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Hiller: Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten

Quanz (Johann Joachim)

Königl. Preußischer Kammermusikus und Hofcomponist.

<200> War am 30 Januar 1697 in Oberscheden, einem Hannöverischen, zwischen Göttingen und Minden gelegenen Dorfe geboren. Sein Vater, Andreas Quanz, Hufschmidt in besagtem Dorfe, ließ ihn, ehe er noch neun Jahre alt war, mit dem Hammer zum Ambos treten, weil er ihn zu seiner Profeßion bestimmte. Wenn Pythagoras nicht schon lange vorher das berühmte Experiment gemacht gehabt hätte, so würde es jetzt Quanz haben machen können, wenn er im neunten Jahre ein Pythagoras gewesen wäre.

Quanz hatte einen ältern Bruder, der in der Gegend umher, bey ländlichen Festen, die Beine der Bauern in tanzende Bewegung zu bringen, auf einer schlechten Geige zu streichen wußte. Dieser nahm seinen achtjährigen Bruder auf dergleichen kleinen Landreisen mit, um sich von ihm mit der deutschen Baßgeige begleiten zu lassen, ohne daß er eine Note kannte. Diese Musik, so schlecht sie war, gefiel dem kleinen Joachim so sehr, daß er nichts anderes, als ein Musikus werden wollte; ob ihn gleich sein Vater, der im acht und <201> vierzigsten Jahre seines Alters starb, noch auf dem Todbette ermahnte, bey dem ehrlichen Handwerke seiner Vorfahren zu bleiben.

Quanz, der, als er seinen Vater verlor, zehn Jahre alt war, hatte keine andere Freunde, auf deren Vorsorge und Beystand er rechnen konnte, als zween Brüder seines Vaters, von denen der eine ein Schneider, der andere aber Hof- und Stadtmusikus in Merseburg war; beide erboten sich, ihn zu sich zu nehmen, und ihre Profeßion zu lehren.

Die Neigung des jungen Quanz zur Musik überwog alle andere Betrachtungen. Er zog den Fidelbogen der Scheere und selbst dem Studiren vor, wozu ihm seines Vaters Schwester, die an einen Prediger zu Lautereck in der Pfalz verheyrathet war, behülflich seyn wollte, und begab sich in Merseburg bey seinem Onkel, den Stadtmusikanten, in die Lehre. Als dieser aber nach drey Monaten starb, blieb er bey dessen Nachfolger und nachherigem Schwiegersohne, Namens Fleischhack. Fünf und ein Vierteljahr stand er hier in der Lehre, und hielt sich hernach noch zwey und ein Vierteljahr als Geselle bey ihm auf.

Der Unterricht war hier so beschaffen, wie er meistentheils bey solchen zunftmäßigen Principalen zu seyn pflegt. Der Principal verläßt sich auf die Gesellen, und diesen fehlt es bald am <202> guten Willen, bald am Vermögen, so daß ein Scholar selten etwas vor sich bringt, wenn er nicht viel eigenes Naturell und Bemerkungsgeist hat. Fleischhack war nun wohl eben kein schlechter Musikus; er war ein guter Violinspieler in seiner Art: aber er liebte zu sehr die Bequemlichkeit, und die Gesellen ahmten ihn in diesem Stücke nach; so daß der eigene Fleiß bey Quanzen mehr thun mußte, als der Unterricht.

Das erste Instrument, das er hier lernen mußte, war die Violin, wozu er auch damals die meiste Lust hatte. Bald hernach ergriff er noch die Oboe und Trompete, gab sich auch, während seinen Lehrjahren, außer der Violin, am meisten mit diesen beiden Instrumenten ab. Da aber ein kunstgerechter Stadtpfeiffergeselle in Deutschland auf allen Instrumenten muß mitmachen können; so wurde er auch mit den andern, als Zinken, Posaunen, Waldhorn, Flöte a bec, deutscher Baßgeige, Violoncell, Viole de Gambe, und der Himmel weiß mit wie viel mehrern, nicht verschont. Bey dieser Menge von Instrumenten, die ein Lehrling der Kunstpfeiferey zu gleicher Zeit treiben muß, ist es ihm nicht möglich auf allen ein Meister zu werden. Der einzige Vortheil, den er davon hat, ist, daß er mit der Natur und Eigenschaft aller dieser Instrumente bekannt wird, und sich von ihrer rechten und <203> zweckmäßigen Anwendung diejenige Erkenntniß erwirbt, die jeder Componist haben sollte, und doch so vielen fehlt. Am klügsten ist derjenige, der sich auf ein oder das andere Instrument mit vorzüglichem Fleiße legt, und die andern nur nebenher berührt. So hat es Quanz, so haben es Fischer und Barth, beides berühmte Oboisten, gemacht.

