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Liebeskummer lohnt sich nicht?

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 16.6.1986 – "ARD-Nachtkonzert")

Liebeskummer lohnt sich nicht! – Oder doch? – Das Schicksal von Scarlett O'Hara oder von Doktor Schiwago jedenfalls läßt auch nach Jahren noch die Kinokassen klingeln, und welchen Reiz hätte eine Bibiothek ohne die großen Liebestragödien der Weltliteratur, ohne die Love-Story eines gewissen Erich Segal, ohne Romeo und Julia oder Die Leiden des jungen Werther? – Liebeskummer ist ebenso erbaulich wie amüsant – wenn man nicht gerade selbst davon betroffen ist. Aber allein den Künstlern scheint es vorbehalten, den eigenen Liebesschmerz produktiv zu nutzen und in klingende Münze umzusetzen.

Das Liebesleben der Künstler, vor allem das der Musiker ist ein unerschöpfliches Thema. Schon die Minnesänger des Mittelalters hatten ihr Burgfräulein, dem sie vergeblich Treueschwüre übermittelten, und einige Jahrhunderte später, als es kaum noch Burgen gab und der Minnesang zu einer brotlosen Kunst geworden war, übernahmen die bürgerlichen Komponisten die Rolle der mittelalterlichen Troubadoure. Kein Musiker, der nicht irgend einen Liebesschmerz zu besingen gehabt hätte!

Als besonders eindrucksvoll erweist sich in dieser Hinsicht die Biographie des romantischen Komponisten und Dichters Peter Cornelius. Mit sechs Jahren schon schwärmt Cornelius für ein Mädchen namens Maria; ihr folgen in den nächsten Jugendjahren drei weitere Marien, bis der mittlerweile 20jährige sein Herz vorläufig an eine gewisse Elise verliert. In den folgenden zwei Jahrzehnten schließen sich an: eine Verlobung mit Lina, die nach wenigen Wochen gelöst wird, sowie mehrere nicht erhörte Liebesbekenntnisse an Emmy und Anna, Fanny, Rosa und Seraphine. Erst als Peter Cornelius vierzig Jahre alt ist, nimmt sein Liebesleid ein Ende: 1865 heiratet er Bertha Jung, die Schwester eines Jugendfreundes.

Wen das Schicksal derart beutelt, von dem erwartet man allenfalls düstere, tragische Werke, sicherlich aber keine heitere Oper – zumal keine wie den Barbier von Bagdad, in dem der liebeskranke Nurredin aus Tausend und einer Nacht die Hauptrolle spielt.

Doch bevor wir die Privatsphäre verstorbener Komponisten verletzen, hören Sie nun die Liebesklage des Nurredin in einer Aufnahme mit Adalbert Kraus, dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem Münchner Rundfunkorchester unter Leitung von Heinrich Hollreiser.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Peter Cornelius
Werk-Titel: Der Barbier von Bagdad
Auswahl: 1. Aufzug: Szene Nureddin; Szene und Arie des Nureddin
"Sanfter Schlummer wiegt ihn ein" –
"So leb' ich noch?" –
"Vor Deinem Fenster die Blumen"
<Track __.> 10:50
Interpreten: Adalbert Kraus (Nureddin)
Chor des Bayerischen Rundfunks
Ltg.: Heinrich Hollreiser
Label: Ariola (LC ____)
86830 KR
<Track __.> Gesamt-Zeit: 10:50
Archiv-Nummer: ____

Aber Peter Cornelius hatte Erbarmen mit dem schmachtenden Nureddin: Am Ende wird der verliebte Jüngling seine Margiana in den Armen halten mit der Aussicht auf eine ansehnliche Mitgift.

Liebeskummer – der Geheime Staatsrat Johann Wolfgang von Goethe scheint gegen diese Krankheit immun gewesen zu sein. Zwar war auch er verschiedene Male verliebt – zuletzt noch als 74Jähriger in die gerade 19jährige Ulrike von Levetzow – aber nur selten nahmen diese Liebschaften ernstere Formen an. Meist pflegte er, bevor man ihm die Ehe-Fesseln anlegen konnte, abzureisen und seine Geliebten im Liebesschmerz zurückzulassen.

Auch in seinen literarischen Werken hat Goethe bedenkenlos das Glück der Frauen der Karriere der Männer geopfert: Gretchen endet im Kerker, damit sie die intellektuellen Höhenflüge des Doktor Faust nicht länger behindere; und selbst ein so reizendes und unschuldiges Geschöpf wie Mignon muß sterben, auf daß Wilhelm Meister den ihm vorbestimmten Weg beschreitet und seine Lehr- und Wanderjahre ordnungsgemäß absolviert.

