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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

§. 21. Die Wirckung der Affecten in die Gesundheit und Kranckheit eines Menschen.

Der Einfluß der Affecten in die Gesundheit und Kranckheit eines Menschens ist so gewiß und offenbar, daß er von niemanden in Zweifel gezogen werden kan. Sie werden in angenehme, unangenehme und vermischte eingetheilet, und die Erfahrung lehret, daß die Bewegungen im Körper, welche mit denselben verknüpft sind, entweder die zum Leben und Gesundheit nöthigen Verrichtungen verhindern, oder dieselbe befördern. Die erstern sind dem Körper schädlich, die andern aber nützlich und heilsam. Die Leidenschaften, welche die erstern Bewegungen, nemlich die, so die Gesundheit befördern, verursachen, sind die angenehmen, wenn sie nicht allzuheftig sind, als das Vergnügen, eine mässige Freude, Zufriedenheit, Vertrauen, Hoffnung und Liebe. Die andern Gemüthsbewegungen <38> aber, welche schädliche Bewegungen im Körper hervorbringen, sind die unangenehmen, vornemlich, wenn sie starck sind, als Traurigkeit, Zorn, Schrecken u.s.w. Und nun möchte ich gerne wissen, woher das Vorurtheil entstanden, als wenn alle Affecten ohne Unterschied der Gesundheit nachtheilig wären und Kranckheiten verursachten. Es ist wahr, daß öfters die angenehmen Leidenschaften, welche sonst der Gesundheit sehr zuträglich sind, schädliche Wirckungen im Körper hervorbringen, wenn sie allzuheftig sind. Aber was ist daran gelegen? Thut doch dich unschuldigste Artzney öfters den größten Schaden, wenn ihre rechtmäßige Dosis überschritten wird. Und eben so ist es mit den angenehmen Leidenschaften beschaffen. Ein grösserer Grad der Heftigkeit, welchen sie haben, macht nur, daß ihre Veränderungen im Körper zu starck sind und schädliche Wirckungen hervorbringen. Die Artzneygelehrten preisen sie ia ihren Patienten an, sie suchen sie in beständigen Vergnügen zu erhalten, und bemühen sich Hoffnung und Vertrauen zur baldigen Genesung zu erregen. Würden sie aber das wohl thun, wenn sie nicht wüßten, was für einen starcken Einfluß diese Affecten in die Gesundheit hätten, und wie sehr sie selbige zu befördern geschickt wären? Bey der Freude bewegen sich das Hertz und die Pulsadern stärcker, daher bekommt das Blut und die Säfte einen freyen, ungehinderten, und lebhaften Umlauf, <39> und die Ausdünstung und übrigen Abführungen (excretiones) gehen wohl von statten. Wer wollte also zweifeln, daß die Freude zur Erhaltung und Beförderung der Gesundheit sehr vieles beytrage. Da nun die Bewegungen der festen und flüßigen Theile bey den übrigen angenehmen Leidenschaften, von den Bewegungen im Körper, so mit der Freude verknüpft sind, beynahe gar nicht oder doch sehr wenig unterschieden sind, sondern eben so frey, lebhaft, und geschwinde von statten gehen, so werden die andern angenehmen Gemüthsbewegungen ebenfals geschickt seyn die Gesundheit zu erhalten und zu befördern. Bey der Traurigkeit hingegen geschiehet von allen den Veränderungen das Gegentheil. Das Hertz bewegt sich langsam, das Blut und die übrigen Säfte laufen nicht geschwind genug, sondern stocken sehr leichte, und die Absonderung der reinen und unreinen Theile geht nicht wohl von statten. Und eben darum ist dieser Affect der Gesundheit sehr nachtheilig und verursachet öfters sehr gefährliche Kranckheiten, vornemlich, wenn er lange anhält. Bey dem Zorne ziehen sich die innern Theile des Leibes zusammen, das Hertz beweget sich heftig, der Puls schläget stärcker, das Geblüt wird mit einer grossen Gewalt nach den äussern Theilen getrieben, die Adern schwellen auf und verursachen, daß das Gesichte roth wird und die Augen funckeln. Alle diese Bewegungen sind bey dem Schreck gerade umgekehrt. <40> Die äussern Theile werden zusammengezogen, das Blut geht nach innen, die Haut wird kalt, das Gesicht blaß, das Hertz kan das Blut, weil es zu sehr überhäuft wird, nicht mit der gehörigen Gewalt forttreiben, daher entstehet das Hertzklopfen, die Bangigkeit und die Beklemmung der Brust. Aus dem allen aber erhellet, daß manche Leidenschaften verschiedene und wohl gar einander entgegensetzte Veränderungen im Körper hervorbringen.