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Musiker auf der Opernbühne

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 14.7.1986 – "ARD-Nachtkonzert")

Ganz im Ernst: Wünschen Sie sich als Schwiegersohn unbedingt einen Musiker, jemanden, der heute noch nicht weiß, wovon er morgen leben wird? Oder ließen Sie es sich etwa gefallen, wenn Ihre Frau, vielleicht auch Ihre Geliebte ausgerechnet mit dem Gesangslehrer durchbrennen würde? – Lachen Sie nicht: Die Geschichte, die ich Ihnen zu erzählen habe, hat sich tatsächlich zugetragen; zwar nicht in diesem Jahrhundert, aber sie ist dokumentarisch belegt, so daß an ihrem Wahrheitsgehalt kein Zweifel besteht.

Man schrieb das Jahr 1674, als der Opernkomponist Alessandro Stradella die minderjährige Geliebte des Grafen Contarini im Gesang unterrichtete und sie ganz nebenbei dazu überredete, sie solle dem süßen Treiben der venezianischen Aristokratie doch endlich den Rücken kehren und mit ihm, dem berühmten Musicus, ein neues, wenn auch bescheidenes Leben beginnen. So flüchteten denn die beiden eines Nachts und ohne Wissen der übrigen Beteiligten aus dem sündigen Venedig – Richtung Rom. Aber das neue Leben erwies sich bald schon als ein Alptraum, denn weder der eifersüchtige Graf Contarini noch der Vater der jungen Mademoiselle Hortensie waren willens, ihre Zustimmung zu diesem Liebesverhältnis zu geben. Meuchelmörder wurden gedungen, die beiden Schandflecken der Familienehre für immer aus der Welt zu schaffen, und nun begann eine gnadenlose Jagd durch ganz Italien.

In Rom entkam Stradella während einer Messe nur knapp einem Anschlag. Daraufhin flüchtete er nach Turin, wo er den Schutz einflußreicher Leute genoß. Aber auch hier war er seines Lebens nicht sicher. Eines Tages wurde er auf offener Straße angegriffen und mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Protestnoten wechselten zwischen den ohnehin verfeindeten Städten Turin und Venedig; man verlangte die Bestrafung der Täter - ohne Erfolg: Der französische Gesandte in Turin hatte den Berufs-Killern längst politisches Asyl gewährt.

Ein Jahr später, 1681, als die Gemüter sich mittlerweile beruhigt zu haben schienen, heiratete Stradella endlich seine geliebte Hortensia in Genua. – Ein junges Glück, das nicht lange währen sollte. Noch in der Hochzeitsnacht wurde das Paar im Schlafgemach erdolcht. Die Mörder entkamen unerkannt.

Stoff genug für eine dramatische Oper: der liebende Komponist als Opfer aristokratischer Rachsucht; Leidenschaft, Blut, vielleicht noch ein wenig Kritik an der gesellschaftlichen Stellung des Künstlers – was ließe sich aus dem Mordfall "Alessandro Stradella" nicht alles machen. Indes – wenn der biedere Friedrich von Flotow sich dieses Themas annimmt, brauchen Sie um Ihre nächtliche Ruhe nicht zu fürchten. Geradezu meisterhaft ist es Flotow gelungen, alle dramatischen und spannenden Momenten von vornherein zu umgehen. Was bleibt: ein Hauch von venezianischem Karneval, seichtes Liebesgeplänkel, zwei tölpelhafte Banditen und ein großherziger verzeihender Familienvater – am Ende sind dann alle von Stradellas Musik, einer Hymne an die Jungfrau Maria, so ergriffen, daß sie zu keiner Untat mehr fähig sind. – Vorhang.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Friedrich von Flotow
Werk-Titel: Alessandro Stradella
Auswahl: 3. Akt: Arie des Alessandro
"Jungfrau Maria"
<Track __.> 3:25
Interpreten: Siegfried Jerusalem (Alessandro)
Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks
Ltg.: Gabriel Chmura
Label: ____ (LC 0149)
76 829
<Track __.> Gesamt-Zeit: 3:25
Archiv-Nummer: ____

Wenn man sich die Opernlibretti so anschaut, dann scheint es für die Komponisten nur ein Thema zu geben: Die Macht der Liebe. Ob Mozart-Opern oder Wagner'sche Musikdramen, ob Donizetti, Verdi oder Puccini – fast immer ist es die erotische Ausstrahlung einer Frau, die das Geschehen beeinflußt. Können die Musiker denn nur an das Eine denken? Oder ist es nicht vielmehr das Publikum, das anderes gar nicht erst sehen will?

