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"Auf dem Wasser zu singen ..."

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 8.4.1991 – "ARD-Nachtkonzert")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Rheingold
Auswahl: Vorspiel (Ende, ab Part. S. ___)
1. Szene (Anfang, bis Part. S. ___)
<CD 1, Tr. 1.2.> 2:45 +
Interpreten: Helen Donath (Woglinde)
Edda Moser (Wellgunde)
Anna Reynolds (Floßhilde)
Berliner Philharmoniker
Ltg.: Herbert von Karajan
Label: DGG (LC 0173)
415 141-2
<CD 1, Tr. 1.2.> Gesamt-Zeit: 2:45 +
Archiv-Nummer: ____
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<CD 1, Tr. 1.>
<CD 1, Tr. 1.>
<CD 1, Tr. 2.>
<CD 1, Tr. 2.>
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0:47
1:13
 

ZITAT 01:

Auf dem Grunde des Rheines: Grünliche Dämmerung, nach oben zu lichter, nach unten zu dunkler. Die Höhe ist von wogendem Gewässer erfüllt, das rastlos von rechts nach links zu strömt. Nach der Tiefe zu lösen die Fluten sich in einen immer feineren feuchten Nebel auf, so daß es scheint, als fließe das Wasser wie in Wolkenzügen über den nächtlichen Grund dahin. Überall ragen schroffe Felsenriffe aus der Tiefe auf; der ganze Boden ist in wildes Zackengewirr zerspalten, so daß er nach allen Seiten hin in dichtester Finsternis tiefere Schlüffte annehmen läßt. Woglinde kreist in anmutig schwimmender Bewegung um das mittlere Riff ...

ZITAT 02:

Mit munterem Geschrei fahren Wellgunde und Woglinde auseinander. Floßhilde sucht bald die eine, bald die andere zu erhaschen. Die beiden entschlüpfen ihr und vereinigen sich endlich, um gemeinsam auf Floßhilde Jagd zu machen. So schnellen sie gleich Fischen von Riff zu Riff, scherzend und lachend.

So vergnüglich und unbeschwert also schildert uns Richard Wagner das Leben der Rheintöchter. Paradiesische Zustände, die da auf dem Grund des Rheins herrschen: keinen Ehrgeiz, keine Leidenschaften und keinen Verdruß. Aber nicht nur, daß dieses Glück von kurzer Dauer ist; Herrn Wagners Zeitgenossen hatten zudem auch schwerste moralische Bedenken angesichts der feucht-schlüpfrigen Szenerie. Der Musik-Kritiker eines Münchner Lokalblattes bezeichnete das erste Bild als "Huren-Aquarium" und wurde wegen Ehrenbeleidigung der auftretenden Damen zu sechs Kreuzern Strafe verurteilt. Sein Kollege in Wien kam indes straffrei davon, als er nicht minder scharfzüngig schrieb:

Da schwimmen Rhein-Nixen in eleganter Soiree-Toilette mit Schleppe und wallendem Chignon und jauchzen auf dem Grunde des Rheins voller Inbrunst wie in den Alpen die Sennerinnen. Das also sollen Nixen sein, bei deren Singen uns angeblich "so sehnsuchtsvoll das Herz wächst wie bei der Liebsten Gruß"? Diese Damen sprechen und gebärden sich eher wie Fischweiber der ordinärsten Sorte, und es stimmt schon, wenn die immer gut unterichtete Freifrau Fricka sie "Wassergezücht" nennt. Es sind wahre Wasserstraßen-Dirnen, und man kann den alten Vater Rhein nur bedauern, daß er mit seinen Töchtern eine solche Schande erleben muß!

Was hat die Kritiker so gegen die unschuldig tändelnden Rheintöchter aufgebracht? Daß sie ihre Gunst nicht jedem schenken, der da lüstern des Wegs kommt? Daß sie mit dem häßlichen Alberich, der vor Liebesverlangen schier vergeht, ihr grausames Spiel treiben? Oder daß sie nicht besser auf den Goldklumpen aufgepaßt haben, den der Zwerg raubt und der damit Herrn Wagners apokalyptische Visionen von Götterdämmerung und Weltenbrand ins Rollen bringt.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Rheingold
Auswahl: 1. Szene (Ende, ab Part. S. ___) <CD 1, Tr. 5.6.7.8.> 7:55
Interpreten: Helen Donath (Woglinde)
Edda Moser (Wellgunde)
Anna Reynolds (Floßhilde)
Berliner Philharmoniker
Ltg.: Herbert von Karajan
Label: DGG (LC 0173)
415 141-2
<CD 1, Tr. 5.6.7.8.> Gesamt-Zeit: 7:55
Archiv-Nummer: ____
Technik: Musik einblenden bei
Musik ausblenden bis
<CD 1, Tr. 5.>
<CD 1, Tr. 8.>
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0:23
 

Und so ist denn das Elend über die Welt gekommen: In seiner Wut hat Alberich der Liebe entsagt und befindet sich nun dafür im Besitz jenes Goldklumpen, der ihm zwar keine Liebe und Wärme gibt, dafür aber seinem Besitzer umsomehr Macht über die Welt verleiht.

