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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

"Leise flehen meine Lieder"
Nächtliche Arien – unter dem Balkon zu singen

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln

Musik-Nr.: 01
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Don Giovanni
Auswahl: 2. Akt, 3. Szene (Arie)
"Deh! vieni alla finestra"
<CD 2, Track 20.> 1:50
Interpreten:  
Label: CBS (LC 0149)
M3K 35192
<CD 2, Track 20.> Gesamt-Zeit: 1:50
Archiv-Nummer: ____

Wie sollte es anders sein: Da steht Don Giovanni nächtlicherweile unter einem Fenster und bringt der Kammerzofe von Donna Elvira eine herzergreifende Arie dar. Aber wie eigentlich in der gesamten Oper hat unser Held auch diesmal keinen rechten Erfolg. Denn – das wird in allen Regie-Konzepten und bei allen klugen Erörterungen gerne übersehen: daß Don Giovanni sich zu Beginn der Oper schon längst auf dem absteigenden Ast befindet.

Nachdem die schöne Donna Anna sich seinen Verführungskünsten widersetzt hat und Don Giovanni bei seinem Rückzug auch noch ihren Vater, den alten Komtur ersticht, spätestens seit diesem Vorfall scheint es mit der unwiderstehlichen Ausstrahlungskraft Don Giovannis endgültig vorbei zu sein. Selbst das Bauernmädchen Zerlina läßt den lüsternen Edelmann abblitzen. Und als er nun bei der Zofe von Donna Elvira zum Zuge kommen will, endet auch dieses amouröse Abenteuer, ehe es überhaupt angefangen hat. Denn kaum hat Don Giovanni sein Ständchen beendet, muß er auch schon seine ganze Verschlagenheit aufbringen, um seine Verfolger abzuschütteln. – Wie die Geschichte dann ausgeht, ist hinlänglich bekannt: Als der Lebemann die Ruhe der Toten stört und auf dem Friedhof auch noch lästerliche Reden schwingt, wird er zu guter Letzt vom Teufel geholt.

Man darf sich überlegen, was die Hölle mit einem solchen Zeitgenossen anfängt. Jedenfalls – Gesangsunterricht hat Don Giovanni dort unten nicht gegeben, wovon Sie sich gleich selbst überzeugen können. Wenn – nach einem alten Sprichwort – böse Menschen keine Lieder kennen, so erst recht nicht der Teufel. Was §den§ allerdings nicht davon abhalten kann, vor Gretchens Fenster ein herzzerreißendes Ständchen anzustimmen. Wie so etwas klingen mag, hat der französische Komponist Charles Gounod in seiner Oper Margarete nach Goethes Faust versucht darzustellen. Evgeny Nesterenko als Méfistofélès wird begleitet vom Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Sir Colin Davis.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Charles Gounod
Werk-Titel: Margarete
Auswahl: 4. Akt – Rezitativ und Serenade
"Qu'attendez-vous encore?" –
"Vous qui faites l'endormie"
<CD 3, Track 1.2.> 4:05
Interpreten:
Label: Phil (LC ____)
420 164-2
<CD 3, Track 1.2.> Gesamt-Zeit: 4:05
Archiv-Nummer: ____

Wenn es darum geht, junge Mädchen zu verführen, kann sogar der Teufel singen. Aber ob da jemand drauf 'reinfällt? Das sittsame Gretchen jedenfalls scheint von der Serenade des Mephisto gar nichts erst mitbekommen zu haben. Stattdessen aber tritt ihr Bruder Valentin auf die Straße, um sich über das Gegröhle vor seiner Tür zu beschweren – mit dem Ergebnis, daß es zu Handgreiflichkeiten kommt und Valentin dabei tödlich verwundet wird. Hätte er doch lieber einen Eimer Wasser über dem ungebetenen Sänger ausgeleert, oder besser noch: sich Watte in die Ohren gesteckt. Wo doch immer wieder davor gewarnt wird, sich zu nächtlicher Zeit mit irgendwelchem lichtscheuen Gesindel anzulegen. Denn der brave, ruhebedürftige Bürger zieht bei derartigen Händeln meist den Kürzeren, vor allem, wenn der Teufel seine Hand im Spiel hat.

