Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung Auf den Spuren des Originalklangs Die Beiträge entstanden als Sendemanuskript für den Deutschlandfunk, Köln. Sendung am, 7.,14. und 21.12.1997 in der Reihe "Historische Aufnahmen")

"... das Alte klingt mitunter sehr modern."

Die Wiederentdeckung Monteverdis durch Nadia Boulanger, August Wenzinger und Nikolaus Harnoncourt

Auf den Spuren des Originalklangs – historische Aufführungspraxis in historischen Aufnahmen – Teil 2

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Ohimè, dov'è il mio ben
Interpreten: Vokalensemble
Ltg.: Nadia Boulanger
Label: Pearl (LC 1836)
GEMM CD 9994
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 1:45
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bei 1:45

Das Interesse an der Wiederbelebung Alter Musiktraditionen und vergessener Aufführungspraktiken ist kein Phänomen unserer Tage. Schon zu Monteverdis Zeiten, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, machte man sich in Florenz Gedanken, wie wohl die Musik der alten Griechen geklungen haben könnte – Überlegungen, die schließlich zur Erfindung einer damals ganz neuen Musikgattung, nämlich zur Oper, zum musikalischen Drama, führten. Man mag dies als ein Kuriosum der Musikgeschichte abtun, aber vielleicht gibt die Art, wie eine jede Zeit mit ihrer Vergangenheit umgeht, auch Auskunft darüber, welche Bedürfnisse es in ihrer Gegenwart gibt.

Als die Komponistin und Musikpädagogin Nadia Boulanger im Paris der 30er Jahren einige Sänger um sich versammelte, um Monteverdi-Madrigale aufzuführen, war ihr nicht sosehr daran gelegen, ein bis dahin verschüttetes Repertoire historisch getreu freizulegen, sondern sie suchte in erster Linie für ihre eigene kompositorische Arbeit neue Anregungen, wie man Ausdruck und Leidenschaft mit musikalischen Mitteln erzeugen kann, ohne in die Klang-Schwelgereien der Romantik und des musikalischen Impressionismus zu verfallen. Fragen nach Besetzungsgröße, Instrumentalbegleitung oder Tempowahl spielten da offensichtlich keine Rolle. Denn wie anders ist zu erklären, daß Nadia Boulanger etwa im folgenden "Chiome d'oro" als Continuo-Begleitung einen modernen Konzertflügel einsetzte, wo doch gerade in Paris zu jener Zeit eine lebendige Cembalo-Renaissance im Schwange war.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Chiome d'oro
Interpreten: Vokalensemble
Ltg.: Nadia Boulanger
Label: Pearl (LC 1836)
GEMM CD 9994
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 2:32
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bei 2:32

Die Aufnahmen der Monteverdi-Madrigale mit Nadia Boulanger und ihrem Vokal-Ensemble wurden 1937 zunächst als Privat-Pressung für eine Handvoll interessierter Musikliebhaber veröffentlicht. Die Nachfrage nach solcher Musik war damals sehr gering, so daß die Schallplatten-Firmen keine Notwendigkeit sahen, diese Aufnahmen in ihr Programm zu nehmen.

Während die Alte Musik sich auf dem europäischen Festland ihr Terrain erst mühsam wieder erkämpfen mußte, sah die Situation in England – zumindest im Bereich der Vokalmusik – ein wenig besser aus. Hier existierte eine bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende ungebrochene Chortradition, wobei die großen Kathedral- und Universitäts-Chöre immer Wert darauf legten, daß die Alt- und Sopranpartien möglichst mit Knabenstimmen und Countertenören besetzt werden konnten.

In England gab es sie also noch: die Stimmen, die im Stil der klassischen Vokalpolyphonie und des Frühbarock ausgebildet waren, und dies war das musikalische Umfeld, in dem der Countertenor Alfred Deller groß wurde. 1948 gründete er auf Anregung der BBC in London das Vokalensemble Deller Consort, das sich anfangs ausschließlich der englischen Madrigalmusik des 16. Jahrhunderts widmete und später auch dem französischen und italienischen Sprachraum zuwandte.

