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Forkel: Musikalisch-kritische Bibliothek - Bd. 3

Rezensionen praktischer Werke.

[Georg Benda: Ariadne auf Naxos / Medea. 1778.]

<250> [...]

<251> In den bekannten und gewöhnlichen Gattungen von theatralischen Singstücken wird die Poesie nach Rousseau's Ausdruck gleichsam als die Leinwand angesehen, worauf der Musiker malt. Ihre Wirkung verliert sich also gewissermaßen (man kann es nicht läugnen,) unter den Wirkungen der Tonkunst, ohne eben besonders bemerkt zu werden, oder unter den andern mitwirkenden Künsten hervorzuragen; es sey denn dadurch, daß sie, wenn man den Roußeauischen Ausdruck etwas einschränkt, nicht bloß als Leinwand des Malers, sondern so angesehen wird, als ob sie eine Idee, oder eine Hauptempfindung hergiebt, zu welcher die Musik ihre entsprechende Gefühle erregt, oder sie dadurch erweitert, daß sie sie bald verstärkt oder vermindert, und sie mit einem Worte auf alle nur mögliche Weise modificirt. Man nehme indessen den Roußeauischen Ausdruck eingeschränkt oder uneingeschränkt, so ist doch allemal so viel gewiß, daß bey den gewöhnlichen Gattungen von theatralischen Singstücken die Musik eine Hauptrolle spielt, und daß ihr nicht nur die Poesie, sondern auch die übrigen zum Singspiel <252> gehörigen Künste untergeordnet sind. Alles, was die Poesie zur Wirkung beyträgt, wird der Musik zugeschrieben, weil sie gleichsam die Rolle eines Anführers spielt, zu dessen Absichten sich die übrigen Künste vereinigen.

In dieser neuen Gattung wird Poesie nicht so zum Vortheil der Musik gebraucht, – wird nicht so genau mit ihr vereinigt, daß sie sich in ihr verlieren könnte; sondern beyde Künste gehen freundschaftlich mit einander, jede ihrer eigenen Natur gemäß, einem und ebendemselben Ziel entgegen. Wenn hier die Rede oder Poesie eine Empfindung zu erregen sucht, so thut sie es ganz allein; und nur dann, wenn sie Ruhepunkte macht, oder in vorzüglich starken Affect ausbricht, kömmt ihr die Musik als eine Freundinn zu Hülfe, um sie entweder zu unterstützen, oder den Affekt während der Ruhepunkte zu unterhalten, und zum weitern Ausbruche vorzubereiten.

Dem Anscheine nach, hätte dem zufolge diese neue Gattung von theatralischer Musik vor der gewöhnlichen wesentliche Vorzüge, und zwar folgende:

  1. Weder Poesie noch Musik ist gebunden, wie in den gewöhnlichen Singspielen. Die Poesie bedarf nicht der sorgfältigen Auswahl ihrer Worte, welche ihre nähere Verbindung mit der Musik nöthig macht, sondern kann sich des ganzen Reichthums ihrer Sprache bedienen, um ihre Empfindungen oder Ideen so mannichfaltig zu modificiren, als es ihre Absichten erfordern. Ihre Worte und Wendungen hängen von ihren eigenen Absichten ab, und müssen sich nicht in die Fesseln schmiegen, welche ihr die Musik anlegen könnte, und gewöhnlich anzulegen pflegt. Eben so bedarf auch auf der andern Seite die Musik nicht, die Mittel ihres Ausdrucks den Worten und poetischen <253> Füßen anzumessen; sondern wenn es die Situationen verstatten, oder wenn die Rede Ruhepunkte macht, so fällt sie ihr als eine Freundinn bey, und unterstützt ganz auf eine ihrer Natur und ihrem Wesen angemessene Art die Absichten derselben. Mit einem Worte: beyde Künste sind ganz frey, und sie können beyde ganz nach ihrer eigenen Natur, ohne alle Einschränkung, jedoch in einem freundschaftlichen Einverständniß zu einem gemeinschaftlichen Endzweck wirken.
     
  2. Ideen und Empfindungen werden hier gleich stark erregt, beschäftigt und unterhalten. Da die Dichtkunst nicht grade zu, sondern nur vermittelst deutlicher Vorstellungen, der Begriffe und Ideen, Gefühle erregen kann, so ist in den gewöhnlichen Singspielen ihr Amt, durch ihre Worte das Bild der ganzen Vorstellung, und die Schilderung des Affekts zu entwerfen; sie macht nur die Zeichnung zu dem, was die Musik erst ausmalen und in mannichfaltige Gefühle auflösen muß. Hier in dieser neuen Gattung entwirft sie nicht bloß das Bild einer Vorstellung, sondern sie zergliedert, zerlegt, und malt es selbst aus, ohne des Beystandes der Musik zur Erregung der mit ihren Vorstellungen sympathisirenden Gefühle zu entbehren. Demnach muß hier dem Anscheine nach die Wirkung ungleich stärker seyn, als in den gewöhnlichen Singspielen, da eine Quelle mehr ist, aus welcher auf die Empfindungen gewirkt werden kenn, nämlich: der freyere und uneingeschränktere Gebrauch deutlicher Vorstellungen, vermittelst welcher die Poesie solche Gefühle erregt, die mit ihnen sympathisiren.
     
