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KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

"... in dem Bordell, wo unser Haushalt war"
Oper abseits der bürgerlichen Moral

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 26.2.1990 – "ARD-Nachtkonzert")

Aus den Notizen einer Italien-Reise von dem Engländer Thomas Coryate:

August 1608. – Lieber Freund! Was die Zahl der venezianischen Kurtisanen anbetrifft, so ist dieselbe sehr groß. Man nimmt an, daß es wenigstens 20.000 jener Damen gibt; zur Zeit des Karnevals mögen es allerdings doppelt so viele sein. Die Anziehungskraft dieser so überaus huldreichen Damen lockt die Besucher aus den entferntesten Gebieten der Christenheit, um hier in Vendig den Anblick ihrer Schönheit zu genießen und ihre gefälligen Tändeleien auszukosten. Sie haben so viele KÖstlichkeiten darzubieten, daß es ihren Liebhabern an nichts fehlen kann, was zu den Wonnen des Lebens gereicht. Ihr Atem und ihr ganzer Körper ist, um Dich noch verliebter zu machen, höchst wohlriechend parfümiert. Fernerhin verstehen sie es, einen Mann durch Lautenspiel zu entzücken oder ihn mit dem süßen Klang ihrer Stimme zu verführen. Und selbst, wenn Du der Liebe überdrüssig bist, so wirst Du in einer venezianischen Kurtisane eine gewandte Gesprächspartnerin finden, die Deine Standhaftigkeit mit ihrer Redefertigkeit bestürmen wird, wenn alle ihre anderen Reizmittel versagt haben.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Jacques Offenbach
Werk-Titel: Les contes d'Hoffmann
Auswahl: Giulietta-Akt, Anfang 1. Bild (Barcarole)
"Belle nuit, o nuit d'amour"
<CD 3, Track 01.> 4:22
Interpreten: Neil Shicoff (Hoffmann)
Jessye Norman (Giulietta)
Chor und Sinfonie-Orchester des Königlichen National-Theaters Brüssel
Ltg.: Sylvain Cambreling
Label: EMI (LC 0110)
CDS 7 49641 2
<CD 3, Track 01.> Gesamt-Zeit: 4:22
Archiv-Nummer: ____
Technik: SPRECHER und ZITAT mit dem Anfang MUSIK 01 unterlegen.
Das ZITAT muß kurz vor dem Vokal-Einsatz enden (ca. 1:32)

Die venezianischen Kurtisanen besaßen in der Tat weit über die Grenzen der Stadt hinaus einen hervorragenden Ruf und – das wie schon unser Gewährsmann Thomas Coryate bestätigt – nicht nur wegen ihrer Schönheit. Veronica Franco etwa, eine der unzähligen Mätressen Heinrichs des Dritten von Frankreich, hatte sich nicht nur als Kurtisane, sondern auch als Dichterin einen Namen gemacht. Signora Bianca rezitierte, wenn ihr Sinn einmal nicht nicht nach handfester Erotik stand, Gedichte von Boccaccio und Petrarca; und der scharfzüngige Pietro Aretino beklagte sich, er habe bei ihr mehr über die Liebeskunst des Ovid und die lateinische Dichtkunst erfahren als über die tatsächliche Liebe. – Eine andere Venezianerin, Barbara Strozzi, schließlich wird in den gängigen Musiklexika als "bedeutende Komponistin und Sängerin im 17. Jahrhundert" geführt – über ihr Privatleben als Kurtisane und Liebhaberin in der französischen Gesandtschaft schweigt sich die Wissenschaft indes schamhaft aus.

Immer wieder suchte der Rat der Stadt Venedig, dem Laster der käuflichen Liebe Einhalt zu gebieten. Es wurden Kleidervorschriften für Kurtisanen erlassen, es gab Aufenthaltsbeschränkungen und eine spezielle "Liebessteuer" – vergeblich: Venedig blieb (wie man bei Casanova nachlesen kann) bis weit ins 18. Jahrhundert das Paradies der Liebeshungrigen.

Prostitution und der Lebenswandel der Kurtisanen war aber nicht nur in den Ratsversammlungen ein unerschöpfliches Thema. Kaum hatte in der Mitte des 17. Jahrhunderts das erste Opernhaus in Venedig seine Pforten geöffnet, da bemächtigten sich auch schon die Komponisten dieses frivolen Sujets. Daß allerdings ausgerechnet ein Musiker in kirchlichen Diensten dem liederlichen Leben des Kaisers Nero und seiner Maitresse Poppea ein Denkmal setzte, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie.

