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Die Oper probt den Aufstand

Dieser Beitrag ist entstanden als
Sendemanuskript für die Deutsche Welle, Köln
(Sendung: 3.5.1994)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart / J.N. Wendt (Bearb.)
Werk-Titel: Le Nozze di Figaro
Auswahl: Kavatine d. Figaro (1. Akt) "Will der Herr Graf"
(Bearb. f. Harmoniemusik)
<Track 15.> 0:40
Interpreten: Consortium classicum
Ltg.: Dieter Klöcker
Label: Hek BR (LC 8489)
100 073
<Track 15.> Gesamt-Zeit: 0:40
Archiv-Nummer: 1k-M026

Von Berthold Brecht stammt der Ausspruch:

Man muß die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Tanzen zwingen, indem man ihnen ihre eigene Musik vorspielt.

Was Brecht damit meint: daß es nicht unbedingt sinnvoll ist, das Publikum mit moralin-saurer Kritik zu vergrätzen. Viel wirkungsvoller ist es, dem Theater- und Opernbesucher einen Spiegel vorzuhalten, der ihmn zunächst schmeichelt, bevor er sich im Nachhinein als entlarvender Zerrspiegel entpuppt.

Graue Theatertheorie? – Nein, sondern seit Jahrhunderten immer wieder erlebte und praktizierte Wirklichkeit! Als der französische Schriftsteller Pierre Augustin Caron de Beaumarchais 1783 sein Schauspiel Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit zur Aufführung bringen wollte, bekam er Ärger mit der königlichen Zensurbehörde: nicht etwa, weil er einen Adligen, den Grafen Almaviva, als dekadenten Schürzenjäger auf der Bühne lächerlich machte, der glaubt, jedes bürgerliche Mädchen müsse ihm zu Willen sein (an so etwas war man im alltäglichen Leben und im Theater gewöhnt); aber Beaumarchais wagte es, die soziale Ordnung insgesamt in Frage zu stellen. Im zweiten Akt des Schauspiels etwa läßt der bürgerliche Barbier Figaro gegenüber seinem aristokratischen Arbeitgeber zu der Bemerkung hinreissen:

Ihr habt Euch die Mühe gegeben, als Graf geboren zu werden. Aber weiter habt Ihr nichts geleistet! Ihr seid also ein recht gewöhnlicher und für die Gesellschaft im übrigen ein äußerst nutzloser Mensch!

Solche Sätze durften öffentlich nicht verkündet werden! Allzuleicht konnten sie als Aufruf zum Klassenkampf verstanden werden, wie er denn auch (trotz Verbote und Zensurbestimmungen) sechs Jahre später, 1789, in Frankreich losbrach.

Es war ausgesprochen mutig von Mozart und dem Textdichter Lorenzo da Ponte, daß sie schon 1786 eben dieses skandalträchige Theaterstück von Beaumarchais zur Vorlage ihrer Oper machten. Aber da Ponte war schlau genug, alle offenen Angriffe gegen den Adel zu vermeiden. Nur eine Passage wollte den Zensoren in Wien nicht behagen – eben jene Kavatine des erbosten Figaro, nachdem Graf Almaviva die ersten Annäherungsversuche unternommen hat, Susanna zu einem nächtlichen tête-à-tête einzuladen. Die gängige deutsche Opernübersetzung lautet harmlos: "Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen!" während das italienische Original weitaus aggressivere Töne anschlägt – nämlich: "Will Herr Gräflein den Tanz mit mir wagen!"

Musik-Nr.: 02
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Le Nozze di Figaro
Auswahl: Kavatine d. Figaro (1. Akt)
"Will der Herr Graf"
<CD 1, Tr. 4-1> 2:30
Interpreten: José van Dam (Figaro)
Academy of St.-in-the-Fields
Ltg.: Neville Marriner
Label: Name (LC 0305)
416 370-2
<CD 1, Tr. 4-1> Gesamt-Zeit: 2:30
Archiv-Nummer: 1k-M013

Ob sich Graf Almaviva an diese zynische Einladung zum Tanz erinnert hätte – drei Jahre später, bei Ausbruch der Französischen Revolution? Damals dürfte dem Grafen der Spaß am Tanzen vergangen sein angesichts all der aristokratischen Köpfe, die durch das Fallbeil der Guillotine ins Rollen gebracht wurden. Die Figur des Figaro jedoch wurde zum Symbol des selbstbewußten Bürgers, der sich gegen die Vorherrschaft des Adels auflehnt – solange, bis er dann selbst an der Macht ist.

