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Hiller: Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten

Heinichen (Johann David)

Königl. Polnischer und Churfürstl. Sächsischer Kapellmeister.

[1. Teil: Leipzig]

<128> War den 17. April, im Jahre 1683, zu Crössuln, einem, zwo Stunden von Weissenfels, gelegenen Dorfe, geboren. Sein Vater war Prediger des Ortes.

Gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, kam Heinichen nach Leipzig auf die Thomasschule, in welcher viele der berühmtesten deutschen Tonkünstler den Grund zu ihrer nachmals vollkommener gewordenen großen musikalischen Wissenschaft geleget haben. Der damalige Cantor an dieser Schule war Johann Schelle. Heinichen mußte entweder schon einen guten Anfang in der Musik mit auf die Schule gebracht, oder den Unterricht des Cantors sehr genutzt haben, weil er schon vor dem Jahre 1700 im Stande war, seinem damaligen Mitschüler, dem nachherigen Hessen-Darmstädtischen Kapellmeister, Graupner, Unterricht in der Composition zu geben. Als aber der bisherige Organist zu St. Thomä, Johann Kuhnau, im Jahre 1700, Schellens Nachfolger im Cantorate geworden war, bedienten sie beide, Heinichen und Graupner, <129> sich seiner weitern Unterweisung im Klavierspielen und in der Composition.

Das Klavierspielen scheint, allem Vermuthen nach, Heinichen nie sehr am Herzen gelegen zu haben. Destomehr Fleiß wendete er hingegen auf die Setzkunst, und besonders auf den Contrapunct. Damals wurde der Contrapunct, mit Hintansetzung mancher anderer und beträchtlicherer Schönheiten in der Musik, jungen Leuten als das Herrlichste und Beste in der Tonkunst, nicht aber als ein nothwendiges Mittel zu Erlangung größerer musikalischen Vollkommenheiten, nicht als nur ein Theil des Schönen in der Tonkunst, angepriesen. Doch ist eben nicht zu glauben, daß ein Mann von so aufgeklärtem Verstande, und von solcher Gelehrsamkeit, als Kuhnau zu seiner Zeit war, einer dieser übertriebenen Verehrer des Contrapuncts gewesen sey, ob er ihn gleich aus dem Grunde verstand. Dem sey aber wie ihm wolle. Heinichen schreibt S. 935 seines Generalbasses in der Composition von sich selbst, "daß er, als er noch ein Contrapunctschüler gewesen, für lauter Contrapunctsbegierde, kaum essen, trinken und schlafen können; daß er den harmonischen Geheimnissen der Musik, damals so lange nachgegrübelt habe, bis er den Hauptschlüssel aller Canons gefunden, vermöge dessen er, zur ersten Probe, <130> eine ziemlich lange Sonate für sechs Violinen gesetzt habe, welche nur aus zwo Hauptstimmen gespielt wurde, so daß in jedweder Stimme drey Violinen, bey gewissen Zeichen, hinter einander anfingen, und also die ganze Sonate, gleichsam in einem beständig fortgehenden Haupt- und Gegensatze, auf sechsfache Art, durchcanonirten."

Nachdem Heinichen die Thomasschule verlassen hatte, widmete er sich, auf der Akademie zu Leipzig, der Rechtsgelahrtheit; und zwar mit so gutem Erfolge, daß er, nach seinem Abschiede von Leipzig, Advocat in Weissenfels ward, und es auch einige Jahre blieb.

Um diese Zeit war die Musik der Leipziger Opern, sowohl in Ansehung der Composition, als der Ausführung, in einem sehr glänzenden Zustande. Sonderlich thaten sich in der Ausführung die drey braven Schwestern, Demoiselles [FN] Döbrecht, sowohl was das Singen als das Agiren anlangt, sehr hervor. Ihr Bruder war ein guter Baßsänger, und führte die Aufsicht über <131> diese Singspiele. Nach Telemanns Abzuge von Leipzig setzte der damalige Musikdirektor an der neuen Kirche allda, Melchior Hofmann, ein sehr gefälliger und rührender Componist, viele Opern für die Leipziger Singbühne. Ueber dieses waren auch, außer der Opernzeit, die Collegia musica, unter Hofmanns und anderer braven Männer Direktion, in sehr guten Umständen. Es ist demnach kein Wunder, wenn die natürliche Neigung zur Musik, bey Heinichen, in Leipzig noch mehr verstärkt, und sein Geschmack in derselben sehr verbessert worden ist.