Daß beim Umgang mit Wasser-Wesen Vorsicht geboten ist, davon wußten schon die Alten Griechen in Lied zu singen: Die Sirenen etwa betörten mit ihrem Gesang die Seeleute und rissen sie mit in die Tiefe. Aber die Menschen haben auch ihrerseits den Wasser-Wesen immer wieder übel mitgespielt. Zu erinnern wäre da an die Geschichte von Undine, einem jungen launischen Mädchen, das als Pflegekind bei einer armen Fischer-Familie aufwächst – bis eines Tages ein gutaussehender Ritter die Szenerie betritt. Ritter Huldbrand ist fasziniert von der Kleinen. er nimmt sie mit auf sein Schloß und heiratet sie. In der Hochzeitsnacht dann offenbart Undine ihm ihr Geheimnis: daß sie ein Wasser-Wesen ist und erst seit dieser Nacht eine Seele besitzt, wo sie von einem Mann geliebt wird. Allerdings warnt sie ihn auch: Wenn er ihr untreu wird, müsse er sterben.

Die Katastrophe läßt nicht lange auf sich warten. Sie tritt auf in der Gestalt des hochmütigen Freifräuleins Bertalda, das – ganz Mensch – gegen Undine intrigiert und Herrn Huldbrand den Kopf verdreht. Undine geht ins Wasser zurück, wo ihre Artgenossen sie schon erwarten. Und als wenig später unser Ritter das Freifräulein ehelicht, steigt Undine aus dem Brunnen im Burghof, um ihn mit in die Tiefe zu ziehen.

Als E.T.A. Hoffmanns Oper Undine 1816 in Berlin Premiere hatte, war die Begeisterung des Publikums groß: endlich eine Oper, die dem deutschen romantischen Zeitgeschmack huldigte – mit einem schmucken Ritter, mit dunklem Wald und dämonischen Mächten, das Ganze schön schauerlich aufbereitet und in eindrucksvollen Kulissen inszeniert.

In Berlin war Hoffmanns Undine überaus erfolgreich, aber an anderen Opernhäusern tat man sich schwer mit dem Stück. In Hamburg und Frankfurt verschwand das Stück nach wenigen Aufführungen vom Spielplan, und als dann in Berlin das Königliche Theater abbrannte und die Kulissen sich in Rauch auflösten, war es auch hier um Hoffmanns Undine geschehen. Eine letzte Chance zum künstlerischen Durchbruch zeichnete sich in Wien ab. Doch dann teilte Clemens von Brentano am 18. Juli 1817 aus der streng-katholischen kaiserlichen Hauptstadt mit:

Die Undine' ist hier noch nicht zur Aufführung gelangt, denn die Geistlichkeit will nicht erlauben, daß man in der Trauungszeremonie einen Sänger als Geistlichen auftreten läßt. Und auch der Sänger ebenjenes Paters hat Bedenken über seine Rolle geäußert, denn ein Wasser-Wesen, das keine Seele hat, dürfe nicht den kirchlichen Segen erhalten, auch nicht in der Oper! Nun überlegt die Direktion, die Undine umschreiben zu lassen. So geht hier auch diesmal wieder alles Herrliche zu Schanden ...

Musik-Nr.: 03
Komponist: E.T.A. Hoffmann
Werk-Titel: Undine
Auswahl: Nr. 12 – Arie und Chor (2. Akt, 4. Szene)
"Ihr Freunde aus See'n und Quellen"
<LP 2, Seite B> 6:50
Interpreten: Karl Christina Kohn (Kühleborn)
Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Ltg.: Jan Koetsier
Label: Voce (LC ____)
101
<LP 2, Seite B> Gesamt-Zeit: 6:50
Archiv-Nummer: ____

Fast hat es den Anschein, als sollten nicht nur die Ritter, sondern auch Komponisten um die Wasser-Geister einen Bogen machen: E.T.A. Hoffmanns Undine, die in Berlin so erfolgreich begonnen, löste sich mit dem Berliner Theaterbrand 1817 nachgerade in Rauch auf, und auch Lortzings Undine-Vertonung 1843 stand unter einem schlechten Stern: In einem Brief an seinen Freund Philipp Reger schreibt Lortzing aus Hamburg:

Vergnügen habe ich den letzten Tagen nur wenig genossen. Tagtäglich Proben, die sich von morgens bis nachmittags um drei Uhr erstreckten; und so war beinahe der ganze Tag vorbei. Wenn Du nun in den Journalen liest, daß die Aufnahme der Undine glänzend gewesen sei, so muß ich Dir sagen, dies ist übertrieben. Der Applaus war allenfalls ehrenvoll, weil wieder einmal alles zusammentraf, was einer Oper den Hals bricht: am Tag der Premiere zog hier in Hamburg das herrlichste Wetter ein, so daß alle Welt hinaus aufs Land eilte. Die Darstellerin der Gräfin Bertalda wurde drei Tage vor der Vorstellung krank; Undine war ein junges, halberwachsenes Mädchen mit recht passabler Stimme, aber Anfängerin in höchstem Grade und kaum sechsmal auf der Bühne gewesen. Und der Tenor schließlich ist höchst unbeliebt beim Publikum.

