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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Von Räubern und Piraten

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 25.3.1991 – "ARD-Nachtkonzert")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Kurt Weill
Werk-Titel: Die Dreigroschenoper
Auswahl: Moritat von Mackie Messer <Track 2.> 3:10
Interpreten: Wolfgang Neuss
Orchester des SFB
Ltg.: Wilhelm Brückner-Rüggeberg
Label: CBS (LC 0149)
MK 42637
<Track 2.> Gesamt-Zeit: 3:10
Archiv-Nummer: ____

Die Untaten des berüchtigten Straßenräubers Macheath, genannt "Mackie Messer", sind in dieser Form nicht verbürgt: Die Polizeiakten von Scotland Yard wissen weder etwas über einen Mordfall Schmul Meyer, noch taucht irgendwo der Name Jenny Towler auf. Und was das "große Feuer von Soho" angeht: Die "Oberste Brandbehörde seiner Königlichen Majestät" gelangte 1720 nach eingehenden Nachforschungen zu der Überzeugung, daß

die traurige Katastrophe vom letzten Jahr ausgelöst wurde durch die schadhafte Feuerstelle eines ohne Konzession dort arbeitenden Hufschmieds, der ebendaselbst in den Flammen umgekommen ist.

Aber nicht alles ist Dichtung, was sich Berthold Brecht (und zwei Jahrhunderte vor ihm der Literat John Gay) da ausgedacht haben. Als Vorbild für den Käp'ten Macheath und seinen Schwiegervater, den Hehler Jeremias Peachum, diente der berüchtigte Londoner Bandenchef Jonathan Wild, der 1725 am Galgen "Seiner Majestät" endete. Jener Jonathan Wild muß nachgerade als der Erfinder der organisierten Kriminalität gelten, als der erste Großunternehmer der Unterwelt: Er plante Überfälle und Einbrüche, hielt sich selbst dabei aber immer im Hintergrund, so daß man ihm nichts nachweisen konnte; er legte die Preise für das Diebesgut fest, und wenn einer seiner Kumpanen dagegen aufbegehrte, verriet er ihn kurzerhand an die Polizei. Im vornehmen Stadtviertel Old Bailey eröffnete Wild dann eine Art Fundbüro, wo er seine bessere "Klientel" empfing – jene Leute, die er kurz zuvor hatte bestehlen lassen. Für eine erkleckliche Summe versprach er ihnen, dafür zu sorgen, daß sie ihr Hab und Gut zurückerstattet bekämen. So lebte er 15 Jahre als achtbarer Gentleman, der mit den Polizei-Oberen von Scotland Yard auf bestem Fuße stand und dem man nichts nachweisen konnte – oder wollte. Bis das Auge des Gesetzes eines Tages strenger blickte, und Mister Wild wegen Anstiftung zum Mord, Beihilfe zum gemeinen Raub und der Hehlerei in 87 nachgewiesenen Fällen angeklagt wurde. Das Urteil lautete (wie damals üblich) "Tod durch den Strang"; eine zwar harte, in jenen Zeiten aber keineswegs ungewöhnliche Strafe.

Da ein solcher Anblick auf das Opernpublikum nicht unbedingt erheiternd wirkt, schloß schon die originale Fassung der Dreigroschenoper, die berühmte Beggar's Opera von John Gay und Christopher Pepusch aus dem Jahre 1728, mit einem überraschenden Happy End – das allerdings nicht weniger realistisch ist (wie sich auch heute noch gelegentlich beobachten läßt): Der Unterweltkönig Macheath wird in letzter Minute begnadigt, er erhält eine Liebrente und wird in den erblichen Adelsstand erhoben.
Musik-Nr.: 02
Komponist: Christoph Pepusch
Werk-Titel: The Beggar's Opera
Auswahl: Nr. 69 (Finale) <CD 2, Tr. 70.> 2:05
Interpreten: Nigel Rogers (Macheath)
Chor und Orchester der Academia Monteverdiana
Ltg.: Denis Stevens
Label: Schwann (LC 1083)
314 056
<CD 2, Tr. 70.> Gesamt-Zeit: 2:05
Archiv-Nummer: ____