Ein Ständchen, das hat in unserer Vorstellung immer etwas sehr Romantisches an sich: Eine laue Sommernacht, im Hintergrund ein Zypressenhain vom Mondlicht beschienen, und unter dem Balkon erklingt eine schmachtende Liebeserklärung zu sanften Lautenklänge. Aber die Komponisten wußten es besser: Kaum ein Ständchen, das nicht auf irgendeine Weise anders endet als geplant.

Wie zum Beispiel im Falle des Troubadour: Da läßt Giuseppe Verdi seinen Helden, den Troubadour Manrico in den schönsten Kantilenen schwelgen, worauf die angebetete Leonora nichts Eiligeres zu tun hat, als freudig in den Garten zu stürzen. Daß sie in der Dunkelheit ausgerechnet dem Nebenbuhler Manricos, dem Grafen Luna, in die Arme rennt – wer konnte damit rechnen? Leonora, im Glauben, ihren Manrico in den Armen zu halten, flüstert ein paar Liebesschwüre – und schon fliegt die peinliche Verwechslung auf. Manrico ist empört, Graf Luna wütend; ein Wort ergibt das andere, bis die Männer schließlich mit gezücktem Schwert zum Duell antreten und Leonora ohnmächtig zusammensinkt.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Giuseppe Verdi
Werk-Titel: Il Trovatore
Auswahl: 1. Teil, Szene 3: Romanze und Terzett
"Tace la notte" –
"Deserto sulla terra" –
"Non m'inganno. Ella scende"
<CD 1, Track 5.6.7.> 8:30
Interpreten:
Label: DGG (LC 0173)
413 355-2
<CD 1, Track 5.6.7.> Gesamt-Zeit: 8:30
Archiv-Nummer: ____

Das Duell der beiden Rivalen, Manrico und Graf Luna, geht noch einmal glimpflich aus: Großmütig verzichtet Manrico darauf, dem besiegten Nebenbuhler um die Gunst der Gräfin Leonora das Leben zu nehmen. Und am Schluß der Oper stellt sich heraus, daß die beiden auch noch Brüder sind. Aber für ein Happy End ist es da schon zu spät, denn soeben hat Graf Luna den Troubadour enthaupten lassen.

Man kann den Komponisten einen gewissen Zynismus bei der musikalischen Ausgestaltung der Libretti nicht absprechen. Die schönsten Kantilenen, die einschmeichelndsten Harmonien dienen ihnen zur Untermalung von Mord, Totschlag und Rachegelüsten.

Ähnlich blutrünstig wie bei Verdis Troubadour geht es nämlich auch in Leoncavallos Bajazzo zu. Und hier wie dort beginnt alles ganz harmlos mit einem "Ständchen"; im Falle des Bajazzo sogar mit einem Ständchen, das nur auf der Bühne eines Wandertheaters stattfindet.

Allerdings: Ganz so harmlos ist das Ständchen, das Arlecchino der verheirateten Colombine darbringt, nun auch wieder nicht. Denn was sich da oben auf der Bühne als "Narrenposse" abspielt, ist im Leben der Schauspielertruppe längst Wirklichkeit geworden. Die kokette Nedda (alias Colombine) betrügt ihren Gatten Canio schon seit längerem nach Strich und Faden; und der, rasend vor Eifersucht, hatte vor Beginn der Theateraufführung auf die Preisgabe des Namens gedrungen. Während der Aufführung nun verquicken sich für den gehörnten Canio Spiel und Wirklichkeit; und eh' das Publikum sich versieht, hat er Frau und Liebhaber erstochen.

