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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

§. 14. Die Einbildungskraft kan bey der Musik alleine einen Affect erregen.

Ich habe die Entstehungsart der Leidenschaften bey der Musik auf die Art erkläret, wie solches der gelehrte Herr Magister Meier in seiner theoretischen <24> Lehre von den Gemüthsbewegungen gethan hat. Indessen darf man nicht meinen, als wenn die Seele diese Ordnung nothwendig und allezeit beobachten müsse, wenn sie durch die Musik bewegt werden soll. Nein, das ist gar nicht nöthig. Man setze, Sempronius wäre in einer angenehmen Gesellschaft gewesen, wo er eine Musik angehöret, die eben nicht die beste gewesen und es werde ihm ein Wechsel gebracht, daß er seine Schulden bezahlen könnte, ich bin gut davor, dieser gute Herr wird recht vergnügt, lustig und aufgereimt seyn, wenn er ein andermahl auch nur eine schlechte Musik höret. Aber das macht, die Einbildungskraft stelt ihm alsdenn das ehemahlige Vergnügen vor, so er gehabt hat und erweckt eine Menge vergangener Vorstellungen, die damit sind verknüpft gewesen. Und hieraus läßt sich begreifen, warum manche Personen bey einer gewissen Musik in eine ungemeine Traurigkeit oder Freude gesetzet werden. Ja man kan sagen, daß viele Gemüthsbewegungen auf diese Art durch die Musik erreget werden. Wer bey dem Todte eines nahes Anverwandten oder eines andern guten Freundes, den er bey seinem Leben hertzlich geliebet, ein Sterbelied oder eine Trauermusik gehöret hat, der wird zu einer andern Zeit, wenn er wiederum eine solche Musik höret, gantz traurig und wehmüthig werden, und wohl gar eine grosse Thränenfluth vergiessen, da hingegen <25> ein anderer, dem dergleichen Unglück nicht wiederfahren ist, entweder gantz unbeweglich dabey ist, oder doch nicht sehr gerührt wird. Man wird mir dieses um so viel eher zugestehen, wenn man die Entstehungsart derienigen Kranckheit betrachtet, welche aus einem sehnlichen Verlangen sein Vaterland wieder zu sehen herrühret und das Heimweh genennet wird. Die, so gemeiniglich damit geplaget werden, sind die Schweitzer, nicht aber alle, sondern nur dieienigen, welche zärtlich erzogen worden, beständig bey ihren lieben Eltern zu Hause geblieben, und gar nicht, oder doch sehr selten unter Leute gekommen sind. Müssen nun diese guten Leute ihr Vaterland mit dem Rücken ansehen, so kan man leicht gedencken, wie nahe es ihnen gehen muß, wenn sie mit andern und fremden Personen umgehen und ihre Lebensart verändern müssen. Das seltsamste aber ist, daß ihnen das Heimweh durch einen gewissen Gesang, den sie den Kühe-Reyhen nennen und sehr ofte zu Hause gehöret haben, erregt wird. Ihre Landesleute, die schon das Leben in der Fremde gewohnt sind, pflegen ihn anzustimmen, ohne Zweifel um die neuen Ankömmlinge zu spotten. Es ist dieses sonderlich in Franckreich Mode, da die alten Schweitzer, welche daselbst als Soldaten dienen, die neu angeworbenen von ihrer Nation mit dieser Musik zu bewillkommen pflegen. Weil aber daraus viel Ubel entstanden ist, und die <26> meisten das Heimweh bekommen haben, so ist man genöthiget worden, selbige zu verbieten.