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Marpurg: Anleitung zum Clavierspielen

I. Hauptstück, welches die theoretischen Grundsätze des Clavierspielens enthält.

Einleitung.

<3> § 1. Es giebt Clavieristen, die die Gründe der Musik gar wohl inne haben, aber nicht wissen, wie sie es anfangen sollen, sie jemanden wieder beyzubringen. Sie kehren das Hinterste zuvörderst, und sagen dem Scholaren entweder zu wenig oder zu viel auf einmahl vor; und wenn dieser nicht versteht, was sie ihm sagen, so ist dieses kein Wunder, weil sie sich öfters selbst nicht verstehen. Man kann hieraus leichtlich begreiffen, woher es kömmt, daß es mit dem besten Kopfe oft nicht fort will, und warum er, wenn er anders nach saurer Mühre in vielen Jahren etwas begreifft, was er in einem Monathe hätte erlernen können, er doch nicht einmahl von dem wenigen, was er gelernet, Rede und Antwort geben kann.

§ 2. Gegenwärtige Methode, worinnen diejenigen Gründe der Musik, die man zur geschickten Ausübung des Claviers gebraucht, in ihrer natürlichen Ordnung vorgetragen werden, wird zum Beweise dienen, daß man sich nicht allein die Mühe der Unterweisung erleichtern, sondern auch dem Scholaren Zeit und Mühe verkürzen könne, Vortheile, die wichtig genung sind, Aufmerksamkeit zu verdienen. Bevor wir aber unserm Zwecke näher kommen, müssen wir noch einige allgemeine Erinnerungen voran gehen lassen.

§ 3. Je zeitiger man anfängt, das Clavier zu erlernen, desto weiter wird man es unstreitig darauf bringen, ob gleich die Erfahrung auch öfters gelehret, daß viele Personen bey einem sehr späten Anfang sehr geschickt geworden sind, und andere einen sehr frühen Anfang gemacht, und nichts erlernet haben. Vor dem sechsten oder siebenden Jahre ubrigens wird man sich nicht allezeit einen besondern Erfolg von der Unterweisung versprechen können.

<4> § 4. So schädlich ein hartes Griffbrett auf dem Claviere den zarten Händen einer jungen Person ist, weil sie in die Verbindlichkeit gesetzet werden, die Nerven mit aller Macht anzustrengen, um die Tasten anzugeben, ein Umstand, wovon das rauhe und harte Spielen, und die so unförmliche Lage der Hände entsteht: so nützlich ist es, die Finger sogleich vom Anfange auf den Flügel zu üben, damit solche etwas Stärke erhalten. Doch müssen die Docken darauf sehr schwach befiedert seyn, oder man muß nur ein einziges Register ziehen. Noch ist deßwegen der Flügel besser, als ein Clavichord, weil der Ton sich nicht so bald darauf verliehret, und man folglich eher höret, ob der Scholar, nach erloschnem Wehrte der Noten, die Finger hurtig von den Tasten aufhebet oder nicht, und man ihn dadurch vor der klebrichten Spielart bewahren kann.

§ 5. Man setze sich gerade mitten vor das Griffbrett, weil die linke Hand so wohl die äussersten Tasten zur rechten Seite, als die rechte Hand die äussersten Tasten zur linken Seite erreichen muß, § nicht so weit davon ab, daß, wenn die Hände die äussersten Tasten berühren sollen, der Körper aus seiner Stellung gebracht werde, aber auch § nicht so nahe, daß die Ellbogen hinterwärts zurück gezogen werden, und der obere Arm in perpendiculärer Linie herunter stehe. Die Entfernung vom Griffbrett ist zwischen sechs und zehen Zoll, von der Mitte des Leibes an gerechnet, nachdem eine Person länger oder kürzere Aerme hat.

