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Hommage au Salon

Salonmusik für Klavier und Flöte

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung mehrerer Programmheft- und CD-Booklet-Texte.

Allgemeines

"Werft auf die schlechte Musik euren Fluch, aber nicht eure Verachtung! Je mehr man die schlechte Musik spielt oder singt (und leidenschaftlicher als die gute), desto mehr füllt sie sich allmählich an mit den Träumen, mit den Tränen der Menschen. Deshalb soll sie euch verehrungswürdig sein. [...] Wie viele Melodien, die in den Augen eines Künstlers ganz wertlos sind, sind aufgenommen in den Kreis der vertrauten Freunde von tausend jungen Verliebten oder romantisch Lebenshungrigen. [...] Die schönsten Augen der Welt haben Tränen über ihnen vergossen, einen traurig-wollüstig Tribut , um den der reinste Meister der Kunst sie beneiden könnte [...]

Wohl nie wurde der Salonmusik ein so überschwengliches Loblied gesungen wie Marcel Proust dies in seiner "Suche nach der verlorenen Zeit" getan hat. Das Verdikt "Salonmusik" ist ein Urteil, wie es für ein klassisches Musikstück vernichtender nicht sein kann! In den Ohren der gestrengen Musikkritiker bezeichnet dieses verächtliche Wort vor allem das minderwertige, seichte Geklingel, die schmachtvollen und tränenreichen Gefühlsergüsse der höheren Tochter am Klavier. Und wer kennt nicht diese unsäglich sentimentalen Auswüchse: das inbrünstige "Gebet einer Jungfrau" der polnischen Komponistin Thekla Badarzewska oder Gounods "Ave Marie über das C-Dur-Präludium von Johann Sebastian Bach"? Aber solche Trivialitäten sind bloß letzte Auswüchse einer musikalischen Entwicklung, die einstmals durchaus ehrbare Wurzeln hatte.

Denn "Salonmusik" im ursprünglichen Sinne wollte eigentlich nur jene Bereiche der Musik beschreiben, die sich an den Fähigkeiten und dem Unterhaltungsbedürfnis des musikliebenden Dilettanten orientierte und nicht den Hochleistungsvirtuosen auf den Konzertpodien oder den musikalisch gebildeten Tüftlern vorbehalten war. Der Salon und seine Musik galt als Inbegriff des kulturellen Lebens. Wer im 18. und frühen 19. Jahrhundert in den Hauptstädten Wien, Paris oder Berlin gesellschaftliche Ambitionen besaß, veranstaltete in seinen Räumen gastliche Soireen, bei denen sich Intelligenz, Kunst, Macht und Geld die Hand gaben. Hier wurde Politik gemacht, hier diskutierte man die neuesten philosophischen Ideen und lauschte den Literaten und Musikern, die gerade in Mode waren. Die Fürsten Lichnowski und Brunsvick in Wien, die sich als Förderer Beethovens hervortaten, die geselligen Abende bei Madame Récamier in Paris oder sonntaglichen Matineen im Hause Mendelssohn in Berlin: ohne das gesellschaftliche Leben der Salons wäre unser heutiges Repertoire an Literatur und Musik wohl um manches Kunstwerk ärmer.

"Für Kenner und Liebhaber" gedacht (wie eine häufige Formulierung der damaligen Zeit lautete), wurde diese Musik dann leider bald schon mit derselben Beiläufigkeit genossen wie der Tee und der Wein, den man bei geselligen Abendveranstaltungen zu reichen pflegte.Anstatt miteinander gepflegte Konversation zu betreiben, wurde immer mehr gespielt und musiziert – oder besser: man spielte Karten und ließ musizieren. Schon der junge Mozart ereiferte sich 1778 in einem Brief an seinen Vater über jene Pariser Salons, in denen seine Musik allenfalls als dekoratives Beiwerk zu gebratenem Hähnchen und zu Whist-Karten goutiert wurde.

Fenster und Türen standen die ganze Zeit offen, so daß mir nicht nur die Hände, sondern der ganze Leib kalt war. Endlich spielte ich auf einem miserablen Pianoforte. Was aber das ärgste war: daß die Madmoiselles und die Herren ihre Unterhaltung keinen Augenblick unterließen, sondern immer fortmachten, und ich also für Sessel, Tische und die Mauern spielte...

Und dem 16jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy erging es in Paris fünfzig Jahre später auch nicht besser. In einem Brief vom 6. April 1825 schildert er die Abendgesellschaft der Comtesse von Rumford:

Als wir am Abend dahin kamen, waren ziemlich viele Leute in dem Salon versammelt. Ich wurde dem berühmten Rossini vorgestellt, der sich dann alsbald ans Klavier setzte und zum Gesange der Comtessa das "Ave verum" von Mozart accompagnierte – zum Nutzen und Frommen aller Zuhörenden, oder vielmehr aller Nicht-Zuhörenden! Denn während Musik gemacht wird, erzählen die Damen einander den letzten Klatsch, oder sie laufen von einem Stuhl zum anderen, als ob sie 'Bäumchen wechsle dich' spielten. Mittendrin fällt's einem alten Herrn in der Ecke ein, 'charmant' zu sagen, seine zwei Töchter plappern es ihm nach, und die jungen Herren im Salon rufen 'delicieux'. Wenn's vorbei ist, klatschen sie vor Freude, auf daß sie wieder für einige Minuten Ruhe haben. So wird hier das Glück eines Musikstücks gemacht.