Spinnen wir doch den Faden ein wenig weiter: Nach der Französischen Revolution und der Schreckensherrschaft des Robbespierre kam Napoleon – ein Revolutions-Parvenü aus kleinen Verhältnissen; ihm folgten einige Marionetten-Könige aus dem Hause Boubon, aber die Fäden der Macht hielten von nun an die reichen Kaufleute und Bankiers in ihren Händen. Man kann sich gut vorstellen, daß in jenen Jahren auch Figaro sich etabliert hat: mit einem Frisier-Salon in Paris und mehreren Filialen – wie ja auch aus so manchem anderem Bürgerschreck und Revolutionär später selbst ein braver Bürger geworden ist, der nichts mehr fürchtet als umstürzlerische Tendenzen. – Und ist es nicht bezeichnend (und fast schon eine Ironie der Geschichte), daß sich im Jahre 1854 ausgerechnet eine konservativ-royalistische Zeitung in Frankreich den Namen Le Figaro gibt?

Wenden wir uns nun einem anderen Fall revolutionärer Gesinnung zu: Richard Wagner und seiner Oper Rienzi. Es war im Jahre 1347, daß ein junger römischer Notar namens Cola di Rienzo zu der Überzeugung gelangte, es müsse endlich einmal alles anders werden – zumindest in der Stadt Rom. Ganz so unrecht hatte dieser Cola di Rienzo nicht, denn das einstmals so mächtige Rom befand sich in einem ausgesprochen desolaten Zustand: Seit der Papst knapp vierzig Jahre zuvor in das französische Avignon umgezogen war und von dort aus residierte, war Rom zu einem Provinz-Nest von gerade dreißigtausend Seelen herunterrgekommen. In den großen Kirchen, ja selbst im päpstlichen Lateran-Palast hatten Bauern mittlerweile Ställe für ihre Schafe eingerichtet, und auch der Glanz der Antike schwand zusehends dahin, weil in den Kalkbrennereien die alten Marmorstatuen zu ordinärem Gips verarbeitet wurden.

Das alles wäre nicht einmal so schlimm gewesen, hätte es nicht auch andauernd Ärger mit den alteingesessenen adligen Sippschaften gegeben. Vor allem zwischen der amilie Colonna und den Orsinis kam es immer wieder zu Streitigkeiten, weil jeder das Sagen in der Stadt haben wollte; und dann zogen die männlichen Familienmitglieder nächtens durch die Straßen, um sich gegenseitig die Kehlen durchzuschneiden.

Dies also waren die Verhältnisse, die Cola di Rienzo tagtäglich vor Augen hatte. Immer wieder rief er, der ein glühender Verehrer der antiken römischen Republik war, die Bürger der Stadt dazu auf, sie sollten ihr politisches Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen. Am 20. Mai 1347 war es dann schließlich soweit: Das römische Volk rottete sich auf dem Kapitol zusammen, jagte die verhaßten Adligen aus der Stadt und verlieh dem Bürger Rienzo den Titel:

Tribun der Freiheit und erlauchter Befreier der römischen Republik durch die Autorität unseres gnädigsten Herrn Jesus Christus.
Musik-Nr.: 03
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Rienzi, der letzte der Tribunen
Auswahl: 1. Aufzug, 4. Auftritt (Ausschnitt)
"Rienzi! Ha, Rienzi hoch!" –
"Der Retter naht, vorbei die Schmach!"

