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KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung Auf den Spuren des Originalklangs Die Beiträge entstanden als Sendemanuskript für den Deutschlandfunk, Köln. Sendung am, 7.,14. und 21.12.1997 in der Reihe "Historische Aufnahmen")

"… rekonstruieren, wie es damals geklungen hat."

Die Anfänge der großen Schallplattenprojekte für historische Aufführungspraxis.

Auf den Spuren des Originalklangs – historische Aufführungspraxis in historischen Aufnahmen – Teil 3

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Wachet auf, ruft uns die Stimme, BWV 645 (Anfang)
Interpreten: Helmut Walcha (Orgel)
Aufnahme: 1947
Label: DGG Archiv (LC 0113)
423 442-2
<Track 2.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bei __:__

Historische Aufführungspraxis auf Schallplatten – was uns heutzutage als selbstverständlich erscheint, hat seine Anfänge in jenen Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als immer schmerzlicher zutage trat, welch kostbares Kulturgut in den nächtlichen Bombenangriffe unwiederbringlich den Flammen zum Opfer gefallen war. So entstand in Hamburg bei der DEUTSCHE GRAMMOPHON GESELLSCHAFT die Idee, den Klang der noch erhaltenen Barockorgeln auf Schallplatte dokumentarisch festzuhalten – mit dem damals führenden Organisten Helmut Walcha. Was anfänglich als reines Orgelprojekt geplant war, wuchs sich schon bald zu einem weit umfassenderen Unternehmen aus: Es wurde eine eigene Schallplattenmarke – die sogenannte ARCHIV-PRODUKTION – geschaffen, die die Ergebnisse der musikwissenschaftlichen Forschung in mustergültigen Aufnahmen präsentieren sollte.

Nicht interpretatorische Genialität und sinnliches Erleben war die oberste Maxime der ARCHIV-PRODUKTION, sondern musikhistorische Korrektheit – und entsprechend kam die äußere Aufmachung der Schallplatten daher: Als Cover ein schlichter brauner Karton, bedruckt mit detaillierten Werk- und Produktionsangaben, die Musik selbst säuberlich klassifiziert in Forschungsbereiche und Serien.

Helmut Walchas Einspielung der Schübler'schen Orgelchoräle von Johann Sebastian Bach an der Kleinen Orgel der Jakobi-Kirche zu Lübeck machte den Anfang, doch bald schon folgten Aufnahmen von gregorianischen Liturgie-Gesängen unter Mitwirkung der Mönche von Beuron sowie eine Reihe mittelalterlicher Musik mit dem Ensemble Pro Musica Antiqua, Brüssel unter der Leitung von Safford Cape.

Der amerikanische Dirigent und Musikhistoriker Safford Cape hatte das Ensemble PRO MUSICA ANTIQUA, BRÜSSEL schon 1933 gegründet. Seine Idee war es, die mittelalterliche Musik von dem Ruch des rustikal Ungebärdigen, lautstark Ungehobelten zu befreien. Safford Cape vertraute auf die Ausdruckskraft der menschlichen Stimme und vermied alle instrumentalen Exotismen, mit denen diese Musik gemeinhin klanglich angereichert wird. Hört man seine Einstudierungen von Machauts AMesse de Notre Dame@ oder der Motetten von Guillaume Dufay, so ist man überrascht von der Klangschönheit und Transparenz dieser Interpretationen, die auch heute noch, ein halbes Jahrhundert erstaunlich zeitgemäß anmuten.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Guillaume Du Fay
Werk-Titel: Vexilla Regis
Interpreten: Pro Musica Antiqua
Ltg.: Safford Cape
Aufnahme: 1954
Label: DGG Archiv (LC 0113)
453 162-2
<Track 10.> Gesamt-Zeit: 3:20
Archiv-Nummer: ____