Pfitzners Palestrina jedenfalls erfreut sich beim Publikum keiner großen Beliebtheit, geht es ja hier auch nicht um die Liebe, sondern um die hehre Kunst der katholischen Kirchenmusik des 16. Jahrhunderts, um die anscheinend wichtigste Frage des Tridentinischen Konzils: "Wie komponiere ich eine Messe, damit sie auch dem Papst gefällt?" Wer einen so frommen Lebenswandel führt wie Giovanni Pierluigi da Palestrina, der ist gegen die Versuchungen der sinnenfreudigen weltlichen Musik gefeit, der braucht nicht lange auf eine Inspiration zu warten; dem erscheinen des Nachts drei Engel, um dem Komponisten die entsprechenden Melodien einzuflüstern.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Hans Pfitzner
Werk-Titel: Palestrina
Auswahl: 1. Akt ('Die Messe'): Szene des Palestrina
"Allein in dunkler Tiefe"
<Track __.> 12:30
Interpreten: Irmgard Lampart (Engel)
Karin Hautermann (Engel)
Erika Rüggeberg (Engel)
Nicolai Gedda (Palestrina)
Renate Freyer (Lukrezia)
Helen Donath (Ighino)
Brigitte Faßbaender (Silla)
Chor und Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks
Ltg.: Rafael Kubelik
Label: DGG (LC 0173)
27 11 013
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 12:30
Archiv-Nummer: ____
Technik: Anfang: 17:05 nach Akt-Beginn

In der Leipziger Allgemeinen Musikalischen Zeitung konnte man am 25. Mai 1825 lesen:

Unser würdiger Salieri kann halt nicht sterben. Der Körper leidet alle Schmerzen der Altersgebrechen, und der Geist ist entflohen. In seiner Phantasie-Zerrüttung soll er sich wirklich zuweilen selbst als Mitschuldigen an Mozarts frühem Tode anklagen: Ein Irrwahn, dem wahrlich niemand Glauben beimißt als der arme, sinnverwirrte Greis.

Der arme Salieri! Wäre er ruhig gewesen, hätte man ihn wahrscheinlich nach seinem Tod schnell vergessen. So geistert er nun als heimtückischer Giftmörder Mozarts durch die Weltliteratur und seit einiger Zeit auch durch die Kinos.

Um nichts anderes als um den angeblichen Giftmord dreht es sich in Rimskij-Korsakows Oper Mozart und Salieri. Salieri, der allen eitlen Vergnügungen entsagt hat, um sein Leben der Musik zu weihen – dieser erfolgreiche, aber letztlich talentlose, mit sich und der Welt unzufriedene Musiker lehnt sich auf gegen die himmlische Gerechtigkeit: Hat sie doch den eitlen und kindischen Müßiggänger Mozart mit all den Gaben ausgestattet, die ihm selbst vorenthalten blieben. Sein Urteil über Mozart: "Du bist Deiner selbst nicht wert. Du bist ein Gott und weißt es nicht!" Daß Mozart sich seiner Größe nicht bewußt ist, dies macht ihn in den Augen Salieris schuldig. Er schwingt sich auf zum Rächer all jener Neider und Mittelmäßigen, die neben dem Genie nicht bestehen können. Er beschließt, den Himmel zu bestrafen, indem er Mozart vergiftet.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Nikolaj Rimskij-Korsakow
Werk-Titel: Mozart und Salieri
Auswahl: Einleitung, Szene des Salieri, Auftritt Mozarts. <Track __.> 14:40
Interpreten: Peter Schreier (Mozart)
Theo Adam (Salieri)
Rundfunkchor Leipzig
Staatskapelle Dresden
Ltg.: Marek Janowski
Label: EMI (LC 0233)
1C 065-46 434
<Track __.> Gesamt-Zeit: 14:40
Archiv-Nummer: ____
03

