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Engel: Über die musikalische Malerei

[III. Was ist sie durch diese Mittel im Stande zu malen?]

Wie durch den Gebrauch dieser Mittel, so weit er reicht, derTonsetzer die innern Empfindungen und Bewegungen der Seele malen könne, wird durch folgende Betrachtungen deutlich werden:

Zuerst: Alle leidenschaftlichen Vorstellungen der Seele sind mit gewissen entsprechenden Bewegungen im Nervensystem unzertrennlich verbunden, werden durch Wahrnehmung dieser Bewegungen <313> unterhalten und verstärkt. Aber nicht allein entstehn im Körper diese entsprechenden Nervenerschütterungen, wenn vorher in der Seele die leidenschaftlichen Vorstellungen erweckt worden, sondern auch in der Seele entstehn die leidenschaftlichen Vorstellungen, wenn man vorher im Körper die verwandten Erschütterungen bewirkt. Die Einwürkung ist gegenseitig: eben der Weg, der aus der Seele in den Körper führt, führt zurück aus dem Körper in die Seele. Durch nichts aber werden die Erschütterungen so sicher, so mächtig, so mannigfaltig bewirkt, als durch Töne. Daher bedient sich auch die Natur vorzüglich der Töne, um die unwillkührliche Sympathie, die sich unter Thieren einerlei Gattung findet, zu erregen. [...]

<314> Zweitens: Jede Art leidenschaftlicher Vorstellungen unterscheidet sich durch die Fülle, den Reichthum der mehrern darinn vereinigten Vorstellungen; [...]

<315> [...] so sind erhabne Vorstellungen von vielem schweren Inhalt: der Gang ist langsam; fröhliche Vorstellungen sind von leicht faßlichem Inhalt: der Gang ist munter, die Sprünge nicht groß; Angst arbeitet sich mit großer Geschwindigkeit, aber unterbrochen, durch eine Menge mißhelliger Ideen hindurch; Wehmut schleicht mit langsamen und verweilenden Schritten durch Ideen fort, die in nahen Verbindungen stehen.

<316> Aus diesen Bemerkungen erklärt sich

Erstlich: Wie die Musik die innern Empfindungen der Seele malen, nachahmen könne? Sie wählt die Töne von so einer Wirkung auf die Nerven, welche den Eindrücken einer gegebenen Empfindung ähnlich ist; wählt zu diesem Endzweck Instrument, Höhe und Tiefe der Töne. [...]

<318> Zweitens erklärt sich, warum der Musik die Malerei der Empfindungen am besten gelinge. Sie wirkt hier nehmlich mit allen ihren Kräften zusammengenommen; gebraucht hier mit eins alle ihre ihre Mittel; concentrirt hier ihrer aller Wirkung. Dieses wird fast nie der Fall seyn, wenn sie nur die Gegenstände malt, welche Empfindungen veranlassen. Die letztern kann sie fast immer nur durch einzelne, schwache, und entfernte Ähnlichkeiten, die erstern durch eine Menge sehr bestimmter Ähnlichkeiten andeuten. [...]