Als Heinichen schon einige Jahre in Weissenfels Advokat gewesen war, entstand zwischen den Opernvorstehern, und Melchior Hofmannen eine Mißhelligkeit. Und weil dieselbe nicht sogleich beygelegt werden konnte, so überredete Döbrecht unsern Heinichen, sich wieder nach Leipzig zu begeben, und die Verfertigung einiger Opern zu übernehmen. Es geschah, und zwar mit gutem Erfolg. Zu gleicher Zeit übernahm auch Heinichen die Anführung des einen Collegii musici, welches auf dem damaligen Lehmannischen Caffeehause am Markte gehalten wurde.

Er gab sich in diesen Opern Mühe, dem melodiereichen Geschmacke Hofmanns, und anderer seiner Vorgänger auf dem Leipziger Theater <132> nahe zu kommen. Denn ein solcher Geschmack scheint ihm, wenn man nach seinem etwas finstern und eigensinnigen Temperamente, und einigen seiner ganz alten Compositionen urtheilen will, nicht eben von Natur eigen gewesen zu seyn. Er setzte damals gern mit vielen obligaten und arbeitsamen Instrumentalstimmen; von welcher allzu arbeitsamen Setzart er aber, bey reiferm Alter, den bey mancher Gelegenheit sich äußernden allzu geringen Nutzen, selbst bekennet.

Unter diesen praktischen musikalischen Beschäftigungen, womit er aufs neue einige Zeit in Leipzig zubrachte, verfertigte er einen Tractat, unter dem Titel: Neu-erfundene und gründliche Anweisung zu vollkommener Erlernung des Generalbasses, wobey zugleich auch andere schöne Vortheile in der Musik an die Hand gegeben, und alles mit Exempeln, und hierzu mit Fleiß auserlesenen nützlichen Compositionsregeln erläutert wird. Dieser Tractat ist zu Hamburg im Verlage Benjamin Schillers 1711 gedruckt herausgekommen.

[2. Teil: Italien]

<132> Ohngefähr um das Jahr 1711 bot ein gewisser Rath Buchta aus Zeiß, welcher nach Welschland ging, unserm Händel (Heinichen) die freye Reise mit ihm nach Venedig an. Dieser ergriff eine so gute Gelegenheit mit Vergnügen, und hielt sich einige <133> Zeit zu Venedig auf. Seine musikalischen Verdienste blieben daselbst nicht unbekannt. Im Carneval des Jahres 1713 bekam er daselbst, auf dem Theater St. Angelo, zwo Opern in Musik zu setzen. Die eine hieß Calfurnia, und die andere le Passioni per troppo amore. Auf den andern venezianischen Singbühnen arbeiteten in diesem Carneval die drey berühmten welschen Tonmeister, Polarolo, Lotti und Gasparini. Alle drey waren viel zu rechtschaffene Männer, als daß sie, wiewohl sonst unter ungesitteten Componisten geschieht, diesen braven Fremdlinge, der sich überdieß nicht zu ihrem Glauben bekannte, heimtückische und hinterlistige Streiche, zur Verminderung seines sowohl verdienten Ruhmes, hätten spielen sollen. Desto boshafter aber verfuhr der Impressario oder Unternehmer des Theaters St. Angelo dadurch, daß er die eine dieser Opern, nach einer zweymaligen Aufführung, bey Seite legen, und eine andere, von einem einheimischen Componisten, auf die Bühne bringen wollte. Doch das Publikum rettete Heinichens Ehre, und verlangte, daß seine Oper noch weiter aufgeführt werden sollte; welches denn auch, und zwar so oft geschah, daß kaum irgend eine Oper in einem Carneval zu Venedig so vielmal ist aufgeführt worden.

<134> Der hierdurch heimlich erbitterte Opernunternehmer suchte darauf Heinichen, unter allerhand Vorwande, wegen der verabredeten Bezahlung von 200 venezianischen Dukaten für diese Oper, Schwierigkeiten zu machen, so daß es darüber zum Proceß kam. Heinichen hatte, zu seinem Glücke, mit dem Kellner oder Küfner im Gasthofe allo scudo di Francia, wo er sein Quartier genommen hatte, Freundschaft gemacht. Dieser Kellner hieß Kühnlein, und war ein Nürnberger von Geburt. Er erwies unserm Heinichen, während der Zeit seines Aufenthalts in Venedig, nicht nur viele thätige Beyhülfe, sondern schoß auch die Unkosten dieses Processes vor, und übernahm, denselben durchzusetzen. Heinichen begab sich unterdessen nach Rom.

