Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

"Das Spiel kann beginnen…"

Theater auf der Opernbühne

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 6.1.1985 – "ARD-Nachtkonzert")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Alban Berg
Werk-Titel: Lulu
Auswahl: Prolog des Tierbändigers
"Hereinspaziert in die Menagerie"
<Track __.> 0:50
Interpreten: Gerd Nienstedt (Tierbändiger)
Orchestre de l'Opéra de Paris
Ltg.: Pierre Boulez
Label: DG (LC 2740 213)
Nummer
<Track __.> Gesamt-Zeit: 0:50
Archiv-Nummer: ____

Hereinspaziert, verehrte Hörerinnen und Hörer – und keine Angst: Die unbeseelte Kreatur, die wilden Bestien, die Alban Berg im Prolog seiner Lulu ankündigt, will ich Ihnen zu so später Stunde nicht zumuten. Aber ich möchte Sie einladen in die Welt der fahrenden Leute, in die Welt der Gaukler, Komödianten und Possenreißer. Das Theater soll unser Thema in der folgenden Stunde sein – das Theater auf der Opernbühne, das Spiel im Spiel.

So mancher Bühnenautor und Opernkomponist hat sich schon gewünscht, man möge seine Werke für die Wirklichkeit oder doch zumindest für ein getreues Abbild der Realität halten. Aber wer vermag schon, in den strahlenden Heldentenören das Spiegelbild des wirklichen Lebens zu erblicken. Und selbst eine aufwendige Bühnendekoration und das überzeugendste Gebärdenspiel können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Theaterwelt nur aus Pappmachée und Schminke besteht. Was also liegt näher, als diese Gegensätzlichkeit, dieses Spannungsverhältnis von wirklichem Leben und unverbindlicher Theaterillusion zum eigentlichen Inhalt der Handlung zu machen, zumal der Blick hinter die Kulissen die Menschen schon immer gereizt hat.

In dieser Welt, in der Schein und Wirklichkeit, Dichtung und Wahrheit einander durchdringen, spielt auch Leoncavallos Oper Der Bajazzo. Wenige Minuten vor Beginn einer Komödienaufführung bahnt sich unter den Schauspielern eine Eifersuchtstragödie an, die nach dem altbewährten Muster abläuft: Die schöne Nedda, mit Canio verheiratet, hat sich in den jungen Silvio verliebt. Als Canio durch den rachsüchtigen und intriganten Tonio erfährt, daß seine Frau ihn betrügt, will er Nedda zur Rede stellen. Doch da beginnt schon die Vorstellung, und beide eilen auf die Bühne.

Die Komödie um die ungetreue Colombine, die Nedda und Canio nun auf ihrer Wanderbühne aufführen, scheint ein Spiegelbild und die Fortsetzung der vorherigen Ereignisse zu sein. Schon bald aber wird klar, daß der eifersüchtige Canio nicht mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit zu trennen vermag. Immer erregter fordert er seine Frau Nedda auf, sie solle endlich den Namen ihres Liebhabers preisgeben. Als sie sich standhaft weigert, ersticht er sie in rasender Wut. – Aus dem vermeintlichen Spiel ist unversehens blutiger Ernst geworden.

Es war anscheinend Leoncavallos Anliegen, dem Publikum glauben zu machen, die Wirklichkeit habe das Theater eingeholt. Zeit seines Lebens behauptete er, er habe diese Tragödie als Siebenjähriger in einem kleinen italienischen Dorf selber miterlebt. Als aber ein kluger Kopf sich einmal die Mühe machte, nach den Akten des Mordprozesses zu forschen, stellte sich heraus, daß Leoncavallo nicht ganz so wahrheitsliebend war, wie er vorgab, und einfach ein drittklassiges Theaterstück von Catulle Mendès als Vorlage genommen hatte. So verschwimmen schon vor Beginn der Oper die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Schein und Realität. Und das, obwohl Tonio, der Verursacher dieser Tragödie, noch im Prolog zur Oper verkündet, der Textdichter (und das war Leoncavallo selbst) habe diesmal das "wirkliche Leben" geschildert, und nicht bloß "falsche Tränen und Seufzer" auf die Bühne gebracht.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Ruggero Leoncavallo
Werk-Titel: I Pagliacci
Auswahl: Prolog des Tonio
"Schaut her, ich bin's"
<Track __.> 7:45
Interpreten: Kari Nurmela (Tonio)
Philharmonia Orchestra London
Ltg.: Riccardo Muti
Label: EMI (LC 0233)
1C 165-03801/2
<Track __.> Gesamt-Zeit: 7:45
Archiv-Nummer: ____

Mit dem Bajazzo schuf Leoncavallo ein künstlerisches Manifest des Verismo, jener italienischen Musikströmung, die sich abwandte von der großen romantischen Oper mit ihren strahlenden Helden und idealisierten historischen und mythologischen Inhalten. In ähnlicher Absicht (und doch ganz anders) hatte schon Smetana 25 Jahre vorher in der Verkauften Braut gezeigt, daß es außer dem Monumentalstil von Wagner, Berlioz und Meyerbeer noch andere, volkstümlichere Formen des Musiktheaters gibt. Indes – ihrem Inhalt nach mutet Die verkaufte Braut über weite Strecken an wie die böhmische Variante der Wagner'schen Meistersinger; und es sollte nicht lange dauern, da war das Werk zur nationalen Festoper der Tschechen avanciert.