Für die Moral dieser Gaunergeschichte verweisen wir ohne jeden Kommentar lieber wieder auf Herrn Brecht:

Musik-Nr.: 03
Komponist: Kurt Weill
Werk-Titel: Die Dreigroschenoper
Auswahl: Moritat von Mackie Messer (Schlußstrophen) <Track 26.> 1:25
Interpreten: Wolfgang Neuss
Orchester des SFB
Ltg.: Wilhelm Brückner-Rüggeberg
Label: CBS (LC 0149)
MK 42637
<Track 26.> Gesamt-Zeit: 1:25
Archiv-Nummer: ____

Die Karriere, die die Dichter dem Gauner Macheath zugedacht haben, (vom Unterweltkönig zum geachteten Adelsträger), dieser soziale Aufstieg ist dem berüchtigten und gefürchteten Räuberhauptmann Michele Pezza, alias Fra Diavolo tatsächlich gelungen. Als die napoleonischen Truppen 1799 das Königreich Neapel besetzt hatten, führten Michele Pezza und seine Bande einen blutigen Guerillakrieg gegen die Eindringlinge. Ein Kleinkrieg, der vorwiegend auf dem Rücken der verarmten Landbevölkerung ausgetragen wurde. Aber wen interessierte das schon. Was die italienischen Geschichtsschreiber indes mit Stolz berichten: daß es nicht zuletzt Pezzas Gewalttaten waren, die dazu beitrugen, die Macht der Franzosen zu untergraben.

Als 1806 der rechtmäßige Herrscher, Ferdinand von Bourbon, wieder auf seinem Thron saß, machte er den patriotischen Räuberhauptmann zum Oberst und erhob ihn in den Rang eines Herzogs von Casano. – Leider konnte Michele Pezza sich nicht allzulange in seinem Ruhm sonnen. Schon wenige Monate später wurde er von Napoleon-Anhängern gefangen genommen und am nächsten Baum aufgeknüpft.

Was für eine schillernde Opernhandlung hätte diese Geschichte hergeben können! Mit Verfolgungsszenen, Schlachtenlärm und vielleicht noch einigen leidenschaftlichen Liebesszenen! Aber das dramatische oder tragische Genre lag dem französischen Komponisten Daniel Francois Esprit Auber nicht unbedingt. Und so ist denn sein Fra Diavolo von 1830 nur ein kleiner Strauchdieb, der Postkutschen ausraubt, dabei noch ein wenig mit den allein reisenden Damen flirtet und sich auch ansonsten sehr galant und liebenswürdig gibt.

Dem Pariser Publikum war diese leichte Kost nur recht so. Bis zur Jahrhundertwende erlebte Aubers Fra Diavolo an der Opera Comique fast 900 Aufführungen. Die Oper war zeitweise sogar erfolgreicher als Rossinis Comte Ory oder der Barbier, so daß es in Theaterkreisen hieß: "Ein Teufel wiegt in Paris allemal mehr als zwei Grafen."

Musik-Nr.: 04
Komponist: Daniel François Esprit Auber
Werk-Titel: Fra Diavolo
Auswahl: 3. Akt, Nr. 12 (Recitativ und Arie) <LP 2, Seite A> 6:55
Interpreten: Nicolai Gedda (Fra Diavolo)
Philharmonieorchester Monte-Carlo
Ltg.: Marc Soustrot
Label: EMI (LC 0233)
157 27 0068 3
<LP 2, Seite A> Gesamt-Zeit: 6:55
Archiv-Nummer: ____

Daß das Räuberleben so fidel nicht war (wie hier besungen), davon kann man sich in den Polizei- und Gerichtsakten überzeugen. Häufig waren es überschuldete Kleinbauern, die von ihrem Hof vertrieben wurden, arbeitslose Tagelöhner und Handwerksgesellen oder ehemalige Soldaten ohne Brotherrn, die sich in den Wäldern zusammenschlossen und fortan von Diebstahl, Raub und Mord lebten.

