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KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

"Treulich geführt ..."
Hochzeitsszenen auf der Opernbühne.

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln

Musik-Nr.: 01
Komponist: Carl Maria von Weber
Werk-Titel: Der Freischütz
Auswahl: 3. Akt, 4. Szene:
"Wie winden dir den Jungfernkranz" (Nr. 14)
<CD 2, Track 8.> 2:47
Interpreten: Rundfunkchor Leipzig
Staatskapelle Dresden
Ltg.: Carlos Kleiber
Label: DGG (LC 0173)
415 432
<CD 2, Track 8.> Gesamt-Zeit: 2:47
Archiv-Nummer: ____
Technik: ausblenden bis <CD 2, Track 8.> 2:47

Heinrich Heine am 16. März 1822 aus Berlin:

Haben Sie noch nicht Carl Maria von Weber Jungfernkranz gehört? – Nein? Sie unglücklicher Mensch! – Aber Sie haben doch sicherlich aus dieser Oper schon das Lied der Brautjungfern gehört? – Nicht? Welch glücklicher Mann!

Wenn Sie vom Hallischen Tore nach dem Oranienburger Tor gehen, oder vom Brandenburger nach dem Königs-Tor, ja selbst wenn Sie vom Unterbaum nach dem Köpenicker Tor gehen, hören Sie derzeit immer und ewig dieselbe Melodie, das Lied aller Lieder – den
Jungfernkranz.

Bin ich mit noch so guter Laune des Morgens auf gestanden, so wird doch gleich alle meine Heiterkeit fortgeärgert, wenn schon früh die Schuljugend, den Jungfernkranz zwitschernd, an meinem Fenster vorbeizieht. Es dauert keine Stunde, und die Tochter meiner Wirtin steht auf mit ihrem Jungfernkranz. Ich höre meinen Barbier den Jungfernkranz die Treppe heraufsingen, die kleine Wäscherin kommt "mit Lavendel, Myrth' und Thymian". So gehts den ganzen Tag fort. Mein Kopf dröhnt, aber sie winden in einem fort "aus veilchenblauer Seide" ihren Jungfernkranz, und winden und winden, bis ich selbst vor unsäglichen Qualen wie ein Wurm mich winde, bis mich die Verzweiflung packt und ich vor Seelenangst ausrufe: "Samiel hilf!"

Armer Heinrich Heine! – In der Tat: Der Freischütz (oder wie die Oper ursprünglich heißen sollte: Die Jägersbraut) hatte einen nachhaltigen Einfluß auf das deutsche Musikleben. Während die jungen Mädchen ihren Jungfernkranz wanden und darauf hofften, es käme auch ihnen bald "ein schlanker Bursch' gegangen", zogen die vaterländischen Vereine, den Jägerchor auf den Lippen, durch Deutschlands Wälder und Auen. Selbst in den Wirtshäusern beim Kartenspiel konnte man des öfteren ein erschrecktes "Samiel hilf!" vernehmen. Der Freischütz war in aller Munde. Der Dorflehrer zupfte die Ouvertüre auf seiner Gitarre, auf dem Harmonium waberte der Familienvater sonntags die Wolfsschlucht-Szene; die Leierkastenmänner, die Straßengeiger, die Blaskapellen – irgendeine Melodie aus dem Freischütz, die man intonieren konnte, fand sich immer. Es war gleichsam die Geburts-Stunde des musikalischen Kitsches!

Eine Entwicklung, die auch vor dem Kirchenportal nicht halt machte. Allerdings traf hier die Schuld nicht Carl Maria von Weber, sondern seinen Komponisten-Kollegen Richard Wagner:

Musik-Nr.: 02
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Lohengrin
Auswahl: 3. Akt, 1. Szene (Ausschnitt).
(Part. ab S. 286, 7 Takte vor 12
bis S. 298, 5 Takte nach 23)
<CD 4, Track 2.>
<CD 4, Track 3.>
<CD 4, Track 4.>
<CD 4, Track 5.>
2:03
2:21
6:09
0:10
Interpreten: Jessye Norman (Elsa)
Placido Domingo (Lohengrin)
Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker
Ltg.: Georg Solti
Label: Dec (LC 0171)
421 053
<CD 4, Track 2.3.4.5.> Gesamt-Zeit: 10:45
Archiv-Nummer: ____
Technik: einblenden bei <CD 4, Track 2.> 3:32
ausblenden bei <CD 4, Track 5.> 0:10

Woran mag es liegen, daß Hochzeiten auf der Opernbühne fast immer in einer Katastrophe enden? Lohengrin erschlägt in der Hochzeitsnacht aus Notwehr seinen Widersacher, den Grafen Friedrich von Telramund, und reist dann anderntags wieder ab – allerdings nicht wegen der rüden brabantischen Sitten, sondern weil seine Ehefrau mittlerweile doch wissen möchte, wer dieser unbekannte edle Ritter ist, mit dem sie sich da verheiratet hat.

