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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

§. 16. Fortsetzung des vorhergehenden.

Das Temperament muß hier gleichfals in Erwegung gezogen werden. Ein Sangvineus liebt eine lustige Musik, und wird dadurch leite in einen angenehmen Affect gesetzet, der Melancholicus aber wird davon gar nicht gerührt. Das macht, jener ist mehr zu angenehmen, dieser aber zu unangenehmen Leidenschaften aufgelegt. Die Lehre von den Temperamenten ist <28> so ungegründet und ungewiß nicht, als man sie insgemein davor ausgiebt. Geschickte Naturlehrer und Artzneygelehrten haben sie bereits von den mehresten Schwierigkeiten befreyet und in ein grösseres Licht gesetzet. Ich kan mich vorietzo nicht in eine weitläuftige Betrachtung deswegen einlassen, sondern will nur beyläufig erinnern, daß mit einem ieden Temperamente eine besondre Einschränckung und Verhältniß sowohl der Erkänntnißkräfte der Seele, als der Begehrungs- und Verabscheuungskräfte verknüpft ist. Es muß also eine Begehrungs- und Verabscheuungskraft unter allen übrigen die stärckste seyn, und da man diese die Hauptneigung nennt, so wird ein iedes Temperament seine besondre Hauptneigung haben. Gesetzt demnach, es würde durch die Musik eine solche Gemüthsbewegung erregt, welche die Hauptneigung vermehrt und vergrössert, wie starck und wie heftig wird sie nicht werden, und wie leicht würde sie nicht bis zur äussersten Wuth anwachsen? Ja, was noch mehr, die Hauptneigung befördert alle die Leidenschaften, so mit ihr übereinstimmen, und darum müssen dieselben nicht nur viel leichter und geschwinder entstehen; sondern auch stärcker und heftiger werden, als andere, so ihr entgegen gesetzt sind. Und was ist alsdenn leichter geschehen, als daß die Einbildungen und Vorhersehungen mit den Empfindungen verwechselt werden, und eine Raserey und Wahnwitz entsteht? Ich habe in dem <29> Journal Heinrichs des dritten von Sancy gelesen, daß ein berühmter Musicus Glaudin genannt ein gewisses Stück, so nach der Prygischen Tonart (modus musicus) verfertiget war, musiciret hat, dadurch ein iunger Herr von Adel, in die größte Verwirrung und gantz ausser sich gesetzt wurde. Er griff zum Degen, und schwur überlaut, er müßte sich mit aller Gewalt herumschlagen. Der König erschrack hierüber, weil er nicht wußte, woher solches rührte, bis endlich Glaudin zu ihm sagte, daß seine Music hieran Schuld wäre, und damit er ihn desto besser hiervon überführen möchte, so spielete er ein anderes Stück nach der Unterprygischen Tonart, welches seinen Wuth nach und nach verminderte, und sein Gemüth wiederum beruhigte. Eben das soll sich auch mit dem Könige in Dännemarck, Erico bono, zugetragen haben. Es kam ein berühmter Musicus zu ihm, welcher sich rühmte, die Gemüther seiner Zuhörer durch seine Musik in solche Bewegung zu setzen, daß sie gantz ausser sich gerathen sollten. Der König war sehr begierig dieses anzusehen, und ließ zu dem Ende alles Gewehr bey Seite thun, damit keiner dem andern einigen Schaden zufügen möchte. Der Musicus fieng also eine ungemein gravitätische Melodie an, und die Zuhörer wurden ungemein traurig. Das dauerte so lange, bis er eine lustigere und angenehme Melodie anfieng, welche die entstandene Traurigkeit völlig unterdruckte, <30> und hingegen eben ein so starckes Vergnügen erregte. Da nun diese letztere Musik fortgesetzt und immer stärcker wurde, so verursachte sie endlich in den Gemüthern eine solche Veränderung, die mehr einer Raserey als Verwirrung ähnlich war. Selbst der König brach durch die Thür, grif zum Degen und brachte von den umstehenden vier ums Leben. Ja, er würde noch mehr getödet haben, wenn er nicht mit Gewalt davon wäre abgehalten worden.