Die Zeitungen und Journale waren voll von Steckbriefen und den Greueltaten dieser Banden. Da gab es in Lüneburg den "Erz-Räuber Nickel List", in Sachsen machte ein gewisser Lips Tullian mit seiner Horde die Gegend unsicher, der "Bairische Hiasl" hatte es offensichtlich auf die königlich-Wittelsbacher'schen Wildbestände abgesehen, und im Hunsrück hauste gegen Ende des 18. Jahrhunderts Johannes Bückler, genannt "der Schinderhannes", ...

... gesucht und angeklagt erstens wegen Landstreicherei, weil er erstens ohne gültigen Paß herumgestrichen. Zweitens wegen eines Diebstahls mittelst Erbrechung der äußeren Thüre, in Vereinigung mehrerer bewaffneter Personen, und mit verübter Gewalt an den Einwohnern des Hauses. Drittens wegen eines Straßenraubs in Gesellschaft von zwei Kameraden, mit Gewalttätigkeiten verübt an fünfzig Personen. Viertens wegen Teilnahme an der Tötung des Mainzer Soldaten Franz Kleb. Des weiteren wegen Straßenraub, Diebstahl und Mord in 53 nachgewiesenen Fällen.

Anschauungsmaterial gab es also genug, als der gerade 19jährige Friedrich Schiller seine Räuber zu Papier zu brachte. Das Drama von den rivalisierenden Brüdern Karl und Franz Moor, der eine ein Räuberhauptmann, der andere ein gewöhnlicher gutbürgerlicher Intrigant, wurde 1782 das Theaterereignis. In einer zeitgenössischen Rezension über die Uraufführung in Mannheim heißt es:

Aus der ganzen Umgebung, von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt und Mainz waren die Leute zu Roß ud Wagen herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück zu sehen. Das Theater glich einem Irrenhaus: rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür ...

Solche Erfolge konnte Giuseppe Verdi mit der Opernfassung der Räuber leider nicht erzielen. Die Uraufführung 1847 in London war allenfalls einen Achtungserfolg. Der Kritiker der "Musical Times" äußerte sogar die Meinung, daß dies "die schlechteste Oper gewsen sei, die er in den letzten Jahren am Theater Ihrer Majestät gehört habe. Und worauf sich Mister Verdis Ruhm überhaupt begründe ...?" – Sicherlich waren die Räuber nicht Verdis bester Wurf. Aber was wollte man auch mehr erwarten bei einer solchen Konstellation? eine deutsche Textvorlage, ein italienischer Komponist und ein englisches Publikum ...

Musik-Nr.: 05
Komponist: Giuseppe Verdi
Werk-Titel: I Masnadieri
Auswahl: 2. Akt, Finale <CD 1, Tr. 25.26.27.> 6:00
Interpreten: Carlo Bergonzi (Carlo)
Ambrosian Singers
New Philharmonia Orchestra
Ltg.: Lamberto Gardelli
Label: Philips (LC 0305)
422 423
<CD 1, Tr. 25.26.27.> Gesamt-Zeit: 6:00
Archiv-Nummer: ____

Wenden wir uns nach all dem Diebsgesindel und der Räuberbrut nun der christlichen Seefahrt zu – oder besser gesagt: ihren Feinden, den Piraten und Korsaren. Spätestens seit Stevensons Schatzinsel weiß jeder, wie Piraten sich aufführen: Sie sind ständig betrunken, arbeitsscheu, blutrünstig, geldgierig, heimtückisch und was der liebenswerten menschlichen Eigenschaften mehr sind ... – oder ähneln sie doch eher jenem "roten Corsar", alias Errol Flynn: ritterlich-galant, mit gutem Benehmen, adrett gekleidet und immer ein schelmisches Lächeln auf den Lippen?

Jedenfalls scheint es in Wirklichkeit auf Hoher See im Ganzen ordentlicher und gesitteter zugegangen zu sein als auf dem Land. So gab es auf fast jedem Kaperschiff einen schriftlichen Vertrag, in dem detailliert festgehalten war, welche Rechte und Pflichten jeder einzelne besaß. Der "Gesellschaftervertrag" des englischen Seeräuber-Kapitäns Bartholomäus Roberts aus dem 17. Jahrhundert umfaßte rund 50 Paragraphen, darunter so bemerkenswerte Bestimmungen wie die folgenden:

