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Ärger im Olymp

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 6.5.1991 – "ARD-Nachtkonzert")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Georg Friedrich Händel
Werk-Titel: Semele
Auswahl: Ouvertüre (Ausschnitt) <LP 1, Seite A> __:__
Interpreten: English Baroque Soloists
Ltg.: John Eliot Gardiner
Label: Erato (LC 0200)
STU 714453
<LP 1, Seite A> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____
Olymp, der: Gebirgsmassiv aus Schiefer und Marmor im Nordosten Griechenlands an der Grenze zwischen Makedonien und Thessalien. In der Antike wird das Gebirge beschrieben als bis in die Wolken reichend und mit Schnee bedeckt. Nach neueren Vermessungen liegt der höchste Gipfel 2.911 Meter über dem Meeresspiegel. In der Antike galt der Olymp als Sitz der Homerischen Götter, die hier im Palast des Zeus zu Beratung und Schmaus zusammenzukommen pflegten.

Mit so nüchternen Worten wird das höchste Heiligtum der Griechen in modernen Lexika beschrieben. Dabei ist die Welt des antiken Olymp so schillernd und facettenreich, als habe man es hier nicht mit unsterblichen Göttern zu tun, sondern mit kleinlichen, habgierigen und liebeshungrigen Menschen. Die Geschichte der olympischen Götter ist eine endlose Folge von Machtkämpfen, Betrügereien und Bett-Affairen. Und allen voran ist es immer wieder Zeus, der oberste der Götter, der mit seinen Eskapaden für Ärger sorgt.

Seine Laufbahn ist die eines ausgefuchsten, skrupellosen Politikers, der um eines Vorteils willen auch Eltern und Freunde verrät. Als Vater Kronos wieder einmal vom Met berauscht war, fesselte ihn Zeus und brachte ihn zu den Inseln der Seligen (wo immer die liegen mögen). Die Titanen, die ihm die Macht streitig machten, stieß er in den Abgrund des Tartarus und teilte sich dann den neuerworbenen Besitz mit seinen Brüdern Poseidon und Hades: Poseidon durfte über die Meere herrschen, Pluto über das Innere der Erde, Zeus aber behielt sich die Herrschaft über Himmel und Erde vor.

Noch eindrucksvoller als sein politisches Ränkespiel ist indes des Zeus Liebesleben: Mit Metis, der Göttin der Weisheit zeugt er Pallas Athene, Themis gebiert ihm die zwölf Horen, mit Eurynome setzt er die drei Grazien in die Welt, und Mnemosyne wird Mutter der neun Musen. Unter anderem schwängert er Leto und übernimmt somit die Vaterschaft von Apoll und Artemis; Persephone stammt ab von einer Liebesnacht mit seiner Schwester Demeter ... (usw. usw.)

Schließlich heiratete Zeus seine Schwester Hera und gelobte ihr ewige Treue – die allerdings auch nicht länger vorhielt, als bis er attraktiven jungen Damen aus königlichem Geblüt begegnete: Leda begegnete, Alkmene, Europa und Semele. Hera mochte auf dem Olymp noch so toben und schmollen, ihr Göttergatte machte doch, was er wollte. Im Falle Semele, einem hübschen Ding, das sich auf seine Schönheit und seinen Charme etwas einbildete, rächte sie sich auf ihre Weise: Hera überredete sie, sie solle von Zeus verlangen, sich in seiner göttlichen Herrlichkeit zu zeigen. Dann werde sie, Semele, die Unsterblichkeit erlangen ...

Musik-Nr.: 02
Komponist: Georg Friedrich Händel
Werk-Titel: Semele
Auswahl: 3. Akt, Szene 3 (Ausschnitt) <LP 3, Seite A> 11:55
Interpreten: Della Jones (Juno)
Norma Burrows (Semele)
English Baroque Soloists
Ltg.: John Eliot Gardiner
Label: Erato (LC 0200)
STU 714453
<LP 3, Seite A> Gesamt-Zeit: 11:55
Archiv-Nummer: ____
Technik: einblenden ab <LP 3, Seite A> 4:45

Auf Anraten von Hera fordert Semele Zeus heraus, er möge sich in seiner Göttlichkeit zeigen, und auf der Stelle wird sie vom Blitz getroffen. Anstelle der Unsterblichkeit bleibt ein Häufchen Asche. Wenigstens gelingt es Zeus, die Frucht der gemeinsamen Liebesnacht zu retten, Dionysos, den späteren Gott der Lust und Trunkenheit.

Das Schicksal der Semele ist grausam, aber wer wollte Hera einen Vorwurf machen? Hatte sie doch allen Anlaß, mißtrauisch und eifersüchtig zu sein. Wie oft verabschiedete sich Zeus wegen dringender Angelegenheiten, und wie oft trugen diese dringenden Geschäfte weibliche Namen? Um ihr vor aller Welt zu demonstrieren, wie unbegründet ihr Mißtrauen sei, gaukelte Zeus ihr ein neues Liebesverhältnis vor. Und tat alles, um die Identität seines Schwarms zu verheimlichen. Es war nämlich die häßliche Nymphe Platäa, die Herrin der Frösche und Kröten, die sich seit Menschengedenken vor Liebessehnsucht verzehrte und gar nicht mitbekam, welch grausames Spiel hier mit ihr getrieben wurde.

