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Auf Messers Schneide

Aus dem Leben der Barbiere und Friseure

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln

Im Mittelalter nannte man sie Bartscherer oder Bader, weil sie nicht nur für die Haarpflege, sondern für die Körperhygiene allgemein zuständig waren. Heutzutage schmücken sie sich auf ihren Ladenschildern mit so exquisiten Bezeichnungen wie "Hairdesigner", "Hairstylist" oder "Intercoiffeur". Aber der Beruf – oder vielmehr seine gesellschaftliche Funktion – ist doch letztlich immer gleich geblieben: Die Rede ist vom edlen Frisierhandwerk.

Seien Sie mal ehrlich – verbringen Sie einen Vormittag bei Ihrem Friseur, bloß um sich die Haare schneiden zu lassen? Oder weht dort nicht ein auch bißchen von dem Duft der großen weiten Welt? – Denn Friseure kommen anscheinend viel in der Welt herum und haben dementsprechend viel zu erzählen. Meiner zum Beispiel stammt aus Neapel, hat sich auf Teneriffa als Taxifahrer durchgeschlagen, in Marseille ein Bistro eröffnet und schließlich seine wahre Berufung erkannt: nämlich den Deutschen die Haare zu schneiden.

Eine Mode-Erscheinung, eine Karriere der 80er Jahre, meinen Sie? Mitnichten! – Schon der französische Schriftsteller Pierre Augustin Caron Beaumarchais wußte in einem seiner Theaterstücke von einem solchen Friseur zu berichten: Figaro (sein eigentlicher Name ist leider nicht überliefert) – Figaro sollte ursprünglich einmal die Apothekerlaufbahn einschlagen. Aber sein Lehrherr, ein alter Feldscher bei der spanischen Kavallerie, jagte ihn zum Teufel, weil Figaro lieber Sonette, Madrigale und Hochzeitslieder komponierte als Heiltränke zu mischen. Und so begegnen sich eines schicksalträchtigen frühen Morgens in Sevilla ein verliebter Graf namens Almaviva und ein Barbier, der aufgrund seiner scharfen Klinge Zugang zu den besten Kreisen der Stadt hat.

Hören Sie nun diese Begegnungs-Szene, diesmal allerdings nicht aus Rossinis Barbier von Sevilla, sondern aus der gleichnamigen Oper von Giovanni Paisiello, die 1782, also 34 Jahre vor Rossinis Barbier entstanden ist. Es singen: Dénes Gulyás den Grafen Almaviva und István Gáti den musikalisch ambitionierten Figaro; das ungarische Staatsorchester wird geleitet von Adam Fischer.

Musik-Nr.: 01 – Alternative 1
Komponist: Giovanni Paisiello
Werk-Titel: Il Barbiere di Siviglia
Auswahl: 1. Akt: Szene und Duett (Nr. 2); Arie (Nr. 3) <CD 1, Track 3.4.5.> 10:40
Interpreten: Dénes Gulyás (Almaviva)
István Gáti (Figaro)
Ungarisches Staatsorchester
Ltg.: Adam Fischer
Label: HCD (LC ____)
12525-26-2
<CD 1, Track 3.4.5.> Gesamt-Zeit: 10:40
Archiv-Nummer: ____
 
Musik-Nr.: 01 – Alternative 2
Komponist: Giovanni Paisiello
Werk-Titel: Il Barbiere di Siviglia
Auswahl: 1. Akt: Szene und Duett (Nr. 2) <CD 1, Track 3.> 4:20
Interpreten: Dénes Gulyás (Almaviva)
István Gáti (Figaro)
Ungarisches Staatsorchester
Ltg.: Adam Fischer
Label: HCD (LC ____)
12525-26-2
<CD 1, Track 3.> Gesamt-Zeit: 4:20
Archiv-Nummer: ____
Technik: ausblenden

Paisiellos Barbier von Sevilla war auf den italienischen Bühnen Jahrzehnte lang ein ausgesprochener Kassenschlager: Mindestens einmal im Jahr brachte jedes Opernhaus zwischen Mailand und Neapel dieses Stück auf die Bühne, um damit die desolate Finanzlage aufzubessern. So mußte es als der blanke Wahnsinn erscheinen, als Rossini sich anschickte, einen neuen Barbier ins Rennen zu schicken.

