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Medea

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 3.2.1986 – "ARD-Nachtkonzert")

Sie gehört zu den schillerndsten, am wenigsten faßbaren Frauengestalten der abendländischen Literatur; sie ist die "femme fatale" der griechischen Antike, die Inkarnation des ewig Weiblichen, eine Projektion von erotischen Ängsten, wie sie nur der Phantasie der Männer entspringen kann: Sie ist hingebungsvolle Geliebte, haßerfüllte Furie und Hexe in einer Person; in ihrer Rolle als aufopfernde Mutter und Mörderin der eigenen Kinder verkörpert sie jenen uralten archaischen Mythos, der dem weiblichen Geschlecht Macht über Leben und Tod verleiht.

Die Rede ist von Medea, der zauberkundigen Tochter des Kolcherkönigs Aietes und der Unterweltsgöttin Hekate. Medea, die ihre Jugend in Unschuld verbrachte und ihre Zauberkünste nur anwandte, um Unheil abzuwenden, lernt mit einem Male den verderblichen Einfluß der Leidenschaften kennen. Als Jason, der Führer der Argonauten nach Kolchos kommt, um das Goldene Vließ zu stehlen, verliebt sie sich in den jungen Abenteurer. Aus ihrem unschuldigen Jungmädchen-Dasein erwacht und zur Frau geworden, wird Medea von nun an den Männern Schicksal und Verhängnis. Um ihrer Liebe zu Jason willen verrät sie den eigenen Vater, sie hilft Jason beim Diebstahl des begehrten Widderfelles, sie ermordet ihren Bruder und verläßt die Heimat Kolchos, um an der Seite ihres Geliebten über die Meere zu ziehen.

In Thessalien, der Heimat Jasons, zeigt Medea sich schließlich in ihrer ganzen unbarmherzigen Grausamkeit: Sie verführt die Töchter des greisen Königs Pelias, ihren Vater zu schlachten und den Körper zu kochen, damit er als junger Mann wieder aus dem Kessel steige. Doch diesmal wirkt der Zauber nicht, und das ist von Medea beabsichtigt: Denn damit ist die Schmach gerächt, die Pelias einst dem Jason angetan hatte, als er ihm die Königswürde raubte.

Aber Jason hält es nicht in Thessalien – trotz der Königskrone, die er mit Hilfe Medeas wiedererlangt hat. Ihn zieht es nach Korinth an den Hof des Königs Kreon, und Medea folgt ihm treuergeben. Sie gebiert ihrem Gatten drei Kinder, und lange Jahre hindurch herrscht Friede und Eintracht. Medea findet Erfüllung als sorgende Mutter und Ehefrau, sie entsagt der Zauberei, und die Vergangenheit, die Zeiten der Flucht und des Kampfes scheinen vergessen – bis Jason ihr eines Tages eröffnet, er müsse sie nun leider verstoßen, weil er sich mit Kreusa, der Tochter des Korinther-Königs verheiraten wolle. Die Gründe, die Jason anführt, sind ebenso plausibel wie fadenscheinig: Es gehe um die Sicherheit und Zukunft der Kinder, und zudem stehe er in der Schuld des Königs, der sie ja jahrelang so gastfreundlich beherbergt habe. Nur eines verschweigt Jason. Des Korinther-Königs Töchterlein ist jung und gutaussehend.

Jasons Entschluß trifft Medea tief, hat sie doch diesem Manne ihre Jugend geopfert, war sie es doch, die ihm in allen Gefahren beigestanden war und der er seinen Ruhm zu verdanken hatte. Und nun soll sie das Ehebett für eine Jüngere räumen.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Luigi Cherubini
Werk-Titel: Medea
Auswahl: 1. Akt: Szene und Arie der Medea
"Taci, Giason ... – De tuoi figli la madre..."
<Track __.> 7:15
Interpreten: Gwyneth Jones (Medea)
Bruno Prevedi (Jason)
Orchester der Accademia di Santa Cecilia, Rom
Leitung: Lamberto Gardelli
Label: Teldec/Deccca (LC ____)
SET 376/78
<Track __.> Gesamt-Zeit: 7:15
Archiv-Nummer: ____

01

Das Schicksal der Medea hat Dichter wie Komponisten bis zum heutigen Tage immer wieder fasziniert, ohne daß dieser Frau unbedingt Gerechtigkeit widerfahren wäre. Nach den antiken Autoren Euripides und Seneca war es vor allem der französische Dramatiker Pierre Corneille, der sich im 17. Jahrhundert aufs Neue mit dem Mythos auseinandersetzte. In seiner Vorrede aus dem Jahre 1635 leitet er die Tragödie mit den Worten ein:

Hiermit übergebe ich dem Leser Medea in ihrer ganzen Bosheit; zur Rechtfertigung ihrer Tat vermag ich weiter nichts vorzubringen.

In Corneilles Augen blieb Medea ein Ungeheuer, eine Barbarin, die sich den Notwendigkeiten und Konventionen der höfischen Gesellschaft nicht beugen wollte.

