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Justitia musicale

Anklagen und Gerichtsszenen auf der Opernbühne

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 24.3.1986 – "ARD-Nachtkonzert")

Gerichtsszenen – wer denkt da nicht an die beklommene Atmosphäre in schlecht gelüfteten und staubigen Verhandlungssälen, an bedrohliche Berge von Akten, hinter denen sich Staatsanwälte, Verteidiger und Richter verschanzt haben und nun nach etwas suchen, das wie Recht aussieht? Für den normal Sterblichen ist die Rechtsprechung ein gefährlicher, undurchdringlicher Dschungel aus verwirrenden und mißverständlichen Paragraphen. Und nicht ohne Grund haftet der modernen Justiz der Ruch des Bedrohlichen an, gleicht doch diese Behörde einer riesigen gefühllosen Maschinerie, die – einmal in Bewegung gesetzt – nur noch ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen scheint und nicht mehr zu stoppen ist.

Gerichtsszenen in der Oper – diese Verbindung von unerfreulicher Alltagswelt und feinsinnigem Kulturgenuß mag manchen Opernliebhaber in Verwunderung setzen: Wird da nicht kostbares musikalisches Material an eine trockene, papierne Materie verschwendet, an ein Sujet, das sich jeglicher gefühlvoll melodischen Ausgestaltung widersetzt?

Aber vielleicht hat die Komponisten gerade das gereizt: den leidenschaftlichen Kampf des Einzelnen gegen die Macht einer anonymen Institution. Und häufig genug vermitteln erst jene Szenen, die über Leben und Tod des Helden entscheiden, ein Gefühl von Authentizität; sie erst schaffen das historische Kolorit, die realistische Folie, vor der das individuelle Schicksal in seiner ganzen Tragik und Trostlosigkeit nachvollziehbar wird.

So hat der englische Komponist Benjamin Britten in dem Prozeß gegen Peter Grimes schlaglichtartig, ohne großes Opernpathos das gefährliche und mühselige Leben der Küstenfischer eingefangen. Peter Grimes, ein jähzorniger und unbeliebter Seemann, muß sich vor einem Untersuchungsgericht verantworten, weil sein Schiffsjunge auf hoher See umgekommen ist. Aber nicht nur gegen die Anschuldigung des Mordes muß Peter Grimes sich wehren; was ihm zusetzt und seinen Zorn erregt, ist vor allem die Sensationsgier der Dorfbewohner und ihre Verachtung, die er während der Verhandlung zu spüren bekommt.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Benjamin Britten
Werk-Titel: Peter Grimes
Auswahl: Prolog: Gerichtsszene
"Peter Grimes, wir sind hier, um die Umstände des Todes Eures Lehrjungen zu untersuchen"
<Track __.> 7:10
Interpreten: Richard Allan (Hobson)
Jon Vickers (Peter Grimes)
Forbes Robinson (Swaillow)
Patricia Payne (Mrs. Sedley)
Chor und Orchester des Königlichen Opernhauses Covent Garden London
Ltg: Colin Davis
Label: Dec (LC 0305)
95 005 23/25
<Track __.> Gesamt-Zeit: 7:10
Archiv-Nummer: ____

Nicht immer geht es in Gerichtsverhandlungen so prosaisch-nüchtern zu wie in dem Prozeß gegen Peter Grimes. Es gab eine Zeit, da galten die Tage, an denen in den Städten Recht gesprochen wurde, als Volksfest. Rechtsfindung, Verurteilung und Strafvollzug fanden in aller Öffentlichkeit statt. Man versammelte sich auf dem Marktflecken, um bloß ja nichts von den hochnotpeinlichen Verhören und dem Urteilsspruch zu versäumen; man höhnte den Angeklagten und piesackte ihn, noch bevor seine Schuld erwiesen war. Für die Bevölkerung besaß die Rechtsprechung regelrecht einen Unterhaltungswert - dazu noch mit moralischem Anspruch: Wer gegen die Gesetze der Gemeinschaft verstieß, wurde auch von der Gemeinschaft, oder doch zumindest vor deren Augen bestraft. Es war eine grausame Zeit, in der das Teeren und Federn als richterlich sanktioniertes Volksvergnügen galt, und Hinrichtungen und schwere körperliche Züchtigungen selbst für geringfügige Vergehen nichts Ungewöhnliches waren.