Mitleid mit der armen Mignon zeigte erst der französische Opernkomponist Ambroise Thomas. Nach vielen Irrungen und Wirrungen darf Mignon doch noch ihren geliebten Wilhelm Meister heiraten – allerdings nur in Frankreich. Für den deutschen Geschmack komponierte Thomas vorsorglich einen tragischen Schluß, damit niemand ihm vorwerfen konnte, er habe sich mit seiner Oper an einem Nationalheiligtum versündigt. – Doch hören Sie nun die recht burschikose und unsentimentale Liebesklage der Mignon in einer Aufnahme mit Marilyn Horne und dem Philharmonia Orchestra London unter der Leitung von Antonio de Almeide.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Ambroise Thomas
Werk-Titel: Mignon
Auswahl: 2. Akt: Szene und Arie der Mignon
"Hier bin ich allein" –
"Kam ein arms Kind von fern"
<Track __.> 7:05
Interpreten: Marilyn Horne (Mignon)
Philharmonia Orchestra London
Ltg.: Antonio de Almeide
Label: ____ (LC 0149)
79 401
<Track __.> Gesamt-Zeit: 7:05
Archiv-Nummer: ____

Wolfgang Amadé Mozart an seinen Vater Leopold in Salzburg:

Wien, den 25. Juli 1781:

Mon très cher Père! Wenn ich mein Lebtag nicht aufs Heiraten gedacht habe, so ist es gewiß itzt! Gott hat mir mein Talent nicht gegeben, damit ich es an eine Frau henke und mein junges Leben in Untätigkeit dahin lebe. Ich fange erst an zu leben, und soll es mir selbst verbittern? Ich habe gewiß nichts über den Ehestand, aber dermalen wäre er für mich ein Übel.

Nun ja, mit der Wahrheit nahm es Mozart in den Briefen an seinen Vater nie so genau – schon längst hatte er ein Auge auf die 19jährige Constanze Weber geworfen. Und so heißt es denn auch ein halbes Jahr später:

Heiraten! – Liebster Vatter, Sie erschröcken vor dem Gedanken? – Aber die Natur spricht in mir so laut wie in jedem andern, und vielleicht läuter als in manchem großen, starken Lümmel. Doch muß ich Sie noch näher mit dem Charakter meiner lieben Konstanze bekannt machen: Sie ist nicht häßlich, aber auch nichts weniger als schön. ihre ganze Schönheit besteht in zwei kleinen schwarzen Augen und in einen schönen Wachstum. Sie hat keinen Witz, aber gesunden Menschenverstand genug, um ihre Pflichten als Frau und Mutter erfüllen zu können. – Ich liebe sie und sie liebt mich von Herzen! Sagen Sie mir, ob ich mir eine bessere Frau wünschen könnte? Ich küsse Ihnen Tausend Mal die Hände und bin ewig dero gehorsamster Sohn Wolfgang Amadé Mozart.

Liebeskummer mit Constanze? – Dazu hatte Mozart damals keinen Anlaß. Allenfalls kam es zu gelegentlichen kleinen Meinungsverschiedenheiten über das "schickliche Benehmen einer Dame", wenn sein "allerliebstes Stanzerl" bei einem der abendlichen Pfänderspiele wieder einmal ihre Waden vorzeigen mußte!

In diese Zeit der jungen Liebe fällt auch die Komposition der Entführung aus dem Serail: Verständlich, daß Mozart an tragischdramatischen Szenen diesmal kein allzu großes Interesse hatte; und so liegt denn über allem ein Hauch von Wohlgefallen und jugendlicher Unbekümmertheit, selbst wenn Konstanze – in den Gärten des mächtigen und großherzigen Bassa Selims lustwandelnd über die Trennung von ihrem geliebten Belmonte klagt.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Die Entführung aus dem Serail
Auswahl: 2. Akt: Rezitativ und Arie der Konstanze
"Welcher Kummer herrscht in meiner Seele" –
"Traurigkeit ward mir zum Lose"
<Track __.> 8:50
Interpreten: Lucia Popp (Konstanze)
Münchner Rundfunkorchester
Leitung. Leonard Slatkin
Label: EMI (LC 0233)
1 C 067-146 787 1
<Track __.> Gesamt-Zeit: 8:50
Archiv-Nummer: ____

Ob Mozarts Ehe glücklich war? – Seine Biographen haben jedenfalls alles getan, um der Nachwelt zu beweisen, daß Constanze dumm, leichtfertig, frivol und überdies ihrem Gatten untreu war. Aber welche Frau darf schon neben einem Genie wie Mozart bestehen, den angeblich selbst die Götter lieben!