Hier wollte es ihm nicht recht glücken. Die Gabe, sich in Gesellschaft vorzudrängen, und sich gleich mit jedem in Bekanntschaft einzulassen, hatte er entweder nicht, oder wollte sich nicht immer anwenden. Er lebte also in Rom sehr unbekannt und versteckt. Seinen meisten Umgang hatte er mit einem gewissen Abte, der für einen großen Nativitätsteller und Wahrsager gehalten wurde. Dieser sagte einsmals unserm Heinichen vorher, daß ihm, auf einen gewissen Tag, den er zugleich nannte, ein besonderes Glück bevorstehe. <135> Das konnte nun wohl von Seiten des Abts sehr natürlich, und ohne Hexerey zugehen. Da aber diesen ganzen Tag sich niemand bey Heinichen meldete, der ihm ein unvermuthetes Glück ankündigte, so ward er böse auf den Abt, zu dem er vorher doch einiges Zutrauen gehabt hatte, und ging des Abends voll Verdruß aus. Als er aber ganz spät wieder nach Hause kam, fand er an seine Stubenthüre angeschrieben, daß ihn jemand, an einem gewissen bestimmten Orte, zu sprechen verlangte. Er konnte nicht errathen, von wem diese Botschaft käme; doch begab er sich an den gemeldeten Ort, und erfuhr, daß ihn der damals durch Italien reisende Fürst Leopold von Anhalt-Köthen, zu seinem Componisten annehmen, und weiter auf der Reise mitnehmen wollte. Vielleicht hatte der Abt, entweder selbst, oder durch einen andern, Heinichen an den Fürsten empfohlen; und dann war es leicht, gegen ihn den Wahrsager zu spielen.

Dieser Fürst Leopold war ein großer Kenner und Beförderer der Musik; er spielte selbst die Violin nicht schlecht, und sang einen guten Baß. Er ist eben der, bey welchem nachher Johann Sebastian Bach einige Jahre als Kapellmeister in Diensten gestanden. Heinichen nahm dieses Anerbieten des Fürsten um soviel lieber an, da es ihm Gelegenheit verschafte, <136> die übrigen Provinzen Italiens zu durchreisen. Dem Anscheine nach ist er aber nicht lange in den Diensten dieses Herrn verblieben; denn er ging nicht mit ihm nach Deutschland zurück, sondern kam, nach einiger Zeit, wieder nach Venedig. Hier erfuhr er, daß sein oben erwähnter Proceß gewonnen, und der Opernunternehmer nicht allein zu Bezahlung des schuldigen Honorariums, sondern auch zu Ersetzung des Verzugsschadens und aller Unkosten verurtheilt worden war. Es soll sich dies alles zusammen auf 1600 venezianische Dukaten belaufen haben.

