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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

§. 17. Die Leidenschaften haben ihre Tone, dadurch sie sich an Tag legen.

Die Leidenschaften geben sich durch allerhand Zeichen zu erkennen, und zu denselben gehören auch die Veränderungen der Stimme. Was die letztern Zeichen betrift, so hat sie der gelehrte Herr Professor Gottsched in seiner critischen Dichtkunst sehr artig beschrieben, und ich werde mir die Freyheit nehmen, mich seiner Gedancken hier zu bedienen. Die Veränderung der Stimme ist bey einer Leidenschaft nicht so wie bey der andern. Die Traurigkeit offenbaret sich durch das Weinen und die Freude durch das Frolocken und Lachen. Was ist aber das Weinen anders als ein Klagelied, welches das Mißvergnügen ausdrucket, und was ist das Lachen und Frolocken anders als eine Art freudiger Gesänge und ein Ausdruck des Vergnügens, so in der Seele herrschet? <31> Seufzen, Aechzen, Klagen, Schelten, Bewundern u.s.w. alles das geschiehet mit einer besondern Veränderung der Stimme. Die Stimme kan sich nicht verändern, wenn nicht zugleich die Tone abgewechselt werden. Man kan also sagen, daß die Leidenschaften gewisse Tone haben, dadurch sie sich an den Tag legen.