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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Samiel, Dracula und Co.

Gruselszenen in der Oper

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Westdeutschen Rundfunk, Köln
(Sendung: 21.5.1988 – "Musik vom Kommentar begleitet")

Exposé

Merkwürdiges Getier fliegt durch die Lüfte; Menschen werden beim Abendessen von der Erde verschlungen; Erscheinungen tauchen auf und sagen die Zukunft voraus; Tote saugen den Lebenden das Blut aus den Adern – das alles sind keine Zutaten aus dem neuesten Horror-Film "made in Hollywood", sondern ganz "normale" Ereignisse in Opern des vorigen Jahrhunderts. Die Gruselszenen reichen vom flammenden Inferno bei Mozart bis hin zu Benjamin Brittens subtilem Psycho-Thriller, bei dem am Ende niemand so genau weiß, was nun Wirklichkeit und was krankhafte Einbildung ist.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Carl Maria von Weber
Werk-Titel: Der Freischütz
Auswahl: 2. Akt (Ende): Szene in der Wolfsschlucht
"Eins! Zwei! Drei!"
<Track __.> 3:30
Interpreten: Theo Adam (Kaspar)
Peter Schreier (Max)
Gerhard Paul (Samiel)
Rundfunkchor Leipzig
Staatskapelle Dresden
Ltg.: Carlos Kleiber.
Label: DGG (LC ____)
Nummer
<Track __.> Gesamt-Zeit: 3:30
Archiv-Nummer: ____

Vielleicht meinen Sie ja, verehrte Zuhörer, daß es gruseliger nun nicht mehr werden kann als mit der Wolfsschlucht-Szene aus Webers Freischütz. Aber warten Sie einmal ab, was sich die Opernkomponisten im letzten, und auch noch in diesem Jahrhundert alles haben einfallen lassen, damit dem Publikum das Blut in den Adern gefriert. Doch weil's dazugehört, seien zunächst die Verantwortlichen des Wolfsschlucht-Spektakels genannt: Theo Adam als Kaspar, Peter Schreier als der brave Max, Gerhard Paul sprach die Rolle des schwarzen Jägers Samiel; das wilde Heer des Leipziger RundfunkChores und der Staatskapelle Dresden zügelte Carlos Kleiber.

Der Freischütz: ein deutsches Opernmärchen, Inbegriff der Wald- und Wiesenromantik und der Jungfernkränze aus himmelblauer Seide; eine Herausforderung aber auch an die Bühnenmaschinerie – wenigstens damals, zur Zeit der Uraufführung im Jahre 1821. Was Webers Biograph Julius Kapp über die Generalprobe zu berichten weiß, würde auch heute noch jedem Regisseur das Fürchten lehren:

Die Generalprobe ließ sich wenig verheißungsvoll an. Der technische Apparat versagte vollkommen, vor allem in der gefährlichen WolfsschluchtSzene. Die riesenhafte Eule, die ihre Flügel bewegen sollte, konnte den einen nicht von der Stelle bringen; die leuchtenden Augen des düsteren Nachtvogels sahen aus wie ein paar klägliche Straßenlaternen; und der Feuerwagen war so schlecht gebaut, daß das Feuerwerk gänzlich ausblieb und ein leeres Rad mit allerlei Anhängseln in albernster Weise über die Bühne rollte. Die wilde Jagd, die sich aus dem beim Kugelgießen aufsteigenden Rauch entwickeln sollte, blieb unsichtbar; und zu allem Überfluß rief Kaspar im Eifer seine unheilvolle "Sieben" noch zu früh, so daß die ganze Schlußwirkung des teuflischen Chores verpuffte.

Die Premiere glückte dann umso besser, und tags drauf war der Freischütz. in aller Munde: Die Zimmermädchen trällerten den Jungfernkranz, die Männerchöre erweiterten ihr Sanges-Repertoire mit dem Jägerchor, und die Opernkomponisten versuchten sich fortan – ungeachtet der bühnentechnischen Schwierigkeiten – an nächtlichen Gruselszenen nach Art der Wolfsschlucht.

