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Marpurg: Anleitung zum Clavierspielen

Kap. 1.9.2.6

Sechstens. Vom Triller.
<53>

§ 1. Der Triller nimmt seinen Ursprung aus dem angeschloßnen Vorschlage von oben nach unten, und ist folglich im Grunde nichts anders, als eine Reihe in der größten Geschwindigkeit hintereinander wiederhohlter fallenden Vorschläge. Die gemeine Erklärung, da man ihn als die geschwindeste Umwechselung einer Note mit einer Secunde drüber beschreibet, ist dieser neuen Erklärung nicht entgegen.

§ 2. Diese Manier ist die prächtigste und dabey die schwerste unter allen. Sie glucket oft den Händen eines Anfängers mit allen zehn Fingern, da <54> ihn viele grosse Meister öfters kaum mit zweyen erzwingen können. Dem einen geht er besser auf dem Clavichorde von statten, dem andern auf dem Flügel, dem dritten auf der Orgel, nach der Gelenksamkeit und der Stärke der Finger eines jeden, zwey Stücke, die unumgänglich zu einem guten Triller erfordert werden. Wiederum macht dieser ihn besser mit der linken, jener mit der rechten Hand.

§ 3. Ich habe bemerket, daß die Fähigkeit eines Spielers von dem Hauffen in Frankreich insgemein nach seiner Fertigkeit im Trillern entschieden wird, so wie man in Deutschland dieselbe nach der Geschwindigkeit einer Hand in lauffenden und rauschenden Figuren zu beurtheilen pfleget; als wenn das eine oder das andere allein einen vortreflichen Ausüber der Kunst ausmachte, und wenn nicht alle beyde Stücke in gleichem Grade erfordert würden, wenn man würklich vom Ausüben Profeßion machen will; und wie mancher hat vielleicht alle beyde in seiner Gewalt, und weiß sie doch nicht vernünftig anzuwenden, da ein andrer mit einer mittelmäßigen Fertigkeit einem wahren Kenner ungleich mehrere Gnugthuung verschafft.

§. 4. Zur Bezeichnung eines Trillers bedienet man sich entweder der beyden Buchstaben tr. Fig. 25 (a) Tab. IV. oder eines einfachen Kreuzes (b) oder eines m oder n. (c). Diese letztern Buchstaben sind, als die schicklichsten, am gebräuchlichsten, und da ist es einerley, ob ein m oder ein n genommen wird. Denn daß einige einen längern Triller mit einem m, einen kürzern mit einem n schreiben wollen, ist eine Subtilität. Die Dauer des Trillers wird ja von dem Wehrte der Note bestimmt, und der Copist oder Kupferstecher darf nur ein m für ein n setzen, oder umgekehrt, wenn es der Componist nicht schon zuvor in der Urschrift versehen hat, wozu nutzet alsdenn dieser Unterscheid? Die Länge oder Kürze eines Trillers wird allezeit von dem Wehrte der Note entschieden, auf welcher derselbe gemacht wird.

NB: Tab. IV. Fig. 25

§. 5. Bey Gelegenheit dieses m und n fällt mir die Benennung Halbtriller ein, womit einige Tonkünstler einen kurzen Triller belegen wollen. Da aber eben dieselben keinen ganzen Dreyviertheil- oder Neunachttheiltriller <55> erkennen, so deucht mich, daß man dieser Benennung ohne Schaden entbähren kann.

§. 6. In zweydeutigen Fällen ist es gut, dem Zeichen, welches den Triller bemerket, ein Versetzungszeichen, d.i. ein Kreuz, ein rundes oder viereckigtes Be hinzuzufügen, um die Beschaffenheit der Nebennote, womit der Triller geschlagen werden soll, anzuzeigen, z.E. Fig. 26. 27. 28. Tab. IV.