Quanz that bey dem allen noch mehr, und was selten bey Erlernung der Stadtpfeifferkunst in Anschlag kommt: er nahm zu seinem Vergnügen, bey einem seiner Anverwandten, dem Organist Kiesewetter, auf dem Klaviere Unterricht, wodurch er den ersten Grund zur Kenntniß der Harmonie legte, und vielleicht die erste Lust zur Erlernung der Composition bekam. Wenigstens setzte er sich dadurch in den Stand, die Musikstücke, die ihm unter die Hände kamen, mit mehr Verstande anzusehen und sich zu Nutze zu machen. Zum Glück für ihn war sein Lehrherr, Fleischhack, keiner von den gewöhnlichen Stadtmusikanten, die sich mit den geerbten, trocknen, steifen und geschmacklosen Musikalien behelfen: sondern er wußte gute Stück zu wählen, und schafte die neuesten und besten Sachen an, die damals von Melchior Hofmann, Heinichen und Telemann heraus kamen; so daß Quanz gute Gelegenheit hatte, durch das Spielen und <204> Durchsehen dieser Compositionen, den Grund zum künftigen Componisten bey sich zu legen; wie er denn auch um diese Zeit es schon mit einigen Kleinigkeiten, als Bicinien für Trompeten, Märschen, Menuetten und andern Tänzen, versuchte.

Die Herzogliche Kapelle in Merseburg war damals noch nicht sehr zahlreich, daß also die Stadtmusikanten oft die Musiken bey Hofe und in der Kirche mußten verstärken helfen. Hier hatte nun Quanz Gelegenheit bisweilen fremde Sänger und Instrumentisten zu hören, die ihm ganz anders vorkamen, als was er bisher gehört hatte, und bey ihm eine große Begierde zum Reisen erweckten. Dresden und Berlin waren die Orte, wo er seinen Aufenthalt am eifrigsten wünschte, weil er da ganz andere Dinge zu hören hofte, als er bisher in Merseburg gehört hatte.

Quanz hatte immer die Violin, als sein Hauptinstrument, am fleißigsten geübt. Die Solos von Biber, Walter, Albicastro, hernach von Corelli und Telemann, waren seine Schule; es war ihm auch damit so gut gelungen, daß, als er im Jahr 1713 losgesprochen wurde, er einige davon zur Probe spielte.