In Webers Freischütz ging es da ja gerade noch einmal glimpflich ab: Agathe und Max werden wohl bis an ihr Lebensende in der böhmischfürstlichen Erbförsterei zusammenbleiben, aber auch hier ist am Ende des Hochzeitstages ein Toter zu beklagen der schurkische Jägerei-Gehilfe Kaspar, der von der teuflischen Freikugel getroffen vom Baum stürzt.

Zu einer wahren Familientragödie kommt es hingegen bei den Ashtons in der schottischen Grafschaft Lammermoor. Die Vorgeschichte ist – wie so häufig in Opern des 19. Jahrhunderts – ausgesprochen kompliziert: Alte Familienfehden zwischen den neureichen Ashtons und den alteingesessenen Ravenswoods spielen da eine Rolle, dubiose Geldgeschäfte und Ansprüche auf Landbesitz und den Adelstitel. In der Oper dann läuft letztlich alles darauf hinaus, daß Lucia Asthon aus familienpolitischen und finanziellen Erwägungen von ihrem Bruder gezwungen wird, einen gewissen Lord Arthur Buklaw heiraten soll – und das, obwohl sie den jungen Edgar Ravenswood liebt und sich mit ihm auch schon heimlich verlobt hat. – Der Konf likt am Hochzeitstag ist also vorprogrammiert.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Gaetano Donizetti
Werk-Titel: Lucia di Lammermoor
Auswahl: 1. Akt, 4. Szene
ab: "Ecco il tuo sposo"
<CD 2, Track 10.>
<CD 2, Track 11.>
<CD 2, Track 12.>
2:23
3:42
5:35
Interpreten: Joan Sutherland (Lucia)
Luciano Pavarotti (Edgardo)
Sherill Milnes (Enrico)
Nicolai Ghiaurov (Raimondo)
Ryland Davies (Arturo)
Chor und Orchester des Royal Opera House Covent Garden
Ltg.: Richard Bonynge
Label: Dec (LC 0171)
410 193
<CD 2, Track 10.11.12.> Gesamt-Zeit: 11:40
Archiv-Nummer: ____
Technik: Musik einblenden bei <CD 2, Track 10.> 2:03

Die Geschichte um Lucia di Lammermoor endet wieder einmal blutig. Noch in der Hochzeitsnacht erdolcht Lucia Ashton ihren frisch angetrauten Ehemann, um ihrem Geliebten Edgar nicht untreu werden zu müssen. Daraufhin verfällt sie dem Wahnsinn und stirbt wenige Stunden später. Als Edgar von dem Schicksal Lucias erfährt, stößt auch er sich einen Dolch in die Brust. Vorhang. Die Beerdigung findet im Gegensatz zur Hochzeit – unter Ausschluß des Opernpublikums im engsten Familienkreis statt.

Im Jahre 1860 berichtet der amerikanische Handels-Reisende Samuel Boyer aus Japan:

Wenn man des Junggesellendaseins hier überdrüssig ist, mietet man ein junges Mädchen und gibt ihr vier Dollar, womit sie beim japanischen Zollhaus in Yokohama eine Lizenz erwirbt, die sie berechtigt, für einen Monat meine Gefährtin zu sein. Man mietet ein Häuschen für 25 Dollar, eine Dienerin für zehn Dollar, und so genießt man für ganze 39 Dollar im Monat und ohne weitere Verpflichtungen die Annehmlichkeiten einer Ehe. Wenn das Mädchen dir gefällt, verlängerst du nach vier Wochen den Vertrag.

Es ist in Japan für ein Mädchen nicht unehrenhaft, auf diese Weise sein Geld zu verdienen. In den ärmeren Klassen ist dies ein alter Brauch, und wenn die Mädchen genug gespart haben, wird sich ihr Vermittler nach einem guten japanischen Ehemann für sie umsehen.

Was Giacomo Puccini in seiner Madame Butterfly schildert, die Ehe des amerikanischen Leutnants Benjamin Franklin Pinkerton mit der 15jährigen Chio-Chio-San, ist also nicht bloße Fiktion, sondern entsprach einer noch bis zum Ende des letzten Jahrhunderts durchaus gängigen Praxis. Eine Praxis, die die Amerikaner auch weidlich ausnutzten – mit der Überheblichkeit des zivilisierten Menschen gegenüber den Wilden (denn mehr waren die Japaner in den Augen der westlichen Welt nicht). Zuhause, in Europa und Amerika, gab man sich sittsam und anständig, hatte Frau und Kinder und drückte des Sonntags als ehrbarer Bürger die Kirchenbank. – In Japan aber konnte "Mann" sich noch einmal so richtig gehen lassen und demonstrieren, daß der Macho abendländischer Prägung immer noch die Krone der Schöpfung war.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Giacomo Puvvini
Werk-Titel: Madame Butterfly
Auswahl: 1. Akt, Hochzeits-Szene <CD 1, Track 10.>
<CD 1, Track 11.>
<CD 1, Track 12.>
<CD 1, Track 13.>
1:55
3:11
0:39
2:45
Interpreten: Renata Scotto (Madame Butterfly)
Placido Domingo (Pinkerton)
Ingvar Wixwell (Sharpless)
Ambrosian Opera Chorus
Philharmonia Orchestra
Ltg.: Lorin Maazel
Label: CBS (LC 0149)
M2K 35181
<CD 1, Track 10.11.12.13.> Gesamt-Zeit: 8:30
Archiv-Nummer: ____

Am 15. Dezember 1781 schrieb Wolfgang Amadeus Mozart an seinen Vater in Salzburg:

Mon très cher Père!