Jean-Philippe Rameau schrieb seine parodistische Oper Platée 1745 für die Hochzeit des Thronfolgers mit der Infantin von Spanien. Das Thema der häßlichen Nymphe Platäa war regelrecht ein Affront gegen die Braut, denn die junge Dame war ausgesprochen unattraktiv, so daß in Paris und Versailles jede Menge böser Scherze kursierten. Immerhin – der Hof scheint Rameau das Sujet nicht verübelt zu haben. Einge Tage nach der Aufführung erhielt er einen Brief mit zweitausend Louisdor, die es ihm ermöglichten, endlich den Titel eines "Königlichen Kammermusik-Komponisten" zu erwerben. Womit das Geld wieder dorthin floß, wo es hergekommen war.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Jean Philippe Rameau
Werk-Titel: Platée
Auswahl: 3. Akt, Finale <CD 2, Tr. 23.24.25.> 8:00
Interpreten: Gilles Ragon (Platäa)
Vincent Le Texier (Jupiter)
Guillemette Laurens (Juno)
Ensembles vocal Francoise Herr
Les Musiciens du Louvre
Ltg.: Marc Minkowski
Label: Erato (LC 0200)
2292-45028-2
<CD 2, Tr. 23.24.25.> Gesamt-Zeit: 8:00
Archiv-Nummer: ____

Man täte den Göttern (und insbesondere Zeus) Unrecht, wollte man ihnen unterstellen, daß sie sich nur um ihre sinnlichen Gelüste kümmerten. Gelegentlich standen auch höchst schwierige Probleme an, die gelöst werden wollten – wie etwa im Falle der beiden Halbbrüder Castor und Pollux. Pollux war das Ergebnis jener Liebesnacht, als Zeus sich der schönen Leda in Gestalt eines Schwans genähert hatte, und daher war Pollux unsterblich.

Als nun sein Halbbruder Castor, der legitime Sohn von Leda und dem spartanischen König Tyndaräus, im Kampf den Tod findet, ruft Pollux seinen Vater um Hilfe an. Doch Zeus muß zugeben, daß auch die Hölle ihre Gesetze hat, gegen die selbst er als oberster Gott machtlos ist: Castor kann unter keinen Umständen auf die Erde zurückkehren, es sei denn, Pollux verzichte zugunsten seines Bruders auf die Unsterblichkeit und begebe sich anstelle von Castor in die Unterwelt.

Pollux willigt in den Handel ein, teils aus Bruderliebe, teils aus Liebeskummer, denn schon seit längerem hat er sein Herz an des Castors Braut verloren; aber ihre Gunst zu gewinnen besteht keine Hoffnung. Zeus versucht ein Letztes, um Pollux von seinem Entschluß abzubringen: Er führt seinem Sohn die Freuden vor Augen, auf die er in der Unterwelt verzichten muß:

Musik-Nr.: 04
Komponist: Jean Philippe Rameau
Werk-Titel: Castor et Pollux
Auswahl: 2. Akt, Szene 4 <CD 2, Tr. 4.> 6:35
Interpreten: Jacques Villisech (Jupiter)
Gerard Souzay (Pollux)
Concentus musicus Wien
Ltg.: Nikolaus Harnoncourt
Label: Tel (LC 3706)
8.35048
<CD 2, Tr. 4.> Gesamt-Zeit: 6:35
Archiv-Nummer: ____

Die Meinungen der Zeitgenossen über Rameaus Oper Castor et Pollux waren geteilt. Während die streng-französischen Traditionalisten Rameau vorwarfen, er betätige sich mit seinen "italienischen Harmonien" und "neuartigen Manieren" als Totengräber der französischen Oper verletzt, schrieben die Befürworter euphorisch:

Diese wundervolle Oper verträgt hundert Aufführungen ohne jede Verringerung des Beifalls oder der Begeisterung des Publikums. Das Werk entzückt zugleich die Seele, das Herz, den Verstand, die Augen, die Ohren und die Phantasie der Zuhörer.

1737, im Jahr der Uraufführung, galt Rameaus Castor et Pollux in Paris als der Inbegriff der sinnlichen, sittenverderbenden italienischen Schreibart. Knapp zwanzig Jahre später wurde ebendieselbe Oper von den Traditionalisten als nachahmenswertes Beispiel dafür angeführt, wie eine ordentliche französische Oper zu klingen habe - im Gegensatz etwa zu Pergolesis schlüpfriger Serva padrona, jener herrschsüchtigen Dienstmagd aus Italien, die allen Intellektuellen und guten Geistern in Versailles und Paris den Kopf verdrehte.