Doch halten wir uns nicht zu sehr bei dem grausigen Ende auf. Hören Sie nun das besagte Ständchen des Arlecchino, gesungen von Florindo Andreoli. Georges Prêtre dirigiert das Orchester der Mailänder Scala.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Ruggero Leoncavallo
Werk-Titel: I Pagliacci
Auswahl: 2. Akt:Commedia
"0 Colombina, il tenero fido Arlecchin"
<CD 1, Track 20.> 1:36
Interpreten:
Label: Phil (LC ____)
411 484-2
<CD 1, Track 20.> Gesamt-Zeit: 1:36
Archiv-Nummer: ____
Technik: ausblenden bis 1:36

Doch wenden wir uns nach diesen blutig-dramatischen Geschehnissen nun den unterhaltsameren Seiten der nächtlichen Liebesbeteuerungen zu. Da lebt zum Beispiel in Sevilla der Graf Almaviva, der seit längerem auf Freiersfüßen geht und seiner angebeteten Rosina – wie es sich gehört – auch einmal ein Ständchen bringen will. Noch zählt der Graf nicht zu der Sorte jener verarmten Adeligen, die außer ihrem Namen kaum mehr was ihr eigen nennen; und so begleitet er seinen Gesang nicht mit einer simplen Laute, sondern zieht mit einem kompletten Orchester vor dem Fenster von Rosina auf.

Doch wie es so kommen muß: Rosina hat einen äußerst gesunden und tiefen Schlaf und bekommt von der Huldigung nichts mit – was vielleicht auch besser so ist: Denn ihr Vormund, der Dottore Bartolo, sieht es überhaupt nicht gerne, wenn sein Mündel sich mit fremden Männern abgibt. Als schließlich der Morgen graut, muß Graf Almaviva unverrichteter Dinge abziehen – nicht ohne die Musiker vorher großzügig entlohnt zu haben.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Gioacchino Rossini
Werk-Titel: Il Barbiere di Siviglia
Auswahl: 1. Akt – Introduktion, Kavatine, Rezitativ und Chor:
"Piano, pianissimo" –
"Ecco ridente in cielo" –
"Ehi, Fiorello!" –
"Mille grazie"
<CD 1 Track 1.2.> 9:55
Interpreten:
Label: DGG (LC 0173)
415 695-2
<CD 1, Track 1.2.> Gesamt-Zeit: 9:55
Archiv-Nummer: ____
Technik: ausblenden bei <CD 1, Track 2.> 6:58

Daß Graf Almaviva, hier gesungen von Luigi Alva, ein ganzes Orchester vor dem Fenster seiner Herzalllerliebsten aufgeboten hat, zeugt nicht unbedingt von seinem gutem Geschmack. Denn ein Ständchen vorzutragen, das galt auch damals als eine rein persönliche Angelegenheit, mit der man nicht einfach irgendwelche Berufsmusiker beauftragen konnte; für solche Anlässe lernten die jungen adligen Herren ja gerade Singen und und das Schlagen der Laute. Aber der Dichter Beaumarchais, auf dessen Lustspiel Rossinis Oper zurückgeht, Beaumarchais wußte schon, wovon er schrieb. Die hÖfische Etikette, wie man sich zu benehmen hatte, war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts längst im Niedergang begriffen. Je mehr die Adligen von dem aufstrebenden und immer reicher werdenden Bürgertum bedrängt wurden, desto weniger gaben sie auf Anstand und Konvention. Man übte sich nicht mehr in vornehmer Zurückhaltung, sondern zeigte ostentativ, was man sich leisten konnte – und wenn man ein ganzes Orchester zu nächtlicher Stunde engagierte!

Aber waren die Adligen des 18. Jahrhunderts wirklich schlimmer als die vergangener Zeiten? Wohl kaum! – Man braucht nur daran zu denken, wie der Kaiser Nero sich im alten Rom aufgeführt hat. Der zwang den Philosophen Seneca, Selbstmord zu begehen, der schickte seine Gattin, die Königin Ottavia in Verbannung und ließ kurzerhand seinen Rivalen Ottone aus dem Weg räumen. Und das alles nur, weil er der Kurtisane Poppea gefallen wollte.

