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KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Von der Last des Trivialen

Musik zwischen Ernst und Unterhaltung

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
("Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Luigi Boccherini
Werk-Titel: Menuett
Interpreten: Comedian Harmonists
Label: Electrola (LC 4077)
8 29255 2
<Track 17.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____
Technik: TEXT unterlegen ab 1:10

Daß man in der Musik unterscheidet zwischen der bloßen Unterhaltungsmusik und der sogenannten "klassischen Musik", ist eine Einrichtung unseres Jahrhunderts. Und es hat den Anschein, als seien die Erfindung der Schallplatte und die Gepflogenheiten des Rundfunks nicht ganz unschuldig gewesen, daß einzelnen Kompositionen mit einem Mal der Stempel aufgedrückt wurde. Was als pädagogisch wertvoll galt, nannten die Verwalter des Musikrepertoires fortan die "klassische" oder sogenannte "E-Musik", wobei man das "E" gleichermaßen übersetzen kann mit "ernst", "edel", "ehrwürdig", "erhaben" – oder auch "elitär"). Als abschreckendes Beispiel diente dann auf der anderen Seite die "U-Musik", "U" wie "Unterhaltung" (oder gar wie "unmusikalisch"?) – Musik also, die zwar Spaß macht, die aber (wie die meisten anderen Vergnügen auch) in höchstem Maße anrüchig ist und die guten Sitten verdirbt.

Ein Glück, daß sich Musiker um solche starren Einteilungen noch nie gekümmert haben. Heutzutage nennt man es mit kenner- und gönnerhaftem Zungenschlag "Crossover", wenn Itzhak Perlman den "Entertainer" und andere Ragtimes von Scott Joplin als Zugabe gibt, wenn Friedrich Gulda sich in den Gefilden des Free-Jazz tummelt und umgekehrt Keith Jarrett Bachs "Goldberg-Variationen" und das "Wohltemperierte Klavier" zelebriert. Zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten die Musiker noch keinen Namen für solche stilistischen Grenzüberschreitungen: Man spielte, was einem selbst zusagte, was auch dem Publikum gefiel, was auf´s Gemüt ging oder womit man die Zuhörer ins Staunen versetzen konnte.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Niccolò Paganini
Werk-Titel: Caprice Nr. 24
Interpreten: Yehudi Menuhin (Violine)
Label: SBT (LC ____)
1003
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 6:45
Archiv-Nummer: 5s1-010

Daß die alten Edison-Zylinder und Schellackplatten eine Laufzeit von knapp fünf Minuten besaßen, hatte auch seine Vorzüge. Kein Geiger wäre zu Beginn des Jahrhunderts auf die Idee gekommen, die 24 Paganini-Capricen enzyklopädisch, in ihrer Gesamtheit, einzuspielen. Und auch Paganini selbst hätte ein solches Programm sicherlich als absurd abgelehnt: Ein Feuerwerk, das nicht enden will, ermüdet auf Dauer nur. Entsprechend kurzweilig sahen im 19. Jahrhundert und zum Teil noch bis zum Zweiten Weltkrieg die Konzertprogramme aus: Ein Satz aus einer Sonate, eine rührselige Arie, ein bißchen virtuoses Tastengeklingel, der Auftritt des örtlichen Gesangsvereins, zum Auftakt eine lokale Musik-Größe, als Zwischengang ein renommierter Star und zum krönenden Abschluß die Präsentation eines Wunderkindes, wie etwa Yehudi Menuhin eines war.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Antonio Bazzini
Werk-Titel: La ronde des Lutins
Interpreten: Yehudi Menuhin (Violine)
Label: SBT (LC ____)
1003
<Track 9.> Gesamt-Zeit: 4:05
Archiv-Nummer: 5s1-010

Welche Musik man nun als trivial abqualizfizieren darf, darüber läßt sich trefflich streiten. Ist ein Chopin-Nocturne oder Schumanns "Träumerei"" in jedem Falle wertvoller als das "Gebet einer Jungfrau"? Hängt es allein von der Reputation des Komponisten oder vom jeweiligen Schwierigkeitsgrad ab, ob Kompositionen als "Salon-Sudeleien" diffamiert bzw. als künstlerische Geniestreiche bewundert werden? Einer der wenigen, die es gewagt haben, eine Lanze zu brechen für die angeblich so schlechte Musik, ist Marcel Proust:

