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Forkel: Musikalisch-kritische Bibliothek

Vorrede

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<XI> Unter allen Fächern der musikalischen Theorie, ist unstreitig die musikalische Rhetorik, (dahin alles gehört, was den Geschmack, aesthetischen und pathetischen Ausdruck, die Melodie und den richtig, natürlich und verhältnismäßig auf einander folgenden Fortgang musikalischer Gedanken betrifft,) vom Punkt ihrer Ausbildung noch am entferntesten. Bloße Skitzen – wie die ersten über hohe Berge herüberschimmernde Stralen der Morgensonne, aber noch kein volles Sonnenlicht. – Die zur Bearbeitung derselben erforderlichen Talente, waren bisher immer noch zu getheilt; der Musiker hatte entweder nicht Philosophie genug, seine durch lange Erfahrung und anhaltendes practisches Studium der Kunst ausgebildeten und berichtigten Gefühle, <XII> zu eben so ausgebildeten und berichtigten Ideen und Begriffen umzuschaffen, zu ordnen, und andern gehörig mitzutheilen und begreiflich zu machen; – oder der Philosoph hatte zu wenig practische Kenntnisse der Kunst, um seine philosophischen Raisonnemente der wahren Natur, und dem wahren Wesen derselben anzupassen, und sie dadurch gehörig anwendbar zu machen. Daher schränkte sich der Musiker bisher in seinen musikalisch-rhetorischen Bemerkungen blos auf Dinge ein, die er ohne große Schwierigkeiten in seiner Sprache ausdrücken konnte, ohne sich erst in die Nothwendigkeit zu setzen, sich eine neue, zur richtigen Bezeichnung des rhetorischen Fortgangs der feinern Gefühle, bequeme Sprache besonders zu erfinden; – und beynahe alle philosophische Schriftsteller, die je über Genie, Geschmack, Schönheit, Erhabenheit, u.s.f. geschrieben, und beyläufig in ihren Untersuchungen auch der Tonkunst Erwähnung gethan haben, sahen das ganze Wesen derselben blos als einen Gegenstand der Akustik an, – suchten ihre ganze Schönheit im mathematischen Verhältniß der Klänge, und bedachten (oder vielmehr wusten) nicht, daß Musik, als Gegenstand der Akustik betrachtet, <XIII> noch lange nicht Musik, sondern nur blos die Materie der Kunst sey, die die Natur, und nicht der Künstler schaffen muß.

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<XIV> Wären daher die musikalisch-rhetorischen Begriffe, von richtiger Anordnung der Theile eines Stücks, – von ihrer zweckmäßigen Ausfüllung, und natürlich-fließenden Zusammenknüpfung, – von den musikalisch-rhetorischen Figuren, – von den verschiedenen Schreibarten, u.s.f. ausgebreiteter, und bekannt genug, wie wichtig die strengste Befolgung dieser angegebenen Punkte in der wahren ächten Composition sind, so würden wir nicht so häufig mit musikalischen Werken heimgesucht werden, wo eigensinnige aus einer zügellosen Phantasie entstandene Einfälle blos willkührlich hingeworfen, – ohne Beziehung und Verbindung aufeinander <XV> folgen, und wo die Würde der Kunst zu einem niedrigen Ohrenkitzel geschmackloser Liebhaber heruntergesetzt ist. Man würde einsehen, daß nicht der, welcher nur bisweilen einen guten Einfall habe, sondern nur derjenige, der mit seinen guten Einfällen eine richtige bestimmte Ordnung, – schöne Nebenstimmen, – eine wohlausgearbeitete Harmonie, und wahre mannichfaltige Charaktere zu vereinigen weiß, dem Entzweck der Kunst Genüge zu thun im Stande sey; – eben so, wie nur der ein Maler heißt, und den Absichten der Malerey Genüge thut, der nicht blos die Züge eines Gesichts mit der Reißfeder nachmachen, sondern der mit diesem Talent noch Schatten, Licht, Colorit und anderer Theile der Malerkunst vereinigen kann. [...]

<XVI> Unsere musikalische Kritik that zu jenen Zeiten, da sie von ihrer strengen Orthodoxie noch nicht abwich, ohne Zweifel mancher Ausschweifung Einhalt; [FN: Die musikalische Verfassung jenes Zeitpunkts, wo die Berlinischen kritischen Briefe über die Tonkunst, und Marpurgs historisch-kritische Beyträge zur Aufnahme der Musik, geschrieben wurden, kann hier zu einem Beweise dienen.] und wäre ihr Scepter länger in den Händen eifriger Orthodoxen geblieben, so können wir sicher glauben, der Geist jener Zeiten wäre noch nicht von uns gewichen, – wir würden noch, gleich jenen ächten Genien, Natur und Kunst richtig miteinander verbinden, und weder regellos umherschweifen, noch uns von willkührlichen Vorschriften im besten Flug, (wie heutiges Tages den armen unschuldigen Regeln oft Schuld gegen wird,) hemmen lassen. Aber zum Unglück für die Kunst, dauerte jener musikalische Richterstuhl nicht lange genug, um sie ferner gegen gesetzwidrige Mishandlungen zu sichern. Die Toleranz setzte sich an dessen Stelle, und tolerirte so lange, bis sie gänzlich von ihrem an sich liebenswürdigen Charakter, zur verächtlichen Indifferentisterey heruntersank, die sich jetzt nicht entblödet, dem Liebhaber getrost alles zu empfehlen, was nur <XVII> klingt, und dem Ohr schmeichelt. Die Nahrung der Seele und des Verstandes kennt sie nicht, oder, welches am wahrscheinlichsten ist, sie bedarf ihrer nicht.

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