Eine Zeit wie die des französischen Absolutismus, in der Ehen ohne Rücksicht auf Gefühle und Sympathien, nur unter politischen und finanziellen Erwägungen geschlossen wurden, eine solche Zeit konnte für eine Frau wie Medea kaum Verständnis aufbringen. Umso erstaunlicher ist es, mit welchem Einfühlungsvermögen Corneilles jüngerer Bruder Thomas sein Libretto für den Komponisten Marc'Antoine Charpentier verfaßt hat. Seine Medea ist nicht weniger grausam und schreckenerregend als die seiner Vorgänger, jedoch findet Thomas Corneille für ihren unmenschlichen Haß und ihre Rachsucht eine psychologische Rechtfertigung. Medea bleibt zwar auch bei ihm die unberechenbare, leidenschaftliche Frau, aber erst Jasons jämmerlicher Charakter, sein arrogant flegelhaftes Benehmen ihr gegenüber lassen das anfängliche Eifersuchtsdrama in der Katastrophe eskalieren.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Marc-Antoine Charpentier
Werk-Titel: Médée
Auswahl: 3. Akt: Szene der Medea
"Quel prix de mon amour"
<Track __.> 5:05
Interpreten: Jill Feldman (Medea)
Les Arts Florissants
Leitung: William Christie
Label: Harmonia mundi France (LC ____)
HMC 1139.41
<Track __.> Gesamt-Zeit: 5:05
Archiv-Nummer: ____

Hundert Jahre nach Charpentiers tragédie lyrique, wurde am 13. März 1797 im Pariser Théâtre Feydeau die Medea von Luigi Cherubini uraufgeführt. Der Erfolg der Oper war mäßig, und bald schon verschwand Cherubinis Werk wieder vom Spielplan – wohl nicht zuletzt wegen der exorbitanten Schwierigkeiten, welche die Titelpartie den Sängerinnen abverlangte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gab es dann verschiedene Versuche, das hochdramatische und bühnenwirksame Werk doch noch für die Opernbühne zu retten; Komponisten wie Beethoven und Richard Wagner setzten sich für die Aufführung der Medea ein; man kürzte und transponierte, aber es sollte bis zum Jahre 1953 dauern, daß sich eine Sängerin fand, die der Rolle der Medea gerecht wurde: Maria Callas, die griechische "primadonna assoluta". Seither erlebt Cherubinis Medea eine – wenn auch bescheidene – Renaissance, nicht so sehr in den Spielplänen der Opernhäuser als im Repertoire der Schallplattenindustrie.

Hören Sie nun in einer Studioproduktion Gwyneth Jones als Medea, mit Fiorenza Cossotto und Justino Diaz. Chor und Orchester der Accademia di Santa Cecilia, Rom musizieren unter der Leitung von Lamberto Gardelli.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Luigi Cherubini
Werk-Titel: Medea
Auswahl: 2. Akt: Introduktion und Szene
"Soffrir non posso ... – Date almen per pietà ..."
<Track __.> 15:50
Interpreten: Gwyneth Jones (Medea)
Fiorenza Cossotto (Neris)
Justino Diaz (Kreon)
Chor und Orchester der Accademia di Santa Cecilia, Rom
Leitung: Lamberto Gardelli
Label: Teldec/Deccca (LC ____)
SET 376/78
<Track __.> Gesamt-Zeit: 15:50
Archiv-Nummer: ____

Im Jahre 1813, fünfzehn Jahre nach Cherubinis Mißerfolg in Paris wurde in Neapel, im berühmten Teatro San Carlo eine weitere Medea uraufgeführt, die Medea in Corinth von Giovanni Simone Mayr, dem Lehrer Donizettis. Mayrs Vorstellung von Medea ist durch und durch vom Geist der Romantik durchdrungen. Aus der unbeugsamen antiken Heroine, die sich allen menschlichen Maßstäben entzieht, wird eine dämonische Zauberin, deren Rachsucht Angst und Schrecken verbreitet.

Medeas Rache an Jason und seiner Geliebten Kreusa ist furchtbar. In einer nächtlichen Geisterbeschwörung ruft sie die Schatten der Unterwelt um Beistand an und vergiftet das Brautkleid Kreusas, damit die Rivalin an ihrem Hochzeitstage bei lebendigem Leibe verbrennen möge.

Hier die Beschwörungsszene, wie Giovanni Simone Mayr sie gestaltet hat. Molly Stark (Medea) und Marisa Galvany werden begleitet vom Clarion ConcertsChor und -Orchester. Die Leitung hat Newell Jenkins.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Giovanni Simone Mayr
Werk-Titel: Medea in Corintho
Auswahl: 2. Akt: Szene und Arie der Medea
"Dove mi guidi ... – Ogni piacer èspento ..."
<Track __.> 12:05
Interpreten: Molly Stark (Ismene)
Marisa Galvany (Medea)
Clarion Concerts Chor und Orchester
Leitung: Newell Jenkins
Label: ____ (LC 0381)
VCS 10087/89
<Track __.> Gesamt-Zeit: 12:05
Archiv-Nummer: ____

04

Der Mythos von Jason und Medea endet mit einem Blutbad. Medea überreicht ihrer Rivalin Kreusa das vergiftete Brautkleid und wünscht ihr noch alles Gute für die Zukunft. Aber sowie Kreusa am Hochzeitstag das Gewand anlegt, geht es in Flammen auf, und Kreusa verbrennt bei lebendigem Leib. Doch damit ist Medeas Rache noch nicht vollendet. Als das Volk von Korinth ihren Tod fordert, tritt sie blutbefleckt ihrem Gemahl entgegen und holt zum letzten Schlag aus: Sie eröffnet Jason, daß sie auch die Kinder, seine legitimen Nachkommen im Schlaf ermordet hat. Höhnisch wirft sie ihm das Messer vor die Füße und entschwindet in einem von feuerspeienden Drachen gezogenen Wagen.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Giovanni Simone Mayr
Werk-Titel: Medea in Corintho
Auswahl: 2. Akt: Finale
"Era tua sposa"
<Track __.> 5:40
Interpreten: Marisa Galvany (Medea)
Allen Cathcart (Jason)
Robert White (Aegisth)
Thomas Palmer (Kreon)
Clarion Concerts Chor und Orchester
Leitung: Newell Jenkins
Label: ___ (LC 0381)
VCS 10087/89
<Track __.> Gesamt-Zeit: 5:40
Archiv-Nummer: ____