<CD 1, Tr. 09.>
<CD 1, Tr. 10.>

0:50
0:45
Interpreten: xx
Label: EMI (LC 6466)
7 63980 2
<CD 1, Tr. 09.10.> Gesamt-Zeit: 1:35
Archiv-Nummer: 1k-W010
Technik: MUSIK einblenden bei
MUSIK ausblenden bei
CD 1, Tr. 09 – 1:53
CD 1, Tr. 10 – 0:47
Laufzeit: 0:50
Laufzeit: 0:45

In der Tat folgte nach der Revolte des Cola di Rienzo für Rom eine Zeit des politischen und wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Lebensmittelpreise sanken, man brauchte keine Angst mehr vor Wegelagerern zu haben, und die Rechtsprechung lag wieder in den Händen unparteiischer Richter.

Bis hierhin stimmt Richard Wagners Oper Rienzi mit der historischen Wirklichkeit überein. Was Richard wagner indes stillschweigend übergeht, ist der nun einsetzende Größenwahn des Cola di Rienzo: Nicht nur, daß er wie ein Senator im antiken Rom in eine weiße Toga gehüllt auf dem Forum Romanum erschien; wenige Wochen nach dem Umsturz ließ Rienzo sich in den Ritterstand erheben und zog von nun an nur noch unter Trompetenlärm und in Begleitung einer Leibgarde von einhundert Bewaffneten durch Rom.

Verständlich, daß den römischen Bürgern das überhebliche Gebaren ihres neuen Volkstribunen auf Dauer lästig wurde. Es waren noch keine acht Jahre vergangen, da verbündete sich das einfache Volk diesmal mit den Adligen, um Rienzo wieder loszuwerden. Man stellte ihn vor Gericht, doch bevor er ein Wort der Verteidigung vorbringen konnte, wurde er von einem Handwerker, der den Richtern mißtraute, erschlagen.

Den blutigen Leichnam schleifte man zum allgemeinen Ergötzen des Volks durch die Straßen und hing ihn schließlich wie ein Stück geschlachtetes Vieh vor einem Fleischerladen auf. – Bei Wagner geht es da doch ein wenig gesitteter zu: Die Oper Rienzi endet damit, daß der Held samt seiner Schwester unter den herabstürzenden Trümmern des Kapitols begraben wird.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Rienzi, der letzte der Tribunen
Auswahl: 5. Aufzug, 4. Auftritt (Finale)
"Herbei! Herbei! Auf, eilt zu uns!"
<CD 3, Tr. 10.> 4:50
Interpreten: xx
Label: EMI (LC 6466)
7 63980 2
<CD 3, Tr. 10.> Gesamt-Zeit: 4:50
Archiv-Nummer: 1k-W010

Steckbrief.
Der unten näher beschriebene Königliche Kapellmeister Richard Wagner von hier ist wegen wesentlicher Teilnahme an der in hiesiger Stadt stattgefundenen aufrührerischen Bewegung zur Untersuchung zu ziehen, zur Zeit aber nicht zu erlangen gewesen. Es werden daher alle Polizeibehörden auf denselben aufmerksam gemacht und ersucht, Wagnern im Betretungsfalle zu verhaften und davon uns schleunigst Nachricht zu erteilen. Die Stadt-Polizei-Deputation, gezeichnet: von Oppel – Dresden, den 16. Mai 1849.
Wagner ist etwa 37 Jahre alt, von mittlerer Statur, hat braunes Haar und trägt eine Brille. Besondere Kennzeichen: in der Bewegung fahrig und schnell, Kleidung: dunkelgrüner Oberrock, Beinkleider von schwarzem Tuche, Weste aus Sammet, seidenes Halstuch, ordinärer Filzhut und Stiefel.

Ein Nachtrag zum Revolutionär Richard Wagner, der 1849 auf den Dresdner Barrikaden für die bürgerlichen Freiheiten mitkämpfte: Schon wenige Wochen später, als die deutsche Revolution gescheitert war, wurde aus dem demokratisch gesonnenen Republikaner wieder ein königstreuer Untertan. Nicht nur, daß der Herr Kapellmeister Wagner seine Teilnahme an den Barrikadenkämpfen als peinliches Mißgeschick abtat; er hatte sogar die Stirn, seinen Dienstherrn, den König von Sachsen, im gleichen Atmezug untertänigst um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Doch Friedrich August von Sachsen stellte sich stur, und Wagner mußte mehr als zehn Jahre im Ausland auf seine Amnestie warten.