NB: Tab. IV. Fig. 26-28

§ 7. Ein Triller mag stehen wo er will, so muß er mit der Nebennote anfangen, und alsdenn auf der Hauptnote, mit einem gewissen Nachdruck, beym Schlußpunct endigen, damit diese Hauptnote recht deutlich zuletzt empfunden werde. Ein Meister muß einem Scholaren dieses practisch begreiflich machen.

§ 8. Man hat nicht mehr als zweyerley Arten von Trillern, den einfachen und den zusammengesetzten, oder Doppeltriller.

  1. Einfach heißt der Triller, wenn man nach der wechselsweisen Berührung der beyden Noten, ohne einen Zusatz anderer Noten auf der Hauptnote sogleich den Schlußpunct machet. Tab. IV. Fig. 25.
    NB: Tab. IV. Fig. 25
  2. Doppelt oder zusammengesetzt heißt er, wenn man nach der wechselsweisen Berührung der beyden Noten, annoch eine aus der nächsten Stuffe darunter entlehnte Nebennote, vor dem Schlußpunct geschwinde berühret, welches man einen Nachschlag nennet, wie bey Fig. 29. (a) Tab. IV. wo man zugleich siehet, wie er in diesem Falle bezeichnet wird, ob man auch gleich den Nachschlag öfters ausschreibet, wie bey (b) (c) oder denselben mit dem Zeichen des Doppelschlages, nach oder über dem Zeichen des Trillers bemerket, wie bey (d) (e) indem der Doppeltriller nemlich, wenn man die Figur der Noten an sich, ohne die wechselsweise Wiederholung, betrachtet, nichts anders als ein Doppelschlag oder Halbzirkel ist, und folglich derselbe auch durch einen Doppelschlag erkläret werden kann, dessen zwey erste Noten getrillert werden. Die Art der Abbildung des Doppeltrillers bey (f) taugt nicht, weil ein Mordent auf eben diese Art geschrieben <56> wird, und also kein Unterscheid zwischen den Zeichen dieser Manieren seyn würde.
    NB: Tab. IV. Fig. 29<

Anmerkungen.

  1. Wenn die höhere Note, womit der Schlag eines Trillers beginnen soll, vor der zu trillernden Note unmittelbar vorhergeht, so wird solche entweder durch einen ordentlichen Anschlag erneuert, wie bey Fig. 30. Tab. IV. oder ohne wiederhohlten Anschlag, vermittelst der Haltung, mit der darauf folgenden Note zusammen gehänget, ehe man die Wechselschläge macht, wie bey Fig. 31. In beyden Fällen pfleget man den Triller durch Beywörter zu unterscheiden, und zwar heißt er in dem ersten Fall ein freyer, schlechter oder abgestoßner Triller; in dem andern Falle ein angeschloßner, oder gebundner Triller. Wenn er aber gebunden werden soll, so muß man solches allezeit, so bey Fig. 31. vermittelst eines halben Bogens anzeigen.
    NB: Tab. IV. Fig. 30-31
  2. Wenn in dem gebundnen einfachen Triller die gebundne Note übergangen, und, wider die Regel der Trillers, sogleich mit dem Haupttone angefangen, der Wechselschlag aber abgekürzet und nur auf drey Noten eingeschränket wird: so entsteht zwar daraus ein unvollkommner Triller, der aber nichts desto weniger in gewissen Fällen, besser als der ordentliche vollkommne Triller gebraucht wird. Diese Fälle finden sich
    1. in stuffenweise heruntergehenden Sätzen bey geschwinder Bewegung, als bey Fig. I. Tab. V. ingleichen
    2. wenn vor einer kurzen Note ein langer Vorschlag vorher geht, wie bey Fig. 2. oder
    3. wenn eine Note durch den Vorschlag kurz wird, Fig. 3. zwey Fälle die nur der Schreibart nach verschieden sind.
    NB: Tab. V. Fig. 1-3