Vollends besiegelt war der Niedergang der Salonkultur, als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Künstler begannen, sich mit ihren Konzerten, Ausstellungen und Vorträgen an eine breitere Öffentlichkeit zu wenden. Mehr und mehr überließen sie den Salon den Dilettanten.

Aber auch von anderer Seite wurde die aristokratische Salonkultur trivialisiert. Das Bürgertum forderte seine Rechte, und Musik wurde zum Massenprodukt. Dank der Erfindung der Dampfmaschine konnten Klaviere nun industriell und damit preisgünstiger gebaut werden. In fast jeder guten Stube (auch "Salon" genannt) fand sich ein Klavier, an dem schlecht ausgebildete Musiklehrer die unmusikalischen Töchter des Hauses unterrichteten.

Entsprechend trivial fielen denn auch seit der Jahrhundertmitte die Kompositionen für den häuslichen Gebrauch aus, so daß spätestens seit dem inbrunstigen "Gebet einer Jungfrau" der polnischen Komponistin Thekla Badarzewska oder seit Gounods schmachtvollem "Ave Maria über das C-Dur-Praeludium von Johann Sebastian Bach" der Begriff "Salonmusik" regelrecht zu einem Schimpfwort geworden ist. In Wien etwa klagte der Musikkritiker Eduard Hanslick über die "Klavierseuche", die ganze Straßenzüge mit Lärm überflutet, und Heinrich Heine schrieb aus Paris über jenen

schauerhaften Kunstgenuß, dem man nirgends mehr ausweichen kann. Pianoforte heißt das neue Marterinstrument, womit die jetzige vornehme Gesellschaft gezüchtigt wird. Dieses Überhandnehmen des Klavierspielens und die Triumphzüge der Klaviervirtuosen mit ihrer technischen Fertigkeit und der Präzision eines Automaten sind charakteristisch für unsere Zeit und zeugen ganz eigentlich von dem Sieg des Maschinenwesens über den Geist.

Aber selbst Komponisten wie Mozart, Mendelssohn oder Chopin versuchten mit ihren Kompositionen, das Ideal anspruchsvoller Salonmusik am Leben zu erhalten. Mozarts Rondos, Variationen und Sonaten sind nicht für den großen Konzertsaal, sondern für den aristokratischen Salon geschrieben. Und für einen ähnlich intimen Rahmen haben auch Mendelssohn, Schubert und Chopin einen Großteil ihrer Kompositionen gedacht.

In den letzten Jahrzehnten ist es unter Pianisten üblich geworden, den "Salon"-Charakter dieser musikalischen Miniaturen geflissentlich zu übersehen. Werkgruppen wie die Chopin Walzer und Mazurken, die Impromptus von Schubert oder Mendelssohns Lieder ohne Worte werden fast nur noch enzyklopädisch, als geschlossene Werk Einheiten eingespielt. Oder aber sie erklingen in Konzertabenden ungenannt und unbekannt als Zugaben. Was beides sicherlich nicht im Sinne der Komponisten gewesen ist.

Salonmusik für Flöte

Neben dem Klavier avancierte im 19. Jahrhundert ganz überraschend die Querflöte zum Mode Instrument für Hausmusik und Salon. Ganze Opern wurden bearbeitet für zwei Flöten, und der Wiener Musikalien Verleger Anton Diabelli gab eine eigene Reihe heraus mit dem Titel "Galante Potpourris beliebter und neuester Melodien, zum Hausgebrauch leicht gesetzt für Flöte und Gitarre". Eine der ersten Nummern war Beethoven gewidmet, gleichsam ein Quiz für "Beethovenkenner". Es beginnt mit der Einleitung zur vierten Sinfonie, dann folgen Teile aus der Klaviersonate op. 28, das Rondo aus der "Frühlingssonate", der Schlußsatz des dritten Klaviertrios und nochmals einige weitere Sinfonie-Ausschnitte.

Die wachsende Beliebtheit der Querflöte ist vor allem einer Person zu verdanken – Theobald Böhm, am 8. April 1794, in München geboren, von Beruf Goldschmied, Eisenhüttentechniker, Flötenvirtuose, Komponist, Instrumentenbauer und Erfinder der heute gebräuchlichen Querflöte. Um den Klang und die Intonationssicherheit der damaligen Traversflöte zu verbessern, experimentierte Böhm mit einem neuartigen Klappensystem; er veränderte die Form des Mundstücks, die Art der Bohrung und probierte neue Materialien aus: Während der herkömmliche Traverso aus Holz (oder in der Luxusausführung aus Elfenbein) gefertigt, arbeitete Theobald Böhm mit Metall, besonders mit Silber, das

den in jeder Beziehung vorzüglichsten Ton ergibt, gegen welchen die Töne aller aus Holz verfertigten Flöten buchstäblich "hölzern" klingen.