Doch zurück zu den Ereignissen auf dem Olymp. Pollux läßt sich von der Schilderung der ewigen Freuden nicht irritieren. Wenn er schon selber nicht die Liebe der trauernden Telaire erringen kann, so will er doch zumindest seinem Bruder Castor das junge Liebesglück ermöglichen und begibt sich in die Unterwelt. Aber Castor ist nicht weniger edelmütig als sein Bruder. Nur für einen Tag will er auf die Erde zurückkehren, um noch einmal Abschied von seiner Braut zu nehmen. Zeus und Pluto sind gerührt ob soviel Bruderliebe und verleihen den Beiden das ewige Leben: Castor und Pollux werden fortan als Unsterbliche ihren Platz unter den Sternbildern einnehmen.

Es ist nicht das erste Mal, daß die Götterwelt in einer solchen Angelegenheit eine Entscheidung treffen muß. Zu erinnern wäre da an den tragischen Todesfall Eurydike. Am Hochzeitstag wurde Eurydike von einer Giftschlange gebissen, und Orpheus hat sich aufgemacht, seine Braut aus dem Hades zu befreien. Es gelingt ihm, mit seinem Gesang Charon, den Fährmann der Unterwelt, zu betören; er hat Proserpina, die Ehefrau des Unerweltgottes Pluto, auf seiner Seite, und erhält schließlich die Erlaubnis, Eurydike aus dem Hades zu führen – mit einer Auflage: er darf seine Braut unterwegs nicht anschauen.

Es ist nicht Neugierde, was Orpheus dazu treibt, sich dennoch umzublicken; es ist vielmehr die Angst, die Geister der Unterwelt seien ihm nicht wohl gesonnen und hielten Eurydike wohlmöglich zurück. Jedenfalls: er schaut ihr indie Augen und verliert Eurydike ein zweites Mal. Auf die Erde zurückgekehrt, beklagt er nun in herzzerreißenden Gesängen seinen Verlust, bis sein Vater Apoll erscheint: Müßig sei es, um die irdische Liebe und um eine Frau zu trauern; daß wahre Glück liege (wie auch bei Castor und Pollux) in den Sternen. Und Apoll reicht seinem unglücklichen Sohn die Hand und geleitet ihn in den Himmel, auf daß die Leier des Orpheus als Sternzeichen am Firmament verewigt sei.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Orfeo>
Auswahl: 4. Akt (Anfang) <CD 2 Tr. 12.13.14.> 8:05
Interpreten: Anthony Rolfe Johnson (Orfeo)
Nigel Robson (Apoll)
English Baroque Soloists
Ltg.: John Eliot Gardiner
Label: DG Archiv (LC 0113)
419 250-2
<CD 2 Tr. 12.13.14.> Gesamt-Zeit: 8:05
Archiv-Nummer: ____

Im Laufe des 17. Jahrhunderts hatten die griechischen Götter ausgedient – zumindest auf der Opernbühne. Menschliche Leiden und Leidenschaften waren gefragt, und was die moralischen Qualitäten anbelangt: Auch da können die Menschen mit den Göttern durchaus mithalten.

Fast möchte es scheinen, als seien die olympischen Verhältnisse nur auf Griechenland und den übrigen Mittelmeerraum beschränkt. Daß es indes in Nordeuropa nicht gesitteter (sondern eher noch schlimmer) zuging, dies gnadenlos aufzudecken ist das Verdienst eines gewissen Herrn Wagner aus Bayreuth gewesen. Auch Wotan laviert sich nur mit Lug und Trug durch die Weltgeschichte, was damit anfängt, daß schon seine Stammburg, das prächtige Walhall, auf Pump gebaut ist. Als Fafner und Fasolt ihm die Rechnung präsentieren, bleibt Wotan nichts anderes übrig, als den beiden Riesen seine Schwägerin Freia zum Pfand zu überlassen. Wenig später kann er Freia auslösen – mit jenem Goldschatz, den einst Alberich den Rheintöchtern geraubt hatte und den sich dann Wotan unrechtmäßig angeeignet hat. Schließlich prügeln sich Fafner und Fasolt um die Goldklumpen, und Wotan zeugt in seiner Verzweiflung das Menschengeschlecht – in der Hoffnung, es werde dereinst einer geboren, der den Ring der Macht ihm zurückgeben könnte.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Rheingold
Auswahl: 2. Szene (Ausschnitt) <Track CD 1, Tr. 10.11.12..> 8:35
Interpreten: Josephine Veasey (Fricka)
Simone Mangelsdorff (Freia)
Dietrich Fischer-Dieskau (Wotan)
Berliner Philharmoniker
Ltg.: Herbert von Karajan
Label: DGG (LC 0173)
415 141-2
<CD 1, Tr. 10.11.12.> Gesamt-Zeit: 8:35
Archiv-Nummer: ____
Technik: ausblenden bis <CD 1, Tr. 12.> 0:27