§ 6. Man muß aber auch in der gehörigen Höhe vor dem Claviere sitzen, nicht so hoch oder niedrig, daß der Handballen mit dem Ellbogen in schräger Linie stehe. In beyden Fällen wird die Hand ermüdet, des schlechten Anstandes nicht zu gedenken. Zur rechten Höhe gehöret, daß der untere Theil des Ellbogens mit dem unterm Theile des Gelenkes, das die Hand vom Arme absondert, und den niedergebognen Fingerspitzen eine horizontal- oder gerade Linie mache. So hoch als man denn die eine Faust über dem Griffbrette weg gehen läßt, so hoch muß auch die andere darüber weg gehen, ohne daß das Gelenke der Faust hervor rage, oder eingezogen sey.

<5> § 7. Wenn junge Personen mit den Füssen noch nicht zur Erde kommen können, so müssen sie eine Bank haben, worauf sie solche setzen, damit nicht der Leib hin und her beweget, und dadurch aus seinem Gleichgewichte gebracht werde.

§ 8. Man gehe mit einem gleichen Drucke oder Anschlage von einer Taste zur andern auf dem Flügel fort, ohne gewaltsame Bewegungen und Luftsprünge zu machen, ohne die Hände zu werfen, ohne die Finger aus ihrer gebognen Lage zu bringen, und selbige bald zu strecken, und bald zusammen zu ziehen, ohne einen Theil der Finger, vom Griffbrette herunter, an den Handballen heran zu zwingen, und einen Finger, als einen Zeiger, auf einer Taste gestreckt stehen zu lassen, ohne bald über die Tasten nachläßig wegzurutschen, und bald solche mehr zu prügeln, als gehörig niederzudrücken. Man glaube nicht, daß es einerley sey, auf was für Weise die Tasten eines Flügels angegeben werden, und daß sich nur etwan allein bey den Flöten, wegen der Verschiedenheit des Striches, in Ansehung des Tons, ein Unterscheid ereignen könne. Es ist wahr, der Ton an sich auf dem Flügel ist allezeit eben derselbe, ob die Tasten sanft oder so gewaltsam angegriffen werden, daß man das Holz zugleich dabey höret. Aber gleichwohl ist die Art, eine Menge aufeinander folgender Töne zusammen zu hängen, so verschieden, als die Hände verschieden sind, und da die eine Art immer mehr oder weniger angenehm als die andere ist, so folget daraus, daß es nur eine wahre Art geben kann, die Tasten in solche Bewegung zu bringen, woran das Gehör Vergnügen haben könne. Daß beym Clavichord der Unterscheid in diesem Stücke noch fühlbarer sey, versteht sich von selbst. Da junge Personen, welche anfangen zu lernen, die Gewohnheit haben, daß sie, besonders in Trillern und Mordenten, die Nerven stark anziehen, und ihnen Zwang anthun, um einen Ton hervor zu bringen, so leichte auch die Tasten sind, so ist gleich in der ersten Stunde der Unterweisung dahin zu sehen, daß sie die Nerven ganz schlaff und die Finger in solcher Freyheit lassen, als ob sie nichts damit zu thun hätten.

<6> § 9. Auch auf die Minen und Gebährden hat man Acht zu haben, daß man keine Gesichter schneide, nicht mit dem Kopfe nicke, schnauffe, den Mund verziehe, mit den Zähnen knirsche, und was dergleichen lächerliche Uebelstände mehr sind. In der Abwesenheit des Lehrmeisters kann ein Scholar, der in diesen Fehler zu fallen gewohnt ist, einen Spiegel auf dem Pult vor sich stellen, um sich darnach zu verbessern.

§ 10. Die Triller und Mordenten, als die schwersten Manieren, womit es so wenigen nach Herzens Wunsche glücket, lasse man einen Scholaren sogleich vom Anfange mit allen Fingern üben. Die Nerven werden dadurch gelenker und geschmeidiger. Damit man deutlich höre, ob die Schläge gleich, und nicht bald geschwinder und bald langsamer sind, welches man § Meckern heisset, so lasse man ihn diese Manieren allezeit lange aushalten, nach dem natürlichen Grade der Geschwindigkeit, den seine Hand hat, ohne solche übertreiben zu wollen. Die Schärfe erwirbet sich mit der Zeit, wenn die Nerven sonst nicht ganz und gar ungeschickt sind; und es ist allezeit besser, einen weniger geschwinden gleichen Triller, als einen sehr geschwinden ungleichen Triller zu schlagen. An flüchtigen Stellen, auf kurzen Noten, entwischet diese Ungleichheit zwar den Ohren; allein auf längern Noten ist sie empfindlicher und folglich desto unerträglicher, zumahl wenn der Triller manchesmahl gar abgesetzet wird, wenn die Finger nicht recht fort wollen. Mehrers hievon unten.

