Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

La Bohème
Die leichtlebige Künstlerwelt im Spiegel zweier Opern

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln

Paris im Winter 1837: In einem kalten Mansardenzimmer über den schneebedeckten Dächern von Paris bahnt sich am Heiligabend eine der tragischsten Romanzen der Operngeschichte an. Rodolfo, ein wenig erfolgreicher Dichter und schlechtbezahlter Redakteur des "Journal für die elegante Pariser Welt", brütet mal wieder über einem Leitartikel, als eine junge Dame den Raum betritt und um Feuer für ihre erloschene Kerze bittet. Was sich nun in der folgenden Viertelstunde alles an Zufällen abspielt, macht eher den Eindruck, als sei es planvoll in Szene gesetzt: Mademoiselle erleidet einen Schwächeanfall, und während Rodolfo sich bemüht, ihre Lebensgeister mit Wasser und guten Worten wiederzuerwecken, verliebt er sich in die unbekannte Schöne. Mademoiselle erwacht und stellt fest, daß sie ihren Zimmerschlüssel verloren hat. Just in diesem Augenblick bringt ein Windhauch die Kerze ein zweites Mal zum Verlöschen. Die beiden tasten im Dunkeln. Daß ihre Suche dem Schlüssel gilt – wer will das noch glauben? – zumal Rodolfo ihn schnell und unbemerkt in seiner Tasche verschwinden läßt! Die ersten zaghaften (natürlich unbeabsichtigten) Berührungen, ein paar zärtliche Worte, und schon sind die Leidenschaften vollends entfacht. – Die Liebesgeschichte zwischen Rodolfo und Mimi hat ihren Anfang genommen.

Als der französische Schriftsteller Henry Murger zwischen 1845 und 1849 in einer Pariser Zeitschrift den Fortsetzungsroman "Szenen aus dem Leben der Bohème" veröffentlichte, ahnte niemand, daß dieses Sujet einmal in die Weltliteratur eingehen und Operngeschichte machen würde. Aber es sollten bis dahin auch noch fünfzig Jahre ins Land gehen. Erst um die Jahrhundertwende begannen – unabhängig voneinander – zwei Komponisten, sich für den Stoff zu interessieren: Ruggero Leoncavallo und Giacomo Puccini.

War bei Murger die Liebesaffäre zwischen dem Dichter Rodolfo und der kleinen Putzmacherin Mimi im Leben der Bohème nur eine Episode unter vielen, so ist sie in den beiden Opern von Leoncavallo und Puccini zur zentralen Handlung ausgewalzt. Bei Puccini ist aus dem leichtfertigen, koketten Frauenzimmer, das aus einer bloßen Laune heraus ihre Liebhaber wechselte, eine tragische Figur geworden, ohne jede Spur eines anrüchigen Lebenswandels. Liest man zu Beginn des Librettos die Charakterisierung der Mimi, so glaubt man, einen Engel vor sich zu haben:

Mimi war ein reizendes Mädchen, 22jährig, klein und zierlich. Ihr Angesicht glich dem Entwurf zu einem aristokratischen Bildnis; ihre Züge waren von wunderbarer Feinheit. Das Blut ihrer Jugend pulsierte warm und lebhaft durch ihre Adern und färbte ihre durchsichtig schimmernde Haut, die von dem samtigen Weiß der Kamelie war, mit rosa Tönen. Diese zerbrechliche Schönheit nahm Rodolfo gefangen; aber was seine Verliebtheit noch steigerte, waren ihre zarten Hände, die, ungeachtet der täglichen häuslichen Arbeit, weißer waren als diejenigen der Göttin der Muße.

Und so gibt sich Mimi Rodolfo gegenüber bescheiden, gottesfürchtig und tugendsam. Doch was für leidenschaftlich-schwelgerische Melodien hat Puccini für diese Frau komponiert – eine Musik, die jeden weiteren Kommentar überflüssig macht.

Musik-Nr.: 01 – Alternative 1
Komponist: Giacomo Puccini
Werk-Titel: La Bohème
Auswahl: 1. Akt: Szene Mimi – Rodolfo
ab: "Non sono in vena Che gelida manina Mi chiamano Mimi"
bis: "... a importunare" (Einsatz Schaunard)
<Track __.> 14:00
Interpreten:  
Label: Tel (LC ____)
6.35200-00-501
<Track __.> Gesamt-Zeit: 14:00
Archiv-Nummer: ____
 
Musik-Nr.: 01 – Alternative 2
Komponist: Giacomo Puccini
Werk-Titel: La Bohème
Auswahl: 1. Akt: Szene Mimi – Rodolfo

ab: "A sventata" bis:
"... Lei m'intende? – Si!"
<Track __.> 8:15
Interpreten:  
Label: Tel (LC ____)
6.35200-00-501
<Track __.> Gesamt-Zeit: 8:15
Archiv-Nummer: ____