Galt bis dahin als ungeschriebene interpretatorische Regel, daß Madrigale chorisch besetzt wurden, so setzte sich Alfred Deller vehement für eine solistische Besetzung der Stimmgruppen ein, auch wenn dies zunächst als nicht sonderlich publikumswirksam galt. Und anders als Nadia Boulanger, die aus der Musik Monteverdis vor allem Anregungen für ihr eigenes Komponieren ziehen wollte, bemühte sich Alfred Deller bei seinen Interpretationen um größtmögliche Authentizität. Die Art und Weise, wie das Deller Consort mit Verzierungen umgeht und die Balance der Stimmen wahrt, all das klingt heutzutage selbstverständlich. Vor vierzig Jahren jedoch waren solche Klänge jedoch die große Ausnahme. Hören Sie nun das Deller Consort mit dem Anfang der fünfstimmigen Fassung des "Lamento d'Arianna", eine Aufnahme, die vergleichsweise spät, Mitte der 60er Jahre entstanden ist.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Lamento d'Arianna ("Lasciatemi morire")
Interpreten: Deller Consort
Ltg.: Alfred Deller
Label: Vanguard (LC 5896)
08 9087 72
<CD 2, Tr. 03.> Gesamt-Zeit: 2:13
Archiv-Nummer: ____

Während Namen wie Nadia Boulanger oder Alfred Deller heutzutage durchaus im Bewußtsein des Alte-Musik-Liebhabers als interpretatorische Meilensteine der Monteverdi-Pflege verankert sind, ist das Wirken des Dirigenten Edwin Loehrer weitgehend in Vergessenheit geraten. Edwin Loehrer gründete 1936 den Chor von Radio Svizzera Italiana in Lugano, mit dem er zahlreiche Vokalkonzerte Alter Musik aufführte.

Aus diesem Chor hervorgegangen ist Mitte der 50er Jahre die Società Camerista di Lugano, eine Solistenvereinigung, die sich vor allem der Pflege der italienischen Madrigalmusik widmete. Das Ensemble bestand aus Sängern, die im traditionellen Klassik-Repertoire zu Hause waren, die es gewohnt waren, Opern und Oratorien mit großer Geste auf großen Bühnen zu singen. Die Arbeit in der Società Camerista di Lugano, die Beschäftigung mit der vergleichsweise stillen Renaissance-Musik, war für sie musikalisches Neuland, und das hört man den Aufnahmen auch an. Das Pathos, das einem in den Monteverdi-Madrigalen entgegenschlägt, ist das der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts – mit ausladenden Crescendi und großem Vibrato. Und Loehrer hatte keine Skrupel, die Stimmen gelegentlich auch chorisch zu besetzen. Hier nun das fünfstimmige "Cor mio non mori?" aus dem vierten Madrigalbuch. Die Aufnahme entstand im Jahre 1955.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Cor mio non mori? e mori!
Interpreten: Società cameristica di Lugano
Ltg.: Edwin Loehrer
Label: Ermitage (LC 5896)
ERM 138
<Track 16.> Gesamt-Zeit: 4:37
Archiv-Nummer: ____

Mit seinem "Orpheus" ist Monteverdi ist als Schöpfer der Oper in die Musikgeschichte eingegangen, und so ist es verständlich, daß der "Orfeo" auch einen wichtige Rolle spielt in der Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts mit Monteverdis Schaffen. Für das Jahr 1922 ist eine Aufführung des Monteverdi-"Orpheus" in Oxford belegt, ebenfalls in den Zwanziger Jahren versuchte der französische Komponist Vincent d'Indy, den "Orpheus" durch eine musikalische Bearbeitung für die Opernbühne wiederzubeleben, 1925 legte Carl Orff eine "Orpheus"-Bearbeitung für das Nationaltheater in Mannheim vor, und 1936 unternahm Ottorino Respighi Ähnliches für die Mailänder Scala. Aber all diese musikalischen Bearbeitungen waren eher gut gemeinte als gut gelungene Bemühungen.