§ 11. In den erstern Stunden der Unterweisung ist es gar nicht rathsam, junge Personen in Abwesenheit ihres Meisters zur Ueberstudirung ihrer Lection anzuhalten. Sie sind zu flüchtig, als daß sie ihre Hände in der ihnen vorgeschriebenen Lage zu erhalten, sich die Mühe geben sollten. Sie können durch eine üble Wiederhohlung in einem Augenblick niederreissen, was ein geschickter Meister mit Sorgfalt in einer Zeit von drey Viertelstunden gebauet hat.

§ 12. Man gewöhne sich, die Tasten geschwinde zu fingen, damit man, wenn man nach Noten spielet, nicht verbunden sey, alle Augenblick mit den Augen auf das Clavier, und wieder rückwärts zu springen.

<7> § 13. Man sollte aber nicht eher anfangen, junge Personen aufs Blatt sehen zu lassen, als bis sie allerhand kleine Vorübungsstücke in den Händen hätten. Es ist fast unmöglich, daß, wenn sie die Augen auf die Noten richten müssen, ihre Finger nicht in Unordnung gerathen, sich verdrehen, und daß besonders die Manieren nicht darunter leyden solten. Man lasse sie im Anfange alles auswendig lernen. An der Anständigkeit und Zierlichkeit im Spielen ist eben so viel, ja fast noch mehr als an der Kunst nach Noten zu spielen gelegen; und hernach machen es zwey oder drey Monathe mehr oder weniger nicht aus. Uebrigens muß man einen jungen Anfänger noch besonders mit jeder Hand alleine nach Noten spielen lassen, bevor man sie beyde zusammen nehmen lässet.

§ 14. Einige Meister pflegen ihre Schüler sogleich vom Anfange mit schweren Lectionen und Aufgaben zu plagen. Sie geben vor, daß , wenn sie das Schwere in der Gewalt haben, sie das Leichte ohne Mühe machen werden. Diese Meinung ist irrig. Alles hängt von der Zeit und der Uebung ab. Es ist unmöglich, daß, wenn man sogleich vom Anfange nicht weiß, was man machet, man es in der Folge lernet. Ueberdieß ist es einem Schüler angenehm, wenn man ihm Sachen giebt, die er leichte lernen kann. Es vermehret dieses seine Lehrbegierde. Nach und nach, und zwar so zu sagen, scherzend, führet man ihn zu schwerern, und endlich zu den schwersten Sachen. Aber die vor der Zeit aufgegebenen schweren Lectionen können auch das aufgemunterste Gemüth abschrecken.

§ 15. Man hüte sich, alle Finger ohne Unterscheid durch hiezu taugliche Stücke gleich gelenk zu machen. Weder der kleine Finger noch der Daum muß hievon ausgeschlossen werden. Man kann sicher glauben, daß diejenigen Meister, die einen von beyden aus der Applicatur verbannen, ihre Untergebenen verhudeln. Hätte man noch mehrer Finger, man könnte sie alle gebrauchen.

§ 16. Man hüte sich im Anfange ebenfals vor dem geschwinden Speilen. Es ist dieses der erste Schritt zur Undeutlichkeit und zur Verwirrung. Es verrücket selbiges öfters die Ordnung der Finger.

<8> § 17. Man verlasse keine Lection, bevor man sie so gut weiß, als es möglich ist. Der Fortgang eines Schülers ist nicht aus der Anzahl seiner Stücke, sondern aus der Fähigkeit, sie manierlich und fliessend zu spielen, zu beurtheilen.