Revolutions-Sujets in Opern sind nichts Ungewöhnliches; aber daß eine Oper eine veritable Revolution auslöst, ist wohl einmalig in der Geschichte – und war vom Komponisten weiß Gott nicht gewollt. Die Rede ist von La Muette – der Stummen von Portici von Daniel François Esprit Auber, mit der der belgische Unabhängigkeitskrieg gegen die Niederlande begann.

Es war im August 1830, als im damals noch niederländischen Brüssel die Vorbereitungen für die Geburtstagsfeierlichkeiten der holländischen Prrinzessin Marianne getroffen wurden. Am Sonntag vor dem Spektakel tauchten überall in der Stadt anonyme Plakate auf mit der mysteriösen Ankündigung:

Montag Feuerwerk
Dienstag Illumination
Mittwoch Revolution

Zwar erwog der Polizeipräfekt von Brüssel zunächst, die für Mittwoch angesetzte Festaufführung der Auber-Oper Die Stumme von Portici abzusagen, aber der niederländische Innenminister riet dringend davon ab, dem Druck der Straße nachzugeben – was sich als verhängnisvolle Fehlentscheidung erweisen sollte. Ein anonymer Augenzeuge berichtet über den Abend der Aufführung:

Die Zahl der Zuschauer war unermeßlich. Im Parterre befand sich ein Mensch, der von Zeit zu Zeit eine rote Jakobiner-Mütze in die Höhe warf, um das Zeichen zum Beifall und Geschrei zu geben. Schon dies hätte auch dem Kurzsichtigsten begreiflich machen müssen, daß ein voraus abgeredeter Plan existiere. Außerhalb des Theaters erwartete eine große Menge Volk das Ende des Stückes. Als die Oper dann zu Ende war, bildeten sich überall größere Ansammlungen. Schließlich zog man gegen das Büro der Regierungszeitung "Le National", das in der Nähe des Schauspiels liegt, und im Nu waren alle Fenster eingeworfen. In ganz Brüssel hörte man in jener Nacht das Duett aus Aubers Oper, wo es heißt, daß es nichts Schöneres gibt, als für das Vaterland zu sterben.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Daniel-François Esprit Auber
Werk-Titel: La Muette de Portici
Auswahl: 2. Akt, Szene 8 (Duett Masaniello – Pietro)
"Mieux vaut morir"
<CD 1, Tr. 10.> __:__
Interpreten: xx
Label: EMI (LC 0542)
7 49284
<CD 1, Tr. 10.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: 1k-A001

Daß ausgerechnet Aubers Stumme von Portici zur belgischen Revolutionsoper avancierte, ist bloßer Zufall gewesen, denn die Adligen verhalten sich in dieser Oper nicht schurkischer als anderswo auch. Aber auch in allen anderen musikalischen Fällen sollte man das soziale und politische Moment nicht überbewerten: bei den meisten Komponisten spielt es nur eine untergeordnete Rolle, bildet es gleichsam das historische und lokale Kolorit, das zur Atmosphäre beiträgt. Was den Stein in fast allen Opern letztlich ins Rollen bringt, sind private Liebeshändel, Intrigen, Eifersucht und Mißverständnisse.

Oper als "Agit-Prop", als politisches Manifest und kunstsinniger Aufruf zum Klassenkampf: Dies bleibt den Komponisten der Gegenwart vorbehalten. Aber wer hört schon auf all die "Neutöner", auf Luciano Berio, Luigi Nono, Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausen? Der einzige, dem der politische Eklat (allerdings unfreiwillig) gelang, war Hans Werner Henze mit seinem szenischen Oratorium Das Floß der Medusa von 1968.

