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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Troja und die Folgen –
Griechische Mythologie als Opernsujet

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln

Musik-Nr.: 01
Komponist: Christoph Willibald Gluck
Werk-Titel: Paride ed Elena
Auswahl: Ouvertüre (Ausschnitt) <CD 1, Tr. 1.> ca. 1:20
Interpreten: ORF Symphonieorchester
Ltg.: Lothar Zagrosek
Label: Orfeo (LC 8175)
C 118 842 H
<CD 1, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: ca. 1:20
Archiv-Nummer: ____
Technik: ausblenden bis <CD 1, Tr. 1.> 1:20

Schuld an allem haben – wie sollte es anders sein – die Frauen. Da sind zunächst einmal die drei Damen im Olymp: Hera, Pallas Athene und Aphrodite, die sich nicht einigen können, wer von ihnen die Schönste im Land sei. Bis sie schließlich den attraktiven Jüngling Paris, den Sohn des trojanischen Königs Priamos, zum Schiedsrichter bestellen. Paris allerdings erweist sich als bestechlich. Hera verspricht ihm Macht, Pallas Athene stellt ihm eine glänzende Karriere als Feldherr in Aussicht. Aber Paris überreicht den goldenen Apfel der Liebesgöttin Aphrodite, nicht weil er sie für die Schönste hält, sondern weil sie ihn mit den höchsten Liebes- und Sinnenfreuden lockt. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Während Hera und Pallas Athene beleidigt auf Rache sinnen, segelt Paris nach Sparta, um dort seinen Preis in Empfang zu nehmen: die schöne Helena, Ehefrau des Spartaner-Königs Menelaos.

Hier nun setzt Glucks Oper über Paris und Helena ein – eine nicht sonderlich spannende Version der Ereignisse auf Sparta. Um die Oper im sittenstrengen Wien der Kaiserin Maria Theresia auf die Bühne bringen zu können, mußten Gluck und sein Textdichter Calzabigi alle allzu drastischen Momente der Geschichte abmildern. Insbesondere durfte Helena nicht mehr als Ehefrau, allenfalls als Verlobte des Menelaos dargestellt werden: Denn Ehebruch, ohne daß die Strafe auf dem Fuß folgt – so etwas sahen die geistlichen Zensoren in Wien nicht gern; so etwas konnte der Moral nur abträglich sein.

Gluck und Calzabigi gehorchten, und das Publikum langweilte sich. Der Chronist am Kaiserhof notierte unter dem 3. November 1770:

Abends wurde auf dem Theatre nächst der Burg eine neue Oper vorgestellet, welche aber wegen ihres ungleichen und in etwas wunderlichen Gusto nicht besondere Approbation gefunden hat.

Die Handlung: Paris umwirbt Helena, die sich ihrerseits in Paris verliebt, aber aus Pflichtbewußtsein zögert, weil sie mit Menelaos liiert ist. Am Ende dann, nach vier langen Akten, besteigen Paris und Helena das Schiff und segeln gen Troja.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Christoph Willibald Gluck
Werk-Titel: Paride ed Elena
Auswahl: 5. Akt, Finale <CD 2, Tr. 23.> 6:35
Interpreten: Sylvia Greenberg (Amor)
Ileana Cotrubas (Helena)
Franco Bonisolli (Paris)
Arnold Schönberg Chor
ORF Chor
ORF Symphonieorchester
Ltg.: Lothar Zagrosek
Label: Orfeo (LC 8175)
C 118 842 H
<CD 2, Tr. 23.> Gesamt-Zeit: 6:35
Archiv-Nummer: ____

Was Gluck und sein Textdichter Calzabigi verschweigen: daß Paris nicht nur Helena mitgenommen hat, sondern auch einen Großteil des spartanischen Staatsschatzes; Felder und Dörfer wurden verwüstet und der Hofstaat des Menelaos wurde in die Sklaverei geführt.

Die Verärgerung des Menelaos ist also nur allzu verständlich. Er berät sich mit seinem Bruder, dem mykenischen König Agammemnon, und die beiden rufen die verbündeten Griechen zum Rachfeldzug gegen Troja auf. Zum verabredeten Termin versammeln sich die Griechen in der Hafenstadt Aulis und warten auf günstige Winde für die Überfahrt nach Kleinasien.