Eine im Jahre 1714 eingefallene drey monatliche Trauer, wegen Absterben des Prinzen Friedrichs, Bruders des regierenden Herzogs, gab Quanzen Gelegenheit, an die Ausführung <205> seines Wunsches zu denken. Voll Vertrauen auf seine Geige und auf seine Füsse, machte er sich herzhaft auf den Weg, von einer Stadt zur andern, bis nach Dresden, wo er Condition suchte, aber nicht fand. Er sahe sich also genöthigt, seinen Stab weiter fortzusetzen, und ging über Bischofswerde nach Radeberg, wo dem damaligen Stadtmusikanten Knoll ein Geselle abging, dessen Platz er erhielt. Aber auch diese Stelle mußte er bald wieder aufgeben, weil das Städtchen vom Blitze angezündet wurde und gänzlich abbrannte. Es ist der Mühe werth, diesen merkwürdigen traurigen Vorfall mit Quanzens eigenen Worten erzählen zu hören: "Eins der erschrecklichsten Donnerwetter, die ich jemals gehört habe, welches gleich am ersten Bußtage, der nach Johannis einfiel, Abends gegen 8 Uhr entstand, steckte durch zween grausame Schläge, welche an drey verschiedenen Orten zündeten, in wenig Minuten, das ganze Städtchen in Brand, und verwandelte es in Zeit von vier Stunden, mit Kirche, Rathhaus, Schule, einem Priesterhause, und noch zwanzig Häusern in der Vorstadt, in einen Aschenhaufen. Das Feuer wüthete so heftig, daß, wer sich nicht bey Zeiten zur Stadt hinaus begeben hatte, endlich, weil es an allen Ecken brannte, nicht mehr aus den Thoren kommen konnte, sondern seine Zuflucht <206> auf den im vollen Feuer stehenden Markt nehmen mußte. Ich war einer von diesen. Die Kirche, welche ganz frey stand, wurde durch eine brennende Speckseite, die sich im Fliegen an dern Spitze des Thurms anhing, in Brand gebracht. Des folgenden Tages war weder Essen noch Trinken, noch nicht einmal Wasser zu bekommen. Zwanzig und etliche Brodte, nebst zwey Fässern Bier, die ein mitleidiger Förster vom Lande herein schickte, mußten diesen Tag, alle Einwohner, kümmerlich genug, sättigen. Der Oberpfarr des Orts, Richter, hatte an dem Tage, da das Unglück geschah, des Morgens eine scharfe Strafpredigt, in welcher er die Stadt mit Sodom und Gomorra verglich, mit diesen Worten beschlossen: "Ihr werdet es erfahren: Gott wird mit Donner drein schlagen. Amen." Diese Worte, und ein derber Schlag, den er dabey auf die Kanzel that, hatten schon, im Voraus, die Zuhörer, und unter denselben auch mich, mit Grausen erfüllt. Noch merkwürdiger schien dabey zu seyn, daß eben dieses Oberpfarrers Haus in diesem Brande unversehrt stehen blieb, ob es gleich eben sowohl als das andere Priesterhaus, und die Schule, welche mit abbrannten, der Gefahr der Flammen ausgesetzt war. Die einfältigsten unter den Bürgern hatten deswegen große Lust, <207> ihm die Schuld dieses Brandes zu geben, und hätten den ehrlichen alten Mann beynahe für einen Wettermacher und Hexenmeister erklärt."

Auf Zureden seines armen abgebrannten Principals ging nun unser Quanz nach Pirna, zu dem Stadtmusikus Schalle, dem ein Geselle krank geworden war. Um diese Zeit bekam er zuerst die Violinconcerte des Vivaldi zu sehen, welche so sehr seine Aufmerksamkeit erregten, und seinen eigenen Begriffen von der Vollkommenheit dieser Gattung entsprachen, daß er sie, besonders ihre prächtigen Ritornelle, nach der Zeit immer zu seinem Muster genommen hat.

Da indeß die Trauer in Merseburg zu Ende ging, so verließ Quanz Pirna wieder, nach einem zweymonatlichen Aufenthalte, und kehrte zu seinem vormaligen Lehrherrn zurück, dem er noch anderthalb Jahre als Geselle zu dienen versprochen hatte. Indeß war dieser kurze Besuch in Pirna doch das von der Vorsehung bestimmte Mittel, ihn in Dresden bekannt zu machen, und dadurch den Weg zu seinem künftigen Glücke zu bahnen. Denn wenn der Stadtmusikus Heine in Dresden mehr Hochzeiten mit Musik zu versehen hatte, als er mit seinen Leuten bestreiten konnte, welches damals öfterer geschehen mochte als jetzt, so pflegte er aus den benachbarten Städten die benöthigten Gehülfen zu verschreiben; bey welchen <208> Gelegenheiten dann Quanzen öfters die Reihe traf.