Kirchweih, Wirtsstube und eine Wanderbühne bilden das dörflich-deftige Lokalkolorit dieser turbulenten Heiratskomödie: Hans liebt Marie, doch Marie soll nach dem Willen der Eltern den trottelig-einfältigen, aber reichen Wenzel heiraten. Doch wie es der Zufall so will, gerät Wenzel gerade zur rechten Zeit in die Fänge der Seiltänzerin Esmeralda und des Prinzipals der Komödiantentruppe: Man sucht nämlich noch einen Dummen für die Rolle des wilden Bären ...

Musik-Nr.: 03
Komponist: Bedrich Smetana
Werk-Titel: Die verkaufte Braut
Auswahl: Szene der Komödianten
"Hiermit tun wir dem hochedlen Publikum kund"
"Ei, ei, das ist herrlich"
<Track __.> 12:55
Interpreten: Heinz Zednik (Wenzel)
Karl Dönch (Prinzipal)
Janet Perry (Esmeralda)
Theodor Nicolai (Muff)
Münchner Rundfunksinfonieorchester
Ltg.: Jaroslav Krombholc
Label: Ariola/Eurodisc (LC ____)
89033-35
<Track __.> Gesamt-Zeit: 12:55
Archiv-Nummer: ____

Betrachtet man all die Opern, die das Theater auf der Bühne zum Thema haben, so gewinnt man leicht den Eindruck, als zielten es die Schauspielerinnen und Seiltänzerinnen nur darauf ab, die Männer einzuwickeln und ihnen mit ihrer Koketterie und Raffinesse den Kopf zu verdrehen. Was Esmeralda für den armen Wenzel in der Verkauften Braut, ist bei Richard Strauss die leichtfertige Zerbinetta für jenen jungen namenlosen Komponisten, der der Aufführung seiner ersten Oper entgegenzittert. Aber glücklich ist unser Komponist nicht, denn soeben hat er erfahren, daß seine gewichtige und bedeutungsschwangere Ariadne auf Naxos zusammen mit einem trivialen Lustspiel aufgeführt werden soll.

Seine hehren Vorstellungen von der heiligen Tonkunst sind mit einem Mal in die Brüche gegangen; er zweifelt an der Menschheit und will sein Werk den Flammen übergeben. Da nimmt die Komödiantin Zerbinetta ihn beiseite und beichtet ihm ihre wahren Gefühle: Sie spiele nur die Kokette, in Wirklichkeit aber fühle sie sich einsam und sehne sich nach wahrer Liebe und Treue. Unser jugendlicher Komponist ist von diesen Worten berauscht. Er glaubt in Zerbinetta eine wesensverwandte Seele gefunden zu haben; er bewundert sie und willigt in alle Änderungsvorschläge ein. Doch als die Vorstellung beginnt, wird er mit einem kaltschnäuzig frechen Pfiff von Zerbinetta aus seinen verliebten Träumen herausgerissen. – Sein Entsetzen über die begangene Freveltat an der Musik verhallt ungehört.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Richard Strauss
Werk-Titel: Ariadne auf Naxos
Auswahl: Vorspiel
"Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht"
<Track __.> 12:15
Interpreten: Gundula Janowitz (Primadonna)
Teresa Zylis-Gara (Komponist)
Sylvia Geszty (Zerbinetta)
James King (Tenor)
Peter Schreier (Tanzmeister)
Theo Adam (Musiklehrer)
Staatskapelle Dresden
Ltg.: Rudolf Kempe
Label: Elec./Angel (LC ____)
SMA 191 771/73
<Track __.> Gesamt-Zeit: 12:15
Archiv-Nummer: ____

Erheitern sollen sie das Publikum, die Komödianten, aber was tun sie stattdessen? Sie foppen ihre Mitmenschen, sie spotten über die Schwächen ehrbarer Bürger und machen anständigen Leuten das Leben schwer. Aber keiner ist so berüchtigt wie Arlecchino, jener Schelm aus dem italienischen Städtchen Bergamo, der in der Comedia dell'arte seinen Schabernack treibt und nicht selten gegen alle Formen von Sitte und Anstand verstößt. Arlecchino ist ein Draufgänger, ein Schürzenjäger, der auf die Gefühle anderer keine Rücksicht nimmt. Und dennoch: Die Dreistigkeit, mit der er in fremden Ehen herumtappert und unbedarften Ehemännern die Hörner aufsetzt, entlockt manches Schmunzeln – solange wir nicht selbst betroffen sind. Aber glücklicherweise ist Arlecchino nur eine Bühnenfigur, die in unserem Leben kein großes Unheil anrichten kann.