  1. Jeder Pirat hat in wichtigen Angelegenheiten Mitspracherecht. Des gleichen hat er das Recht, sich zu allen Zeiten Frischproviant und Branntwein nach Belieben zu nehmen. Trunkenheit wird nach dem zweiten Verweis mit dem Tode bestraft.
  2. Es ist verboten, Karten oder Würfel um Geld zu spielen.
  3. Lichter und Kerzen müssen um acht Uhr abends ausgelöscht sein.
  4. Streitigkeiten und Raufereien sind an Bord verboten. Sie dürfen nur auf dem Land ausgetragen werden, und zwar mit dem Degen oder mit der Pistole.
  5. Wer auf den gekaperten Schiffen mit Vorsatz den Weibspersonen in irgendwelcher Form ein Leid antut, wird mit dem Tod bestraft.
  6. Wer im Laufe eines Gefechts an den Gliedmaßen schwer verletzt oder verstümmelt wird, erhält aus der Gesellschaftskasse 800 Pfund ausbezahlt.
  7. Verletzte Gefangene sind mit aller nötigen Sorgfalt zu kurieren und zu pflegen.

Dies also ein kurzer Einblick in die Realitäten des Piratenlebens. Ob Vincenzo Bellini von solchen Dingen Kenntnis hatte, als er 1829 seinen Piraten komponierte – wir wissen es nicht. Immerhin ist sein Pirat ein honoriger italienischer Edelmann namens Gualtiero, Graf von Montaldo, den das politische Mißgeschick zur See getrieben hat. Nun taucht er wieder auf, um sich an seinem alten Erzfeind zu rächen, der ihm zudem inzwischen die Geliebte abspenstig gemacht hat. Das Ende ist – wie immer bei Bellini – tragisch: Gualtiero tötet seinen Gegenspieler im Zweikampf, wird vom Gericht wegen Mordes zum Tode verurteilt und die ehemalige Geliebte verfällt in Wahnsinn.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Vincenzo Bellini
Werk-Titel: Il Pirata
Auswahl: 2. Akt, ___ <Track __.> 9:40
Interpreten: Flora Rafanelli (Adele)
Bernabe Marti (Gualtiero)
Chor und Orchester der RAI Rom
Ltg.: Gianandrea Gavazzeni
Label: EMI (LC 0193)
1E 165-02108/10
<Track __.> Gesamt-Zeit: 9:40
Archiv-Nummer: ____

Es gibt zu denken, daß die Räubergeschichten zu Lande meist burlesk enden, während die Piraten und Corsare für gewöhnlich sterben müssen. Nicht minder tragisch als Bellinis Pirat endet auch das Leben jenes Corsaren Corrado, den Verdi durch das Ägäische Meer segeln läßt. Zu Hause wartet auf ihn die besorgte Geliebte, die anscheinend nicht so recht über den Lebenswandel ihres Traumprinzen Bescheid weiß und sich wundert, warum er so oft unterwegs ist. Doch an den feindlichen Küsten lauern immer wieder böse Muselmanen, und zudem es gibt jede Menge attraktiver Sklavinnen, die befreit werden wollen. Tragisch wird die Geschichte in dem Augenblick, wo unser Corsar wegen diverser Seeschlachten und Abenteuer seinen Zeitplan nicht mehr einhalten kann: Als er in Begleitung einer soeben geretteten Dame nach Hause kommt, erfährt er, daß die Geliebte aus Verzweiflung über sein langes Ausbleiben Gift genommen hat. Die Anwesenden sind verzweifelt, der Corsar stürzt sich von den Klippen ins Meer, und die soeben gerettete Signora Gulnara bricht vor Entsetzen zusammen. – Der Bühnenvorhang fällt schnell.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Giuseppe Verdi
Werk-Titel: Il Corsaro
Auswahl: 3. Akt, Terzett und Finale <CD 2, Tr. 10.11.12> 11:40
Interpreten: José Carreras (Corrado)
Jessye Norman (Medora)
Montserrat Caballe (Gulnara)
Ambrosian Singers
New Philharmonia Orchestra
Ltg.: Lamberto Gardelli
Label: Philips (LC 0305)
426 118
<CD 2, Tr. 10.11.12> Gesamt-Zeit: 11:40
Archiv-Nummer: ____