Mit dem Freischütz hatte Carl Maria von Weber den Geschmack seiner Zeit voll getroffen. Man war sie inzwischen leid -die großen heroischen Gestalten der Opera seria, die die Bühne bevölkerten und sich moralisch gaben. Man wollte endlich was für's deutsche Gemüt. Und so streifte man durch die Wälder und Auen und delektierte sich an Höllenzauber und Spukgeschichten, obwohl (oder vielleicht gerade, weil) man den Aberglauben und die Hexenverbrennungen dank der Aufklärung des späten 18. Jahrhunderts weit hinter sich gelassen hatte.

Aber war der Glaube an all die unheimlichen nächtlichen Vorkommnisse, an Hexen, Werwölfe und Wiedergänger – war der Glaube an diese Dinge wirklich verschwunden? – Die Lexika des frühen 19. Jahrhunderts jedenfalls beschäftigen sich noch ausführlich mit den Berichten von blutsaugenden Toten, die im fernen Ungarn angeblich ihr Unwesen trieben, wie man sie aufgespürt und dem Fluch ein Ende gemacht habe. Und dies fünfzig Jahre, nachdem der scharfzüngige Voltaire schon Hohn und Spott über derartige Ammenmärchen gegossen hatte:

Es wird gesagt, Vampire seien Tote, die nachts ihre Grabstätte mit dem Vorsatz verlassen, den Lebenden das Blut aus der Kehle oder aus dem Bauch zu saugen. Die ausgesaugten Lebenden magern ab, werden bleicher und leiden an Schwindsucht, während die toten Sauger immer fetter werden und im Gesicht einen sehr gesunden rosigen Teint bekommen. Die Schwierigkeit der Theologen war, herauszufinden, ob nun die Seele oder der Körper des Toten die Nahrung zu sich nimmt. Die geistlichen Herren haben schließlich entschieden, daß sowohl das eine als auch das andere in Frage kommt. Delikatessen und weniger nahrhafte Speisen wie Baiser, Schlagsahne und kandierte Früchte sind für die Seele, die blutigen Rostbeefs indes für den Körper. – Aber seltsam: Anscheinend bevölkern diese blutsaugenden Bestien nur die östlichen Teile Europas. Man will sie in Polen, Ungarn, Schlesien, Mähren und Österreich gesehen haben, aber in London oder Paris ist noch nie ein solcher Vampir aufgetaucht. Allerdings will ich gestehen, daß es in diesen beiden Städten Börsenspekulanten, Händler und Geschäftsleute gibt, die eine Menge Blut aus der Bevölkerung heraussaugen, – Aber diese Herren sind weiß Gott nicht tot und wohnen auch nicht auf Friedhöfen, sondern in weitaus angenehmeren Palästen.

Soweit der lästerliche Voltaire in seinem philosophischen Wörterbuch von 1764. – Doch kehren wir zurück ins 19. Jahrhundert, zur Oper. Der Vampir, wie Webers Zeitgenosse Heinrich Marschner ihn schildert, ist kein gemeiner Börsenspekulant, sondern – wie es sich gehört – ein veritabler Adliger aus dem schottischen Hochland, ein gewisser Lord Ruthven, der es auf die heiratsfähigen Töchter der Umgebung abgesehen hat. Daß dies auf die Dauer nicht gutgehen kann, weil die Töchter dabei Schaden leiden, davon handelt die folgende Szene.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Heinrich Marschner
Werk-Titel: Der Vampyr
Auswahl: 1. Akt, 4. Szene
"Wo kann sie sein?"
<Track __.> 7:00
Interpreten: Wolfgang Lenz (Sir Berkley)
Galina Piasenko Janthe)
Siegmund Nimsgern (Lord Ruthven)
Chor und Sinfonieorchester der RAI
Ltg.: Günter Neuhold
Label: Fonit Cetra (LC ____)
LMA 3005
<Track __.> Gesamt-Zeit: 7:00
Archiv-Nummer: ____

Ein Nachtrag aus der Allgemeinen deutschen Real-Enzyklopädie für die gebildeten Stände von 1831:

Vampire: die größte Gattung der Fledermäuse. Sie nähren sich von Früchten, fallen aber auch Tiere und selbst schlafende Menschen an. Sie fliegen in die Zimmer, lecken mit ihrer Zunge die entblößten Füße, bis sie wund werden und saugen dann das Blut aus. Daher sie auch Blutsauger genennet werden. Der Schrecken soll jedoch größer sein als der Schaden, den sie anrichten.