Ferruccio Busoni hat die Streiche des Arlecchino zum Mittelpunkt eines burlesken Capriccios gemacht, und es bedarf kaum einer weiteren Erläuterung, warum der arme Schneider Matteo, der sich tagein, tagaus in die Lektüre von Dantes Göttlicher Komödie vergräbt, seine Ehefrau an den ungebildeten, aber vitaleren Arlecchino verliert. – Die Moral? Am Schluß der Oper erwähnt Arlecchino sie selbst:

Verehrte Versammlung! Ich habe das innige Vergnügen, Ihnen meine jüngste Angetraute vorzustellen, die bislang als Frau Schneidermeisterin nicht vollauf Gelegenheit fand, ihre Reize vor Ihnen zu entfalten. Betrachten Sie sie jetzt in ihrer ganzen Schönheit. (...) Die Schlußfolgerungen daraus zu destillieren, überlasse ich den Damen!

Musik-Nr.: 05
Komponist: Ferruccio Busoni
Werk-Titel: Arlecchino
Auswahl: 1. Akt: Einleitung, Szene und Lied des Matteo
Dialog Matteo – Arlecchino
"Es bleibt doch die schönste, die ergreifendste Stelle"
<Track __.> 6:00
Interpreten: Ian Wallace (Ser Matteo)
Kurt Gester (Arlecchino)
Glyndbourne Festival Orchestra
Ltg.: John Pritchard
Label: Elec./HMV (LC ____)
ALP 1223
<Track __.> Gesamt-Zeit: 6:00
Archiv-Nummer: ____

Oper und Schauspiel mögen ja ganz erheiternd und abwechslungsreich sein, aber es muß ja nicht ausgerechnet der einzige noch lebende Verwandte das Theaterhandwerk ergreifen. So hat denn der reiche wie lärmempfindliche Sir Morosus seinen Neffen Henry kurzerhand enterbt, als er von dessen Beruf erfuhr: Der junge Henry Morosus hat sich nämlich einer wandernden Opern- und Komödiantentruppe angeschlossen.

Von nun an überschlagen sich die Ereignisse. Um seinem "mißratenen" Neffen jede Aussicht auf die Erbschaft zu nehmen, will der alte Morosus schnellstens heiraten – eine stille, schweigsame Frau soll es sein, eine Frau, die weder zetert noch singt. Die passende Braut findet sich schnell; schon am nächsten Tag werden Pfarrer und der Notar werden bestellt, und wenige Minuten später ist die Trauung vollzogen. In den folgenden Stunden aber entwickelt sich die stille, schüchterne Timidia zu einem zänkischen und vergnügungssüchtigen Wesen, das auf das Ruhebedürfnis des alten Herrn keine Rücksicht nimmt. Da werden Möbel gerückt, da wird gehämmert, und mitten in dem Chaos nimmt Timidia ihre Gesangsstunde. Sir Morosus ist verzweifelt; einen Tag später reicht er die Scheidung ein. Aber für den Notar ist eine lärmende Ehefrau kein Scheidungsgrund, und es hat den Anschein, als müsse der alte Mann seinen Lebensabend mit seiner Timidia teilen.

Doch zu guter Letzt wendet sich das Ehedrama zum Happy End. Das alles war ein abgekartetes Spiel, um Sir Morosus von seinen Schrullen und verqueren Ansichten über den Beruf des Schauspielers zu kurieren. Die scheinbar so streitsüchtige Timidia entpuppt sich als die liebevolle Gattin des schauspielernden Neffen, und auch der Pfarrer und der Notar gehören der Komödiantentruppe an. Die Ehe besitzt demnach keine Rechtsgültigkeit, und Sir Morosus ist ist erleichtert, einer großen Gefahr entronnen zu sein.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Richard Strauss
Werk-Titel: Die schweigsame Frau
Auswahl: Szene des Morosus aus dem Finale
"Wie schön ist doch die Musik"
<Track __.> 3:55
Interpreten: Theo Adam (Morosus)
Staatskapelle Dresden
Ltg.: Otmar Suitner
Label: Teldec/Telef. (LC ____)
SAT 22 513
<Track __.> Gesamt-Zeit: 3:55
Archiv-Nummer: ____