Doch die Götterwelt ist dem Unternehmen – wider Erwarten – nicht gut gesonnen: Agammemnon nämlich hat aus Versehen die weiße Hirschkuh der Jagdgöttin Artemis erlegt, und nun verlangt Artemis Wiedergutmachung. Der Feldherr soll seine Tochter Iphigenie opfern – dann wird sich auch das Meer wieder beruhigen. Agammemnon ist anfangs entsetzt, aber als die Griechen immer lautstarker nach dem Blut schreien, um endlich aufbrechen zu können, beugt er sich der Forderung. Die Mutter Klytemnästra in Tränen aufgelöst, Achill setzt alles daran, seine Braut zu retten; nur Iphigenie scheint all dies nichts anzugehen: Wenn die Götter und die Griechen es so wollen, wird sie sich halt auf den Opferaltar legen.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Christoph Willibald Gluck
Werk-Titel: Iphigenie en Aulide
Auswahl: 2. Akt, Szene 4 (Trio) <CD 2, Tr. 7.> 3:05
Interpreten: Lynne Dawson (Iphigenie)
Anne Sofie von Otter (Klytemnästra)
John Aler (Achill)
Orchester des Opernhauses Lyon
Ltg.: John Eliot Gardiner
Label: Erato (LC 0200)
2292 45003-2
<CD 2, Tr. 7.> Gesamt-Zeit: 3:05
Archiv-Nummer: ____

Die Geschichte geht, da es sich um Griechen und zudem noch um eine Dame aus königlichem Geblüt handelt, natürlich gut aus: Artemis ist gerührt von Iphigeniens Hingabe und verzichtet großmütig auf das Blutopfer. Wind kommt auf, und der Kriegszug gegen Troja kann beginnen.

Iphigenie, dem Opfertod mit knapper Not entkommen, begegnet uns später dann wieder bei den Taurern - als Priesterin, zuständig für Brand- und Menschenopfer!

Doch zurück nach Troja. – Der Krieg ist mittlerweile in vollem Gange, und bei den Trojanern werden Stimmen laut, man solle die schöne Helena mitsamt der spartanischen Beute wieder zurückschicken, damit das Morden endlich ein Ende habe. Selbst Hektor, der Bruder des Paris, ist dieser Ansicht. Was zur Folge hat, daß zusätzlich zum Krieg, der an den Stadtmauer tobt, im trojanischen Königspalast ein veritabler Bruderzwist ausgetragen wird. Bei dem zeitgenössischen englischen Komponisten Michael Tippett hört sich das dann so an:

Musik-Nr.: 04
Komponist: Michael Tippett
Werk-Titel: King Priam
Auswahl: 2. Akt, Szene 1 <CD 1, Tr. 11.12.> 6:35
Interpreten: Thomas Ellen (Hektor)
Norman Bailey (Priamus)
London Sinfonietta
Ltg.: David Atherton
Label: Decca (LC 0253)
414 241-2
<CD 1, Tr. 11.12.> Gesamt-Zeit: 6:35
Archiv-Nummer: ____

Zehn Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen. Immer noch belagern die Griechen Troja, ohne daß es bislang zu einer entscheidenden Schlacht gekommen wäre. Und doch sind die großen Helden mittlerweile fast alle tot – gefallen in den kleinen täglichen Scharmützeln: Patroklos, der Freund des Achilleus wurde von Hektor erschlagen; Hektor selbst fiel im Kampf mit Achill; Paris wiederum rächte den Tod seines Bruders und durchbohrte Achilleus mit einem Giftpfeil die Ferse. Ajax, der Kampfgefährte des Odysseus, verfiel dem Wahnsinn und stürzte sich in sein Schwert. Und Paris schließlich wurde während eines Ausfalls gegen die Griechen getötet.