Claudio Monteverdi, seines Zeichens Kapellmeister an San Marco, verzichtet in seiner Krönung der Poppea auf die bis dahin obligatorischen strahlenden Helden und hehren Gestalten der antiken Mythologie. Diesmal siegen nicht Tugend und Gerechtigkeit, die Oper ist vielmehr ein Triumph der Leidenschaft. Weil Poppea es so wünscht, muß der Philosoph Seneca Selbstmord verüben, und die rechtmäßige Kaiserin Ottavia wird des Landes verwiesen – so daß schließlich der ehelichen Verbindung zwischen Nero und seiner Geliebten nichts mehr im Weg steht.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: L'incoronazione di Poppea
Auswahl: Schlußduett Poppea – Nerone
"Pur ti mio"
<CD 4, Tr. 10.11.> 5:10
Interpreten: Helen Donath (Poppea)
Elisabeth Söderström (Nerone)
Concentus musicus Wien
Ltg.: Nikolaus Harnoncourt
Label: Teldec (LC 3706)
8.35247
<CD 4, Tr. 10.11.> Gesamt-Zeit: 5:10
Archiv-Nummer: ____
Technik: einblenden ab: <Track 10.> 10:30

Im 18. Jahrhundert dann begann der Stern von Venedig zu sinken. Der Mittelmeerhandel ließ nach, die Paläste verfielen, und ehe sich die venezianischen Kurtisanen versahen, war das glanzvolle Paris zur "Stadt der Liebe" aufgestiegen – hatte ihnen die Pariser Halbwelt, die Démi-monde, den Rang streitig gemacht.

Der Buchhändler Friedrich Justin Bertuch, bekannt als Herausgeber des ersten Bilderbuchs für Kinder, veröffentlichte 1786 in seinem Journal des Luxus und der Moden für die deutsche Weiblichkeit einen Artikel unter der Überschrift:

Priesterinnen der Venus zu Paris.

Zu Moden uns'rer kleinen Welt, und zwar zu den verführerischsten und kostbarsten, gehören die Priesterinnen der Liebe – nicht jene, welche der Auswurf des schönen Geschlechts sind und sich durch die niedrigsten und schändlichsten Ausschweifungen entweihen, sondern jene von edler und gefährlicher Gattung, welche die Kunst zu bezaubern in ein System gebracht haben. Vielleicht unterhält es Sie, wenn ich Ihnen die Namen der berühmtesten dieser Schönheiten mitteile.

Demoiselle Dervieux, die einst sehr schön war, gibt sich nur noch mit den Hofbeamten ab. Ihre abendlichen Salons sind niedlich, aber nichtssagend. Allerdings hat sie den besten Koch von Paris, und täglich ziehen die Leckermäuler scharenweise bei ihr aus und ein.

Die hübscheste (nach dem einstimmigen Urteil der Pariser Liebhaber) ist Mamsell Contat. Sie ist äußerst liebenswürdig und hat viel Verstand. Man möchte schwören, daß ihr Herz auch wirklich die Leidenschaften fühlen müsse, die ihr Mund mit so vieler Grazie auszudrücken weiß. Allein – man behauptet, daß nichts daran ehrlich und alles nur künstlich und gespielt sei.

Demoiselle Duthé ist mittlerweile 36 Jahre alt und genießt das Vergnügen, mit 30.000 Livres in Rentenpapieren in der angenehmsten Gesellschaft von Paris zu leben. Ihr Salon ist ein Tempel der Wollust, und sie flößt ihren Verehrern die heftigsten Leidenschaften ein. Aber sie erwidert selbst keine Liebschaft mehr, seitdem sie mit einem jungen Engländer liiert ist.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Giuseppe Verdi
Werk-Titel: La Traviata
Auswahl: 1. Akt: Finale (Part. S. 82-107) <CD 1, Track 8.9.> 7:00
Interpreten: Ileana Cotrubas (Violetta)
Placido Domingo (Alfredo)
Bayerisches Staatsorchester
Ltg.: Carlos Kleiber
Label: DGG (LC 0173)
415 132-2
<CD 1, Track 8.9.> Gesamt-Zeit: 7:00
Archiv-Nummer: ____
Technik: einblenden ab <CD 1, Track 8.> 1:02

Für manch einen Künstler war das liebessüchtige Paris Quell der Inspiration. 1859 traf ein glückloser Komponist namens Richard Wagner in der französischen Hauptstadt ein – in der Hoffnung, hier werde sich sein Schicksal endlich wenden, hier werde er künstlerische Anerkennung, Zuspruch und Trost finden. Also all das, von dem er glaubte, daß es ihm rechtmäßig zustehe. Im Gepäck die Partitur des Tannhäuser, sprach er bei der Operndirektion vor, wo man ihm allerdings klarmachte: "Zu schwerblütig, nicht sinnlich genug" das Ganze. Kurzum: "Es fehlt ein Ballett!"