Bald hernach bekam Heinichen Gelegenheit, mit einer braven Sängerin, welche in dem venezianischen Hospitale agli Incurabili erzogen, jetzt aber an einen reichen Kaufmann verheyrathet war, und mit ihrem Vornahmen Angioletta hieß, bekannt zu werden. Diese fand an Heinichens Cantaten Geschmack, deren einige mit dem concertirenden Klaviere, welches sie selbst sehr gut spielte, gesetzt waren. Der Mann dieser Sängerin hatte an den damals in Venedig sich aufhaltenden königlichen Churprinzen, nachherigen König von Polen und Churfürsten von Sachsen, August II., die benöthigten Gelder auszuzahlen. Der Prinz kam bisweilen in sein Haus, und dabey hatte Signora Angioletta oft Gelegenheit vor ihm zu singen und zu spielen. Sie sang nicht nur etliche von Heinichens gedachten Cantaten, <137> welche dem Prinzen sehr gefielen, und machte dabey denselben bekannt, daß der Verfasser der Cantaten ein geborner Sachse sey: sondern ihr Mann gab auch dem Prinzen, an desselben Geburtstage, in seinem Hause ein großes Fest, wozu Heinichen in aller Stille eine Serenade hatte componiren müssen, welche an diesem Tage vor dem Hause, das am großen Canale, ohnweit der Brücke di Rialto lag, auf dem Wasser aufgeführt wurde. Das Volk versammelte sich bey dieser Aufführung in großer Menge auf der Brücke und längst des Canals. Als eben die erste Arie gesungen wurde, fingen die Uhren der Stadt an, zu schlagen. Das Volk, welches dadurch am Zuhören verhindert wurde, fing an seinen Unwillen darüber zu bezeigen, und erregte ein so lautes Geräusch, daß man von der Musik gar nichts mehr vernehmen konnte. Madame Angiolette ließ sogleich das Volk höflich bitten, daß es stille seyn, und weiter zuhören möchte. Alles ward wieder ruhig; man verlangte aber die erste Arie noch einmal zjú hören, bey deren Endigung sodann ein großes Beyfallgeschrey vom Volke erfolgte; wie denn die ganze Serenade mit nicht geringerm Beyfalle aufgenommen wurde. Auch dem Churprinzen gefiel diese Musik ungemein, so daß er Heinichen sogleich Dienste anbieten ließ, welche dieser annahm. Wahrscheinlich geschahe <138> dieß im Jahr 1717. Heinichen kam nun im Jahr 1718, unter dem Titel eines Churprinzlichen Kapellmeisters, nach Dresden.

[3. Teil: Dresden]

<138> Bey dem im folgenden Jahre erfolgten Beylager des Königl. Churprinzen, wurden unter andern zwo Serenaden von Heinichens Composition, durch die damals in Dresden befindliche auserlesene Gesellschaft italiänischer Sänger, aufgeführt. Daß sich darunter eine brave deutsche Sängerin, Madame Hesse, befand, ist oben schon gesagt worden. Im darauf folgenden jahre 1720 sollte noch eine von Heinichen ganz neu gesetzte Oper, von eben dieser Gesellschaft aufgeführt, den Schauplatz in Dresden zieren. Allein der Castrat Senesino nahm, bey einer Probe, Gelegenheit, mit dem Kapellmeister, über eine für den Berselli gesetzte Arie, Streit anzufangen, und sich öffentlich sehr unanständig gegen ihn zu betragen. Dieser Vorfall wurde an den König nach Fraustadt in Polen berichtet. Es war zwar schon, durch einige Vornehme des Hofes, zwischen Heinichen und Senesino Versöhnung gestiftet worden: aber der König fand für gut, alle italiänische Sänger zu verabschieden. Heinichen blieb indeß, als nunmehr königlicher Kapellmeister in Dresden; doch hatte er weiter keine Gelegenheit, theatralische Werke zu schreiben. Er arbeitete blos für die catholische Hofkapelle <139> geistliche Musiken, wozu er um so viel mehr Gelegenheit hatte, da sein College im Kapellmeisteramte, Johann Christoph Schmidt, der zwar den Contrapunct gründlich verstand, sonst aber ein sehr trockener und unfruchtbarer Kopf war, wenig oder gar nichts mehr componirte.

Heinichens Kirchenmusiken waren zwar nicht von dem größten Feuer; doch aber auch nicht matt. An gutem Gesange, an reiner und kräftiger Harmonie fehlte es ihnen keinesweges. In jedem Stücke von einiger Länge befand sich eine und die andere Fuge, welche fleißig gearbeitet, und doch dabey sehr klar und deutlich war. Heinichens Fugen halten just das rechte Mittel zwischen allzu vieler und allzu weniger Arbeit.

Er hatte die Gewohnheit, wenn er eine neue Misse, oder Psalm, in der Kirche aufgeführt hatte, die darüber gefällten Urtheile, die ihm zu Ohren kamen, auf den Umschlag zu schreiben. Pagen, Hofräthe, Kammerjunker u.s.w. standen mit ihren Urtheilen neben einander, die denn meistentheils auf eins, auf allgemeine Lobsprüche, hinaus liefen. Schwerlich kann Heinichen etwas Belehrendes darinne gefunden haben; man verwundert sich demnach mit Recht, daß er sich die Mühe nahm, so etwas aufzuschreiben.

Um diese Zeit arbeitete er auch seinen oben angeführten, im Jahr 1711 herausgekommenen <140> Tractat ganz um, und gab ihm den Titel: Der Generalbaß in der Composition. Es wurde, auf seine Kosten, in Dresden im Jahr 1728 gedruckt, und ist wenigstens dreymal stärker, als das erste Buch.