Im Jahre 1715 wurde er, als erster Violinist nach Börenburg berufen, ließ sich auch vor der fürstlichen Herrschaft, auf dem Lustschlosse Friedeburg hören; ein anderer fürstlicher Hof bot ihm, zu eben der Zeit, als Hoboisten Dienste an; auch wollte ihn der Herzog Moritz zu Merseburg, der große Kunstpfeiffer-Patron, als Trompeter aufdingen und lernen lassen: alles dieses aber verbat Quanz, und zog den Antrag des Stadtmusikus Heine in Dresden, der ihn als Gesellen in Condition verlangte, vor; weil er immer Dresden als den vortheilhaftesten Ort für seine Neigung betrachtete. Er wollte lieber als Stadtmusikantengeselle in Dresden sein Brodt mühsam verdienen, und dabey die Gelegenheit haben, gute Musik und Musiker zu hören, als in der Kapelle eines kleinen Hofes unter den Schlechten der Beste seyn.

Er kam also im Jahr 1716 zum zweytenmale nach Dresden. Hier lernte er nun einsehen, wieviel auf Geschmack und Vortrag ankomme, und daß zu einem Musiker mehr erfordert werde, als eine Menge Noten vom Blatte zu spielen, ohne dabey etwas zu denken und zu empfinden.

Das damalige Königliche Kapellorchester war schon ziemlich im Flore. Indessen war die Art des Vortrags, die der Concertmeister Volümier <209> eingeführt hatte, ganz französisch. Pisendel, der ihm in seiner Stelle folgte, führte eine andere ein, welche aus der französichen und italiänischen vermischt war, und die er mit der Zeit zu einer solchen Vollkommenheit brachte, daß Quanz gestand, er habe auf allen seinen Reisen kein besser Orchester angetroffen.

Keine Kapelle in Europa konnte so viele große Virtuosen aufweisen, als damals die Königl. Polnische und Churfürstl. Sächsische zu Dresden. Es befanden sich darunter: Pisendel und Veracini auf der Violin; Pantaleon Hebenstreit, auf seinem neuen, nach ihm benamten Instrumente; Weiß, auf der Laute; Richter, auf der Oboe, und Büffardin auf der Flöte; mancher andern vortreflichen Violoncellisten, Bassonisten, Waldhornisten u.s.w. nicht zu gedenken.

Das Anhören dieser berühmten Virtuosen setzte Quanzen nicht allein in große Verwunderung, sondern erregte auch einen gewaltigen Trieb in ihm, ihrer Vortreflichkeit nachzustreben, und nicht eher nachzulassen, als bis er sich eines Platzes unter ihnen würdig gemacht hätte. Er hielt indeß noch zwey Jahre bey seiner Kunstpfeiferprofeßion aus, welche ihm auch so sehr nicht mißfiel: nur war ihm das gedankenlose Tanzspielen beschwerlich, weil es nicht möglich ist, dabey <210> seinen Geschmack zu bilden, und sich zu einer feinern Ausführung zu gewöhnen.

Im Jahre 1717 starb die Mutter des Königs August II. und eine Landtrauer, die der Musik ein Stillschweigen von drey Monaten auflegte, nöthigte unsern Quanz abermals den Wanderstab zu ergreiffen, und durch Schlesien, Mähren und Oesterreich, von einem Orte zum andern, auf die Kunst, bis nach Wien zu reisen. Im October eben dieses Jahres kam er über Prag wieder nach Dresden zurück, ohnen einen andern Nutzen von dieser Reise gehabt zu haben, als daß er die Geographie praktisch studirt hatte.

Bald nach seiner Zurückkunft fiel das Jubelfest der durch D. Luthern bewirkten Reformation ein, und Quanz bekam in der Kirche etwas Concertirendes auf der Trompete zu blasen, welches von ohngefähr der Kapellmeister Schmidt mit anhörte, und dadurch bewogen ward, ihm das Anerbieten zu thun: er wolle es beym Könige dahin bringen, daß er ihn, nach Trompetergebrauche ordentlich auslernen ließe, damit er hernach in Königliche Dienste, als Hoftrompeter, aufgenommen werden könnte. Quanz aber, so herzlich gern er auch eine Stelle bey der Hofmusik gehabt hätte, lehnte doch dieses Anerbieten von sich ab, weil er wohl wußte, daß der gute Geschmack in der Musik, nach dem er strebte, auf diesem Instrumente nicht zu erwerben wäre.