Etwa zur gleichen Zeit, als Safford Cape seine wegweisenden Interpretationen mit mittelalterlicher Vokalmusik vorlegte, entstanden auch die ersten Aufnahmen mit dem Instrumentalensemble der CAPELLA ACADEMICA WIEN oder der SCHOLA CANTORUM BASILIENSIS unter der Leitung des Gambisten August Wenzinger. Wenzinger legte großen Wert auf original mensurierte Instrumente mit ihren spezifischen Klangeigenschaften, und seine Einspielungen der Brandenburgischen Konzerte oder der Telemann'schen Tafelmusik sorgten in der musikalischen Fachwelt für Aufsehen. Daß barocke Blasinstrumente so intonationssicher klingen können und daß Geigen mit Darmsaiten bespannt über einen tragfähigen und modulationsreichen Ton verfügen, hatte man bis dahin allenfalls vermutet.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Giuseppe Tartini
Werk-Titel: Violinkonzert D-Dur
Auswahl: 1. Satz <Track 1.> 4:00
Interpreten: Eduard Melkus (Violine)
Capella Academica
Ltg.: August Wenzinger
Aufnahme: 1967
Label: DGG Archiv (LC 0113)
453 170-2
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 4:00
Archiv-Nummer: ____

Das Klangbild der ARCHIV-PRODUKTION wurde allerdings nicht sosehr von Musikern wie Safford Cape, August Wenzinger oder Eduard Melkus geprägt, sondern es war vor allem der Dirigent und Cembalist Karl Richter, der dem Unternehmen ARCHIV-PRODUKTION bis in die 70er Jahre hinein den künstlerischen Stempel aufdrückte.

Karl Richter kam aus der Tradition der Leipziger Bachpflege um Karl Straube und Günther Ramin – er war also nicht unbedingt ein Verfechter der historischen Aufführungspraxis: Er bevorzugte große orchestrale Besetzungen und schwelgte auch mit seinem MÜNCHENER BACH-CHOR (der damals noch unter dem Namen HEINRICH-SCHÜTZ-CHOR fungierte) in eher pastosen Klangnebeln. Richters opulente, romantisch-emotional aufgeheizte Bach-Interpretationen prägten für gut zwei Jahrzehnte das Klangbild der ARCHIV-PRODUKTION, zumindest im Bereich der Chormusik des deutschen Barock.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Weihnachtsoratorium, BWV 248
Auswahl: 2. Teil, Nr. 20
2. Teil, Nr. 21
<CD 2, Tr. 1.>
<CD 2, Tr. 2.>
__:__
__:__
Interpreten: Fritz Wunderlich (Evangelist)
Münchener Bach-Chor
Münchener Bach-Orchester
Ltg.: Karl Richter
Aufnahme: 1965
Label: DGG Archiv (LC 0113)
427 236-2
<CD 2, Tr. 1.2.> Gesamt-Zeit: 3:00
Archiv-Nummer: ____

Der Erfolg der DEUTSCHEN GRAMMOPHON-Tochter ARCHIV-PRODUKTION weckte auch bei anderen Schallplatten-Labels den Wunsch, an dem neuen Boom mit historischer Aufführungspraxis teilzuhaben. Bei der damaligen EMI ELECTROLA entstand Anfang der 70er Jahre die Reihe REFLEXE, die sich vor allem um die Musik des Mittelalters und der Renaissance verdient gemacht hat. Das STUDIO DER FRÜHEN MUSIK um Thomas Binkley und Andrea von Ramm beschritt dabei andere Weg als etwa Safford Cape. Der rustikale, klangexotische Charakter ist hier stärker ausgeprägt; zumal Binkley für seine Interpretationen ein reichhaltiges Instrumentarium benutzte: Fideln, Psalterium, Blasinstrumente aller Art und das ganze Arsenal von Schlagwerk, wie es sich auch auf mittelalterlichen Tafelbildern findet.