Ein Ende ist auch nach diesen zehn Jahren nicht abzusehen. Die Mauern von Troja sind noch so wehrhaft wie am ersten Tag; die Griechen bleiben hartnäckig, und die Trojaner harren geduldig der Dinge, die da kommen. Sie kommen schließlich in Form eines riesigen hölzernen Pferdes, das eines morgens am Meeresufer steht – dort, wo bislang die griechischen Zelte standen.

Die Euphorie der Trojaner kennt keine Grenzen. Wie es scheint, haben die Griechen aufgegeben, sind sie in ihre Heimat zurückgesegelt. Die Warnungen der Seherin Kassandra, daß hier manches nicht mit rechten Dingen zugehe, verhallen ungehört. Und als der Priester Laokoon einen Speer ins Holz stößt und er daraufhin von einem Meerungeheuer erwürgt wird, halten die Trojaner dies sogar für ein gutes Zeichen: Wenn das Holzpferd ein Weihegeschenk der Griechen an die Göttin Athene darstellt, so ist es dem Laokoon nur recht ergangen, als er Hand an dieses Werk legte. Im Triumpfzug wird das Pferd in die Stadt gezogen.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Hector Berlioz
Werk-Titel: Les Troyens
Auswahl: 1. Akt, Szene 9 <Track 2.> 6:05
Interpreten: Regine Crespin (Kassandra)
Chor und Orchester der Pariser Nationaloper
Ltg.: Georges Prêtre
Label: EMI (LC ____)
EMI CDM 7 63480 2
<Track 2.> Gesamt-Zeit: 6:05
Archiv-Nummer: ____

Hector Berlioz' Oper Die Trojaner ist allein schon von ihrem Umfang her dem Trojanischen Krieg durchaus angemessen: In sechseinhalbtausend Takten Musik (was einem Hörgenuß von etwa fünf Stunden entspricht) erzählt Berlioz die Geschichte vom Hölzernen Pferd, von Kassandras Prophezeihungen, die niemand hören will und schließlich von Äneas' Flucht nach Karthago. Schon als er den Plan zu den "Trojanern" gefaßt hatte, waren Berlioz ernste Zweifel gekommen:

Ich muß der Versuchung widerstehen, dieses Projekt in die Tat umzusetzen, und ich werde dieser Vesuchung hoffentlich Zeit meines Lebens widerstehen können. Mir erscheint dieser Stoff zwar wunderbar und zutiefst bewegend, aber dies genau ist auch ein sicheres Zeichen dafür, daß das Pariser Publikum diese Oper für langweilig halten wird.

In der Tat: fünf Jahre lang lag die Partitur bei der Intendanz der Pariser Opera, fünf Jahre lang wurde die Aufführung mit fadenscheinigen Begründungen immer wieder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, bis Berlioz schließlich die Trojaner zweiteilte und zumindest die Geschichte von Dido und Äneas am benachbarten Theatre-Lyrique zur Aufführung brachte.

Doch zurück zu den Ereignissen in Troja: Das hölzerne Pferd, das die Griechen am Strand zurückgelassen hatten, entpuppte sich als raffinierte Finte. Die Griechen hatten sich mit ihren Schiffen lediglich hinter einer Landzunge zurückgezogen, und im Bauch des Tieres hatten sich Odysseus und seine Leute versteckt, die nun, im Dunkel der Nacht die Tore der Stadt öffneten. Das Gemetzel muß grausam gewesen sein: Kein Stein blieb auf dem anderen, die Griechen brandschatzten und mordeten wahllos Kinder und Frauen. Troja sollte vollständig ausgelöscht werden, niemand sollte dem Vernichtungswerk entkommen.

Nur einem glückte die Flucht: Mit seinem Vater auf dem Rükken verlies der Jüngling Äneas die brennende Stadt. Nach langen Irrfahrten gelangte er an die Küste Karthagos, dem Reich der Königin Dido. Dido verliebt sich in Äneas, und auch Äneas liebäugelt mit dem Gedanken, seine geschichtliche Berufung, die Gründung Roms, zu ignorieren und hier in Karthago ein glückliches Eheleben zu beginnen. Doch am Ende obsiegt sein Pflichtbewußtsein: Äneas nimmt Abschied und besteigt sein Schiff, während am Ufer Dido ihr Leben aushaucht. Hier die Abschiedsszene aus Henry Purcells Oper Dido und Äneas von 1689.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Henry Purcell
Werk-Titel: Dido and Aeneas
Auswahl: 3. Akt (Ausschnitt) <Track 20.21.> 9:25
Interpreten: Anne Sofie von Otter (Dido)
Lynne Dawson (Belinda)
Stephen Varcoe (Aeneas)
Chor und Intrumentalisten des English Concert
Ltg.: Trevor Pinnock
Label: DG Archiv (LC 0113)
427 624-2
<Track 20.21.> Gesamt-Zeit: 9:25
Archiv-Nummer: ____

