen der Bernart'schen Gedichte sind.

Die Schilderungen aus dem Leben der Troubadours klingen idyllisch: den ganzen Tag dichten, singen flirten und lieben, bisweilen ein wenig Herzschmerz - und sich ansonstenvon adligen Mäzenen und schönen Damen aushalten lassen. Wahrscheinlich sind all diese Berichte geschönt, und spätestens wenn der jugendliche Charme verflogen war, wenn das Haar schütter wurde, die Zähne schlechter und die Knochen zu schmerzen anfingen, tat der Dichter-Sänger gut daran, sich nach einem solideren Leben umzusehen. Der Minnesänger Walter von der Vogelweide pries sich glücklich, als er von seinem Dienstherrn für den Lebensabend ein wenig Ackerland zum Lehen erhielt. Bernart de Ventadorn hatte ein solches Glück nicht. Gegen Ende seines Lebens kam er zunächst bei dem Grafen Raimon von Toulouse unter. Doch als dieser starb, mußte Bernart den Hof verlassen und trat dem Mönchsorden von Dalon bei. – In einem fiktiven Dialog mit dem Troubadour Peire d'Alvernhe rechtfertigt Bernart seinen Entschluß:

Alle, die mich bitten zu singen, will ich die Wahrheit wissen lassen: Es singe, wer singen will. Ich aber kenne weder Gesang noch Tonart, denn ich habe mein Glück durch ein widriges Schicksal verloren. Lieber als der Gesang der Nachtigall sind mir nun Ruhe und Schlaf. Gott sei gelobt! Ich bin von meinen Ketten befreit. Ihr anderen aber, die ihr liebt, seid töricht ...

Musik-Nr.: 05
Komponist: Bernart de Ventadorn
Werk-Titel: Amics Bernatz de Ventadorn <Track 16.> 5:15
Interpreten: Camerata mediterranea
Ltg.: Joel Cohen
Label: Erato (LC 0200)
4509-94825-2
<Track 16.> Gesamt-Zeit: 5:15