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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

§. 13. Wie die Musik Affecten erregen kan.

Wenn man das alles überleget, so wird niemand zweifeln, daß die Musik geschickt sey die Affecten zu erregen. Indessen will ich mich bemühen <22> dieses aus der Erklärung der Musik begreiflich zu machen. Ich habe gesagt, daß sie eine Wissenschaft sey die Tone mit einander zu verknüpfen [Siehe] §. 11. Wenn also die Tone so verbunden werden, daß mehrere Consonantien als Dissonantien bey einander sind, oder auf einander folgen, und daß die Dissonantien sehr wohl angebracht worden sind, so werden in der Seele sehr viele angenehme Empfindungen entstehen. Kömmt nun die Menge der Instrumenten hinzu, so werden diese Empfindungen sehr lebhaft, und das geschiehet um so vielmehr, ie stärcker sie klingen. Die Aufmercksamkeit vergrössert sie auch um einen guten Theil, wenn sie darauf gerichtet wird, und da sie nicht wircket, wenn sie nicht zugleich viele Erkenntniß-Kräfte in Bewegung setzt, so geschiehet es sehr leichte, daß die untern Erkenntniß-Kräfte der Seele rege gemacht und angestrenget werden, diese angenehme Empfindungen zu einem grössern Grade der Lebhaftigkeit zu erheben. Die Einbildungskraft bringt nach dem Gesetze, so ihr die Natur vorgeschrieben hat, viele andere angenehme Empfindungen hervor, die mit den gegenwärtigen eine Aehnlichkeit haben. Die Vorhersehungskraft stellt entweder den Gegenstand der zukünftigen Leidenschaft oder doch die guten Folgen desselben vor, und in beyden Fällen ist die Einbildungskraft wiederum wircksam. Der Geschmack oder das Vermögen die Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten <23> auf eine sinnliche Art zu erkennen thut hierbey das vornehmste. Er entdeckt in den angenehmen Empfindungen noch mehr vollkommenes und unvollkommenes und vergrössert also das Vergnügen und Mißvergnugen um einen mercklichen Grad. Da nun auf solche Weise die angenehmen Empfindungen ungemein groß, lebhaft, anschauend und lebendig werden können, da ferner eine iede Vorstellung eine Begierde wircket, so kan auch eine heftige verworrene Begierde, das ist, eine angenehme Leidenschaft selbst entstehen. Ein Componist, der durch die Vermischung der Tone seine Zuhörer bewegen will, muß die Verhältniß wissen, welche sie untereinander haben. Er muß die Tone dergestalt verknüofen, daß sie in einer gantz anderen Verhältniß stehen, wenn er eine Traurigkeit erregen will, als dieienige ist, welche einen angenehmen Affect hervorbringen soll. Gesetzt demnach, die Tone wären also verbunden, daß ihre Verhältnisse viele unangenehme Empfindungen ausdruckten, so wird die Seele dadurch auf die vorgedachte Art in einen unangenehmen Affect gesetzt werden können.