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Marpurg: Anleitung zum Clavierspielen

Kap. 1.9.1 (Einleitung)

Erster Artikel. Von den Setzmanieren.

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§ 1. Man würde nicht gar zu vieler annehmlichen Veränderungen in der Musik fähig seyn, wenn eine Stimme gegen die andere in Noten von gleicher Grösse beständig fortgehen müßte, und man nicht mehr Noten als Harmonien oder Tactschläge in eine musikalische Ausarbeitung bringen dürfte. Es geschieht aus diesem Grunde, daß man gegen eine grössere Note so viel kleinere, als ihr Wehrt beträgt, machen kann, da wo man es gut befindet. Diese Note, welche gegen die andere aus der vorhandenen, oder doch dabey supponirten Gegenstimme, in kleinere Noten vertheilet wird, nennet man eine melodische Grund- oder Hauptnote, und die übrigen alle nennet man mit einem allgemeinen Nahmen Nebennoten. Eine Setzmanier aber ist, wie schon gesagt worden, nichts anders als eine Verbindung einer oder mehrer Nebennoten mit einer Hauptnote aus der Melodie, es mag solche aus dem Basse, Diskant, oder aus einer Mittelstimme seyn.

§. 2. Diese Nebennoten sind entweder in der Harmonie enthalten oder nicht. Sind sie darinnen enthalten, so heissen sie harmonische Nebennoten.

NB: Tab. II. Fig. 26

Sind sie nicht darinnen enthalten: so sind sie entweder Wechselnoten oder durchgehende Noten. Keine andere Gattung ist mehr möglich. Eine Wechselnote aber nennet man diejenige Nebennote, die statt der Hauptnote auf den Anschlag fällt, und folglich mit der grössern Note aus der Gegenstimme zugleich anhebt. Durchgehend ist eine Nebennote, wenn sie in den Nachschlag fällt. Wir wollen die Sache mit Exempeln deutlicher machen. <38>

NB: Tab. II. Fig. 27 / 28

Tab. II. Fig. 27. enthält drey Hauptnoten, wovon die beyden ersten aus dem Basse bey Fig. 28. mit Wechselnoten vermehret sind. Diese letztern sind mit kleinen Sternchen bezeichnet, und wird man dabey sehen, daß solche nicht allein dißonirend, sondern auch consonirend seyn können.

NB: Tab. II. Fig. 29 / 30

Tab. II. Fig. 29. enthält ein zweytes Exempel, welches man bey Fig. 30. mit Wechselnoten bey d und f in der Oberstimme vermehret findet. Es consoniret wieder die eine davon.

Anmerkung.
Man wird in obacht nehmen, daß wir die Wechselnoten allhier bloß nach der einen vorhandnen Gegenstimme, wie gewöhnlich, und nicht nach der ganzen zum Grunde liegenden Harmonie betrachten. In Absicht auf diese nemlich würden die itzo consonirenden Wechselnoten allerdings zu dißonirenden werden.

NB: Tab. II. Fig. 31 / 32 / 33 / 34

Tab. II. Fig. 31. und 33. findet man lauter Hauptnoten, die bey Fig. 32. und 34. theils in der Ober- theils in der Unterstimme mit durchgehenden Noten verändert werden.

Anmerkung.
  1. Man wird sehen, daß die durchgehenden Noten, so wie die Wechselnoten, ebenfalls sowohl con- als dißoniren können.
  2. Wenn eine Note an statt herunter zu gehen, vorher einen Grad über sich steiget, so heisset solches ein Ueberschlag, Fig. 35. Tab. II. Und wenn dieselbe, an statt hinauf zu steigen, vorher einen Grad unter sich gehet, so heisset dasselbe ein Unterschlag. Fig. 36. Tab. II.
    NB: Tab. II. Fig. 35 / 36

§ 3. Aus dem verschiednen Gebrauche der Hauptnote an sich, ferner, aus dem verschiednen Gebrauch der harmonischen, durchgehenden und Wechselnote mit der Hauptnote, wenn die beyden Noten, worinnen eine grössere vertheilet wird, bey verkleinertem Wehrte wieder mit andern harmonischen, Wechsel- und durchgehenden Noten vermehret werden, entstehen alle Manieren in der Setzkunst. Wir wollen die vornehmsten durchgehen, <39> auf die man alle übrigen, sie haben Nahmen wie sie wollen, zurück leiten kann. Wenn wir uns öfters statt des Worts Manieren der Benennung Figuren bedienen werden, so ist dieses in weitem Verstande einerley. In engerm Verstande aber verstehet man durch Figuren, die Anwendung der Setzmanieren auf einen gewissen Affect oder Gegenstand, und werden solche mit gewissen aus der Rhetorik entlehnten Nahmen beleget. Diese gehen uns in diesen Blättern nicht an, wo wir es mit der blossen Mechanik der Figuren zu thun haben. Wir wollen solche in fünf Classen abtheilen.