Dies nur zur Ehrenrettung jener unschuldigen Tierchen, die mittlerweile vom Aussterben bedroht sind.

Aber bleiben wir im Bereich des Unheimlichen, bei den Geschichten von lebenden Toten, von Vampiren, Hexen und Gespenstern. Ob all die übernatürlichen Phänomene, die sich die Menschen seit alters her erzählen, eine reale Ursache haben, oder ob sie nur der überspannten Phantasie entspringen – wer wagt das mit letzter Sicherheit zu entscheiden. So läßt denn auch der englische Komponist Benjamin Britten in seiner 1954 entstandenen Grusel-Oper The Turn of the Screw es ganz bewußt in der Schwebe, was es mit den seltsamen Vorgängen auf sich hat, die sich auf dem idyllischen Landsitz Bly abspielen: Da erscheinen der betulichen Gouvernante, der man die beiden Kinder Miles und Flora anvertraut hat, am Ufer des Sees der tote Hausangestellte Peter Quint und seine Geliebte Miss Jessel, die einst aus Liebeskummer ins Wasser gegangen ist. Und mit einem Male zeigen auch die beiden Kinder befremdliche Verhaltensweisen: Sie fangen an zu schlafwandeln und wollen vor ihrer Erzieherin offensichtlich etwas verbergen.

So undurchsichtig wie die Vorkommnisse auf dem Landsitz Bly ist auch der Titel der Oper: The Turn of the Screw, zu deutsch etwa: "Die Drehung der Schraube". Angespielt wird wohl auf die Zwangsläufigkeit, mit der sich hier die gespenstischen Ereignisse entwickeln und unausweichlich einer Katastrophe zutreiben.

Was Realität und was Einbildung ist, läßt sich schon bald kaum mehr voneinander unterscheiden. Die Fantasien und Ängste der Gouvernante vermischen sich mit alltäglichen Gegebenheiten und Kinderstreichen zu einer dämonischen Welt. Alles scheint sich auf Bly gegen sie zu verschwören; sie fühlt sich von den Erscheinungen der beiden Toten bedroht – sich und mehr noch die Kinder Miles und Flora. Als ihr Verdacht, daß die Toten von den Kindern Besitz ergreifen wollen, immer stärker wird, versucht sie schließlich in letzter Verzweiflung, ihre Seelen durch ein exorzistisches Verhör vor dem Verderben zu retten – mit dem Ergebnis, daß der junge Miles erschöpft zusammenbricht und stirbt.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Benjamin Britten
Werk-Titel: The Turn of the Screw
Auswahl: Orchester-Variation Nr. 15; Szene 8
"Mrs. Grose!" – "O Miss, you were quite right"
<Track __.> 11:35
Interpreten: Jennifer Vyvyan (Gouvernante)
Joan Cross (Mrs. Grose)
David Hemmings (Miles)
Peter Pears (Quint)
The English Opera Group Orchestra
Ltg.: Benjamin Britten
Label: Decca (LC ____)
GOM 560-1
<Track __.> Gesamt-Zeit: 11:35
Archiv-Nummer: ____

Daß es unausweichlich in einer Katastrophe endet, wenn man sich mit der Welt der Geister einläßt, mußte auch Macbeth erfahren. Macbeth, der hoch angesehene schottische Edelmann, Herr über die Grafschaften Glamis und Cawdor – Macbeth wurde zum Königsmörder, nur weil er den Prophezeihungen einiger Nachtgestalten Glauben schenkte. Aber wer waren diese Hexen, die so folgenreich in sein Leben eingriffen. Waren es wirklich dämonische Wesen, die umherschweiften, um Schaden, Unheil und Verderben zu stiften? oder waren es bloße Kopfgeburten eines von krankhaftem Ehrgeiz Getriebenen? – Die Shakespeare-Forscher sind sich bis heute noch nicht einig. Immerhin – es spricht einiges für die These, daß

Macbeth diese Höllenbrühe, aus der dann jene schicksalsträchtigen Erscheinungen aufgestiegen sind, selbst in seinem Herzen zussammengebraut hat; und daß die Zutaten zu dieser Brühe seine bösen Leidenschaften und sündhaften Hoffnungen waren.

