Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Musikleben in Böhmen

Mozart in Prag

Dieser Beitrag ist entstanden als
Programmtext für den SWR, Stuttgart

Ich hatte oftmals sagen hören, daß die Böhmen unter allen Nationen in Deutschland, ja vielleicht in ganz Europa am meisten musikalisch wären, und ein berühmter deutscher Komponist [...] hatte mich versichert, daß sie, wenn man ihnen nur gleiche Vorteile mit den Italienern verschaffte, diese gewiß übertreffen würden. [...] Ich durchreiste das ganze Königreich Böhmen von Süden bis Norden; und da ich sorgfältig untersuchte, wie der gemeine Mann Musik lernte, so fand ich zuletzt, daß nicht nur in jeder großen Stadt, sondern auch in allen Dörfern, wo nur eine Lese- und Schreibschule ist, die Kinder beiderlei Geschlechts in der Musik unterrichtet werden. [...] Viele von denen, welche Musik in den Schulen lernen, gehen nachmals wirklich an den Pflug und andre mühsame Handarbeiten; und dann hilft ihnen ihre musikalische Kenntnis zu weiter nichts, als daß sie in der Kirche mitsingen oder sich zu Hause ein Vergnügen machen können.

Die Musikalität der Böhmen, die der englische Musikgelehrte Charles Burney in seinem "Tagebuch einer musikalischen Reise" 1773 beschrieb, war schon damals sprichwörtlich. Und auch der Mozart-Biograph Franz Xaver Niemetschek schrieb 1794 "Über den Zustand der Musik in Böhmen":

Nicht mit Unrecht wird Böhmen das Vaterland deutscher Tonkunst genannt. [...] Böhmische Tonkünstler sind in allen berühmten Orchestern Europens zerstreut, und haben sich theils als Instrumentalisten, theils als Kompositeurs, den größten Ruhm erworben. In Böhmen selbst gab es, und giebt es noch zum Theile so viel geschickte und vortreffliche Musiker aller Art, daß man selbst auf dem Lande oft in unbedeutenden Oertern ein beträchtliches Orchester zusammen bringen, und die stärksten Kompositionen aufführen kann. [...] In den Gasthäusern hört man oft Bierfiedler, die werth wären, in guten Orchestern angestellt zu seyn. Alle diese Musiker haben ihre Kunst nicht sowohl dem nothdürftigen Unterrichte, als ihrem Talente mit Uebung verbunden, zu danken.

Die Ursache für das Aufblühen der Musik in den böhmischen Landen liegt jedoch weder "in der Nation Talent und Kunstsinn" (wie Niemetschek annimmt), noch ist sie (wie Burney vermutet) in besonderen klimatischen Bedingungen zu finden. Es sind vielmehr die Einflüsse von Reformation und Gegenreformation, die Geschichte von böhmischem Partikularismus und habsburgischem Absolutheitsanspruch, die hier ihren künstlerischen Niederschlag gefunden haben. Schon die protestantischen Reformatoren hatten erkannt, daß das einfache Volk für neue Ideen am ehesten durch Musik, durch gemeinschaftliches Singen zu gewinnen ist. Und in ähnlicher Weise versuchten auch die Jesuiten als geistliche Erfüllungsgehilfen des katholischen Hauses Habsburg, die Seelen der Menschen durch Musik und sinnenfreudige Theaterspektakel zurückzuerobern. Die umfassende musikalische Ausbildung vor allem der Landbevölkerung war Teil eines umfassenden Programms zur religiösen Erziehung und Umerziehung.

Aber dies ist nur die eine Seite. Mochte die böhmische Bevölkerung auch eine fundierte musikalische Grundausbildung erhalten haben, so galt das Land selbst als habsburgische Provinz, die zudem wegen ihrer aufrührerischen Tendenzen klein gehalten werden mußte. So engagierten die habsburgischen Herrscher, die sich als böhmische Könige zeitweilig mehr in Prag als in Wien aufhielten, mit Vorliebe auswärtige Komponisten, Sänger und Instrumentalisten. Philippe de Monte, Hasse, Fux, Caldara wirkten in der Prager Residenz; die Namen einheimischer Musiker finden sich hingegen nur auf subalternen Stellen. Wer als böhmischer Musiker reüssieren wollte, mußte sein Glück im Ausland suchen - in Italien, Frankreich oder im übrigen Deutschland. Und als der habsburgische Hof sich wieder dauerhaft in Wien etablierte, kam das Musikleben in Prag weitgehend zum Erliegen.

Als Charles Burney auf seiner musikalischen Reise in Prag weilte, notierte er in seinem Tagebuch:

Vielleicht wird man sich darüber wundern, daß diese Hauptstadt eines so musikalischen Reichs, wo das Genie jedes Einwohners sich frei üben kann, nicht mehr große Tonkünstler habe. Die Ursache davon ist nicht schwer zu finden, wenn man bedenkt, daß Musik eine von den Künsten des Friedens, der Muse und des Überflusses sei. [...] Nun aber haben die Böhmen nie eine langwierige Ruhe genossen, und selbst in den kurzen Zwischenzeiten des Friedens lebte ihr hoher Adel selten in der Hauptstadt, sondern folgte dem Hofe nach Wien, daher die Ärmern, welchen man in ihrer Jugend musikalischen Unterricht gegeben, keine Aufmunterung haben, in ihren reifern Jahren in der Musik weiterzugehen, und daher sie gewöhnlich nur zur Gassenmusik oder zur Dienstbarkeit taugen.

