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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

§. 19. Von der Einrichtung der Melodie nach dem Texte und den Gesängen.

Ein Dichter will nicht nur seine Leser und Zuhörer auf eine belustigende Art überreden, sondern auch ihre Gemüther in Bewegung setzen. Sein vornehmstes Geschäfte ist, bald diese bald jene Leidenschaft zu erregen, oder zu unterdrucken, nachdem es seine Absicht erfordert. Ein Componist bemüht sich ebenfals die Zuhörer zu vergnügen und ihre Gemüther zu bewegen. Wer wollte also zweifeln, daß die Musik und Dichtkunst nicht einerley Absicht hätten? Wenn demnach der Dichter durch Worte einen Affect ausgedrucket hat, so wird ein Componist die Tone dergestalt vermischen müssen, daß solche Verhältnisse <33> herauskommen, welche eben das auszudrücken geschickt sind. Eine traurige Ode und lustige Melodie schicken sich nimmermehr zusammen. Die Melodie muß nach dem Texte eingerichtet seyn. Wir sehen dieses an den Kirchengesängen. Einige verursachen eine Traurigkeit, andere eine Freude. Manche machen behertzt, etliche bewegen zum Mitleiden, und andere erregen die Andacht. Ich könnte viele Lieder zum Beyspiele anführen, alleine ich halte es nicht für nöthig, indem einem ieden schon selbsten sehr viele einfallen werden. Und bey allen denen wird man finden, daß die Melodie sehr wohl nach dem Texte eingerichtet ist. Der Text druckt eine gewisse Leidenschaft aus, die Melodie thut eben dasselbe durch die Verknüpfung der Tone. Sie vereinigen ihre Kräfte zusammen, und was ist es also Wunder, daß sie in den Gemüthern einen so lebhaften Eindruck machen und verschiedene Leidenschaften erregen. Ein wohlgesetzter Text eines Liedes vergnüget zwar den Leser und Zuhörer, aber doch nicht so, als wenn er mit einer darzu geschickten Melodie verbunden wird. Indessen wissen doch geschickte Componisten in den Instrumentalstücken die Leidenschaften als Betrübniß, Liebe Freude, Hoffnung, Schmertz u.s.w. bloß durch die künstliche Vermischung der Tone sehr wohl auszudrucken, und glaube ich, daß dasienige sehr viele an sich wahrgenommen haben, was der geschickte Herr Mattheson in dem Kern melodischer Wissenschaft <34> von sich geschrieben: Höre ich den ersten Theil einer guten Ouvertür, so empfinde ich eine sonderbare Erhebung des Gemüths; bey dem zweyten breiten sich die Geister in aller Wollust aus, und wenn ein ernsthafter Schluß folget, so samlen und ziehen sie sich wieder in ihren gewöhnlichen und ruhigen Sitz. Mich deucht, da ist eine angenehme abwechselnde Bewegung, die ein Redner schwerlich besser verursachen könnte. Vernehme ich in der Kirche eine feyerliche Symphonie, so überfält mich ein andächtiger Schauder; arbeitet ein starckes Instrumenten Chor in die Wette, so emfinde ich eine hohe Verwunderung; fängt das Orgelwerck starck an zu brausen und zu donnern, so entsteht eine göttliche Furcht in mir; schließt sich denn alles mit einem freudigen Hallelujah, so springt mir das Hertz im Leibe; wenn ich auch gleich weder die Bedeutung dieses Wortes wissen, noch sonst ein anderes der Entfernung halber verstehen sollte, ja, wenn auch gar keine Worte dabey wären, bloß durch Zuthun der Instrumente und redenden Klänge.