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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

§. 12. Die Musik bringt in der Seele und dem Körper Veränderungen hervor.

Ich habe öfters eine Vocal- und Instrumental-Musik angehöret und bey der letztern wahrgenommen, daß die Tone dergestalt mit einander verbunden waren, daß sie dasienige dem Gemüthe beybrachten, was die Sänger durch Worte schon ausgedruckt hatten. Und das muß iederzeit beobachtet werden, wenn die Musik die Zuhörer bewegen soll. Heut zu Tage giebt es noch dergleichen geschickte Musici und Componisten, welche bloß durch die künstliche Vermischung der Tone die Leidenschaften zu erregen wissen. Vor einiger Zeit war zu Venedig ein Lautenschläger, welcher durch seine Musik die Zuhörer zu einer ieden Leidenschaft, zu der er wollte, zwingen konnte. Der Doge wollte dieses an sich selbst versuchen. Zu dem Ende erregte dieser geschickte Musicus bey ihm eine solche Traurigkeit, daß er gantz melancholisch wurde. Darauf versetzte er ihn wiederum in eine grosse Freude, und das alles geschahe mit solcher Geschicklichkeit und Gewalt, daß der Doge gantz ausser sich gesetzet wurde, und die Musik nicht weiter anhören wollte. Wer in den Opern gewesen ist, der wird vielleicht <21> an sich selbst wahrgenommen haben, wie starck die Musik in das Gemüth wircken kan. Sie mach nach ihrer verschiedenen Beschaffenheit die Zuhörer bald traurig, bald frölich. Bald treibt sie dieselben bis zur äussersten Wuth, und bald bewegt sie dieselben zum Mitleiden, daß sie sich bisweilen des Weinens kaum enthalten können. Auch so gar in dem Körper ereignen sich alsdenn viele Veränderungen. Man empfindet öfters einen starcken Schauer in der Haut, wenn man eine Musik anhöret. Die Haare richten sich in die Höhe, das Blut beweget sich von aussen nach innen, die äussern Theile fangen an kalt zu werden, das Hertze klopft geschwinder, und man hohlt etwas langsamer und tiefer Othem. Alle diese Veränderungen werden stärcker, schwächer und hören entweder auf, oder es kommen andere an ihrer Stelle, nachdem die Musik verändert wird. Das artigste aber hierbey ist dieses, daß viele, welche sich gar nicht auf die Musik geleget haben, bisweilen mit der Hand, dem Fusse oder Kopf den Tack führen, und nicht einmal wissen daß sie solches thun.