Wie alle (außer Rossini selbst) vorhergesehen hatten, wurde die Oper bei der Premiere ausgepfiffen, und Rossini schrieb an seine spätere Frau Angélique:

Ich bin in schierer Verzweiflung, – weil in dieser Stadt gar keine oder wenigstens keine guten Austern zu finden sind. Wenn Sie Verehrteste im göttlichen Neapel im Wonnegefühl frischer Austern schwelgen, so denken Sie bisweilen auch einmal an mich!

Man sollte dazu anmerken, daß Rossini ein ausgesprochener Gourmet war und ebenso superb kochte, wie er auch komponierte. Es würde sich lohnen, einmal all die anderen Kochrezepte und kulinarischen Tips zusammenzutragen, die Rossini seinen Freunden mitgeteilt hat. Denn in demselben Brief, in dem er sich über die mangelnde Qualität der Florentiner Austern beklagt, ohne über das Scheitern seines Barbiers auch nur ein weiteres Wort zu verlieren – in diesem Brief empfiehlt er auch eine Salat-Sauce aus

Provence-Öl, englischem Senf, französischem Essig, etwas Zitronensaft, Pfeffer und Salz. Dies alles reiben Sie bis zur vollkommenen Mischung durcheinander und würzen es dann durch kleingeschnittene Trüffel. Denn erst diese verleihen dem Salat jenen feinen Geschmack, der jeden Gourmet zur Bewunderung hinreißt. Der Kardinals-Staatssekretär, dessen Bekanntschaft ich unlängst machte, erteilte mir für diese Erfindung seinen apostolischen Segen ( ... )

Von Enttäuschung, Wut oder Resignation über den Durchfall des Barbiers keine Spur! Aber warum auch? – Rossini wußte um die Qualitäten seiner Oper sehr genau, und schon nach einigen Tagen konnte er an seine geliebte Ange'lique schreiben:

Mein Barbier findet hier von Tag zu Tag mehr Beifall und weiß sich selbst bei den eingefleischtesten Gegnern einzuschmeicheln. Almavivas Serenade tönt hier nachts auf allen Straßen, und Figaros "Lange al factotum" ist das Glanzstück all derjenigen, die glauben, über eine Baritonstimme zu verfügen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Gioacchino Rossini
Werk-Titel: Il Barbiere di Siviglia
Auswahl: 1. Akt – Cavatine Nr. 2. <CD 1, Track 4.> 4:35
Interpreten: Hermann Prey (Figaro)
London Symphony Orchestra
Ltg.: Claudio Abbado.
Label: DGG (LC 01273)
415 695-2
<CD 1, Track 4.> Gesamt-Zeit: 4:35
Archiv-Nummer: ____

Wie die Geschichte des Barbier von Sevilla weitergeht, ist hinlänglich bekannt: Dank Figaros guten Beziehungen und seiner geschickt eingefädelten Intrigen gelangt Graf Almaviva in das Haus des Dottore Bartolo und kann nach einigen brenzligen Zwischenfällen seine geliebte Rosina heiraten.

Happy End und Szenenwechsel: Drei Jahre sind seit der Hochzeit vergangen, und im gräflichen Eheleben ist mittlerweile der graue Alltag eingekehrt. Zwar lebt Rosina nun hochherrschaftlich als Gräfin auf einem Schloß in Andalusien, aber der anfangs so liebevolle Ehegatte Almaviva hat längst das Interesse an ihr verloren und jagt immer neuen Amouren nach. Vor allem aber bereut er es, daß er damals – als aufgeklärter und liberaler Feudalherr – seinen Untergebenen gegenüber auf das "ius primae noctis" verzichtet hat, auf jenes feudale Vorrecht, das ihm gestattete, mit einer jeden Braut die Hochzeitsnacht zu verbringen.