Die Bohème, so wie Henry Murger sie beschrieb, war eine Gruppe chaotischer junger Leute, die sich Künstler nannten, in Wirklichkeit aber allenfalls Lebenskünstler waren. Man traf sich regelmäßig im Café Momus, spielte dort Trictrac, nahm alle Zeitungen in Beschlag und kochte aus Sparsamkeitsgründen seinen eigenen Kaffee. Die Bohème – das waren: Rodolfo (der erfolglose, aber mittlerweile glücklich verliebte Poet), der Musiker Schaunard, der dilletierende Philosoph Colline und Marcel, der Maler, der seit Jahren vergeblich auf einen Käufer für sein einziges Ölgemälde wartete. Da man meist knapp bei Kasse war, hatte der Wirt des Momus seine liebe Not mit diesen Stammgästen: Entweder verzehrten sie gar nichts und vergraulten durch ihr Benehmen die anderen Gäste, oder sie zechten die ganze Nacht hindurch und weigerten sich dann, die Rechnung zu begleichen.

So wäre es auch am besagten Heiligabend 1837 beinahe zu einer handfesten Prügelei mit dem Wirt gekommen, wäre der Bohème nicht ein rettender Engel in Gestalt des Monsieur Barbemuche erschienen, einem reichen Pariser Bürger, den das ausgelassene Treiben der jungen Leute amüsierte. Und weil gerade Weihnachten war und er sich einmal als kunstsinnger, spendabler Mäzen geben wollte, beglich er die Rechnung für das opulente Weihnachtsmenü der Bohème.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Ruggero Leoncavallo
Werk-Titel: La Bohème
Auswahl: 1: Akt: Szene im Café Momus
ab: "Sentite" (Beginn LP-Seite 2, Beilage: S. 22 Mitte)
bis: "Attenti" (Beilage: S. 26 unten)
<Track __.> 9:55
Interpreten:  
Label: Orfeo (LC 8175)
S 023823 F
<Track __.> Gesamt-Zeit: 9:55
Archiv-Nummer: ____

Wenige Wochen nach diesem rauschenden Weihnachtsfest sitzen Rodolfo und sein Freund Marcel in ihrer Mansardenstube und blasen Trübsal. Während Rodolfo über einem Leitartikel für sein Modejournal brütet, überarbeitet Marcel zum wiederholten Male sein Ölgemälde, für das er immer noch keinen Käufer gefunden hat. Doch die Arbeit will – trotz guter Vorsätze nicht so recht von der Hand gehen, denn beide trauern ihren verflossenen Amouren nach.

Was war geschehen? – Musette hat ihrem Maler vor einiger Zeit den Laufpaß gegeben und sich stattdessen mit einem reichen Grafen liiert. Nicht, daß sie Marcel nicht mehr geliebt hätte, aber sie träumte von einem Leben in Luxus und hatte bald schon erkannt, daß dieser Traum im Kreise der Bohème kaum in Erfüllung gehen würde.

Auch Rodolfo hat sich von Mimi getrennt, nachdem er ihr mit seinen Eifersuchtsszenen wochenlang das Leben zu Hölle gemacht hat. Doch nicht Eifersucht war der eigentliche Grund der Trennung. Rodolfo hatte vielmehr erfahren, daß Mimi unheilbar an Schwindsucht erkrankt war und nur noch wenige Monate zu leben hatte. Aber er, der sich bisher vor jeder Verantwortung gedrückt hatte, der in den Tag hinein lebte und gerade mal arbeitete, wenn ihm der Sinn danach stand, – er wollte mit dieser schrecklichen Realität, mit dem langsamen Sterben Mimis nicht konfrontiert werden. Und so hatte er sie verlassen, obwohl er immer noch vorgab, sie zu lieben, und obwohl er wußte, wie sehr sie seine Liebe benötigte.