Bey so vielen gründlichen Kenntnissen in der Musik, die unser Heinichen besas, und die er in seinen praktischen Arbeiten so glücklich an den Tag gelegt hat, ist es zu bedauern, daß er nicht älter, als 46 Jahre geworden ist. Er starb den 16 Julius 1729 an der Schwindsucht; erlebte also die Ausführung der Anstalten nicht, welche sein König schon damals, zur Wiederherstellung der Opernbühne, dadurch machte, daß er in Italien vier junge Sänger und drey Sängerinnen unterrichten ließ. Für diese, in kurz darauf folgenden Zeiten, gleichsam von neuen geschaffene vortrefliche Singbühne zu arbeiten, war Heinichens Nachfolger, dem Herrn Johann Adolph Hasse [FN], vorbehalten.

Heinichen hatte sich im Jahr 1721, mit eines Kaufmanns Tochter aus Weissenfels verheyrathet; hat aber aus dieser Ehe nur eine einzige Tochter hinterlassen.

[4. Teil: Werk]

<141> Es ist schon oben etwas von Heinichens Composition und deren Beschaffenheit, so lange er in Leipzig war, gesagt worden. Daß er diese Denk- und Setzart in den folgenden Zeiten sehr geändert habe, ist aus der Durchsicht seiner hinterlassenen Werke, auch aus seinem eigenen Geständnisse offenbar. Die Setzart, deren er sich bey reifern Jahren bediente war durchgängig leichter und fließender als seine ersten Arbeiten. Seine Arien waren mehrentheils sehr kurz; aber von gefälliger und angenehmer Melodie. Hierzu mochten ihn nun wohl Melchior Hofmanns Opern die erste Veranlassung gegeben haben. Es kann seyn, daß er, in Vergleichung mit einigen andern Componisten, in melodischen Empfindungen überhaupt nicht der fruchtbarste Kopf gewesen ist. Desto genauer aber waren ihm alle erlaubten Mittel bekannt, deren sich ein Componist bedienen kann, um seine Erfindungskraft, auf eine geschickte Weise zu nähren und zu unterstützen. Er giebt einige davon, in der weitläuftigen Vorrede seines Generalbasses in der Composition, sehr umständlich an den Tag. Nur ist es zu bedauern, daß diese Anzeige nicht etwas bestimmter und ordentlicher ist, auch hier und da ihre Ausnahme leidet. Aber, wer hatte denn, in den damaligen Zeiten, wohl schon über die Musik bestimmt und ordentlich gedacht und <142> geschrieben? Es ist folglich unserm Heinichen, der ohnedem mehr zu thun hatte, als Lehrbücher zu schreiben, um soviel mehr zu gute zu halten, wenn auch die Anwendung seiner Erfindungsregeln, bey dem vielen Guten, das sie enthalten, nicht an allen Orten richtig und brauchbar ist; wenigstens von dem, der sich solcher Hülfsmittel zu bedienen nöthig hat, viel Unterscheidungskraft erfordert, damit nicht, bey einigen Gelegenheiten, über den neuen Erfindungen der eigentliche und wahre Ausdruck verloren gehe.

