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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

Vorrede.

<1*> Was ist das wiederum für eine neue Schrift? Man will die Musik mit der Artzneygelahrheit verbinden, und das ist in der That eine sehr lächerliche Sache. Ich weiß nicht, was man noch endlich in dieselbe mischen wird, wenn man sich das unterstehen will: So wird vermuthlich mancher urtheilen, dem diese Blätter in die Hände gerathen, aber vielleicht ist das Unternehmen eben so seltsam und so wunderlich nicht, als es Anfangs scheinen möchte. Habe ich mich doch belehren lassen, <2*> daß alle Fäserchen des menschlichen Körpers ihre Tone hätten, die sich entweder wie die Consonantien oder Dissonantien in der Musik verhielten. Man kann darüber so viel lachen und critisiren als man will. Zu allem Glücke habe ich die Freyheit dieses so lange zu glauben, bis man mich von dem Gegentheil durch wichtige Gründe überführen wird. Ich habe es mir einmahl in den Kopf gesetzet, daß die Tone der Fäserchen entweder das Verhältniß der Consonantien oder Dissonantien haben, und ich wollte zwar nicht darauf schwören, aber ich halte es einigermassen für wahrscheinlich, weil es angenehm ist, dieses zu glauben. Es ist eine Meinung, die mir gefällt, und die sich auf eine belustigende Art in mein Gemüthe eingeschlichen hat. Wäre aber dieses nicht schon <3*> hinreichend genug, sie zu behaupten? Ich könnte ja hundert Schriftsteller anführen, die eine Meinung nur darum für wahr halten, weil sie ihnen gefällt. Doch das Vornehmste, worauf ich mir hier etwas zu gute thue, ist dieses, daß ich viele berühmte Männer auf meiner Seite habe, welche es für sehr wahrscheinlich halten, daß es mit den Fäserchen unsers Körpers dergleichen Beschaffenheit habe. Vielleicht kömmt ein anderer, der diese Meinung völlig gewiß macht, und in das Reich der Wahrheiten versetzt. Ich sage nicht zu viel, sondern die Erfahrung lehret, daß dieses den Maximen gemäß sey, welche die Natur in Fortpflantzung der Gelehrsamkeit beobachtet. Der eine hat einen Einfall, der geschickt ist eine Veränderung in der Natur begreiflich zu machen. <4*> Gleich kömmt ein anderer, der ihn in die Classe der Hypothesen versetzt, und endlich findet sich der dritte, welcher ihn gar beweiset. Indessen möchte sich mancher daran stossen, meine Meinung anzunehmen, so gern er sonst auch wollte, weil daraus sehr viele ungereimte Folgen zu fliessen scheinen. Mein Gott! wird man sagen, wenn es mit dem menschlichen Körper eine solche Beschaffenheit hat, daß sich die Tone der Fäserchen entweder wie die Consonantien oder Dissonantien verhalten; was sollte zwischen ihm und einem musicalischen Instrumente vor ein Unterschied seyn? Und würde er wohl derselbe Körper bleiben, der er ist, oder nicht vielmehr in eine Violine verwandelt werden? Alleine das kann den Artzneygelehrten gleich viel gelten. Diejenigen, so dieses lesen <5*> werden, sind entweder Mechanisten oder Organisten. Die Mechanisten halten ohnedem den menschlichen Körper vor eine Maschine, und diese werden es gerne sehen, wenn iemand ihn ein musikalisches Instrument nennen wollte, indem dadurch die Art der Maschine noch genauer bestimmt würde. Ja, sie werden es für desto billiger halten, daß man seinen Nahmen verändert, da er schon seit geraumer Zeit die Ehre genossen hat, eine Maschine zu heißen. Haben sie doch gelitten, daß man den menschlichen Körper, den sie, wie andere Körper, vor eine Maschine gehalten haben, zu einer Uhr, Mühle und Bratenwender gemacht hat, warum sollten sie es nun so übel nehmen, wenn iemand ihm den Nahmen eines musicalischen Instruments beylegen wollte? <6*> Was die Organisten betrift, ich meine die Artzneygelehrten, die sich so nennen, so werden sie nichts dagegen einwenden. Sie glauben ia selbst, daß der menschliche Körper einer Orgel am ähnlichsten sey, und daß die Seele die Stelle des Organistens vertrete. Sie lassen es sich also gefallen, man mag aus ihm eine Violine, Harfe, Laute, Orgel oder sonst etwas machen. Es versteht sich aber von selbst, daß das Instrument im guten Stande seyn müsse, wenn die Seele darauf spielen soll. Denn sonst geht es in Wahrheit nicht an. Solchergestalt hat derjenige, welcher den menschlichen Körper vor ein musicalisches Instrument hält, den Vortheil, daß er es weder mit den Mechanisten noch Organisten verdirbt, und ich wüßte in der That nicht, was er mehr verlangen könnte.