Dieser Verzicht erweist sich als umso schmerzlicher, als Figaro, der seit dem Sevilla-Abenteuer fest in Almavivas Diensten steht, – als Figaro sich gerade anschickt, die hübsche Susanna zu heiraten. Und wie Almaviva mit sanfter Gewalt um Susannas Gunst buhlt und versucht, sie mit allen möglichen Drohungen unter Druck zu setzen, in dem Maße sieht Figaro sich gezwungen, diesmal nicht für seinen Herrn, sondern gegen ihn zu intrigieren. Der Bürger wehrt sich gegen den Adel – zunächst zwar nur auf der Bühne, aber ein erster Schritt ist damit immerhin gemacht. Wie sagt doch Figaro im original bei Beaumarchais:

Ihr habt Euch die Mühe gegeben, als Graf geboren zu werden, aber weiter habt Ihr nichts geleistet! Ihr seid also ein recht gewöhnlicher und im Übrigen nutzloser Mensch!

Ganz so drastisch wollten es Mozart und sein Textdichter Lorenzo da Ponte nicht ausdrücken, gab es 1785 in Wien doch schon genug Schwierigkeiten mit der politischen Zensur, die hinter allem und jedem Hochverrat witterte. Aber auch Figaros erboste Einladung an den Grafen, mit ihm einen Tanz zu wagen, ist nichts anderes als eine indirekte Kampfansage.

Musik-Nr.: 03 – Alternative 1
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Le nozze di Figaro
Auswahl: Ouvertüre
1. Akt – Duettino (Nr. 1 und 2); Cavatina (Nr. 3).
<CD 1, Track 1.2.3.4-1.> 15:20
Interpreten: Barbara Hendricks (Susanna)
José van Dam (Figaro)
Academy of St. Martin-in-the-Fields
Ltg.: Neville Marriner
Label: Phil (LC 0305)
416 370-2
<CD 1, Track 1.2.3.4-1.> Gesamt-Zeit: 15:20
Archiv-Nummer: ____
 
Musik-Nr.: 03 – Alternative 2
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Le nozze di Figaro
Auswahl: 1. Akt –: Duettino (Nr. 1 und 2); Cavatina (Nr. 3). <CD 1, Track 2.3.4-1.> 11:10
Interpreten: Barbara Hendricks (Susanna)
José van Dam (Figaro)
Academy of St. Martin-in-the-Fields
Ltg.: Neville Marriner
Label: Phil (LC 0305)
416 370-2
<CD 1, Track 2.3.4-1.> Gesamt-Zeit: 11:10
Archiv-Nummer: ____

1786 konnte Figaro seinen Herrn noch zum Tanzen einladen. Drei Jahre später, während der Französischen Revolution, dürfte Almaviva dann der Spaß am Tanzen vergangen sein angesichts all der adligen Köpfe, die das Fallbeil der Guillotine ins Rollen brachte. Die Gestalt des Figaro jedoch wurde zur Symbolfigur des selbstbewußten Bürgers, der sich gegen die Privilegien des Adels auflehnt – solange, bis er selber an der Macht ist.

Nach der französischen Revolution und der Schreckensherrschaft des Robbespierre kam Napoleon; es folgten einige Marionettenkönige aus dem Hause Bourbon, aber die Fäden der Macht hielten von nun an die reichen Kaufleute und Bankiers in ihren Händen. Man kann sich gut vorstellen, daß sich in jenen Zeiten auch Figaro etabliert hat: mit einem Frisier-Salon und mehreren Filialen. Denn aus so manchem Adels-Schreck und Revolutionär ist später ein braver Bürger geworden, der nichts mehr fürchtet als umstürzlerische Tendenzen.

Immerhin: Es ist schon eine Ironie der Geschichte, daß sich im Jahre 1854 ausgerechnet eine konservativ-royalistische Zeitung den Namen Le Figaro gibt.