Binkleys Einstudierungen sind, wenn man es genau nimmt, kunstvolle Arrangements, deren musikhistorische Schlüssigkeit nicht immer nachvollziehbar ist. Doch sollte man darüber nicht die Nase rümpfen. Immerhin ist es ihm auf diese Weise gelungen, die mittelalterliche Musik vom Staub musikwissenschaftlicher Studierstuben zu befreien und klanglich erlebbar zu machen. Die Pionierarbeit, die er geleistet hat, ist nicht zu unterschätzen. Ohne Binkley und sein STUDIO DER FRÜHEN MUSIK sind die jüngeren Ensembles wie SEQUENTIA oder das ENSEMBLE FÜR FRÜHE MUSIK AUGSBURG kaum vorstellbar, auch wenn diese Gruppen mittlerweile stilistisch andere Wege gehen.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Guillaume Dufay
Werk-Titel: Bonjour, bon moys, bo'e sepmayne
Interpreten: Studio der frühen Musik
Ltg.: Thomas Binkley
Aufnahme: 1974
Label: EMI (LC 0110)
CDM 7 63426 2
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 3:00
Archiv-Nummer: ____

Eine Übersicht über historische Aufführungspraxis in historischen Aufnahmen bliebe unvollständig, würde man nicht auch daran erinnern, daß bei der TELDEC-Reihe DAS ALTE WERK seit fast nunmehr 30 Jahren Nikolaus Harnoncourt seine künstlerische Heimstatt hat. Angefangen hatte Harnoncourt 1952 als Cellist bei den Wiener Symphonikern, doch früh schon stellte er sich die Frage, ob es sinnvoll ist, die Kilometer von Barockmusik, die in endlosen Ketten von Sechzehntel-Noten notiert sind, einfach nur herunterzuspulen.

Mit Gleichgesinnten gründete er den CONCENTUS MUSICUS WIEN – ein Instrumentalensemble, das sich intensiv mit den Spieltechniken des 17. und 18. Jahrhunderts auseinandersetzte nach Möglichkeit auf Original-Instrumenten jener Zeit musizierte. Nach einer vierjährigen intensiven Probenarbeit fühlte der CONCENTUS MUSICUS sich 1957 gewappnet für seinen ersten öffentlichen Auftritt, nach sechs weiteren Jahren kam es zur ersten Aufnahmesitzung für das damalige Schallplatten-Label TELEFUNKEN.

Harnoncourts Einspielungen etwa der Bachschen Orchestersuiten waren für viele Musiker damals ein Schlüsselerlebnis – weil er das historische Instrumentarium nicht als Selbstzweck einsetzte, sondern daraus neue Impulse für die musikalische Darstellung entwickelte. Harnoncourt wollte sich von Anfang an nicht als musikalischer Museumswärter verstanden wissen, wie er auch heute noch dem Begriff "Werktreue" eher skeptisch gegenübersteht.

Seiner Auffassung nach wohnt der sogenannten Werktreue ein zerstörerisches Element inne, weil sie das Notierte höher bewertet als den musikalischen Sinn. Das Wissen des Musikers um einstmals mündlich überlieferte Aufführungspraktiken wird durch den Fetisch Notentext zerstört. Man wähnt sich in dem Glauben, in der Notation manifestiere sich das musikalische Kunstwerk. Aber dies ist ein Irrtum: Der Sinn der Musik findet sich hinter den Noten.

Harnoncourts Einstellung zur historischen Aufführungspraxis, die er 1985 unter dem Titel "Musik als Klangrede" auch theoretisch untermauerte, hat bis heute nichts von ihrer Brisanz und Aktualität verloren. Und so fällt es denn auch schwer, seine Interpretationen – selbst die aus den frühen 60er Jahren – mit dem Etikett "Historische Aufnahmen" zu versehen. Hier nun zum Abschluß ein Ausschnitt aus der Orchestersuite Nr. 1 in h-moll von Johann Sebastian Bach – eine Aufnahme, die im Dezember 1966 entstanden ist und damals von der Musikpresse als interpretatorische Sensation gefeiert wurde.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Suite für Orchester Nr. 1 h-moll, BWV 1067
Auswahl: Menuett - Badinerie <CD 1, Tr. 13.>
<CD 1, Tr. 14.>
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Interpreten: Concentus musicus Wien
Ltg.: Nikolaus Harnoncourt
Aufnahme: 1966
Label: Teldec (LC 6019)
4509-92174-2
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:00
Archiv-Nummer: ____