Daß Monteverdis Opern, allen voran der "Orfeo" doch noch populär geworden sind, ist vor allem zwei Dirigenten der Nachkriegszeit zu verdanken. 1955 führte August Wenzinger den "Orpheus" mit einem Solisten-Ensemble anläßlich der Sommerlichen Musiktage in Hitzacker auf, ein Projekt, das damals von dem Alte-Musik-Label der Deutschen Grammophon mitgeschnitten wurde. Wert legte August Wenzinger vor allem darauf, das Orchester möglichst authentisch zu besetzen: unter anderem mit Gamben, Zink, Blockflöten und Chitarrone – eine Besetzung, die nur unter großen Schwierigkeiten zusammenkam. Eine Besonderheit bei den Gesangs-Solisten: Die Rolle des Apoll wurde von dem damals noch recht unbekannte Fritz Wunderlich gesungen.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Orfeo
Auswahl: Toccata
Prolog (Anfang)
<CD 1, Track 1.>
<CD 1, Track 2.>
0:42
3:45
Interpreten: Margot Guilleaume
Orcheser der Sommerlichen Musiktage Hitzacker 1955
Ltg.: August Wenzinger
Label: DGG Archiv (LC 0113)
453 176-2
<CD 1, Track 1.2.> Gesamt-Zeit: 4:27
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bei Tr. 2 – 3:45

Mit seiner "Orpheus"-Aufführung 1955 anläßlich der Sommlichen Musiktage in Hitzacker hatte August Wenzinger bewiesen, daß diese Oper durchaus lebensfähig war und vom Publikum angenommen wurde – eben wenn man sie nicht bearbeitete und sie in ihrer Originalgestalt beließ. Was aber alleine schon mit Schwierigkeiten verbunden war damals. Wo fand man genügend Geigen mit Darmsaiten, eine Chitarrone, eine Barockharfe und Bläser, die aus Barock-Trompeten und Zinken halbwegs passable Töne erzeugen konnten?

Knapp 15 Jahre später, 1969, unternahm dann Nikolaus Harnoncourt einen weiteren Anlauf. Mit seinem Concentus musicus hatte Harnoncourt ein verhältnismäßig homogenes Ensemble geschaffen, das ich auf das frühbarocke Instrumentarium spezialisiert hatte, und mittlerweile gab es auch genügend Vokalsolisten, die sich in den barocken Gesangstechniken und -gepflogenheiten auskannten.

Harnoncourts Einspielung des "Orpheus" war so erfolgreich, daß wenig später das Züricher Opernhaus es wagte, unter der Leitung von Harnoncourt und dem Regisseur Jean-Pierre Ponelle alle drei Monteverdi-Opern als zusammenhängenden Zyklus zu inszenieren. Diese Züricher Produktion ist durch CDs und Video-Vermarktung mittlerweile so populär, daß Harnoncourts erste Einspielung fast in Vergessenheit geraten ist. Zu Unrecht, wie ich meine, denn sie ist, vielleicht weil sie nicht so theatralisch daherkommt, die musikalisch ansprechendere Version. Hören Sie nun aus der "Orpheus"-Produktion von 1969 den Schluß.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Orfeo
Auswahl: 5. Akt (Ende) <CD 2, Tr. 03.> 3:20
Interpreten: Lajos Kozma (Orfeo)
Max van Egmond (Apollo)
Capella antiqua München
Concentus musicus Wien
Ltg.: Nikolaus Harnoncourt
Label: Teldec (LC 3706)
8.35020
<CD 2, Tr. 03.> Gesamt-Zeit: 3:20
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK einblenden bei CD 2, Tr. 03 – 11:47