  3. Sie ist der kurzen und öfters abgebrochenen Sätze wegen, deren sich die Musik híer bedienen muß, für den Zuhörer faßlicher. Wer in den Arien der <254> gewöhnlichen Singspiele der allmäligen Entwickelung und den mannichfaltigen Modificationen der Gefühle folgen will, muß entweder schon etwas geübter Kenner seyn, und mit Leichtigkeit eine aneinander hängende und auseinander entstehende Folge von musikalischen Sätzen übersehen, mit einander vergleichen und behalten können, oder er geräth leicht in die Gefahr, woferne nicht im Laufe des Stücks vorzüglich auffallende und affektuöse Situationen vorkommen, den Faden der Entwickelung aus Mangel an gehöriger Anreizung seiner Aufmerksamkeit zu verlieren. Hier in dieser neuen Gattung wird seine Aufmerksamkeit durchs ganze Stück hindurch lebhaft erhalten, weil die meisten einzelnen Sätze, vermittelst welcher die Musik die Absichten der Poesie unterstützt, den Ausdruck einer besondern Modification des Hauptgefühls zu enthalten scheinen, das dem Zuhörer desto auffallender ist, jemehr es von den vorhergehenden absticht, und je neuer es durch die vorhergegangene Unterbrechung und durch den nunmehrigen neuen Anlauf geworden zu seyn scheint. Noch außerdem, daß hier der Zuhörer der Mühe überhoben ist, einer aneinander hängenden Reihe von musikalischen Sätzen zu folgen, und sie wenigstens in Absicht auf ihre Beziehungen zu den darauf folgenden oder vorhergehenden im Gedächtnisse zu behalten, hat er auch hier noch den Vortheil, daß bey jedem Gefühl, welches die Musik in ihm hervorbringt, die Poesie ihm mit ihren deutlichen Vorstellungen und Begriffen, welche mit jenen Gefühlen sympathisiren, zu Hülfe kömmt, und also deutliche Vorstellungen und Begriffe sowohl als Gefühle, jede für sich mit ganz gleicher Stärke erregt werden, anstatt daß in den gewöhnlichen Singspielen entweder die Begriffe durch sympathisirende Gefühle, oder die Gefühle durch sympathisirende Begriffe erregt werden müssen.

[...]

<255> Der erste Vorzug schien uns zu seyn, daß weder Poesie noch Musik in der neuen Gattung so gebunden ist, wie in der gewöhnlichen. Worinn bestehen denn aber eigentlich diese Bande? Daß die Poesie bey ihrer nähern Verbindung mit der Musik, eine sorgfältigere Auswahl ihrer Worte beobachten muß, und sich nicht mit aller <256> möglichen Freyheit des ganzen Reichthums der Sprache bedienen kann, um ihre Empfindungen oder Begriffe selbst dadurch so mannichfaltig zu modificiren, als möglich, ist freylich eine kleine Aufopferung, aber doch immer eine Aufopferung, die zum Vortheil des Ganzen gemacht wird. Muß sich doch die Musik nicht weniger gefallen lassen, sich unter die Fesseln des Sylbenmaaßes zu schmiegen, und ihre Wendungen so nach der Beschaffenheit der Verse und Worte formen, daß sie oft eben sowohl als die Poesie zum Vortheil des Ganzen von ihrem Reichthume vieles ungebraucht lassen, und aufopfern muß. Wenn nun vermittelst dieser gegenseitigen Aufopferung die Kräfte beyder Künste in eine Kraft zusammen geschmolzen werden, und in dieser genauern Vereinigung desto größere Wirkungen hervorbringen, (welches gewiß geschieht, wenn das Herz der Zuhörer aus Mangel an Uebung nicht einem unfruchtbaren Boden gleicht,) kann sich nicht sowohl die eine als die andere diese Bande, diese kleine Aufopferung zum Besten des Ganzen gefallen lassen? Wenn zween Freunde eine und ebendieselbe Absicht erreichen wollen, so darf es keinem von beyden darauf ankommen, welchem die Ehre der Erreichung zugeschrieben wird; es muß genug für sie seyn, wenn sie nur die verlangte Wirkung ihrer beyderseitigen Bemühungen nicht verfehlen. Eben so wie zween solche Freunde, müssen auch unsere beyden Künste in ihrer Vereinigung angesehen werden. Außerdem wird auch das, was jede von den beyden Künsten etwa aufopfern muß, von einer andern Seite durch wesentliche Vortheile wiederum ersetzt. Die Poesie bekömmt durch die sorgfältigere Auswahl ihrer Worte, Wendungen und Ausdrücke, mehrern Wohlklang, wird zierlicher, angenehmer, und dadurch zu angenehmen Eindrücken fähiger; – die Musik erhält den Vortheil eines schönen Gesangs, der Begleitung der menschlichen Stimme, deren Töne so vorzüglich <257> eindringend sind, und kurz, beyde Künste werden in dieser Vereinigung, der kleinen Aufopferungen ungeachtet, wo nicht ein stärkeres doch gewiß ein schöneres Ganzes.