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Johann Sebastian Bach: Konzert für drei Violinen in D-Dur, BWV 1064

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Programmtext
zur Konzertreihe "NovAntiqua" des Deutschlandfunks, Köln

Programm:
Joseph Haydn
(1732-1809)
    Sinfonie e-moll, Hob. I:44 "Trauer-Sinfonie"
     Werkeinführung
Johann Sebastian Bach
(1685-1750)
    Konzert für drei Violinen, Streicher und Basso continuo in D-Dur, BWV 1064
Jean Philippe Rameau
(1683-1764)
    Suite aus "Les Paladins"
     Werkeinführung

Orchestra of the Age of Enlightenment
Ltg.: Gustav Leonhardt

Einführung:

Das Konzert in D-Dur für drei Violinen BWV 1064 (R) stammt nur bedingt von Johann Sebastian Bach. Es ist ein Versuch des 20. Jahrhunderts, aus dem überlieferten C-Dur-Konzert für drei Cembali BWV 1064 die vermutliche Originalgestalt als Konzert für drei Violinen zu rekonstruieren.

Als Bach 1729 das Leipziger Collegium musicum, eine Orchestervereinigung von Musikliebhabern, übernahm, benötigte er für die Konzertabende neue Werke. Was lag da näher, als auf den eigenen Fundus zurückzugreifen, auf die Musiken, die er in früheren Jahren in Weimar und Köthen komponiert hatte? Die Violinkonzerte aus jenen Jahren eigneten sich dafür allerdings nur bedingt, weil wohl keiner der Geiger des Collegium musicum die Solopartien hätte bewältigen können und auswärtige Solisten zu teuer waren. Wie schlecht es um die Leipziger Orchestermusiker bestellt war, schildert Bachs Freund, der Lateinlehrer Johann Matthias Gesner, folgendermaßen:

[...] wenn Du ihn sähest, wie er nicht etwa nur eine Melodie singt, sondern auf alle Stimmen zugleich achtet und von dreißig oder gar vierzig Musizierenden diesen durch ein Kopfnicken, den nächsten durch Aufstampfen mit dem Fuß, den dritten mit drohendem Finger zu Rhythmus und Takt anhält, dem einen in hoher, dem andern in tiefer, dem dritten in mittlerer Lage seinen Ton angibt; wie er ganz allein mitten im lautesten Spiel der Musiker, obwohl er selbst den schwierigsten Part hat, doch sofort merkt, wenn irgendwo etwas nicht stimmt; wie er alle zusammenhält und überall abhilft und, wenn es irgendwo schwankt, die Sicherheit wiederherstellt; wie er den Takt in allen Gliedern fühlt, die Harmonie aller mit scharfem Ohre prüft, allein alle Stimmen mit der eigenen begrenzten Kehle hervorbringt. So glaub ich, daß Freund Bach allein, den Orpheus mehrmals und den Arion zwanzigmal übertrifft.

Bach also machte aus der Not eine Tugend und arbeitete die Violinkonzerte zu Cembalokonzerten um. Immerhin hatte er drei Söhne und etliche Schüler, die das Instrument annehmbar zu traktieren wußten. In einigen Fällen läßt sich durch direkten Vergleich nachvollziehen, wie Bach bei solchen Bearbeitungen vorgegangen ist, wie er die geigenspezifische Applikaturen auf das Cembalo übertragen und die Melodiestimmen mit Begleitfiguren aufgefüllt hat.

Im Falle des Tripelkonzertes in C-Dur ist eine Original-Fassung für drei Violinen jedoch noch nicht aufgefunden worden, so daß man bei einer solchen Rekonstruktion auf Vermutungen angewiesen ist. Daß es überhaupt eine ursprüngliche Violinfassung gegeben hat, ergibt sich lediglich aus der thematischen Arbeit. So kompakt und unübersichtlich die Stimmenvielfalt in der Cembalofassung wirkt (aus der Absicht heraus, den drei Cembali gleichberechtigte Aufgaben zuzuweisen und sie möglichst oft am Geschehen zu beteiligen), so transparent klingen dieselben Stellen, wenn sie von Geigen ausgeführt werden. Für die "Rück"-Transposition vom C-Dur der Cembalofassung nach D-Dur sprechen neben spieltechnischen auch philologisch-textkritische Gründe, da etliche frühe Abschriften das Cembalokonzert in D-Dur notieren.