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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

§. 10. Die Seele zählet, wenn wir eine Musik hören.

Wenn ein geübter Violinist so geschwinde spielt, daß neun Tone in einer Secunde auf einander folgen, so kan man noch einen ieden Ton von dem andern unterscheiden. Nun ist ein Ton von dem andern bloß durch die Anzahl der zitternden Bewegungen, die in der Luft vorgehen, unterschieden. Derowegen muß sich die Seele in einer Secunde vorstellen, wie vielmahl die Luft bey einem ieden von diesen neun Tonen in einem unendlich kleinen Augenblicke gezittert habe. Sich vorstellen, wie vielmahl eine Bewegung erfolget, ist so viel als die Bewegungen zählen. Wird also nicht die Seele in einer Secunde, da sie die Tone unterscheidet, die zitternden Bewegungen bey dem ersten, andern, dritten, vierdten, fünften Tone u.s.w. zählen müssen? Das artigste aber ist, daß die <18> Seele zählet und weiß doch nicht, daß sie zählet. Daher hätte der Herr von Leibnitz dieses nicht besser ausdrucken können, als wenn er die Musik eine geheime Ausübung der Rechenkunst nennet, dabey die Seele selbst nicht weiß, daß sie zählet (exercitium arithmeticae occultum nescientis se numerare animi).