Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Übersicht Marpurg, Anleitung Startseite  

Marpurg: Anleitung zum Clavierspielen

I. Hauptstück, welches die theoretischen Grundsätze des Clavierspielens enthält.

IX. Abschnitt. Von den Manieren.

<36> Es werden solche in Spiel- und Setzmanieren abgetheilet. Eine Spielmanier ist im Grunde nichts anders, als ein Zusatz zu dem vorhandnen Gesange, den man vermittelst der Stimme oder eines Instruments vorträgt. Man hat bemerket, daß es nicht genung ist, eine Anzahl vorgeschriebner Klänge nach ihrer blossen Folge hintereinander, in dem Wehrte ihrer Zeit abzuspielen. Man hat befunden, daß es nöthig wäre, diese Folge dem Gehöre auf eine angenehme Art fühlbar zu machen, und der Composition das ihr annoch anklebende Rauhe dadurch zu benehmen. Hieraus sind die Spielmanieren erwachsen, die man als eine extemporale Nachahmung und Anbringen der Setzmanieren in einer ausgeputztern Gestalt betrachten kann.

Eine Setzmanier besteht in der Veränderung einer grössern Note in kleinere, oder in der Verbindung einer Hauptnote mit Nebennoten.

Die Spielmanieren bestehen in eben dieser Veränderung oder Verbindung, mit dem blossen Unterscheide, (a) daß sie, nach Beschaffenheit der Umstände, nachdem es der gute Geschmack und der Zusammenhang der Klänge erfordert, es bald mit einer Hauptnote, und bald mit einer Nebennote aus der Melodie zu thun haben, und (b) daß man die Setzmanieren ordentlich zu Papiere bringet, und in den Tact mit eintheilet, die Spielmanieren aber entweder dem Nachdenken des Ausübers überlassen werden, oder daß man sie nur mit gewissen Zeichen oder Nötchen andeutet, ihre Eintheilung aber dem Ausüber überlässet, wiewohl es doch auch öfters geschieht, daß man gewisse Spielmanieren ordentlich, so wie die übrigen Noten, ausschreibet, und <37> umgekehrt, daß man gewisse Setzmanieren durch Zeichen oder Nötchen andeutet, d. i. man vermischet eins mit dem andern in der Schreibart. Wir werden aus dieser Ursache, bevor wir die Spielmanieren erklären, zuvor von den Setzmanieren sprechen, und zwar auch deswegen zugleich, daß man die Natur der Spielmanieren desto deutlicher einsehen, und sie auf die Setzmanieren desto bequemer zurück führen könne.