<7*> Wer es nicht glauben will, daß ein iedes Fäserchen seinen Ton habe, der lese nur die Schriften der Artzneygelehrten nach. Da wird er finden, daß sie sehr ofte von dem Ton des menschlichen Körpers reden, zum klaren Beweise, daß derselbe nicht erdichtet sey. Der Ton von diesem und jenem Theile, heißt es, ist sehr schwach, man muß denselben wiederherstellen. Niemand wird zweifeln, daß diese Redensart aus der Musik hergenommen ist. Ich will mich also bemühen, diese Sache weiter aus einander zu setzen. Unser Körper ist aus lauter Fäserchen zusammengewebt, und ich will sie mit den meisten Artzneygelehrten in drey Arten eintheilen, nemlich in Arterien- Muskel- und Nerven-Fäserchen. Alle diese befinden sich in eben den Umständen, darinnen <8*> wir eine gespannte Saite auf einem musikalischen Instrumente antreffen. Sie sind elastisch und gespannt so, wie diese. Nun ist bekannt, daß eine gespannte Saite mit einer gewissen Geschwindigkeit zittern kann, und folglich einen Ton habe. Derowegen werden auch alle diese Fäserchen geschickt seyn mit einer gewissen Geschwindigkeit zu zittern und einen Ton haben. Aber das schlimmste ist, daß sie keinen Schall von sich geben. Doch das thut der Sache keinen Eintrag. Genug, sie sind in Ansehung ihrer zitternden Bewegungen eben so, wie die Tone unterschieden. Will man es noch nicht glauben, so nehme man an, eine gewisse Art von Fäserchen, als die Nervenfäserchen hätten keine Ton, was würde daraus folgen? Nichts anders, als daß der Mensch keine Empfindungen haben würde, <9*> und was wäre denn das für ein Mensch? Es folgt dieses ganz natürlich. Denn hätten die Nerven keinen Ton, so könnten sie nicht in eine zitternde Bewegung gerathen, und es würden keine Empfindungen entstehen, indem diese lediglich davon herrühren. Man nehme anstatt der Nervenfäserchen die Arterienfäserchen und sage, daß sie keinen Ton hätten, so wird man sehen, wie ungereimt dasjenige ist, so daraus folgt. Ich wenigstens bin versichert, daß kein Umlauf des Geblüts und der Säfte statt finden würde, wenn das nicht wäre, kurtz, ich glaube, der Mensch würde nicht leben können. Man leugne endlich, daß die Muskelfäserchen einen Ton hätten, würde wohl ein eintziger Muskel seine Wirkung verrichten können? Nein, das geht wohl nicht an. Wenn ich dieses alles überlege, so sollte <10*> ich fast auf die Gedancken gerathen, daß alle Veränderungen und Bewegungen in unsern Körper von dem Tone aller der Fäserchen herrühren, und ich kan nicht leugnen, daß sie sich schon meinen Beyfall erworben haben. Aber das ist noch nicht alles, ich bilde mir so gar ein, das der Mensch gesund sey, wenn alle Fäserchen eine ihrer Dicke und Länge dergestalt proportionirte Spannung besitzen, daß sich ihre Tone wie die Consonantien in der Musik verhalten, und kranck, wenn sie sich wie die Dissonantien verhalten. Es wird dieses freylich manchen sehr wunderlich und ungereimt vorkommen. Darum will ich mich bemühen zu beweisen, daß ich nicht irre. Nur wird man mir zu gestehen, wenn sich der gesunde und krancke Zustand des Menschens daraus begreifllich machen lässet, daß ich die Sache <11*> so scharf bewiesen habe, als sie es zuläßt und erfodert. Man nehme also an, es hätte mit allen Fäserchen die vorige Beschaffenheit, daß sich nemlich ihre Tone wie die Consonantien verhielten, so werden alle Veränderungen und Bewegungen des menschlichen Körpers weder zu starck, noch zu schwach, weder zu heftig noch zu matt seyn, sondern in der besten Ordnung und Proportion geschehen. Nun aber möchte ich gerne wissen, ob sich das alles anderswo ereignet als in dem gesunden Zustand des Menschen? Ist man denn nicht gesund, so lange der Umlauf des Geblüts und der Säfte ordentlich von statten gehet? Ich glaube nicht, daß man daran zweifeln wird. Nur das könnte man einwenden, ob auch alle Bewegungen so ordentlich seyn müßten, wenn sich die Tone der Fäserchen wie die <12*> Consonantien verhalten. Aber warum