Das Jahr '68 bedeutete für das Demokratie-Verständnis der Bundesrepublik eine arge Belastungsprobe: Nach den Protesten gegen die Notstandsgesetze hatte sich eine "Außerparlamentarische Studentenopposition" gebildet, die zu Straßendemonstrationen und zum generellen Widerstand gegen die Staatsgewalt aufrief. Die Gewalt eskalierte: Pflastersteine flogen, und in den großen Kaufhäusern wurden die ersten Brandbomben gezündet. Viele Künstler bekundeten unverhohlen ihre Sympathie mit den Widersachern gegen den Staat - unter ihnen auch auch Hans Werner Henze. In einem seiner politischen Aufssätze von 1968 schrieb er:

Unsere Gesellschaft lebt im Wohlstand. Schnelle Autos, gut funktionierende Kücheneinrichtungen und wirtschaftliche Beziehungen, Schickeria und "Bild-Zeitung", die für sie denkt, lassen jede Äußerung von Zweifel an diesem Zustand als Unvernunft, Kriminalität oder "von Osten" inspirierte Intrige erscheinen. Notwendig sind in dieser Zeit nicht neue Museen, Opernhäuser und Uraufführungen. Notwendig ist, die Verwirklichung der Träume in Angriff zu nehmen: die Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen: Notwendig ist die Schaffung des größten Kunstwerks der Menschheit – die Weltrevolution.

Henze, der bislang als "Vorzeige-Moderner" in der bundesdeutschen Musik-Schickeria herumgereicht worden war, hatte mit solchen Sätzen eben dieser Schickeria den Fehde-Handschuh hingeworfen. Die Reaktion blieb auch nicht aus: Im Vorfeld zur Hamburger Uraufführung seines szenischen Oratoriums Das Floß der Medusa polemisierte das Wochenmagazin DER SPIEGEL gegen den Komponisten als "geschmäcklerischen Eklektizist" und "Hätschelkind der Musik-Avantgarde". Aber damit nicht genug, stiftete ein Redakteur des SPIEGEL den Hamburger Sozialistischen Deutschen Studentenbund auch noch zur Sabotage der Uraufführung an.

So endete denn die angesetzte Uraufführung des Henze-Oratoriums Das Floß der Medusa mit seiner Nicht-Aufführung: Die Studenten besetzten die Bühne, hißten die rote Flagge und ein Che Guevara-Plakat und forderten eine Diskussion über die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik. Als der Veranstalter, der Nordddeutsche Rundfunk in Hamburg, den Saal räumen ließ, solidarisierte sich Henze mit den Studenten, und der Librettist des Oratoriums Ernst Schnabel wurde im Eifer des Gefechts von der Polizei als vermeintlicher Rädelsführer verhaftet. Die Oper wagte den Aufstand – der allerdings nur in einem heillosen Chaos endete.

Der Aufführungsskandal war lautstark genug, daß kaum noch jemand sich um den Inhalt des Werks kümmerte. Worum ging es überhaupt? Henzes Das Floß der Medusa greift auf eine tatsächliche Begebenheit aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts zurück: Das französische Marineschiff Medusa war vor der Küste Afrikas in Seenot geraten. Während die adligen Offiziere sich in die Rettungsboote flüchteten, blieben die Matrosen ihrem Schicksal überlassen. Einige von ihnen versuchten, mit einem notdürftig gezimmerten Floß die Küste zu erreichen. Aber innerhalb nur weniger Tage trieben Sonne, Hunger und Durst die Schiffbrüchigen zum Wahnsinn, so daß Kannibalismus sich breit machte. Das Schicksal der Überlebenden der Medusa schlug in Frankreich große Wellen. Eine Untersuchungskommission wurde einberufen, um den Kapitän und die oberen Offiziere zur Rechenschaft zu ziehen – aber wie so oft in solchen Prozessen: ein Schuldiger war nicht auszumachen, denn die Führungs-Crew war verwandt oder verschwägert mit den Herrschenden des Landes ...

Musik-Nr.: 06
Komponist: Hans Werner Henze
Werk-Titel: Das Floß der Medusa
Auswahl: Schluß <CD 5, Tr. 2.> __:__
Interpreten: xx
Label: DGG (LC 0173)
437 652
<CD 5, Tr. 2.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: S-H001