Musiker auf der Opernbühne: Nach den Liebeshändel, Intrigen und Giftmorden nun ein Blick in die graue Arbeitswelt. Im Vorspiel zur Ariadne auf Naxos konfrontiert Richard Strauss einen jungen, idealistischen Komponisten, der in seiner musikalischen Traumwelt lebt, mit den Unbilden der Realität. Die Lektion, die heuer zum Lernen ansteht: Daß diejenigen, die sich als Mäzene geben, die sich "Kunst" leisten können, nichts wollen als Unterhaltung. Leicht bekömmlich sollte sie sein, die Musik – eine Verzierung des Lebens, ein hübscher Rahmen für ein Fest. Und so muß unser Komponist ohnmächtig mitansehen, wie seine hehre, tragische Oper von einer Komödiantentruppe zur Farce umgestaltet wird, damit sie den Wünschen des Auftraggebers entspricht.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Richard Strauss
Werk-Titel: Ariadne auf Naxos
Auswahl: Szene aus dem Vorspiel:
"Meine Partner, meine erprobten Freunde"
<Track __.> 3:30
Interpreten: Sylvia Gesztý (Zerbinetta)
Teresa Zylis-Gara (Komponist)
Gundula Janowitz (Primadonna)
Peter Schreier (Tanzmeister)
Theo Adam (Musiklehrer)
Staatskapelle Dresden
Ltg.: Rudolf Kempe
Label: Elec-Angel (LC ____)
SMA 191 771-73
<Track __.> Gesamt-Zeit: 3:30
Archiv-Nummer: ____

Von schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen konnte auch Albert Lortzing ein Lied singen. Gegen Ende seines Lebens betrug seine Monatsgage als Kapellmeister 50 Taler – zum Leben zuwenig, zum Sterben langte es allemal, wie sich bald zeigen sollte. Aber die Musik galt ja schon seit alters her als eine brotlose Kunst, und so manches Fortissimo ist wohl nur komponiert worden, um das Magenknurren der Musiker zu übertönen.

Indes – nicht nur das schlechte Auskommen bedrückte Lortzing. Zeit seines Lebens litt er unter dem künstlerischen Dilettantismus der Opernintendanten, ärgerte er sich über die Lustlosigkeit der Orchestermusiker und die Allüren der Primadonnen, die nichts anderes singen wollten als ihre italienische Koloraturarien. Gründe genug jedenfalls für eine Generalabrechnung mit dem Phänomen "Oper".

Aber Lortzing war nicht der Mann, der Resolutionen verfaßte, der gegen die Theaterbürokraten mit Eingaben und Beschwerden kämpfte und seinem Unmut in langen polemischen Traktaten Luft machte. Lortzings Waffe war die Musik. Gegen den Opernschlendrian wehrte er sich mit einer bitterbösen Opernparodie: Ein gräflicher Musiknarr, der mit seiner Dienerschaft ausschließlich in Rezitativen spricht, ein Lakaien-Orchester, das sich mit Getöse durch eine Ouvertüre quält, und eine Kammerzofe, die dazu den Takt schlägt.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Albert Lortzing
Werk-Titel: Die Opernprobe
Auswahl: Ouvertüre
Introduktion, Chor und Sextett:
"Diesen Takt stark anschlagen" –
"Wir stellen uns dem Herrn Grafen vor"
<Track __.>
<Track __.>
7:05
3:45
Interpreten: Regina Marheineke (Hannchen)
Kari Lövaas (Louise)
Gisela Litz (Gräfin)
Nicolai Gedda (Adolph)
Walter Berry (Johann)
Klaus Hirte (Graf)
Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper München
Ltg.: Otmar Suitner
Label: EMI (LC 0233)
1C 065-28 835 Q
<Track __.> Gesamt-Zeit: 10:50
Archiv-Nummer: ____