Doch verlassen wir nun den Bereich der Politik. In Bagdad die Barbiere haben von dem gesellschaftlichen Aufstieg ihres französischen Berufskollegen anscheinend nichts mitbekommen – vielleicht, weil sie zuviel reden und nicht zuhören können. Diesen Eindruck jedenfalls gewinnt man, wenn man Abul Hassan erlebt, jenen berühmten Barbier von Bagdad, der auch 1858 noch immer von Haus zu Haus zieht, um die reichen Herren einzuseifen. Doch hören Sie selbst einen Ausschnitt aus der Oper von Peter Cornelius:

Musik-Nr.: 04
Komponist: Peter Cornelius
Werk-Titel: Der Barbier von Bagdad
Auswahl: 1. Akt: Arie des Abul Hassan
"0 wüßtest Du, Verehrter"
<Track __.> 1:55
Interpreten: Kurt Moll (Abul Hassan)
Münchner Rundfunk-Orchester
Ltg.: Kurt Eichhorn.
Label: Orfeo (LC 8175)
A 009 821
<Track __.> Gesamt-Zeit: 1:55
Archiv-Nummer: ____

Bleibt nach diesem Ausflug in die Märchenwelt des Orients noch von einem traurigen Schicksal zu berichten: von Johann Christian Woyzeck, der sich in den Jahren der Napoleonischen Kriege als Hausierer und Friseur durchschlug, bis er schließlich selber zum Kriegsdienst herangezogen wurde. Ein unauffälliges Leben, was Woyzeck führt; – ein Leben, das in jenen unruhigen Zeiten stellvertretend für viele andere stehen könnte. Es ist die Geschichte eines Menschen, der nirgends seßhaft wird und gelegentlich bei kleineren Gaunereien ertappt wird. Aber nichts, was auf kriminelle Energien oder gar auf Brutalität schließen läßt. Am 22. Juni 1821 dann ist im Leipziger Polizeibericht zu lesen:

Gestern abend um halb zehn brachte der Friseur Johann Christian Woyzeck, 41 Jahre alt, der 46jährigen Witwe des verstorbenen Chirurgen Woost in dem Hausflur ihrer Wohnung mit einer abgebrochenen Degenklinge sieben Wunden bei, an denen sie nach wenigen Minuten ihren Geist aufgab.

Das vordergründige Motiv für diese Tat ist Eifersucht und verschmähte Liebe. Wären da nicht noch die Stimmen, die Woyzeck vorgab zu hören: Stimmen, die ihn hänselten und bedrohten.

Der Fall "Woyzeck" hat jedenfalls die Gemüter immer wieder bewegt: Zunächst interessierten sich die Gerichts-Mediziner dafür, ob Woyzeck vielleicht als unzurechnungsfähig einzustufen sei, wenige Jahre später dann formte der Dramatiker Georg Büchner aus den Gerichtsprotokollen eine Anklage gegen die sozialen Zustände und gegen die Unmenschlichkeit des Kasernen-Milieus, und nach dem Ersten Weltkrieg schließlich schuf der Komponist Alban Berg aus diesem Theaterfragment eine abendfüllende Oper.

Die erste Szene, in der sich der Hauptmann von Woyzeck rasieren läßt und dabei philosophische Plattitüden von sich gibt, diese Szene ist zwar nicht historisch verbürgt, aber sie charakterisiert treffend die intellektuelle Hochnäsigkeit des Hauptmanns und die trostlose Situation, in der Woyzeck sich befindet. Man wundert sich eigentlich nur, daß Woyzeck beim Rasieren nicht die Geduld verliert und seinem Vorgesetzten an die Gurgel geht.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Alban Berg
Werk-Titel: Wozzeck
Auswahl: 1. Akt – Szene I (Zimmer des Hauptmanns). <CD 1, Track 1-1.> 8:15
Interpreten: Albert Weikenmeier (Hauptmann)
Walter Berry (Wozzeck)
Orchestre de Théâtre National de l'Opéra Paris
Ltg.: Pierre Boulez.
Label: CBS (LC ____)
58 DC 333/334
<CD 1, Track 1-1.> Gesamt-Zeit: 8:15
Archiv-Nummer: ____