Eine nachgewiesener Maßen unglückliche Ehe führte hingegen Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Als 37Jähriger heiratete Tschaikowsky Iwanowa Miljubkowa, eine Pianistin des Moskauer Konservatoriums. Iwanowa Miljubkowa war ein hysterisches, zumindest hochgradig sensibles Geschöpf: Wenn nur ein Mann sie ansah, fühlte sie sich unsittlich belästigt, und ständig hatte sie Angst, vergewaltigt zu werden. Indes im Laufe ihrer Ehe verloren sich diese Ängste, und es dauerte nicht lange, da fürchtete sie sich nicht mehr vor den Männern, sondern schlief mit ihnen.

Bereits drei Monate vor der Hochzeit dachte Tschaikowsky nur noch mit Grausen an seine zukünftigen Ehejahre. Und als er dann verheiratet war, plante er sogar, seine Frau zu ermorden. Aber die Skrupel waren stärker, und so stieg er, um seinem Leid auf andere Weise ein Ende zu machen, im tiefsten russischen Winter in die eiskalte Moskwa – mit dem Erfolg, daß er anschließend einige Wochen lang mit einer Erkältung das Bett hüten mußte.

Aber warum hat Tschaikowsky dieses Mädchen überhaupt geheiratet? – Weil er Mitleid mit ihr hatte: Sie erinnerte ihn an die arme Tatjana aus Puschkins Novelle Eugen Onegin, deren Liebe von dem zynischen Landjunker Onegin zurückgewiesen wurde; und er, Tschaikowsky, wollte mit dieser menschenverachtenden Romanfigur nichts gemein haben.

Immerhin aber kann Onegin am Ende, als er Tatjana mit einem anderen Mann glücklich verheiratet sieht, seinen wehmütig sentimentalen Gedanken nachhängen, was gewesen wäre, wenn er damals ...

Musik-Nr.: 04
Komponist: Peter Tschaikowsky
Werk-Titel: Eugen Onegin
Auswahl: 3. Akt: Szene und Arie des Onegin
"So komm, ich stell Dich meiner Gattin vor" –
"Es ist kein Zweifel mehr, ich liebe mit aller Glut der ersten Jünglingsliebe"
<Track __.> 3:40
Interpreten: Nicolai Ghiaurov (Fürst Gremin)
Teresa Kubiak (Tatjana)
Bernd Weikl (Eugen Onegin)
Orchester des Königlichen Opernhauses Covent Garden London
Ltg.: Georg Solti.
Label: Dec (LC ____)
6.35 260
<Track __.> Gesamt-Zeit: 3:40
Archiv-Nummer: ____

Rezepte gegen Liebeskummer? – Eine Einsiedelei vielleicht, irgendwo in den Bergen fernab der Menschheit; als Therapie hat auch Arbeiten sich bestens bewährt; und dann gibt es das weite Feld der Liebestränke, wie sie von allen Quacksalbern angeboten werden. Eine Mischung aus Rotwein und Stierblut soll angeblich Wunder wirken und eine ungeheure Anziehungskraft auf das andere Geschlecht ausüben – man muß nur daran glauben! Erfolge sind allerdings nur aus Märchen und Opern bekannt.

Hören Sie nun zum Abschluß aus Donizettis Liebestrank die Szene zwischen Adina und dem Quacksalber Ducamara sowie die Romanze des verliebten Nemorino aus dem zweiten Akt. Es singen: Lucia Popp – Adina; Bernd Weikl – Ducamara; und Peter Dvorsky – Nemorino. Es spielt das Orchester des Bayerischen Rundfunks; die Leitung hat Heinz Wallberg.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Gaetano Donizetti
Werk-Titel: Der Liebestrank
Auswahl: __ <Track __.> __:__
Interpreten: Lucia Popp (Adina)
Bernd Weikl (Ducamara)
Peter Dvorsky (Nemorino)
Orchester des Bayerischen Rundfunks
Ltg: Heinz Wallberg
Label: Orfeo (LC ____)
____
<Track __.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____