Es ist schon seltsam, daß Claudio Monteverdi ausgerechnet ein derart amoralisches Sujet zur Grundlage seiner letzten Oper machte. Vor allem, weil keine der Figuren sonderlich sympathisch wirkt: weder die eiskaltberechnende Ottavia, noch der eitle Philosoph Seneca, noch die frivol-machtgierige Poppea, in deren Händen Nero eine willfährige Marionette ist. Allenfalls dem einfältigen Ottone, dem Ex-Geliebten der Poppea, kann man noch etwas Sympathie abgewinnen, wie er da vor Poppeas Fenster steht und vergeblich das einstige Liebesglück besingt, dieweil Poppea in den Armen Neros ruht und ihrer künftigen Rolle als Kaiserin von Rom entgegenträumt.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: L'incoronazione di Poppea
Auswahl: 1. Akt, 1. Szene "E pure io torno qui" <Track __.> 4:45
Interpreten:
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track __.> Gesamt-Zeit: 4:45
Archiv-Nummer: ____
Technik: einblenden bei: 0:30
ausblenden bei 5:15

Im Jahre 1528 veröffentlichte der italienische Edelmann Baldassare Castiglione den libro del Cortegiano – "das Buch vom Hofmann", ein Traktat, der den Leser unterrichten will

... über daß, was man tun muß, um im Verkehr und Umgang mit Leuten wohlgesittet, gefällig und von feinen Manieren zu sein.

In dem Abschnitt über Musik kann man da lesen:

Es schickt sich wahrlich nicht und mißfällt sehr, wenn ein Mann von einigem Rang, alt, grauhaarig, ohne Zähne und voller Falten, wenn ein solcher Mann sich mit einer Laute im Arm vor dem Fenster einer jungen Dame auf stellt und seine Stimme ertönen läßt. Und zwar ziemt es sich deshalb nicht, weil man beim Singen meistens Liebesworte sagt, und solche Liebesbeteuerungen bei alten Männern etwas ungeheuer Lächerliches sind.

Bei diesen Sätzen fühlt man sich unwillkürlich an den Nürnberger Stadtschreiber Sixtus Beckmesser erinnert, der auf seine alten Tage partout die junge Eva Pogner freien will. Viel Mühe hat er sich gegeben, um Evchen und die Meistersinger davon zu überzeugen, daß er der einzig richtige sei. Doch das Ständchen, das er ihr nächtens singt, findet keinen sonderlichen Anklang – weder bei Eva noch bei den Nürnberger Bürgern. Alles scheint sich an diesem Tag gegen Beckmesser verschworen zu haben. Nicht nur, daß da vormittags ein junger Konkurrent aufgetaucht ist, ein gewisser Walther von Stolzing; nein, auch Hans Sachs, der Schuster macht jetzt Beckmesser mit seiner Schuhklopferei mitten in der Nacht das Leben schwer. Und ehe man sich versieht, ist die größte Keilerei in Gange, die Nürnberg bis dahin erlebt hat. Jeder verprügelt jeden, obwohl keiner weiß, worum es eigentlich geht. War nun Beckmessers Text Schuld daran, war es sein Gesang oder ganz einfach der Fliederduft, der in dieser Nacht über der Stadt lag? – Wer will das heute noch so genau sagen?

Hören Sie zum Abschied Beckmessers Ständchen samt den Folgen. Es singen: Geraint Evans (Beckmesser); Theo Adam (Hans Sachs) und Kurt Moll den Nachtwächter. Es prügeln sich die Chöre der Staatsoper Dresden und des Leipziger Rundfunks unter Leitung von Herbert von Karajan.

Musik-Nr.: 07 – Alternative 1
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Die Meistersinger von Nürnberg
Auswahl: 2. Akt – Ständchen des Beckmesser und "Prügelfuge" :
von: Kl.-A. S. 272, T 3 (Einsatz Laute)
bis: Schluß 2. Akt
<Track __.> 9:20
Interpreten:
Label: EMI (LC ____)
1C 157-02174/8
<Track __.> Gesamt-Zeit: 9:20
Archiv-Nummer: ____
 
Musik-Nr.: 07 – Alternative 2
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Die Meistersinger von Nürnberg
Auswahl: 2. Akt – Ständchen des Beckmesser und "Prügelfuge" :
von: Kl.-A. S. 272, T 3 (Einsatz Laute)
bis: Kl.-A. S. 321, T 4 (Horn-ges)
<Track __.> 8:20
Interpreten:
Label: EMI (LC ____)
1C 157-02174/8
<Track __.> Gesamt-Zeit: 8:20
Archiv-Nummer: ____
Technik: ausblenden auf dem Horn-ges