Auch die Journaille fiel über das arme Wasserfräulein her. Was man Lortzings Undine ankreidete: daß diese "romantische Zauberoper" so gar nicht jenen schaurig-geheimnisvollen Ton anschlug, der dem Sujet angemessen gewesen wäre.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Albert Lortzing
Werk-Titel: Undine
Auswahl: 3. Akt, Szene und Finale <CD 2, Tr. 12.13.14.> 12:20
Interpreten: Josef Protschka (Hugo)
Christiane Hampe (Bertalda)
Monika Krause (Undine)
John Janssen (Kühleborn)
Kölner Rundfunkchor
Kölner Rundfunkorchester
Ltg.: Kurt Eichhorn
Label: Cap (LC 8748)
60 017-2
<CD 2, Tr. 12.13.14.> Gesamt-Zeit: 12:20
Archiv-Nummer: ____

Schon Paracelsus, der große Arzt und Naturgelehrte des 16. Jahrhunderts wußte von Undinen, Nymphen und anderen Wasserwesen zu berichten. In dem Kapitel "Wie die Nymphen zu uns kommen und uns sichtbar werden" heißt es:

Sie kommen aus ihren Wassern heraus zu uns, lassen sich kennen und handeln und wandeln mit uns. Das alles dem Menschen zu einem Erkennen der göttlichen Schöpfung. Sie haben keine Seel', es sei denn, sie wären mit den Menschen verbunden. Und wenn sie des Todes sterben, da bleibt nichts von ihnen über, und sind wie das Vieh. Daraus folgt nun, daß sie um den Menschen buhlen, auf daß sie eine Seel' erlangen. Wenn aber einer eine Nymphe zum Weibe hat, der lasse sie zu keinem Wasser kommen und beleidige sie auch nie auf Wässern, so sie in den Fluten verschwinden und nimmer gesehen werden.

Dies also ist Naturwissenschaft zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Paracelsus teilt auch mit, wie man die Waser-Wesen unfehlbar erkennt: daß ...

... ein Gewandzipfel oder eine einzelne Haarsträhne stets naß seien, so daß sie wohl überall einen feinen Wasserstreifen hinterlassen.

Auch der Volksglaube weiß Wunderliches aus dem Leben der Wasser-Wesen zu berichten. Während die männlichen Vertreter meist mit Algen und Schilf behangen sind, sind die jungen Damen ausnehmend hübsch anzuschauen – nur, daß sie den Unterleib eines Fischs besitzen. Sie wohnen auf dem Grund der Seen in einem Kristallpalast, strahlend von Gold und Edelsteinen, der Boden ist mit Fischaugen gepflastert, und die Tische sind voll verlockender Speisen. So verbringen sie ihr Leben mit Singen und Tanzen, und es wäre ja auch nichts dagegen einzuwenden, wenn sie nicht immer wieder Unheil anrichten würden: Nicht nur, daß sie den Fischern die Netze zerreissen und die alten Waschfrauen am Seeufer verspotten. Aber sie ziehen auch aus purem Vergnügen kleine Kinder und hübsche Jünglinge in die Tiefe.

Sympathischer sind da schon jene fügsamen Wasser-Damen, die sich nach Menschenliebe und einer christlichen Seele sehnen, wie etwa Dvoraks Rusalka. Auch sie verliebt sich in einen Prinzen, aber die Liaison steht – wie üblich – unter keinem guten Stern. Rusalka bleibt in Gegenwart der Menschen stumm, und der Prinz wird dieser wortlosen Liebe bald überdrüssig. Enttäuscht und liebeskrank kehrt sie in das Wasserreich zurück, um noch einmal aufzutauchen: Als der Prinz Rusalka sucht und sie reumütig um Vergebung bittet, gibt ihm den Todeskuß und empfiehlt seine Seele der Gnade Gottes.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Antonin Dvorak
Werk-Titel: Rusalka
Auswahl: 3. Akt, Finale <Track __.> 17:55
Interpreten: Gabriela Benackova (Rusalka)
Wieslav Ochman (Prinz)
Tschechische Philharmonie
Ltg.: Vaclav Neumann
Label: ___ (LC ____)
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<Track __.> Gesamt-Zeit: 17:55
Archiv-Nummer: ____