Für Wagner das Stichwort. Zwar ziert er sich zunächst, aber bald schon erkennt er, woran sein Tannhäuser krankt. An seine Ex-Geliebte Mathilde Wesendonck schreibt er im April 1860:

Der Liebeshof der Venus in der ursprünglichen Fassung war offenbar die schwache Partie in meinem Werke. Ich ließ nämlich damals den Eindruck dieser Liebesgrotte gänzlich matt und unentschieden. Mittlerweile erkenne ich, daß zu diesem Sujet eine Meisterschaft vonnöten ist, die ich erst hier und jetzt gewonnen habe. Nur ein Tanz kann hier wirken aber was für ein Tanz !!! Die Pariser Publikum soll staunen, was ich da alles ausgebrütet habe.

In der Tat – allein schon die Szenen-Anweisungen zu der Lustgrotte der Venus sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen:

... weite Grotte, durch mattes Tageslicht erhellt. Im Hintergrund ein See, die Ufer mit wunderbaren tropischen Gewächsen überwuchert. Im Vordergrund Venus, unbekleidet, aber mit kostbarem Geschmeide angetan, auf einem Lager wie dahingegossen. Vor ihr, das Haupt in ihrem Schoße, die Harfe zur Seite, Tannhäuser, halb kniend. Zur Seite und hinter ihnen: zahlreiche schlafende Amoretten, wild über- und nebeneinander. Auf den Vorsprüngen der Grotte lagern Jünglinge, die von verlockenden Nymphen zum Tanz aufgefordert werden. Die Paare finden und mischen sich – Suchen, Fliehen und reizendes Necken. Der allgemeine Taumel steigert sich zur höchsten Begierde, bis sich die Berauschten in brünstige Liebesumarmungen stürzen. Ein immer dichterer rosiger Duft senkt sich herab, so daß endlich nur noch Venus und Tannhäuser sichtbar sind. Venus, zärtlich über Tannhäuser sich beugend ...

Musik-Nr.: 04
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Tannhäuser
Auswahl: 1. Akt, 2. Szene (Anfang) (Part. S. 478-498, T. 3) <CD 1, Track 2.3.> 10:50
Interpreten: René Kollo (Tannhäuser)
Christa Ludwig (Venus)
Wiener Philharmoniker
Ltg.: Sir George Solti
Label: Dec (LC 0171)
414 581-2
<CD 1, Track 2.3.> Gesamt-Zeit: 10:50
Archiv-Nummer: ____
Technik: ZITAT mit MUSIK 04 unterlegen.
ZITAT muß kurz vor dem Vokal-Einsatz enden <CD 1, Track 2.> 0:32)

Im Jahre 1860 berichtet der amerikanische Handelsreisende Samuel Boyer aus Japan:

Wenn Du des Junggesellendaseins hier überdrüssig bist, mietest Du Dir ein junges Mädchen und gibst ihr vier Dollar, womit sie beim japanischen Zollhaus in Yokohama eine Lizenz erwirbt. Mit dieser Lizenz erhält sie das Recht, für einen Monat deine Gefährtin zu sein. Du mietest ein Häuschen für 25 Dollar, eine Dienerin für zehn Dollar, und so genießt Du für ganze 39 Dollar im Monat und ohne weitere Verpflichtungen die Annehmlichkeiten einer Ehe. Wenn das Mädchen Dir gefällt, verlängerst Du nach vier Wochen den Vertrag.

Es ist in Japan für ein Mädchen nicht unehrenhaft, auf diese Weise sein Geld zu verdienen. In den ärmeren Klassen ist dies ein alter Brauch, und wenn die Mädchen genug gespart haben, wird sich ihr Vermittler nach einem guten japanischen Ehemann für sie umsehen.