Werft auf die schlechte Musik euren Fluch, aber nicht eure Verachtung! Je mehr man die schlechte Musik spielt oder singt, desto mehr füllt sie sich allmählich an mit den Träumen der Menschen. Deshalb soll sie euch verehrungswürdig sein! Wieviele Melodien, die in den Augen eines Künstlers wertlos sind, wurden schon aufgenommen in den Kreis der vertrauten Freunde von tausend Jungverliebten oder romantisch Lebenshungrigen. Die Notenalben, die Abend für Abend von zitternden Händen aufgeschlagen werden, sind mit Recht berühmt: Die schönsten Augen der Welt haben über diesen Stücken Tränen vergossen, einen traurig-wollüstigen Tribut, der jeden Meister der Tonkunst neidvoll erblassen lassen müßte. Diese Kompositionen sind Vertraute von Geist und Gedankenflug, die den Kummer veredeln, den Traum steigern, und als Dank für das ihnen anvertraute brennende Geheimnis geben sie die berauschende Illusion von Schönheit zurück.

Das Volk, das Bürgertum, der Adel – sie alle haben dieselben unsichtbaren Liebesboten, dieselben sehr geliebten Beichtväter: Es sind die schlechten Musiker! Hier dieser grauenhafte Refrain, den jedes guterzogene Ohr beim ersten Hören von sich weist, diese Arpeggien, diese Kadenz mit ihren paradiesischen Harmonien - sie haben die Seufzer von tausend Seelen empfangen, sie bewahren das Geheimnis von unzähligen Lebensläufen, denen sie blühende Inspiration bedeuten und denen sie, immer bereit, Tröstung spenden. Ein Heft schlechter Romanzen, abgenutzt von vielem Gebrauch, sollte uns deshalb anrühren wie eine Grabstätte. Auch von diesen ach so geschmacklosen Stücken kann sich eine Wolke des Gefühls erheben, die noch den grünen Zweig des Traumes trägt, im Vorgefühl der anderen Welten, im Nahgefühl zu Schmerz und Freude hier, in der unseren ...
Musik-Nr.: 04
Komponist: Franz Liszt
Werk-Titel: Liebestraum Nr. 3
Interpreten: Eugen d'Albert (Klavier)
Label: Tel (LC 3706)
8.43931
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 4:05
Archiv-Nummer: 6k-L013

Die These sei gewagt, daß eine Komposition nicht als solche trivial ist, sondern das erst die Erwartungshaltung, das künstlerische und gesellschaftliche Umfeld, in dem diese Musik eingebettet ist, den Charakter des Trivialen erzeugt. Liszt "Liebestraum", als hehres Kunstwerk zelebriert, kann an Geschmacklosigkeit dem "Gebet einer Jungfrau" durchaus das Wasser reichen; wie umgekehrt auch geniale Musik im falschen Rahmen, in unpassendem Klanggewand präsentiert, ganz schnell der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

In diesem Augenblick wies Herr Spinell Frau Klöterjan stumm den Klavierauszug von "Tristan". Er war ganz bleich, ließ das Buch sinken und sah sie mit zitternden Lippen an: "Wahrhaftig? Wie kommt das hierher?"

"Also geben Sie", sagte Frau Klöterjan einfach, stellte die Noten aufs Pult, setzte sich und begann nach einem Augenblick der Stille mit der ersten Seite. Er saß neben ihr, vornübergebeugt, die Hände zwischen den Knien gefaltet, mit gesenktem Kopf. Sie spielte den Anfang mit einer ausschweifenden und quälenden Langsamkeit, mit beunruhigend gedehnten Pausen zwischen den einzelnen Figuren. Das Sehnsuchtsmotiv, eine einsame und irrende Stimme in der Nacht, ließ leise seine bange Frage vernehmen.

O sink hernieder, Nacht der Liebe, gib ihnen jenes Vergessen, das sie ersehnen, umschließe sie ganz mit deiner Wonne und löse sie los von der Welt des Truges und der Trennung. Siehe, die letzte Leuchte verlosch! Denken und Dünken versank in heiliger Dämmerung, die sich welterlösend über des Wahnes Qualen breitet. Dann, wenn das Blendwerk erbleicht, wenn in Entzücken sich mein Auge bricht: das, wovon die Lüge des Tages mich ausschloß, was sie zu unstillbarer Qual meiner Sehnsucht täuschend entgegenstellte, – selbst dann, o Wunder der Erfüllung! selbst dann bin ich die Welt.