Böhms Kompositionen sind seiner Erfindung, den neuen Möglichkeiten der weiterentwickelten Querflöte, gleichsam ins Rohr geschrieben. In der Fantasie über den Trauerwalzer von Franz Schubert op. 21 etwa demonstriert er, daß es mit seinen Instrumenten möglich ist, ohne klangliche Brüche auch in entlegene Tonarten wie von as-moll nach H-Dur zu modulieren.

Den Zeitgenossen im 19. Jahrhundert galt Böhm als der Flöten-Virtuose in Deutschland schlechthin; seine Kompositionen erfreuten sich beim Publikum wegen ihres virtuosen Charakters großer Bewunderung, obwohl auch kritische Stimmen laut wurden, die eben diese Virtuosität als Mangel bewerteten und Böhms Musik charakterisierten als

Konzertstücke, [...] womit der Spieler unmöglich etwas anderes als kalte Bewunderung seiner praktischen Meisterschaft ernten kann. Die Divertissements, Variationen und Potpourris sind ohrenergötzend, aber sie wollen durchaus nichts weiter sagen als angenehm unterhalten. Durch beides aber gewinnt der Komponist Böhm die Mehrzahl der Flötisten und Liebhaber, und so bleibt es nicht aus, daß seine Musik eine große Verbreitung finden und auf die Erweckung des Sinnes für echtere Kunst wesentlich hinwirken.

Schon im 17. und 18. Jahrhundert war es üblich, Geigenstimmen durch die Flöte zu ersetzen und umgekehrt. Für Johann Sebastian Bach ist diese Praxis ebenso belegt wie für Mozarts Pariser Violinsonaten. Auch die drei musikalischen Skizzen op. 70 des Geigenvirtuosen Wilhelm Bernhard Molique (1802-1869) sind ursprünglich für Violine und Klavier komponiert, wurden dann aufgrund ihrer Beliebtheit vom Verleger auch in einer Fassung für Flöte herausgegeben. Der Charakter der Stücke entspricht dem damaligen Ideal einer gelungenen Salon-Komposition: leicht faßlich, effektvoll, ohne allzu virtuose Anforderungen an den Ausführenden zu stellen.

Den Komponisten Franz von Suppé (1819-1895) kennt man heutzutage nur als Verfasser von mehr oder weniger leichten Operetten wie "Boccaccio" oder "Dichter und Bauer". Dabei hat er auch mehrere Messen, ein Requiem, Sinfonien und zahlreiche Kammermusikwerke geschrieben, die der Wiederentdeckung harren. Das Idyll für Flöte und Klavier "Il primo amore" ist dem Flöten-Virtuosen Albert Franz Doppler gewidmet – eine Komposition, die Suppé auch im Instrumentalbereich als charmant-gefälligen Melodiker ausweist.

Der Komponist und Flötist Albert Franz Doppler (1821-1883) wurde in Lemberg geboren. Ähnlich wie Franz Liszt entdeckte auch Doppler das Aungarische@ Idiom als musikalisches Stilmittel, wobei er in der "Fantaisie pastorale hongroise" op. 26 das Lokalkolorit vergleichsweise zurückhaltend einsetzt. Bekannt geworden ist Doppler indes weniger durch eigene Komposition als vielmehr durch seine Orchesterbearbeitung der Lisztschen "Ungarischen Rhapsodien", die sich beim Konzertpublikum wohl größerer Beliebtheit erfreuen als die Originale für Klavier.

Benjamin Godard (1849-1895) begann seine Laufbahn als verheißungsvoller Geigenvirtuose und Komponist. Seine "Tasso"-Sinfonie wurde 1878 mit dem Preis der Stadt Paris ausgezeichnet, aber er vermochte nicht, dieses Niveau auf Dauer zu halten. Godards Orchestersätze sind effektvoll instrumentiert, aber es fehlt ihnen die nötige musikalische Substanz um die Aufmerksamkeit des Hörers auf längere Zeit zu fesseln, und Ähnliches trifft auch für seine Kammermusik zu. Die dreisätzige Suite für Flöte op. 116 ist Salonmusik im wahrsten Sinne: virtuos in der Anlage, mit melodischen Einschüben, die dem Hörer bekannt vorkommen, ohne daß er sie doch jemals vorher gehört hat.

Nach dem Erfolg von Bizets "Carmen" im Jahre 1875 wurde der Musikalienmarkt mit einer Unzahl von Bearbeitungen und Potpourris überschwemmt. Bizet hatte mit seinen eingängigen, sinnlich-lasziven Melodien und den mitreißenden Rhythmen den Geschmack des Publikums genau getroffen. Zu den Komponisten, die auf der Carmen-Welle nach oben getragen wurden, gehört auch François Fernand de Borne (1862-1929). Die "Fantaisie brillante nach Motiven aus Carmen" ist offensichtlich das einzige Werk, das aus seiner Feder überliefert ist. Danach verliert sich die Spur des Komponisten de Borne wieder in den Tiefen der Musikgeschichte.