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"… über die ließe sich freilich eine interessante Oper schreiben."

Die femme fatale auf der Opernbühne

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln

Sie ist verführerisch und unnahbar; sie besitzt eine unwiderstehliche sinnliche Ausstrahlung. Aber Gnade Gott all den Männern, die ihr verfallen sind. Die Rede ist von der "femme fatale", jenem Frauentypus, der die Männer in ihren Bann schlägt und sie dann kalt-lächelnd ins Unglück stürzt. Seit alters her geistert die 'femme fatale' durch Märchen und Mythen, vor allem aber durch die erotischen Angstphantasien der Männer. Schon die Antike wußte von abschreckenden Beispielen zu erzählen: von Medea etwa, die aus verschmähter Liebe zuerst ihre Nebenbuhlerin und dann die eigenen Kinder ermordet; oder die schÖne Helena, die mit dem Jüngling Paris durchbrennt, das Ganze als Entführung inszeniert und so Tod und Elend über das Volk der Trojaner bringt.

Aber nicht nur die als frauenfeindlich bekannten Griechen fürchteten das weibliche Geschlecht; auch die Bibel weiß Schreckliches zu berichten: Delila beraubt Samson seiner Lockenpracht und damit seiner Männlichkeit; Judith tötet den Babylonier-Feldherrn Holofernes, nachdem sie die Nacht mit ihm verbracht hat; und Salome wünscht sich nichts sehnlicher als das Haupt von Johannes dem Täufer – serviert auf einem silbernen Tablett ...

Verweilen wir ein wenig bei Salome – nicht nur der Oper wegen, sondern weil der Fall "Salome" ein typisches Beispiel selbstgerechter männlicher Schuldzuweisung ist. Nicht, daß man die abartigen Wünsche der jungen Dame gutheißen kann; aber wer von den Moralpredigern verliert auch nur ein Wort über das anmaßend-arrogante Benehmen des Jochanaan, der Salome verachtet und zurückstößt – nur weil sie eine Frau ist und er seine asketische Heiligkeit gefährdet sieht. Oder wer nimmt sie in Schutz gegenüber der zügellosen, triebhaften Begehrlichkeit des Herodes, der nichts lieber täte, als mit seiner Nichte und Stieftochter ins Bett zu steigen.

Immerhin: Richard Strauss hat großen Wert darauf gelegt, daß seine Salome jungfräulich-keusch dargestellt werden müsse. Denn es ist nicht sinnliche Begierde, was sie dazu treibt, das Haupt des Johannes in den Händen zu halten. Vielmehr rächt sie sich dadurch an der männlichen Überheblichkeit: An Johannes, der ihr keine Zuwendung und Wärme hat schenken wollen; und an Herodes, der in ihr nur ein Lustobjekt sieht, über das er glaubt, frei verfügen zu können.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Richard Strauss
Werk-Titel: Salome
Auswahl: Schlußszene der Salome.
"Ah, du wolltest mich nicht Deinen Mund küssen lassen"
<Track __.> 11:50
Interpreten:
Label: Dec (LC 0171)
414 414-2
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 11:50
Archiv-Nummer: ____

Die "femme fatale" – ein Sujet, das so brisant und reizvoll ist wie kaum ein zweites. Aber kultivieren wir einmal ausnahmsweise nicht die chauvinistischen Vorurteile, sondern lassen wir ihnen Gerechtigkeit widerfahren – jenen Frauen, die das männliche Weltbild so leichthin ins Wanken bringen. Denn ist es nicht das, was uns Männer so erschreckt: daß wir auf einmal nicht mehr Herr der Lage sind; daß wir der weiblichen Faszination erliegen und verführt werden anstatt selber zu verführen. Aber wo steht geschrieben, daß die Frau dem Manne zu gehorchen und ihn zu bewundern habe?

Jedenfalls: der Don Juan, dem die Frauen zu Füßen liegen, hat ausgedient – spätestens seit Bizets Carmen. Mag der Dragonerleutnant Zuniga sich etwas auf seine schmucke Uniform einbilden, mag Escamillo, der Torero, in echt spanischer Macho-Manier verkünden, wie man mit Stieren und Frauen umzugehen habe, – in den Augen von Carmencita sind sie alle gleich, die Männer, wollen sie doch alle nur das eine ... . Mit einer Ausnahme vielleicht: Der schüchterne Sergeant Don José hat es Carmen angetan, nicht weil sie ihn um den Finger wickeln kann (das schafft sie bei jedem Mann), sondern weil er versucht, sich ihrer erotischen Ausstrahlung zu entziehen.