Aber nicht nur die Rechtsprechung war grausam. Die mittelalterlichen Recken, ob gut oder böse, hatten in ihrer Jugend nichts anderes gelernt, als sich mit dem Schwert in der Hand durchs Leben zu schlagen. Und so hieb man denn wahllos aufeinander – und meist auch auf die wehrlosen Bauern; man vernichtete sich gegenseitig die Ernten, erpreßte von seinen Feinden Lösegelder, um die Gefangenen dann anschließend doch zu ermorden.

Immer wieder versuchten die Reichsfürsten, diese Privatfehden mit harten Strafen zu belegen. Aber was nutzte die Androhung von Acht und Bann, wenn der Arm des Gesetzes nicht weit genug reichte. Indes mußte sich ausgerechnet Dalibor, der edle Ritter und spätere Nationalheld der Tschechen, vor Gericht verantworten, weil er den Reichsfrieden gebrochen und seinen Todfeind, den Grafen von Drahonice, getötet hatte. Daß nicht er, sondern sein Gegner mit dem Streit angefangen hatte, interessierte die Richter wenig; denn was Recht war, bestimmte König Vladislav von Böhmen, und der war Dalibor nicht wohl gesonnen. Dalibor wurde verurteilt – als Aufrührer und Hochverräter zu lebenslangem Kerker.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Bedrich Smetana
Werk-Titel: Dalibor
Auswahl: 1. Akt: Auftritt des Dalibor
"Welche Erscheinung!"
<Track __.> 10:00
Interpreten: Vilém Pribyl (Dalibor)
Nadejda Kniplová (Milada)
Jindrich Jindrak (König)
Dalibor Jedlicka (Richter)
Chor und Orchester des Nationaltheaters Prag
Ltg.: Jaroslav Krombholc
Label: Supraphon (LC ____)
SUA 10972
<Track __.> Gesamt-Zeit: 10:00
Archiv-Nummer: ____

Daß das Recht auf der Seite des Mächtigen ist, sollte auch Mozarts Figaro anläßlich seiner Hochzeit zu spüren bekommen zumindest hätte Graf Almaviva es gerne so gesehen. Indes – am Vorabend der Französischen Revolution will nichts mehr so laufen, wie es der Graf sich wünscht. Die ganze Oper hindurch wird sein ersehntes Schäferstündchen mit Susanna, der Braut Figaros, durchkreuzt: Zuerst stolpert er alle naslang über den Pagen Cherubino, der dem liebestollen Grafen Konkurrenz macht und sich in sämtliche Frauen des Schlosses verliebt hat; dann sträubt sich die züchtige Susanna; und zu guter Letzt steht Almaviva bei seiner Gemahlin vor verschlossenen Türen und befürchtet, nun selbst von seiner Frau betrogen worden zu sein.

Nach all den Zwischenfällen scheint es nur noch eine Chance zu geben, das nächtliche Tête-à-tête zu erzwingen: Vor Jahren hatte Figaro gegen ein beträchtliches Darlehen einen Ehevertrag mit der alten Marcellina geschlossen, und wenn Susanna sich nicht endlich gefügig zeigte, dann war es an der Zeit, daß dieser Vertrag eingelöst wurde. Die Advokaten hatte der Graf zur Hand, und die alte Marcellina wünschte sich eh' nichts sehnlicher als den jungen Figaro an ihrer Seite.

In diesem Gefühl seines sicheren Sieges muß Almaviva hören, wie Susanna ihrem Figaro zuflüstert, der Prozeß sei schon gewonnen. In dem Grafen erwacht der alte Standesdünkel. Als aufgeklärter Landesfürst hat er zwar offiziell die Leibeigenschaft und sein Vorrecht auf die Brautnacht aufgehoben, aber noch immer bedürfen Susanna und Figaro seiner Einwilligung zur Heirat – und die war er nun nicht mehr gewillt zu geben.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Die Hochzeit des Figaro
Auswahl: 3. Akt:Rezitativ und Arie des Grafen
"Den Prozeß schon gewonnen" –
"Ich soll ein Glück entbehren"
<Track __.> 5:15
Interpreten: José van Dam (Almaviva)
Wiener Philharmoniker
Ltg.: Herbert von Karajan
Label: Tel (LC 0171)
6.35430
<Track __.> Gesamt-Zeit: 5:15
Archiv-Nummer: ____

1789, drei Jahre nach der Uraufführung von Figaros Hochzeit brach in Frankreich die Revolution aus. Was bei Mozart in ironischer Form auf die Bühne gebracht worden war, das anmaßende, selbstherrliche Verhalten des Adels, wurde zum Anlaß für den Sturm auf die Bastille: Das französische Volk forderte die Abschaffung sämtlicher Adelsprivilegien und die Gleichbehandlung aller Bürger.

"Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" lautete der Schlachtruf – die "Gerechtigkeit" auf die Fahne der Revolution zu schreiben, hatte man wohlweißlich vergessen. Aber die hehren Ideale galten eh' nur für die Freunde und Gesinnungsgenossen der neuen Machthaber, der Herren Robespierre, Marat und Danton. Wer nicht ihrer Meinung war oder in den Teufelskreis der Machtintrigen und Privatfehden geriet, dem wurde in den Revolutionstribunalen kurzer Prozeß gemacht. Und so mancher Republikaner beendete sein Leben unter dem Fallbeil der Guillotine, nur weil noch irgendeine alte unbeglichene Rechnung offenstand.

Am 25. Juli 1794 wurde auch der junge Dichter André Chénier des Hochverrates angeklagt. Nicht, daß er je daran gedacht hatte, sein Vaterland zu verraten; Chénier war überzeugter Patriot und Republikaner; nur – er hatte das Pech, dieselbe Frau zu lieben wie sein Gegenspieler Gerard, der vom Lakaien zu einem der führenden Köpfe der Revolution avanciert war.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Umberto Giordano
Werk-Titel: Andrea Chenier
Auswahl: 3. Bild: Szene vor dem Revolutionstribunal
"Mamma Cadet! Presso alla sbarra, qui!" –
"Si, fui soldato."
<Track __.> 8:30
Interpreten: Luciano Pavarotti (Andrea Chénier)
Leo Nucci (Gerard)
Giorgio Tadeo (Mathieu)
Montserrat Caballé (Maddalena)
Ralph Hamer (Dumas)
Neil Howlett (Fouquier-Tinville)
Chor der Welch National Opera
National Philharmonnic Orchestra
Ltg.: Riccardo Chailly
Label: ____ (LC 0171)
6.35622
<Track __.> Gesamt-Zeit: 8:30
Archiv-Nummer: ____

Wenige Jahre nach dem Sturm auf die Bastille fraß die Französische Revolution ihre Kinder: 1793 wurde der Jakobiner Marat meuchlings im Bad erstochen, am 5. April 1794 ließ der allgewaltige Robespierre seinen ehemaligen Justizminister Danton verhaften und hinrichten, aber schon wenige Monate darauf – genau zwei Tage nach der Hinrichtung André Chéniers – mußte Robespierre selbst den Gang zur Guillotine antreten.

Der Prozeß gegen Danton war ein reiner Schauprozeß, von Robespierre inszeniert, um seine Gegner einzuschüchtern. Aber Danton zumindest wie er von Georg Büchner und Gottfried von Einem dramatisiert wurde – ist der Revolution mitsamt ihren Greueltaten überdrüssig geworden. Es sind jedoch keine moralischen oder ideologischen Gründe, die Danton resignieren lassen, es ist ganz einfach der

Ekel vor dem Leid, das mit dem menschlichen Dasein unlösbar verbunden ist, der Ekel vor dem unausweichbaren, tragischen Zwang des Menschen, Schmerzen erleiden und zufügen zu müssen.

Nur ein einziges Mal blitzt noch seine virile, unbändige Kraft auf, als er vor dem Revolutionstribunal seine flammende, leidenschaftliche Verteidungsrede hält, die immer wieder von den Zwischenrufen des Pöbels unterbrochen wird.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Gottfried von Einem
Werk-Titel: Dantons Tod
Auswahl: 5. Bild: Szene vor dem Revolutionstribunal
"Ihr Name, Bürger?" – "Die Revolution nennt meinen Namen"
<Track __.> 12:00
Interpreten: Theo Adam (Danton)
Kurt Rydl (Herrmann)
Helmur Berger-Tuna (Saint Just)
ORF-Symphonie-Orchester
Ltg.: Lothar Zagrosek
Label: Orfeo (LC 8175)
S 102 842 A
<Track __.> Gesamt-Zeit: 12:00
Archiv-Nummer: ____