Aber irgendwann im Laufe der Zeit – als es längst zu spät war – sind Macbeth doch noch Skrupel und Bedenken gekommen, wie das nun alles weitergehen sollte. Und dies war der Zeitpunkt, da er sich zu fürchten begann: vor einem Gegner, den kein Weib gebar; und vor dem Augenblick, da der Wald von Birnam gegen seine Burg Dunsinan anrückte. Unsinnige Ängste, möchte man meinen – und doch sollten auch diese Prophezeihungen, wie alles vorherige, in Erfüllung gehen.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Giuseppe Verdi
Werk-Titel: Macbeth
Auswahl: 3. Akt: Hexen-Szene
"Finché appelli, silenti m'attendete."
<Track __.> 13:15
Interpreten: Renato Bruson (Macbeth)
Andreas Schmidt
Ralph Leopold Neubert (Erscheinungen)
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
Ltg.: Giuseppe Sinopoli
Label: Phil (LC ____)
412 133-2
<Track __.> Gesamt-Zeit: 13:15
Archiv-Nummer: ____

Unangenehm, wenn die Geister, die man rief, auch wirklich erscheinen; schlimmer noch, wenn sie dann alte Rechnungen präsentieren und auf Begleichung drängen. Als Don Giovanni im Übermut die Statue des von ihm ermordeten Komturs zum Nachtmal einlud, konnte er schwerlich ahnen, welche Folgen das haben würde. Immerhin – anders als sein Diener Leporello, der sich ängstlich in den hintersten Winkel verkriecht, empfängt Don Giovanni den steinernen Gast mit der einem spanischen Edelmann angemessenen Grandezza – von Furcht und Entsetzen keine Spur.

Das eigentliche Ende dann von Mozarts Oper hat schon viele Dirigenten und Regisseure in Verwirrung gestürzt: Da tauchen, kaum ist Don Giovanni von den lodernden Flammen verschlungen worden, die übrigen Akteure auf der Bühne auf und verkünden im heitersten D-Dur die Moral von der Geschichte: "Also stirbt, wer Böses tat!" Von dem wohligen Schaudern und dem Entsetzen über Don Giovannis Höllenfahrt bleibt da wenig übrig; und so hat man denn (vor allem im letzten Jahrhundert) das anschließende Ensemble-Finale um des gruseligen Effektes willen in vielen Inszenierungen ganz einfach gekappt. Was Mozart dazu gesagt hätte? – Immerhin hatte er seinen Don Giovanni ausdrücklich als "dramma giocoso" betitelt, als "heiteres Drama" also. Doch das wollte damals niemand so genau wissen, weil es so überhaupt nicht zu dem vermeintlich dämonischen Charakter dieser Oper paßte. Hören auch Sie jetzt ganz im Sinne des romantischen Jahrhunderts zum Abschluß die Erscheinung des Steinernen Gastes und Don Giovannis Höllenfahrt ohne das anschließende Final-Ensemble.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Don Giovanni
Auswahl: 2. Akt, Szene 15:
"Don Giovanni, a cenar teco m'invitasti."
<Track __.> 7:35
Interpreten: John Macurdy (Komtur)
Ruggero Raimondi (Don Giovanni)
José van Dam (Leporello)
Orchester des Théâtre National de l'Opéra, Paris
Ltg.: Lorin Maazel
Label: CBS (LC ____)
M3K 35 192
<Track __.> Gesamt-Zeit: 7:35
Archiv-Nummer: ____