Don José ist fasziniert von dieser leidenschaftlich-wilden und doch unnahbaren Frau; aber gleichzeitig fürchtet er sich vor Carmen, hat er Angst vor dieser Inkarnation weiblicher Erotik, der er nichts entgegensetzen kann. Und so endet denn auch sein erstes Rendevous mit Carmen mit einem Eklat: Als der Zapfenstreich ertönt, hat der pflichtbewußte Don José nichts Eiligeres zu tun, als an seinen Aufbruch zu denken.

Hören Sie nun einen Ausschnitt aus dieser verunglückten Liebesnacht mit Tatjana Troyanos und Placido Domingo. Sir George Solti dirigiert das London Philharmonic Orchestra.

Musik-Nr.: 02 – Alternative 1
Komponist: Georges Bizet
Werk-Titel: Carmen
Auswahl: 2. Akt: Szene Carmen – Don José
"Je vais danser en vôtre honneur"
<CD 2, Track 7.8.9.10.> 13:05
Interpreten:
Label: Dec (LC 0171)
414 489-2
<CD 2, Track 7.8.9.10.> Gesamt-Zeit: 13:05
Archiv-Nummer: ____
Technik: Musik einblenden bei <CD 2, Track 7.> 0:41
 
Musik-Nr.: 02 – Alternative 2
Komponist: Georges Bizet
Werk-Titel: Carmen
Auswahl: 2. Akt: Szene Carmen – Don José
"Je vais danser en vôtre honneur"
<CD 2, Track 7.8.9.> 8:50
Interpreten:
Label: Dec (LC 0171)
414 489-2
<CD 2, Track 7.8.9.> Gesamt-Zeit: 8:50
Archiv-Nummer: ____
Technik: Musik einblenden bei <CD 2, Track 7.> 0:41

Sind es wirklich die Frauen, die die Männer zugrunde richten, oder führen nicht vielmehr die Männer ihr Schicksal selber herbei? Die erste Frau, die diese Frage stellt, ist – zumindest auf der Opernbühne – Alban Bergs Lulu.

Lulu ist der Prototyp der femme fatale: Als Zwölfjährige verkauft sie Blumen vor einem Nachtlokal; mit vierzehn avanciert sie zur Geliebten eines Presse-Zaren Dr. Schön; sie wird die Ehefrau eines alternden Medizinalrates; nach dessen Tod Bettgefährtin eines wenig begabten und liebesunfähigen Kunstmalers; und heiratet schließlich – wie sie es sich schon immer gewünscht hatte – ihren Geliebten Dr. Schön. Allerdings ist auch diese Ehe alles andere als glücklich.

Einen richtigen Namen hat sie nicht. Mal heißt sie Eva, mal Mignon oder Lulu – wie ihre Männer es gerade wollen. Aber an deren Tod ist sie weiß Gott unschuldig. Daß der eine aus Eifersucht eine Herzattacke erleidet, der nächste sich aus demselben Grund die Kehle durchschneidet: Was kann sie dafür, wenn sich die Männer ihretwegen umbringen, wenn sie sich unbedingt ein erotisches "Spielzeug" zulegen wollen, dem sie dann nicht gewachsen sind. Schuldig wird Lulu nur am Tod ihres letzten Ehemannes. Ihn, den ausgesprochenen Machtmenschen, den einzigen, der ihr ebenbürtig war, – ihn erschießt sie, um nicht selbst von ihm umgebracht zu werden.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Alban Berg
Werk-Titel: Lulu
Auswahl: 2. Akt: Lied der Lulu und Tod des Doktor Schön
"Was kann ich dafür, wenn sich die Männer meinetwegen umgebracht haben"
<Track __.> 6:05
Interpreten:
Label: EMI (LC 0542)
153-290347-3
<Track __.> Gesamt-Zeit: 6:05
Archiv-Nummer: ____

Das Bild von der "femme fatale" ist immer auch die Geschichte der emanzipierten Frau: jener Frauen, die sich nicht ihrem Märchenprinzen oder Göttergatten unterordnen, sondern ihr Schicksal selber in die Hand nehmen. Die Frau als treibende Kraft der Geschichte – in den Augen der Männer kann so etwas nur in einer Katastrophe enden. Und wenn nicht? – Nun, den Geschichtsschreibern fällt immer etwas ein, was man den Frauen notfalls anhängen kann. Denn wer prüft schon nach, was wahr und was erfunden ist!

