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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

§. 18. Einige Tone erregen einen Affect leichter als den andern.

Da nun einige Tone diese oder jene Gemüthsbewegung ausdrucken [Siehe] §. 17. so werden auch einige Tone geschickter seyn eine gewisse Leidenschaft zu erregen, als andere. Die Herrn Componisten werden dieses am besten wissen, was vor Tone und wie man sie vermischen müsse, wenn sie eine Leidenschaft hervorbringen sollen. Ich kan mich in diese Betrachtung nicht einlassen, weil ich die Kunst zu componiren nicht verstehe. Mir ist genug, daß ich weiß, daß dieses so seyn müsse. Die Erfahrung kan auch dieses alles rechtfertigen. Die weichen Tone klingen sittsam und traurig, die harten munter scharf und lustig. Jene können leichter die Traurigkeit, Demuth, Liebe und Zärtlichkeit erregen, diese aber sind mehr geschickt die Freude auszudrucken. Die kleine Tertie macht traurig, die grosse aber frölich. Eine Musikleiter ist an sich schon geschickter vielmehr diese als eine andere Leidenschaft zu erregen. Man thue noch <32> dasienige hinzu, was der gelehrte Herr Professor Gottsched in der schon angeführten Critischen Dichtkunst hiervon schreibet. Die geschwinde Abwechselung wohl zusammenstimmender scharfer Tone klingt lustig, die langsame Abänderung gezogener und zuweilen übellautender Tone klingt traurig. Man hört es, fährt er fort, an einem musicalischen Instrumente schon, ob es munter oder kläglich, trotzig oder zärtlich, rasend oder schläfrig klingen soll, und geschickte Virtuosen wissen ihre Zuhörer zu allen Leidenschaften bloß durch die künstliche Vermischung der Tone zu zwingen.