Heinichen verstand die Harmonie und ihre Gesetze vollkommen, und als ein Mann, der sich nicht blos mit den alten Regeln behilft, sondern der darüber vernünftig nachgedacht, und sich durch eigene beständige praktische Uebung Meister davon gemacht hat. Er verstand nicht weniger den Contrapunct mit allen seinen Künsten und Künsteleyen aus dem Grunde; er sahe aber auch den eingeschränkten Nutzen und die Gränzen dieser Notenkünsteleyen auf das richtigste ein. Nur scheint es, daß, wie er, seinem eigenen Geständnisse nach, den contrapunctischen Künsten, in seiner Jugend, zu viel Werth beygelegt, und zu viel Mühe darauf gewendet hatte; es scheint, sage ich, daß er nachher ihren Nutzen in seinem Buche, ein klein wenig mehr als billig ist, zu verringern, und ihre wesentlichen Vortheile herunter <143> zu setzen gesucht habe; denn, daß es Contrapuncte geben kann, die auch gut ins Gehör fallen, das beweisen seine eigenen Fugen. Doch es ist auch wieder wahr, daß sowohl vor, als noch zu seinen Zeiten, einige Componisten mehr aus den harmonischen Künsten machten, als sie verdienten: Heinichen wollte also vielleicht sich dem Mißbrauche derselben desto nachdrücklicher und eifriger entgegen stellen. Die Mittelstraße zu halten ist überall schwer. Man kann sich deswegen leicht vorstellen, daß einige große Componisten nicht sehr mit ihm zufrieden waren, weil er nicht nur in manchen Privatunterredungen, sondern auch in seinem vorhergenannten Buche, verschiedene hämische Züge gegen die contrapunctischen Künste, und einige Verfasser derselben hatte einfließen lassen. Schlimm war es, daß einige der großen Contrapunctisten der damaligen Zeit an musikalischer Erfindung reicher waren, als Heinichen selbst, und daß bey einem und dem andern alle Contrapuncte und Canons bey weitem nicht den wichtigsten Theil seiner musikalischen Verdienste ausmachten. Wiewohl auch wieder nicht zu läugnen ist, daß es damals noch andere gab, welchen es nicht möglich war, außer einer steifen Fuge, etwas Erträgliches vorzubringen.

Heinichen hatte sich noch auf seinem Todbette vorgenommen, wenn er wieder gesund <144> werden sollte, eine Misse, nach Art derer, die man von Pränestino, Gasparini, Lotti, und vornämlich von Fux hat, zu componiren, in welcher alle Arten der Contrapuncte und Canons vorkommen sollten. Diese Misse wollte er drucken lassen, und zugleich den Schlüssel zu allen contrapunctischen und canonischen Künsten, in einem besondern Buche, öffentlich bekannt machen. Es ist ein Verlust für die Musik, daß ihn der Tod an der Ausführung dieses Vorhabens gehindert hat.

Er kannte über dieses die Gesetze des wahren Kirchen- und Theaterstyls sehr genau. Nicht nur seine, obgleich jetzt sehr raren, praktischen Werke, sondern auch sein angeführtes Lehrbuch, beweisen es zu Gnüge.

Eben dieses sein Buch, ob es gleich noch nicht alle Lehren des Generalbasses enthält, einige auch nicht immer auf die beste Art anwendet, ist doch nicht allein das erste gedruckte Werk, welches so gründlich und ausführlich den Generalbaß abhandelt; sondern es hat auch so viele, theils zerstreute, theils hier und da, nach verschiedener Absicht des Verfassers, zusammen vorgetragene Lehren gewisser Theile der Composition in sich, daß man, vor demselben, kein Buch wird aufweisen können, welches soviel nützliche, und so ausgebreitete Lehren der Musik enthielte, und <145> zwar von einem Manne, der in allem, was er darinne abhandelt, selbst ein ausführender Meister war. Man sieht, daß darinne nicht der bloße Generalbaßlehrer, sondern der große Componist schreibt, dem bisweilen seine Materie zu klein scheint, so daß er jede Gelegenheit ergreift, in höhere Lehren der Musik auszuschweifen. Ueberall aber sieht man, daß er die gute Wirkung der Musik zu seinem Hauptzwecke gehabt habe. Daß er dieses nicht ordentlicher, sondern in unzusammenhängenden Theilen bewerkstelligt hat, muß man theils den damaligen Zeiten, welche an guten und zugleich in guter Ordnung abgefaßten musikalischen Schriften, noch nichts weniger als fruchtbar waren, theils dem Mangel der Muße bey dem Verfasser selbst zuschreiben. Dem Geschmacke der Zeit, in welcher Heinichen schrieb, muß man auch die abentheuerliche Vermischung verschiedener Sprachen durch einander beymeßen. Man glaubte damals recht schön geschrieben zu haben, wenn lateinische, französische, italiänische Worte, fast in allen Zeilen, sich zwischen die deutschen drängten.

Indessen hat sein Buch gewiß vielen Nutzen gestiftet, wenigstens in Deutschland; es verdienet auch jetzo noch gelesen zu werden. Außerdem haben Heinichens praktische Werke, <146> ohne Zweifel, einige vortrefliche Componisten neuerer Zeiten, die sich zum Theil in Dresden gebildet haben, aufgemuntert und belehrt; obgleich keiner eine förmliche Unterweisung von ihm bekommen hat.