nicht? Das Verhältniß der Consonantien ist ia von dem Verhältniß der Dissonantien weit unterschieden. Jenes läßt sich mit kleinen Zahlen ausdrucken, dieses nicht, jenes ist weit vollkommener, schöner und ordentlich als dieses, und man kan sagen, daß bey dem letztern schon viele Verwirrung und Unordnung herrscht. Wäre das nicht, so wüßte ich nicht, warum uns nicht die Dissonantien eben sowohl als die Consonantien gefallen sollten. Nimmt man statt aller Fäserchen eine gewisse Art derselben an, und behält übrigens eben die Beschaffenheit bey, so ich von allen behauptet habe, so werden dadurch die Veränderungen genauer bestimmt, die von dieser Art der Fäserchen herrühren. Ich will setzen, die Nerven-Fäserchen hätten in Ansehung ihrer Dicke <13*> und Länge dergleichen Spannung, daß sich ihre Tone wie die Consonantien verhielten, so wird weder aus der Berührung der äusserlichen, noch der sich in uns befindlichen Körper, wenn sie nicht allzuheftig ist, eine unangenehme Empfindung entstehen, mit einem Worte, man wird munter, vergnügt, und aufgeräumt seyn. Und das sehen wir auch bey recht gesunden Menschen. Es ist aber leicht zu begreifen, daß gerade das Gegentheil nicht nur in diesem Stücke, sondern auch in allen übrigen erfolgen müsse, wenn die Spannung aller Fäserchen, so ihrer Dicke und Länge proportionirt gewesen, aufgehoben worden, daß sich ihre Tone nicht mehr wie die Consonantien, sondern wie die Dissonantien verhalten. Bey einer ieden Kranckheit sind die Fäserchen entweder krampfhaft zusammengezogen, oder zu <14*> schlaf, oder einige von ihnen haben zu der Zeit einen Krampf, da andere sich in einem schlaffen Zustande befinden. Niemand aber wird behaupten, daß sich ihre Tone alsdenn wie die Consonantien verhalten. Da nun aus vielen Consonantien zusammengenommen eine Harmonie, und aus den Dissonantien, wenn sie bey einander sind, eine Disharmonie entsteht, so müssen die Tone der Fäserchen, wenn sie sich wie die Consonantien verhalten, eine Harmonie machen, und eine Disharmonie, wenn sie sich wie die Dissonantien verhalten. Solchergestalt bestehet die Gesundheit in einer Harmonie der Fäserchen, und die Kranckheit in ihrer Disharmonie. Ist aber das nicht artig? Ich habe es immer nicht glauben wollen, daß des Medici Verrichtung bloß darinnen bestünde, daß er entweder die <15*> Fäserchen in der Harmonie erhielte, oder dieselben, wenn sie in eine Disharmonie gerathen wären, wieder so zu stimmen wüßte, daß ihre vorige Harmonie herauskäme, und nun sehe ich wohl, daß gar Ernst daraus werden will. Nur das ist das schlimste, daß es nicht allezeit nach Wunsch von statten gehet. Mancher stimmt und künstelt so lange an dem menschlichen Körper, bis er ihn endlich gar verdirbt. Das kömmt daher, weil er entweder die Kunst nicht recht verstehet, oder die gehörige Behutsamkeit nicht anwendet, sondern alles mit Gewalt zwingen will. Wollte aber iemand meine Erklärung der Gesundheit und Kranckheit deswegen nicht gelten lassen, weil sie ihm etwas seltsam und wunderlich klingt, <16*> so darf er nur die Artzneygelehrten zu Rathe ziehen. Diese werden ihn nicht nur belehren, daß die Gesundheit in einer Ubereinstimmung der Kräfte des menschlichen Körpers, und die Kranckheit in dem Mangel desselben bestehe, sondern auch ihn zugleich überführen, daß ihre Erklärung mit der meinigen sehr übereinkomme. Ubrigens ist leicht zu begreifen, daß die Harmonie der Fäserchen dem Grade nach verschieden seyn kann. Bey dem einen kann sie größer seyn als bey dem andern. Man weiß ia, daß eine Harmonie eine Harmonie bleibt, wenn sich gleich Dissonantien in derselben befinden. Nur müssen die Consonantien die Oberhand behalten und die Dissonantien wohl angebracht worden seyn. Und eben so ist es mit dem <17*> menschlichen Körper beschaffen. Je grösser die Harmonie der Fäserchen ist, desto gesunder ist er, und ie kleiner dieselbe ist, desto weniger ist er gesund. Man kan also die Grösse der Gesundheit aus