Wenn in Puccinis Oper also Rodolfo von seiner Liebe zu Mimi singt, wenn er klagt, daß er sie wohl nie mehr zu Gesicht bekommen werde, so spricht aus diesen weinerlichen Melodien nicht unbedingt ein tief empfundener Schmerz als vielmehr Selbstmitleid und schwelgerische Sentimentalität. Hören Sie nun diese gefühlsselige "Arbeits"-Szene mit Alfredo Kraus als Rodolfo und Sherrill Milnes als Marcel. James Levine dirigiert das National Philharmonic Orchestra.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Giacomo Puccini
Werk-Titel: La Bohème
Auswahl: 4. Akt: Szene und Duett Rodolfo – Marcello <Track __.> __:__
Interpreten:  
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 4:50
Archiv-Nummer: ____

Es war Zufall, daß Puccini und Leoncavallo sich zur gleichen Zeit entschlossen, Murgers Roman über die Pariser Bohème zu einer Oper umzuarbeiten, und es dauerte nicht lange, so wußte einer von des anderen Plänen. Der Wettlauf mit der Zeit begann, denn wer als erster mit seinem Werk an die Öffentlichkeit trat, konnte mit dem größeren Erfolg beim Publikum rechnen. Puccini kam seinem Rivalen zuvor. Am 1. Februar 1896 ging seine Bohème am Teatro Regio in Turin über die Bühne. Die Leitung hatte ein junger, damals weitgehend unbekannter Dirigent namens Arturo Toscanini. Wider Erwarten war der Beifall des Publikums mäßig, und auch die Kritiker verhielten sich reserviert, wohingegen Leoncavallos Bohème, die 15 Monate später zur Uraufführung gelangte, begeistert umjubelt wurde. – Inzwischen hat sich das Blatt gewendet, und kaum ein Opernhaus möchte auf Puccinis Bohème verzichten, nur um die weniger populäre Version Leoncavallos auf den Spielplan zu setzen.

Ein Vergleich der beiden Werke ist reizvoll. Er zeigt, daß Leoncavallo, der sein Textbuch selbst verfaßt hat, sich strenger an die Romanvorlage gehalten hat, als Puccinis Librettisten es taten. Und: Leoncavallo hat einer realistischeren Darstellung wegen die einzelnen Akte mit ganz präzisen Zeitangaben versehen.

Genau ein Jahr ist es her, daß wir der Bohème zum ersten Mal begenet sind. Die wirtschaftliche Lage dieser Lebenskünstler ist unverändert schlecht: In diesem Jahr reicht das Geld noch nicht einmal für ein bescheidenes Fest im Café Momus. So hat man sich denn am Heiligabend 1838 um Rodolfos kalten Kanonenofen versammelt, als unverhofft Mimi auftaucht – erschöpft und durchfroren.

Obwohl sie todkrank ist, hat man sie aus dem Hospital entlassen, und nun sucht sie verzweifelt eine Bleibe. Rodolfo und seine Freunde sind sichtlich entsetzt – denn das letzte, was sie von Mimi gehört hatten: daß sie die wohlbehütete Geliebte irgendeines Grafen geworden sei. Und Musette, die unbedarft pfeifend in diese Situation hereinplatzt, versetzt sogar ihren Schmuck, damit man einen Arzt holen kann. Doch die Hilfe kommt zu spät – Mit einem Weihnachtsgruß auf den Lippen stirbt Mimi in den Armen Rodolfos.

Musik-Nr.: 04 Alternative 1
Komponist: Ruggero Leoncavallo
Werk-Titel: La Bohème
Auswahl: 4. Akt: Finale <CD 2, Track 09.>
<CD 2, Track 10.>
5:45
6:45
Interpreten:  
Label: Orfeo (LC 8175)
S 023823 F
<CD 2, Track 9.10.> Gesamt-Zeit: 12:30
Archiv-Nummer: ____

Für Leoncavallo wie für Puccini ist die Geschichte der Bohème mit dem Tod Mimis zu Ende. Der Opernbesucher wischt sich eine Träne aus dem Auge, dann begibt er sich gesegneten Appetits zum Nachtmahl. Und wenn es sich glücklich fügt, kann er in dem vornehmen Restaurant die ergreifenden Klänge von Mimis Sterben nochmals als Begleitmusik zum Dessert genießen.

In Henri Murgers Roman geht das Leben der Bohème weiter, ohne daß das Schicksal Mimis tiefere Spuren hinterlassen hätte. Ein knappes Jahr nach ihrem Tod streift die Bohème endgültig die Vergangenheit ab und feiert den offiziellen Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft: Rodolfo hat seinen ersten Roman veröffentlicht, Marcels Bilder finden inzwischen einen reißenden Absatz, und Colline, der Philosoph, ist durch Erbschft und Heirat zu Geld gekommen. Auch Musette, Mimis Freundin und ehemalige Geliebte Marcels, hat dem Leben der Bohème für immer Adieu gesagt und ist nun die treusorgende Gattin eines Postbeamten.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Giacomo Puccini
Werk-Titel: La Bohème
Auswahl: 4. Akt: Finale
"Mimi! Mimi!"
<Track __.> 1:15
Interpreten:  
Label: Dec (LC ____)
411 870-2
<Track __.> Gesamt-Zeit: 1:15
Archiv-Nummer: ____