Der Trojanische Krieg ist zu Ende, die Toten sind begraben und die Beute aufgeteilt. Und doch ist die Geschichte noch nicht zuende. Die Griechen nämlich, die zehn Jahre lang die Gunst der Götter auf ihrer Seite hatten, haben sich die Sympathien in den letzten Kriegstagen gründlich verscherzt: Nicht sosehr, weil sie in Troja auch über Frauen und Kinder hergefallen waren (dies war den Göttern ziemlich egal); aber was die Damen und Herren im Olymp empörte: daß Agammemnon, Odysseus und Konsorten die trojanischen Tempel geschändet und zerstört hatten und die Schätze als Kriegsbeute unter sich aufgeteilten. So haben denn die Götter vor den geruhsamen Lebensabend die Heimkehr gesetzt, und die erweist sich für einige der Kriegsteilnehmer als recht problematisch.

Am schlimmsten trifft es Agammemnon (derselbe, der zehn Jahre zuvor seine Tochter hatte opfern wollen). Als er nach Hause zurückkehrt, wird er von dem Liebhaber seiner Ehefrau erschlagen. Es ist der Beginn einer Familientragödie, die sich noch über mehrere Generationen hinziehen wird.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Sergej Tanejev
Werk-Titel: Oresteia
Auswahl: 1. Akt, Szene 2 (Ende) <CD 1, Tr. 25.26.27.28.> 6:05
Interpreten: Nelli Tkachenko (Kassandra) Viktor Chemobayev (Agammemnon)
Chor und Orchester der Bellorussischen Staatsoper
Ltg.: Tatjana Kolomizheva
Label: Olympia (LC ____)
OCD 195
<CD 1, Tr. 25.26.27.28.> Gesamt-Zeit: 6:05
Archiv-Nummer: ____
Technik: schnell ausblenden bei <CD 1, Tr. 28.> 0:30

Glücklicher trifft es Odysseus, auch wenn er zwanzig Jahre von Insel zu Insel irrt und nicht nach Hause findet. Oder will er vielleicht gar nicht so recht – nach all den Abenteuern ein geruhsames Leben führen? Die Irrfahrten führen ihn zu dem einäugigen Riesen Polyphem, seine Gefährten werden von der Zauberin Circe in Schweine verwandelt, er widersteht dem verführerischen Gesang der Sirenen, um dann sieben Jahre lang mit der Nymphe Kalypso zu flirten. Schließlich wird er von den Phäaken in seiner Heimat Ithaka abgesetzt.

Anders als Agammemnon findet Odysseus sein Ehebett leer vor. Zwar befinden sich genügend Freier im Haus, die um die Hand Penelopes anhalten, aber Penelope verweigert sich, solange es niemandem gelingt, den Bogen des Odysseus zu spannen. Als Bettler verkleidet betritt er seinen Palast, spannt den Bogen und macht dem unwürdigen Treiben ein Ende. Als die Mitgiftjäger von seinen Pfeilen durchbohrt sind, gibt er sich Penelope zu erkennen.

Musik-Nr.: 08
Komponist: Gabriel Fauré
Werk-Titel: Penelopé
Auswahl: 3. Akt, Finale <Track xx.> 4:55
Interpreten: Jessye Norman (Penelope)
Alain Vanzo (Odysseus)
Jocelyne Taillon (Eurykleia)
Philharmonieorchester Montecarlo
Ltg.: Charles Dutoit
Label: Erato (LC 0200)
STU 71386/89 (ZL 30782)
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 4:55
Archiv-Nummer: ____