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Nicolai: Musik & Artzneygelahrtheit

§. 28. Was vor Wirckungen das Gift der Tarantulen und die Musik in dem Körper hervorbringet.

Die Gifte aus dem Reiche der Thiere wircken vornemlich in den Nervensaft, daher wird sich auch dieses von dem Gifte der Tarantulen behaupten lassen. Er bringt in demselben viele unordentliche Bewegungen hervor und verursachet, daß er in manche Theile gar nicht oder doch nicht hinlänglich genug einfließt und hingegen sich desto stärcker in andere Theile bewegt. Solchergestalt müssen nothwendig die Bewegungen in manchen Theilen sehr schwach, in andern aber sehr starck seyn und ein krampfhaftes Zusammenziehen erregen. Und hieraus lassen sich meines Erachtens die angeführten Zufälle leicht begreifen. Die zu Leben und Empfinden nöthigen Theile scheinen fast gar keinen oder doch sehr geringen Zufluß des Nervensafts zu haben. Daher bewegt sich das Hertz nicht mit der gehörigen Gewalt, das Blut wird nicht geschwind genug fortgetrieben, sondern häuft sich in der Brust an, und verursachet <59> daselbst Hertzensangst und Beklemmung. Von eben dieser Ursache, ich meine von dem verhinderten Zufluß des Nervensafts rührt es her, daß die äusserlichen Sinnen zu ihren Verrichtungen untüchtig werden und die Empfindungen aufhören. Es kan auch leicht geschehen, daß in dem Gehirne der Nervensaft unordentlich beweget wird, und alsdenn wird die Einbildungskraft in Unordnung gebracht. Dieienigen, so das hitzige Fieber haben, phantasiren. Woher aber sollte das anders kommen, als weil in dem Gehirne viele unordentliche Bewegungen des Nervensafts vorgehen? Was die Musik betrift, welche man bey denienigen braucht, so von den Tarantulen gebissen worden sind, so wird sie vermuthlich so beschaffen seyn müssen, daß die Patienten ein Vergnügen daran finden. Ich schliesse dieses nicht nur daher, weil die Musici nur dasienige Stück musiciren müssen, welches ihnen gefällt, sondern auch daraus, weil sie sogleich aufhören zu tantzen, so bald sie nur eine eintzige Dissonantz hören. Nichts aber ist leichter, als daß das Vergnügen, welches die Musik ihnen zuwege bringt, sehr lebhaft wird und ein angenehmer Affect entsteht. Nun bewegt sich bey der Freude das Hertz stärcker und der Umlauf der Säfte und des Geblüts geschiehet geschwinder [Siehe] §. 21. Derowegen wird auch dieses alsdenn geschehen müssen, wenn die Musik bey denienigen, <60> so von Tarantulen gestochen worden sind, eine Freude erreget. Solchergestalt kan das Hertz das Blut mit grösserer Gewalt forttreiben und nach den äussern Theilen hin bewegen. Die Sinnen können auch wiederum ihre Verrichtung antreten, und das alles kömmt daher, weil der Nervensaft eine Direction bekommt in das Hertz und die sinnlichen Gliedmassen mehr einzufliessen. Daher läßt sich begreifen, warum die angeführten Zufälle etwas nachlassen, wenn die Patienten die Musik hören, und ich halte dafür, daß diese Wirckung grösser und mercklicher werde, je länger die Musik dauert. Die Einbildungskraft ist hierbey sehr wircksam und stellt ihnen vor, daß sie sonst bey vergnügten Zustande entweder selbst getantzet haben oder andere tantzen gesehen. Daher werden sie schlüßig eben das zu thun. Dadurch gerathen sie in Schweiß, der Gift wird aus dem Körper herausgetrieben, und das bringt ihnen ihre vorige Gesundheit wieder. Man solte meinen, als wenn die schweißtreibenden Mittel eben das ausrichten könnten, alleine die Erfahrung hat gelehret, daß dieses nicht angehe. Denn die Kranckheit hat sich nebst ihren Zufällen eben so wohl eingefunden, und ist viel heftiger als sonst gewesen. Daher sind die Patienten genöthiget worden sich auf die gewöhnliche Art curiren zu lassen, ob sie gleich viele schweißtreibende Artzneyen vorher gebraucht haben.