Was Giacomo Puccini in seiner Madame Butterfly schildert, die Ehe des amerikanischen Leutnants Benjamin Franklin Pinkerton mit der 15jährigen Chio-Chio-San, ist also nicht bloßes Opernmelodram sondern entsprach einer noch bis zum Ende des letzten Jahrhunderts durchaus gängigen Praxis. Eine Praxis, die die Amerikaner auch weidlich ausnutzten – mit der Überheblichkeit des zivilisierten Menschen gegenüber den Wilden. (Und war waren die Japaner in den Augen der westlichen Welt damals mehr?) Zuhause, in Europa und Amerika, gab man sich sittsam und anständig, hatte man Frau und Kinder, drückte des Sonntags als ehrbarer Bürger die Kirchenbank und sang aus Inbrunst die Gemeinde-Choräle. – In Japan dann konnte "Mann" sich noch einmal so richtig ausleben und zeigen, daß der Herr im europäischen Anzug immer noch die Krone der Schöpfung war.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Giacomo Puccini
Werk-Titel: Madame Butterfly
Auswahl: 1. Akt
ab: "Ancora un passo, or via"
bis: "... e dei confetti"
<CD 1, Track 6.> 3:35
Interpreten: Renata Scotto (Madame Butterfly)
Placido Domingo (Pinkerton)
Ingvar Wixell (Sharpless)
Ambrosian Opera Chorus
Philharmonia Orchestra
Ltg.: Lorin Maazel
Label: CBS (LC 0149)
M2K 35181
<CD 1, Track 6.> Gesamt-Zeit: 3:35
Archiv-Nummer: ____
Technik: einblenden bei 0:10
ausblenden bis 3:46

Von Bertolt Brecht stammt der Ausspruch: "Erst kommt das Fressen, und dann die Moral". Man könnte diesen Ausspruch, ohne Brecht unrecht zu tun, auch umformulieren: "Erst kommt die Liebe, und dann die Moral". Jedenfalls: der Räuber Macheath, besser bekannt als "Mackie, das Messer", besitzt des Autors ganze Sympathie – wohl nicht zuletzt wegen seines unsoliden Lebenswandels. Frisch verheiratet mit der jungen, unbedarften Polly Peachum, hat er nichts Besseres zu tun, als sich (wie jeden Donnerstag Nachmittag) in das Bordell von Turnbridge zu begeben, um sich dort für drei Groschen der käuflichen Liebe hinzugeben. Und das, obwohl er weiß, daß Scotland Yard schon längst auf die Spur gekommen ist.

Da hat nun Inspector Brown, der gefürchtete Tiger-Brown, das Liebesnest des Macheath umstellt, und was macht der?

Musik-Nr.: 06
Komponist: Kurt Weill
Werk-Titel: Dreigroschenoper
Auswahl: Zuhälterballade <Track 15.> 4:35
Interpreten: Erich Schellow
Lotte Lenya
Orchester des SFB
Ltg.: Wilhelm Brückner-Rüggeberg
Label: CBS (LC 0149)
MK 42637
<Track 15.> Gesamt-Zeit: 4:35
Archiv-Nummer: ____
Technik: TEXT-Ende mit Anfang MUSIK 06 unterlegen.
Text muß kurz vor dem Vokal-Einsatz (<Tr. 15.> 0:08) enden.

Szenen aus dem Leben einer Frau: mit 12 Jahren Zigarettenverkäuferin in einem Nachtcafé; Bettgespielin des Zeitungsmagnaten Doktor Schön; Ehefrau des Medizinalrats Goll, der allerdings vor Eifersucht einem Herzinfarkt erliegt; später dann treusorgende Gattin eines Kunstmalers, bis auch der aus dem Leben scheidet – freiwillig, indem der sich die Gurgel durchtrennt. Und schließlich erwischt es ihren ersten Liebhaber, den ehrenwerten Doktor Schön: Im Ehestreit bei einem Handgemenge mit der Pistole löst sich versehentlich ein Schuß, und Doktor Schön liegt in seinem Blute.

Der Name dieses Männer-verschleißenden Ungeheuers: Nelly, Eva, Mignon, Lulu – so wie es ihren Ehemännern gerade einfällt. Als sie dann alle zerbrochen sind und unter der Erde liegen, beginnt auch ihr Niedergang. Lulu endet als Prostituierte in einer heruntergekommenen Mansarde in London.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Alban Berg
Werk-Titel: Lulu
Auswahl: 3. Akt: Szene Lulu – Jack (K1.-Auszug S. 506-528) <CD 3, Track 13.14.> 9:10
Interpreten: Teresa Stratas (Lulu)
Yvonne Minton (Gräfin Geschwitz)
Franz Mazura (Jack)
Orchestre de l'Opéra de Paris
Ltg.: Pierre Boulez
Label: DGG (LC 0173)
415 489-2
<CD 3, Track 13.14.> Gesamt-Zeit: 9:10
Archiv-Nummer: ____