Besonders schlimm ist es in dieser Hinsicht der Lukrezia Borgia ergangen. Kein Laster, dem sie nicht gefrönt hat; kein Giftmord in Venedig, an dem sie nicht beteiligt gewesen ist – so jedenfalls will es die Überlieferung. Wahr ist indes keines dieser Schauermärchen, die man sich über Lukrezia Borgia erzählt. Aber wie soll man einen Roman oder eine Oper schreiben über eine Frau, die gut aussieht, die sich aber vor allem dadurch auszeichnet, daß sie fließend Latein spricht und mit den bedeutendsten Philosophen ihrer Zeit korrespondiert.

Aber die Wahrheit hat Donizetti wenig gekümmert. Für ein effektvolles Opernsujet voller Leidenschaften und Leichen kann man auch ruhig einmal Rufmord betreiben. Und so hat seine Lukrezia Borgia, die mit ihrer Giftmischerei versehentlich auch ihren eigenen Sohn umbringt, mit der historischen Gestalt nur den Namen gemein.

Musik-Nr.: 04 – Alternative 1
Komponist: Gaetano Donizetti
Werk-Titel: Lucrezia Borgia
Auswahl: Prolog: Romanze der Lucrezia
"Com'è bello"
<Track __.> 9:05
Interpreten: Montserrat Caballé (Lucrezia Borgia)
Orchester der RAI Italiana
Ltg.: Jonel Perlea
Label: RCA (LC 0316)
RL 42833
<Track __.> Gesamt-Zeit: 9:05
Archiv-Nummer: ____
 
Musik-Nr.: 04 – Alternative 2
Komponist: Gaetano Donizetti
Werk-Titel: Lucrezia Borgia
Auswahl: Prolog: Romanze der Lucrezia
"Com'è bello"
<Track __.> 5:05
Interpreten: Lucia Alberti (Lucrezia Borgia)
Münchner Rundfunkorchester
Ltg.: Lamberto Gardelli
Label: Orfeo (LC ____)
 
<Track __.> Gesamt-Zeit: 5:05
Archiv-Nummer: ____

Zur Ehrenrettung der "femme fatale" ließe sich noch Einiges anführen. Aber wer jetzt noch nicht von der Harmlosigkeit und Unschuld dieser Frauen überzeugt ist, dem sei zum Trost gesagt, daß die meisten von ihnen ihren "verderblichen" Ruf mit dem Tod büßen mußten: Salome, Carmen, Lulu – und auch Katerina Ismailowa, die russische Variante der "femme fatale", hierzulande besser bekannt als Lady Macbeth von Mzensk. Um sich ungestört dem Knecht Serjoscha hingeben zu können, vergiftet Katerina zuerst ihren Schwiegervater und erdrosselt schließlich auch ihren Mann.

Aber wie es in einer guten Oper sein muß: Die Morde werden entdeckt und das Liebespaar zu lebenslänglicher Verbannung verurteilt. Auf dem Fußmarsch nach Sibirien dann entdeckt Katerina, daß ihr geliebter Serjoscha sie mit einer anderen Frau betrügt. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit stößt sie die Nebenbuhlerin in die eiskalten Fluten eines Flusses und stürzt sich selbst hinterher.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Dimitri Schostakowitsch
Werk-Titel: Lady Macbeth von Mzensk
Auswahl:   <Track __.> 3:15
Interpreten: London Philharmonic Orchestra
Ltg.: Mstislav Rostropowitsch.
Label: EMI (LC 0542)
1C 165-03 374/76
<Track __.> Gesamt-Zeit: ,3:15
Archiv-Nummer: ____
Technik: Musik einblenden bei 3:15 vor Schluß