    Herr Bach nennet diesen Triller wegen der Schnelligkeit, womit diese drey Noten, und nicht mehrere hervor gebracht werden müssen, einen Pralltriller, und merket derselbe noch an, daß, wenn derselbe über Fermaten vorkömmt, man den Vorschlag ganz lange aushält, und hernach ganz kurz mit diesem Triller abschnappet, indem man den Finger von der Taste geschwinde aufhebet. Man sehe Fig. 4. Tab. V.
    NB: Tab. V. Fig. 4
  3. <57> Wenn man den Pralltriller plötzlich auf einer Note anbringen will, so müssen alsdenn vor der Hauptnote die beyden Noten, womit der Wechselschlag gemacht wird, entweder mit kleinen Hülfsnötchen angezeiget, oder solche den andern Noten gleich ordentlich ausgeschrieben werden, so nemlich wie die Eintheilung und der Effect derselben ist. Tab. V. Fig. 5. Herr Bach nennet diese Manier einen Schneller. Daß derselbe sowohl in diesem Falle, da er mit Noten ausgedrücket wird, als in dem vorhergehenden, da er ein abgekürzter angeschloßner Triller ist, und Pralltriller heißt, nichts anders als ein kurzer Mordent in der verkehrten Bewegung sey, wird man einsehen, so bald man sich den Mordenten aus dem folgenden siebenten Artikel wird bekannt gemachet haben. Nichts desto weniger muß man solchen Schneller niemals einen Mordenten nennen, wie einige Clavieristen auf eine lächerliche Art thun. Man muß jede Manier allezeit bey ihrem rechten Nahmen nennen.
  4. Wenn man die höhere Note, womit der Triller geschlagen werden soll, ein wenig aushält, ehe man den Wechselschlag beginnet, so pfleget man einen Triller von dieser Art einen vorbereiteten, accentuirten oder schwebenden Triller zu nennen. Man sehe Fig. 8 (a) Tab. V. Solche schwebende Triller durch eine kleine vorschlagende Note angezeiget, wie bey Fig. 8. (b)
    NB: Tab. V. Fig. 8
    Verschiedne Componisten haben die Gewohnheit, ohne diesen accentuirten Triller anzeigen zu wollen, einen ordentlichen Triller mit solcher Vorschlagsnote zu bezeichnen. Solche Schreibart ist falsch. Bey Schlüssen pfleget man solchen Triller mit langsamen Schlägen anzufangen, und allmählich immer geschwinder zu gehen.
  5. Wenn man einen Triller mit einem geschwinden Doppelschlage von oben oder unten anhebt, so wird derselbe alsdenn ein gezogner oder geschleifter Triller genennet. Dieser Doppelschlag wird auf verschiedne Art mit kleinen Nötchen, oder mit einem kleinen Häckgen vor dem Zeichen des ordentlichen Trillers abgebildet, wie man Fig. 9. Tab. V. von oben nach unten, und bey Fig. 10. von unten nach oben siehet. Dieser geschleifte Triller wird meistens mit einem Nachschlage geendigt.
    NB: Tab. V. Fig. 9-10<

<58> § 9. An statt des Nachschlages beym Triller pfleget man bey Schlußsätzen oft die Schlußnote zu anticipiren, wie man Fig. 10. und 11. Tab. VI. sehen kann.

NB: Tab. VI. Fig. 10-11

§ 10. Mit den bey Fig. 12. Tab. VI. bey a.b.c.d.e.f.g. bemerkten heßlichen Manieren, wo entweder der Nachschlag an sich nicht recht gemacht, oder die Schlußnote mit einem Vorschlage, Mordenten oder Doppelschlage &c. verbrämet wird, und welche theils aus einer unglücklichen Nachahmung der tartinischen Spielart, theils aus den pohlnischen Tänzen ihren Ursprung nehmen, müssen die Fälle bey Fig. 13. dieser Tabelle nicht vermischet werden, als welche letztere gut sind.

NB: Tab. VI. Fig. 12-13