Weitere Einzelheiten über das Prager Musikleben zu mitzuteilen, erachtete Burney (der über andere Städte ausführlich und detailfreudig zu berichten weiß) nicht für lohnenswert. Und selbst Niemetschek, dessen böhmischer Patriotismus ansonsten unüberhörbar ist, beklagt am Ende des 18. Jahrhunderts:

Wir sind auf dem Wege des Verfalls – und wenn es so fortgeht, so wird Prag mit der Zeit aufhören, eine hohe Schule der Tonkunst zu seyn. Denn der Mangel an Instrumentalisten und Sängern bricht wirklich ein, die Gründlichkeit verliehrt sich; Charlatanerie, Geschmacklosigkeit und Hang zur Tändeley nehmen bey Leuten von Metier sowohl, als bey den Dilettanten, noch mehr aber bey dem Publikum überhand. Der liebe Himmel möge uns nur die alten, soliden Meister, diese Stützen der Kunst noch lange erhalten, – denn der Nachwachs kommt sehr dünne zum Vorschein.

Sind dies Klagen eines Musikverständigen, der mit den Prager Verhältnissen vertraut ist, oder ist es das Lamento eines ewig Gestrigen, der mit allem Neuen unzufrieden ist? Es ist aus heutiger Sicht schwer abzuschätzen. Immerhin gab es seit Jahrzehnten zwei Theaterhäuser, an denen auch das Opernrepertoire gepflegt wurde, und 1781 ließ Graf von Nostitz auf eigene Kosten einen weiteren festen Theaterbau errichten, das sich ebenfalls auf Wunsch der Bevölkerung bald schon dem Musiktheater öffnete. Da das Geld für ein festes Opernensemble fehlte, verpachtete man die Theater an private Opernunternehmen, denen es allerdings meist weniger um künstlerische Qualität als um den schnellen wirtschaftlichen Erfolg ging.

Eine Provinzmetropole, die sich seit alters her zu Besserem berufen fühlte, ein Publikum, das sich für Musik begeistern konnte, und ein städtisches Musikleben, das nicht recht auf die Beine kommen wollte: für reisende Virtuosen und Operntruppen galt Prag als einträgliches Ziel. Volle Säle und der Beifall des Publikums waren einem Künstler hier so gut wie sicher. Von Wien aus war es nach Prag eine Reise von vier Tagen. Verglichen mit anderen Städten lag Prag nahe, und doch war es so weit entfernt, daß man sicher sein konnte, ein anderes, unbedarftes und gleichzeitig begeisterungsfähiges Publikum vorzufinden.

So entsprang auch Mozarts Reise in die böhmische Hauptstadt in erster Linie der ökonomischen Überlegung, daß sich der allseitige Erfolg seines "Figaro" trefflich für eine einträgliche Konzert-Tournee ausnützen ließe. Anfang Dezember 1786 hatte die Operntruppe des Pasquale Bondini den "Figaro" im Nostitzschen Theater auf die Bühne gebracht – mit einem solchen Erfolg, daß schon wenige Tage später ein Klavierauszug, ein Kammermusikbearbeitung für Bläser und ein Potpourri für den Tanzboden erschienen:

Figaros Gesänge widerhallten auf den Gassen, in Gärten, ja selbst der Harfenist bey der Bierbank mußte sein "Non piu andrai" tönen lassen, wenn er gehört werden wollte.
(Niemetschek)

Und als Mozart einen Monat später in Prag eintraf, sah er

mit ganzen Vergnügen zu, wie all diese Leute auf die Musik meines figaro, in lauter Contratänze und teutsche verwandelt, so innig vergnügt herumsprangen; – denn hier wird von nichts gesprochen als von – figaro; nichts gespielt, geblasen, gesungen und gepfiffen als – figaro. keine oper besucht als – figaro und Ewig figaro; gewiß große Ehre für mich.
(Brief vom 14.1.1787)

Mozart war also nicht zum bloßen Vergnügen nach Prag gereist. Seine Absicht war es, die "Figaro"-Begeisterung der Prager Bevölkerung für eine Akademie, d.h. eine Konzertveranstaltung zu eigenem Gewinn zu nutzen und von dem Opernimpressario Bondini vielleicht den Auftrag zu einer neuen Oper zu erhalten. Auch wenn Mozart sehr schnell komponierte, so wäre es doch wenig professionell gewesen, wenn er unvorbereitet nach Prag gereist wäre. Wahrscheinlich hatte er die "Prager Sinfonie" (KV 504) und die "Prager Tänze" schon im Gepäck und brauchte sie nicht erst, wie es einige romantisch verklärende Biographen darstellen, als Dank für die Gastfreundschaft im Gasthof "Zu den drei Goldenen Löwen" zu Papier zu bringen.

Wie Mozart erhofft hatte, wurde der Abstecher nach Prag ein Erfolg. Die Einnahmen aus dem Konzertabend und den beiden Dirigaten des "Figaro" übertrafen die Reisekosten bei weitem, und was für Mozart noch wichtiger war: Von Bondini hatte er einen Auftrag für die nächste Opernsaison in der Tasche: Die Vertonung des "Don Giovanni" nach dem Libretto von Lorenzo da Ponte. Für Mozart war dies ein einträgliches Geschäft, für die Stadt Prag sollte der "Don Giovanni" der Anstoß eines neuen musikalischen Selbstbewußtseins werden. Mozarts Bemerkung anläßlich seines zweiten Aufenthalts in der Stadt – "Meine Prager verstehen mich" – wurde im 19. Jahrhundert zum verklärenden Topos hochstilisiert: Die böhmische Hauptstadt galt fortan als Mozart-Stadt schlechthin, in der dem Komponisten die Anerkennung entgegenbracht wurde, die ihm in Wien angeblich versagt blieb.