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Hiller: Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten

Fasch (Johann Friedrich)

Hochfürstl. Anhalt-Zerbstischer Kapellmeister.

<59> Ist den 15. April 1688 in Buttelstädt, einem zwischen Weimar und Buttstädt liegenden Städtchen, geboren. Sein Vater war nachdem Rector der Schule zu Sula geworden, und der junge Fasch fing daselbst schon im neunten Jahre an bey Kirchenmusiken den Discant mit zu singen.

Im zehnten Jahre, da sein Vater gestorben war, brachte ihn seine Mutter zu ihrem Bruder, dem Capellan zu Täuchern im Weissenfelsischen. Hier hörte ihn ein Vetter, der Kammermusicus und Tenorist Scheele vom Hofe zu Weissenfels, ein Paar Arien singen, und veranstaltete es, daß Fasch die vacant gewordene Discantistenstelle in der Weissenfelsischen Kapelle bekam.

Den folgenden Herbst, nachdem er mit vieler Mühe seine Dimission erhalten hatte, ging er nach Leipzig, und war der erste, den der damals zum Cantorat berufene Kuhnau, im Jahre 1701 auf die Thomasschule aufnahm, allwo er bis 1707 blieb.

Nachdem er sich etwas auf dem Klaviere, doch ohne Anweisung, geübt hatte, weil er <60> einen Klaviermeister zu bezahlen zu arm war, fing er, als Secundaner, an, Cantaten für eine Discantstimme zu setzen, und nahm dazu Hunolds Poesien. Endlich, da die Telemannischen Ouverturen bekannt wurden, ließ er sich gelüsten, auch eine, nach diesem Leisten, zu versuchen. Seine Mitschüler hielten unter sich ein Collegium Musicum, und Fasch gab ihnen seine Ouverture unter Telemanns Namen hin; sie ließen sie auch, mit völliger Ueberzeugung, dafür gelten.

Als Fasch nun endlich die Thomasschule verlassen hatte, und ein akademischer Bürger geworden war, legte er in seinem Quartiere Sonntags, nach Endigung des Gottesdienstes, ein Collegium musicum an, welches sich von Studenten nach und nach bis auf zwanzig Personen verstärkte. Der eingeschränkte Platz seiner Wohnung, vielleicht auch merkantilische Speculationen, die in Leipzig zu Hause sind, konnten ihn leicht bewegen, sich nach einem geraumigern und vortheilhaftern Platze umzusehen. Und was hätte das für einer seyn können, wenn es nicht ein Kaffeehaus gewesen wäre? Diese Häuser sind lange in Leipzig das Asylum der Musik gewesen. Fasch verdient also keinen Tadel, daß er sein Concert, oder Collegium musicum, (wie man es damals nannte) auf das Lehmannische Kaffeehaus verlegte. Er hatte das Vergnügen, es immer stärker anwachsen zu sehen, <61> und sein Credit wuchs mit seinem Concerte; so daß, wenn die Studenten einem angekommenen Oberhofprediger eine Abendmusik zu bringen hatten, oder den Geburtstag eines regierenden Bürgermeisters feyern wollten, Fasch die Musik componirte, und sein Collegium musicum sie aufführte. Auf diese Weise kam der Oberhofprediger D. Pipping, und hernach der Bürgermeister Rivinus zu einer Abendmusik.

Bey dem allen componirte Fasch noch immer ohne eine einzige Regel der Composition zu wissen, und doch fand seine Schreiberey so viel Beyfall, daß er aus dem hochfürstl. Zeißischen Marschallamte Befehl erhielt, die Composition und Direction der Oper zur Peter=Paulmesse in Naumburg zu übernehmen. Da diese der Erwartung entsprach, und der Naumburgischen Messe keine Schande machte, so glaubte man, daß Fasch auch wohl eine Oper zum Geburtstage der Herzogin von Zeiß componiren könne, und ihm ward ein zweyter Befehl zugefertigt, mit einer Oper im November parat zu seyn. Diese zog den dritten Befehl nach sich, künftiges Jahr zwey Opern zur Peter-Paulmesse nach Naumburg zu liefern. Fasch war doch zu ehrlich, daß er das MUNDUS VULT DECIPI nicht zu sehr und zu lange mißbrauchen wollte. Er trat also eine Oper seinem Freunde, dem Herrn Stölzel ab, welcher sich damit so <62> empfahl, daß er die nächstkünftige Geburtstagsoper der Herzogin componiren mußte, und diese ihn, auf ihre Kosten, nach Italien schickte.