Heiraten! – Sie erschröcken vor diesem Gedanken? Ich bitte Sie, liebster, bester Vatter, hören Sie mich an: Die Natur spricht in mir so laut wie in jedem andern und vielleicht lauter als in manchem großen, starken Lümmel.

Aber auch mein Temperament, welches mehr zum ruhigen und häuslichen Leben geneigt ist, kann mir nichts nötigeres denken als eine Frau: Ich, der von Jugend auf niemalen gewohnt war, auf meine Sachen, was Wäsche, Kleidung etc. anbelangt, acht zu haben. Ich versichere Sie, was ich nicht Unnützes öfters ausgebe, weil ich auf nichts acht habe. Ich bin sicher, daß ich mit einer Frau besser auskommen werde als so. Wie viele unnütze Ausgaben fallen nicht weg! – Man bekommt wieder andere dafür, das ist wahr; allein: Man führt ein ordentliches Leben. Ein lediger Mensch lebt in meinen Augen nur halb. Ich hab' es genug überlegt und bedacht.

Doch ich muß Sie noch näher mit dem Charakter meiner lieben Constanze bekannt machen: Sie ist nicht häßlich, aber auch nichts weniger als schön. Ihre ganze Schönheit besteht in zwei kleinen schwarzen Augen und in einem schönen Wachstum. Sie hat keinen Witz, aber gesunden Menschenverstand genug, um ihre Pflichten als eine Frau und Mutter erfüllen zu können. Sie ist nicht zum Aufwand geneigt – im Gegenteil; denn das meiste, was ein Frauenzimmer braucht, kann sie sich selbst machen. Und sie frisiert sich auch alle Tage selbst, versteht die Hauswirtschaft – und hat das beste Herz von der Welt. – Ich liebe sie, und sie liebt mich von Herzen! – Sagen Sie mir, ob ich mir eine bessere Frau wünschen könnte?

Leopold Mozart hätte sich schon etwas Besseres vorstellen können. Aber sein Sohn hörte ja eh' nicht mehr auf ihn. Der war in Wien über beide Ohren verliebt und blühte regelrecht auf – wenn ihn nicht gerade wieder einmal die Eifersucht packte. Ob zu Recht oder Unrecht, wer will das heute noch beurteilen?

Liebste, beste Freundin!

Diesen Namen werden Sie mir ja doch noch wohl erlauben? So werden Sie mich ja doch nicht hassen, daß ich nicht mehr Ihr Freund sein darf? Ich liebe Sie zu sehr und bitte Sie also, die Ursache unseres Zerwürfnisses noch einmal zu überlegen und zu bedenken, daß Sie sich von einem Manne haben die Waden messen lassen. Das tut kein Frauenzimmer, welches auf Ehre hält!

Haben Sie denn nicht bedacht, daß Sie eine versprochene Braut sind? Wenn Sie schon dem Gelüst, bei derartigen Pfänderspielen mitzumachen, nicht widerstehen konnten, so hätten Sie in Gottes Namen selbst das Band nehmen und sich die Waden messen können – aber doch nicht von einem Fremden!

Doch das ist vorbei, wenn Sie mir das Gefühl geben, daß ich heute noch ruhig werde sagen können, die Konstanze ist die tugendhafte, ehrliebende, vernünftige und getreue Geliebte des rechtschaffenen und für Sie wohldenkenden Mozart.

Am 4. August 1782 dann findet in aller Stille im Stephansdom die Vermählung statt – ohne Zwischenfälle und Eifersuchtsszenen, etwa weil ein dahergelaufener Edelmann noch während des Hochzeitsfestes der Braut die Augen verdreht und den Ehemann als dummen Tölpel dastehen läßt. Unwahrscheinlich? Immerhin hat Mozart genau das in seinem Don Giovanni thematisiert. Doch seltsamerweise konzentrieren sich da alle seine Sympathien auf den Übeltäter Don Giovanni. Für den armen Masetto indes hat er nichts als Hohn und Spott übrig.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Don Giovanni
Auswahl: 1. Akt, 8. Szene:
Rezitativ – Arie des Masetto (Nr. 6)
Rezitativ – Duettino Don Giovanni/Zerlina (Nr. 7)
<Track __.> 9:05
Interpreten: Inga Nielsen (Zerlina)
Roland Bracht (Masetto)
Franz Grundheber (Don Giovanni)
Hans Georg Ahrens (Leporello)
Orchester der Ludwigsburger Festspiele
Ltg.: Wolfgang Gönnenwein
Label: EMI (LC 0233)
1C 155-99 810/13
<Track __.> Gesamt-Zeit: 9:05
Archiv-Nummer: ____