der Grösse der Harmonie der Fäserchen, und die Grösse der Kranckheit aus der Grösse des Mangels derselben beurtheilen. Da nun die Harmonie eine Vollkommenheit ist, und die Disharmonie eine Unvollkommenheit, so wird die Gesundheit ein vollkommener, die Kranckheit aber ein unvollkommener Zustand seyn. Da ferner aus der Erkenntniß der Vollkommenheit ein Vergnügen, und aus dem Anschauen der Unvollkommenheit ein Mißvergnügen entsteht, so ist klar, warum die Gesundheit Vergnügen, und die <18*> Kranckheit Mißvergnügen und Unlust verursachet. Indessen darf man sich nicht einbilden, als wenn die Gesundheit in dem allerschärfsten Verstande genommen bey dem Menschen anzutreffen wäre. Nein, das ist ein Gedancke derer, die von der Vollkommenheit des menschlichen Körper keinen Begrif haben, und wer sich dieselbige wünscht, der begehret etwas, was unmöglich ist und nach den Gesetzen der Natur nicht geschehen kann. Man hat vielmehr große Ursache sich zu verwundern, daß unser Körper in den Umständen, darinnen er sich befindet, noch so gesund ist, wenn man bedenckt, wie die außer ihn befindlichen Körper in ihn wircken und wie viele unordentliche Bewegungen nicht durch dasienige, was <19*> wir zu uns nehmen, und durch andere zufällige Begebenheiten hervorgebracht werden.

Ich habe das alles aus keiner andern Absicht hieher gesetzet, als den geneigten Leser dadurch zu überführen, daß die Verbindung der Musik mit der Artzneygelahrheit eine so angenehme als nützliche Beschäftigung sey, und ich werde mich glücklich schätzen, wenn ich meine Absicht erreichen werde. Man findet in derselben sehr vieles, welches einen zu gleicher Zeit belustigen und im Nachsinnen üben kann. Die Bedeutungen derienigen Wörter und Redensarten, welche die Artzneygelehrten aus der Musik entlehnet haben, werden genauer bestimmt, die duncklen und verwirrten Begriffe in deutliche verwandelt, <20*> und das alles ist in der Artzneygelahrheit nicht nur nützlich, sondern auch nothwendig. Man siehet ferner, wie dieienigen Sätze, welche die Mathematicker und Musikverständigen von den Tonen der Saiten erwiesen, auch bey dem menschlichen Körper statt finden, und wie die Natur desselben, ich meine die bewegende Kraft, alle ihre Veränderungen nach gewissen Gesetzen hervorbringet. Auch die gelehrtesten Artzneygelehrten haben sich die Mühe genommen, die Musik mit der Artzneygelahrheit in einen Zusammenhang zu bringen, und verdienen sonderlich deswegen der vortrefliche Herr Professor Krüger und Leidenfrost gerühmet zu werden. Jener hat uns hiervon in dem andern Theile seiner <21*> Naturlehre, dieser in seiner Disputation von den Bewegungen des menschlichen Körpers, welche in harmonischer Proportion geschehen, eine sehr gelehrte Probe gegeben, und das rühmliche Beyspiel dieser berühmter Männer hat in mir einen so angenehmen Eindruck gemachet, daß ich einen heftigen Trieb in mir empfunden habe, diesen erwähnten Vorgängern zu folgen. Und ietzo wage ich's in diesen Blättern meiner Begierde den Ausbruch zu verstatten. Ich habe mir darinnen hauptsächlich vorgesetzt, die Wirckungen zu erklären, welche die Musik in dem menschlichen Körper in Absicht auf die Gesundheit und Kranckheit hervorbringen kann, in der Meinung, daß auch dieses geschehen müsse, wenn man <22*> die Musik mit der Artzneygelahrheit verbinden will. Ich schmeichele mir aber nicht, daß diese Abhandlung so gut gerathen wäre, daß sie untadelhaft und von Fehlern frey wäre. Nein, so viel Eitelkeit besitze ich nicht, daß ich mir dieses in Sinn kommen ließe. So lange ich ein Mensch bin, so lange wird mir auch die Möglichkeit zu irren natürlich seyn. Indessen habe ich mich doch bemühet, nichts ohne Grund zu behaupten, und, wenn meine Leser das Schwache dieser Abhandlung zu übersehen belieben, so habe ich einigen Grund zu hoffen, daß sie meine Arbeit geneigt aufnehmen und wohl beurtheilen werden, und das ist das Vornehmste, was ich mir von ihnen ausbitten will.