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Forkel: Musikalisch-kritische Bibliothek

[Litterarische Anzeigen]

<360> "Warum sollte man, sagt er, in der Musik nicht eben das thun, was man in der Poesie gethan hat? Mit Schreyen, Heulen und schrecklichen und fürchterlichen Tönen drückt man Leidenschaften aus; aber diese Accente, wenn sie in der Nachahmung nicht verschönert werden, erregen, so wie in der bloßen unnachgeahmten Natur, den Eindruck eines Leidens. Wenn man nur gerührt und bewegt seyn wollte, so sollte man unter das Volk gehen, und eine Mutter, die ihren Sohn verliert, oder Kinder, die ihre Mutter verlieren, anhören; hier ist es, wo der Ausdruck des Schmerzens ohne Kunst ist; hier ist es auch, wo er sehr stark ist. Aber, welches Vergnügen verursachen uns so traurige Rührungen? Der Schmerz, welcher im Schauspiel erregt wird, muß Balsam in der Wunde zurücklassen. Dieser Balsam ist das Vergnügen des Geistes oder der Sinne; und die Ursache dieses Vergnügens ist in der Poesie nichts anders, als die Erhabenheit der Gedanken, Empfindungen und Bilder, <361> die die edle Zierde des Ausdrucks, und der Reiz schöner Verse. In der Musik muß sich ein ähnliches Vergnügen unter die schmerzhaften Eindrücke mischen; und die Ursache desselben muß, so wie beym Dichter, in der Kunst des Musikers liegen; in der Kunst, dem musikalischen Ausdruck einen Reiz zu geben, den das Schreyen, die Klagen, und die traurigen oder schmerzhaften Accente der Leidenschaften in der Natur nicht haben. [...]