Fasch hielt sich hierauf noch bis gegen den Sommer zu Leipzig auf, und fing an zu überlegen, was endlich daraus werden würde, wenn er so ohne Kenntniß der Regeln im Componiren fortführe. Er sahe sich nach einem geschickten Lehrmeister um; und da fiel ihm der damalige Kapellmeister Graupner in Darmstadt ein, der auf der Thomasschule sein Präfectus gewesen war, auch immer viel Liebe und Freundschaft gegen ihn gehabt hatte. Zu diesem also eine Reise zu machen, und von ihm die Fundamente der Composition zu erlernen, war sein nächster Entschluß. Er trat diese Reise über Zeiß an, hielt sich an dem gräflichen Hofe zu Gera, allwo damals eine starke Kapelle war, einige Wochen auf; reiste darnach über Gotha, Eisenach, Mühlhausen bis Cassel weiter, allwo er gegen den Winter ankam, und bis ins Frühjahr sich aufhielt. Endlich ward die Reise über Marpurg, Giessen und Frankfurt bis nach Darmstadt fortgesetzt, woselbst er von den beiden Kapellmeistern Graupner und Grünewald, nicht nur mit vieler Liebe aufgenommen, sondern auch von beiden in der Composition aufs treulichste unterrichtet ward, ohne daß er ihnen das geringste dafür bezahlen durfte. Dieses <63> Unterrichts wegen hielt er sich 14 Wochen in Darmstadt auf; welches freylich eine zu kurze Zeit gewesen wäre, wenn nicht unser Fasch schon vorher viel Uebung im Schreiben gehabt hätte.

Er reiste von hier wieder über Cassel nach Sachsen zurück, und besuchte in Sula seine Mutter. Von hier machte er wieder eine kleine Reise über Bamberg und Nürnberg nach Anspach, um mit dem Kapellmeister Bümler bekannt zu werden. Er besuchte ferner den Fürstl. Oettingischen Hof, und war willens, nach Augspurg zu reisen, um allda bey einem Verwandten Gelegenheit zu erwarten, eine Reise nach Italien thun zu können; allein der Kapellmeister Bümler verschrieb ihn nach Bayreuth zum Carneval, daß er da, bey der Oper, die Violin mit spielen sollte. Fasch ließ sich diesen Antrag gefallen, und ging nach geendigtem Carneval wieder nach Gera zurück.

Hier kam er als Sekretair und Kammerschreiber in Dienste. Eigentlich geschahe es wohl der Musik wegen, die er auf fünf Jahre lang besetzen und verstärken half. Er wurde hierauf nach Zeitz als Organist und Stadtschreiber berufen. Da er nun bey den bisherigen Aemtern nicht so, wie er wünschte, Gelegenheit fand, sich als Componist zu zeigen, ging er nach zwey Jahren von Zeitz weg, und nach Böhmen zu dem Grafen Morzini, als Componist, in Dienste. In Zeitz hatte er sich <64> mit der Tochter des Archidiaconi, Laurentii, verheyrathet, und ließ bey seiner Abreise im Hause dieses Geistlichen sein einziges kleines Töchtergen zurück.

Bey dem Böhmischen Grafen war er noch nicht zwey Jahre gewesen, da ihm der Kapellmeister Stölzel aus Gotha schrieb, daß der Fürst von Anhalt-Zerbst ihn zum Kapellmeister verlange. Da aber Fasch beym Grafen Morzini sehr beliebt war, auch sehr gut stand, indem er alles frey und dreyhundert Gulden Besoldung hatte, verbat er diesen Ruf zweymal. Endlich drang sein Schwiegervater in Zeiß ernstlich darauf, daß er bey der dritten Aufforderung die Vocation annehmen mußte.

Er verließ also im Jahre 1722 seinen böhmischen Grafen, und ging als Kapellmeister nach Zerbst. Anfänglich stand er hier nicht besser als in Böhmen, indem er nur 400 Thaler Besoldung, und 2 Malter Roggen als Deputat bekam: destomehr Gelegenheit hatte er sich im Componiren zu üben. Er mußte, im ersten Jahre seines Amtes, auf jeden Sonntag und Feyertag zwey neue Kirchenstücke liefern; daher er bisweilen, in einer Woche, mit vier Cantaten parat seyn mußte. Hierzu kam noch eine starke Passionsmusik, und drey Serenaden zu den Hoffeyerlichkeiten und Geburtstagen.

<65> Indeß war Fasch mit seinem Zustande in Zerbst so zufrieden, daß er den Ruf zum Cantorate in Leipzig verbat, obleich der damals regierende Bürgemeister, Hofrath Lange, zweymal an ihn schreiben ließ. Er hat, nach der Zeit noch dreymal auswärtigen Ruf abgewiesen, und ist, bis an seinen Tod, standhaft in Zerbst verblieben.

In seinen Compositionen ist viel Reichthum und Vollheit der Harmonie; sein Gesang ist männlich und gesetzt; der gebundenen fugirten Schreibart war er sehr gewachsen, wovon eine Menge Ouverturen zeugen, die er in Zerbst componirt hat; auch ist seine Instrumentalbegleitung in Kirchen- und andern Cantaten immer sehr lebhaft.

Ein Sohn von ihm, Herr Carl Fasch, steht als erster Clavicymbalist in Königl. Preußischen Diensten, und ist nicht minder als ein gründlicher Componist bekannt.