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Engel: Über die musikalische Malerei

[IV. Was soll sie malen und was soll sie nicht malen?]

<319> [Daraus] folgen nun sogleich die zwei Regeln:

Die erste: Daß der Musiker immer <320> lieber Empfindungen, als Gegenstände von Empfindungen malen soll; immer lieber den Zustand, worin die Seele und mit ihr der Körper durch Betrachtung einer gewissen Sache und Begebenheit versetzt wird, als diese Sache und Begebenheit selbst. Denn man soll mit jeder Kunst dasjenige am liebsten ausführen wollen, was man damit am besten, am vollkommensten ausführen kann. [...]

<322> Die zweite Regel ist: daß der Tonsetzer keine solche Reihe von Empfindungen muß malen wollen, die von einer andern Reihe von Begebenheiten oder Betrachtungen abhängig, und deren Folge unbegreiflich oder gar widersinnig ist, sobald man nicht zugleich diese andere Reihe denkt, von welcher jene eben abhängt. [...] Setzen Sie, daß das schönste accompagnirte Recitativ eines Hasse ohne die Singstimme, oder noch besser vielleicht, daß ein Bendaisches Duodram ohne die Rollen, bloß vom Orchester ausgeführt werde; was würden Sie in dem besten, mit dem feinsten Geschmack und der richtigsten Beurtheilung geschriebenen Stücke zu hören glauben? Ganz gewiß die wilden Phantasieen eines Fieberkranken. Warum das aber? Offenbar, weil <323> die Folge von Ideen oder Begebenheiten, aus welcher allein die Folge der Empfindungen konnte begriffen werden, aus dem Ganzen weggenommen worden. Und wird es nicht das Nehmliche seyn, wenn sich ein Tonsetzer vornimmt, wie das Einige wirklich gethan haben, in die Vorbereitungssymphonie einer Oper schon die ganze Folge von Empfindungen zu legen, welche während des Verlaufs der Handlung bei den Zuhörern sollen rege gemacht werden? [...]

Eine Symphonie, eine Sonate, ein jedes von keiner redenden oder mimischen Kunst unterstütztes musikalisches Werk, <324> - sobald es mehr als bloß ein angenehmes Geräusch, ein liebliches Geschwirre von Tönen seyn soll - muß die Ausführung Einer [einzigen] Leidenschaft, die aber freilich in mannigfaltige Empfindungen ausbeugt [ausweicht], muß eine solche Reihe von Empfindungen enthalten, wie sie sich von selbst in einer ganz in Leidenschaft versenkten, von aussen ungestörten, in dem freien Lauf ihrer Ideen unterbrochenen Seele nach einander entwickeln. [...]

<325> Alles was ich hier zu sagen habe, beruht auf den Unterschied von Malerei und Ausdruck [...]

<327> Nun heißt man Malen in der Singmusik: das Objective darstellen; hingegen das Subjective darstellen, heißt man nicht mehr Malen, sondern Ausdrücken.

[...]

<328> [Der Singecomponist] soll ausdrücken, nicht malen.

<329> Bewiesen braucht diese Regel kaum zu werden. Denn

[...] Was soll der Gesang anders seyn als die lebhaftste, sinnlichste, leidenschaftlichste Rede? Und was sucht nun der Mensch in Leidenschaft vor <330> allem andern mit der Rede? Was ist ihm das Wichtigere? Ganz gewiß nicht, die Natur des Gegenstandes bekannt zu machen, der ihn in Leidenschaft sezt, sondern sich dieser Leidenschaft selbst zu entschütten, sie mitzutheilen. Darauf arbeitet Alles bei ihm, Ton der Stimme, Gesichtsmuskeln, Hände und Füße.

Also: nur Ausdruck erreicht den Zweck des Gesanges; Malerei zerstört ihn.

<331> [...] Der Singkomponist soll sich hüten, wider den Ausdruck zu malen. Denn daß er gemalt hat, ist an sich noch kein Fehler: er kann es und darf es; nur dann wird's Fehler, wenn er das Unrechte, oder wenn er am unrechten Ort, gemalt hat.

<334> [...] bei homogenen Empfindungen ist Malerei Ausdruck, bei heterogenen, zerstört Malerei den Ausdruck.

Aber darum darf nun doch der Tonkünstler, auch wo ihm wirklich die Malerei erlaubt ist, nicht ins Wilde hinein malen. [...]

Erstlich: An dem zu malenden Objekt können sich mehrere musikalisch malbare Prädicate finden. Der Tonsetzer muß Acht geben, daß er nur diejenigen fasse, die in der jedesmaligen Ideenreihe von der Seele beachtet werden. [...]

<336> Zweitens: Wenn an dem ganzen Begriffe nichts, als gerade so ein Prädicat, musikalisch malbar ist, was in der jetzigen Ideenreihe nicht auf eine vorzügliche Art die Aufmerksamkeit reizt; so muß sich der Tonsetzer aller ausbildenden Malerei enthalten, und nur schlechtweg deklamiren.

Drittens: Aus der ganzen Reihe von Vorstellungen muß er urtheilen, wie wichtig jede einzelne sei; wie lange, mit welchem Grade von Interesse die Seele dabei verweile; und also, wenn der Fall eintritt daß Malerei Ausdruck wird, wie tief er sich in die Malerei einlassen dürfe. Wenn er statt des Hauptbegriffs, auf den die ganze Seele sich hinrichtet, um <337> den sich alle andern herumbauen und sich in ihm einigen, einen der Nebenbegriffe hascht, um ihn vorzüglich auszumalen: so ist das völlig eben derselbe Fehler, als wenn er einen falschen Accent setzt; [...]

Viertens: Der ärgste Verstoß wider den Ausdruck wäre, wenn der Tonsetzer nicht die Idee, sondern das Wort malte; wenn er vielleicht eine Vorstellung ausbildete, die in der Rede verneint und aufgehoben wird; wenn er sich an das bloße Bild, an die Metapher hielte, statt sich an die Sache zu halten. - Doch vor Fehlern dieser Art sollte man gar nicht warnen; denn wer sie begehen kann, an dem ist alle Warnung verloren.

[...]