Und ein geheimnisvoller Zwiegesang vereinigte sie in der namenlosen Hoffnung des Liebestodes, des endlos ungetrennten Umfangenseins im Wunderreiche der Nacht. Süße Nacht! Ewige Liebesnacht! Alles umspannendes Land der Seligkeit! Wer dich ahnend erschaut, wie könnte er ohne Bangen je zum öden Tage zurückerwachen? Wie sie fassen, wie sie lassen, diese Wonne fern den Trennungsqualen des Lichts? Sanftes Sehnen ohne Trug und Bangen, hehres, leidloses Verlöschen, überseliges Dämmern im Unermeßlichen! Du Isolde, Tristan ich, nicht mehr Tristan, nicht mehr Isolde ...
Musik-Nr.: 05
Komponist: Richard Wagner
Werk-Titel: Tristan-Vorspiel
Interpreten: Ignaz Jan Paderewski (Klavier)
Label: BMG (LC 0316)
GD 60923
<Track 12.> Gesamt-Zeit: 7:30
Archiv-Nummer: 6i-P003

Thomas Manns "Tristan"-Erzählung, die Begegnung von Herrn Detlev Spinell und Frau Gabriele Klöterjan im Lungensanatorium "Einfried", Herrn Spinells vergeblicher Versuch, die mythische Liebestragödie von Tristan und Isolde im eigenen Leben nochmals aufleuchten zu lassen – all das trägt Züge kleinbürgerlicher Peinlichkeit. So angemessen das Wagner'sche Pathos für die große Opernbühne auch sein mag: im Salon aufgeführt (oder gar ins wirkliche Leben übertragen) verliert das Tristan-Vorspiel augenblicklich seine Würde. Die Musik wird erbarmungslos der Lächerlichkeit preisgegeben.

Dennoch: es gab offensichtlich eine Zeit, da störten solche Fehltritte niemanden. Vor allem die Sänger kannten kein Erbarmen mit dem, was gemeinhin als "guter Geschmack" bezeichnet wird – wobei man die Ausflüge ins Operettenfach oder in die neapolitanischen Canzonetten durchaus noch von der lustvollen Seite her nehmen kann. Befremdlich für unsere Ohren wird es erst, wenn Enrico Caruso Händels (eher leichtgewichtigem) Largo "Ombra mai fu"aufgeblähtes Seelendrama gestaltet, oder wenn Beniamino Gigli die Gesangs- wie Kinofreunde 1936 mit einem hinreissenden Gounod'schen "Ave Maria" erfreut.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Bach/Gounod
Werk-Titel: Ave Maria
Interpreten: Beniamino Gigli
Label: Legato (LC ____)
LCD 106-1
<Track 20.> Gesamt-Zeit: 2:50
Archiv-Nummer: 3i-G003

Das Kapitel von der "Last des Trivialen" wäre unvollständig, würde man nicht einen Blick auf den Geiger Fritz Kreisler werfen. Kreislers Einspielungen der großen klassischen und romantischen Violinkonzerte aus den 30er Jahren gehören zweifellos zu den Sternstunden der Interpretationsgeschichte.

Und dennoch hat die Musikwelt sich immer ein wenig gescheut, ihn als seriösen Geiger anzuerkennen – zu respektlos war sein Umgang mit der ernsten Musik. 1905 veröffentlichte er eine Reihe von Solostücken, die er als verschollene Manuskipte klassischer Komponisten ausgab. Den Höhepunkt der Sammmlung bildete ein Violinkonzert von Vivaldi – bis dann knapp dreißig Jahre später Kreisler die Bombe platzen ließ: Die vermeintlichen Meisterwerke stammten (zum Leidwesen der genasführten Musikkritik) samt und sonders aus seiner Feder. Alles war originales 20. Jahrhundert – im Stile von Vivaldi, Couperin, Dittersdorf, Nardini und anderen, auch die angeblichen Wiener Volksweisen von "Liebesleid" und "Liebesfreud".

Musik-Nr.: 07
Komponist: Fritz Kreisler
Werk-Titel: Liebesleid – Liebesfreud
Interpreten: Fritz Kreisler (Violine)
Aufnahme: 1938
Label: EMI (LC 6646)
7 64701 2
<Track 5.6.> Gesamt-Zeit: 6:50
Archiv-Nummer: 5s1-006