<211> Im Jahre 1718 wurde die sogenannte polnische Kapelle errichtet, welche dem Könige immer auf seinen Reisen nach Polen folgen mußte. Sie sollte aus zwölf Personen bestehen; eilf waren schon angenommen, und es fehlte nur noch ein Hoboist. Quanz wurde dazu vorgeschlagen, und nachdem er seine Probe geblasen hatte, war er so glücklich, von dem Director derselben, dem Baron von Seyfertitz, angenommen zu werden. Der jährliche Gehalt war 150 Rthlr. und frey Quartier in Polen. Er machte auch schon dies Jahr die Reise nach Polen mit, und kam im folgenden Frühjahr wieder nach Dresden zurück.

Hier fing sich nun eine neue Periode, sowohl in seiner bisherigen Lebensart, als auch in seinen Kunstübungen an. Die Violin, welche bisher sein Hauptinstrument gewesen war, sollte nun mit der Hoboe vertauscht werden. Auf beiden Instrumenten aber wurde er durch seine Cameraden, die länger in Diensten waren, gehindert, sich hervor zu thun, welches ihm doch sehr am Herzen lag. Der Verdruß darüber veranlaßte ihn, die Queerflöte, worauf er sich bisher schon einigermaßen geübt hatte, mit Ernst zur Hand zu nehmen, weil er auf diesem Instrumente, bey der Gesellschaft, unter der er war, keinen großen Gegner zu fürchten hatte: denn der bisherige Flötenist Friese, dessen vornehmste Leidenschaft eben nicht <212> die Musik war, trat ihm freiwillig den ersten Platz bey der Flöte ab. Um seine Absicht sicherer zu erreichen, nahm er um diese Zeit in Dresden bey dem berühmten Büffardin Lection; von dem er aber eigentlich nur mechanische Fertigkeit und Geschwindigkeit in Passagien lernte, worinne die vorzügliche Geschicklichkeit seines Meisters bestand. Diese Lectionen setzte er auch nicht länger, als vier Monate fort.

Damals waren Stücke, die ausdrücklich für die Flöte gesetzt waren, noch ziemlich rar; die Flötenspieler halfen sich also so gut sie konnten, und suchten Hoboen und Violinsachen für ihr Instrument einzurichten. Quanz ward dadurch veranlaßt, sich mit Ernst aufs Componiren zu legen, und für sich selbst eigene Flötenstücke aufzusetzen. Er hatte bis dahin noch so wenig Unterricht in dieser Wissenschaft gehabt, daß er seine ersten Arbeiten von andern mußte durchsehen und verbessern lassen. Der Kapellmeister Schmidt hatte ihm versprochen, ihn die Composition zu lehren; schob aber die Erfüllung seines Versprechens von einer Zeit zur andern auf. Den andern Kapellmeister Heinichen wollte Quanz nicht gern darum ansprechen, um jenen nicht zu beleidigen, da er wohl wußte, daß sie nicht die besten Freunde mit einander waren. In Ermangelung eines mündlichen Unterrichts studirte er fleißig für sich <213> in den Partituren großer Meister, und bemühte sich, ihre Art in Zusammensetzung der Stimmen sich zu eigen zu machen.

Er hatte um diese Zeit das Glück mit dem eben so gutherzigen Manne als großen Musiker, dem Concertmeister Pisendel, bekannt zu werden. Von diesem lernte er ein Adagio gut vortragen, und alles das kennen, worauf es bey Ausführung einer Musik hauptsächlich ankommt. Dinge, die damals in Dresden keiner besser wußte, als Pisendel. Auch in der Composition machte er ihm manche gute und nützliche Anmerkung; und wenn man in den Quanzischen Compositionen weder ganz den italiänischen, noch ganz den französischen sondern einen vermischten Geschmack antrift, so rührt das hauptsächlich von dem Umstande her, daß er sich ganz nach Pisendeln bildete.

Bey der Vermählungsfeyer des Churprinzen, im Jahre 1719, wurden in Dresden verschiedene italiänische Opern aufgeführt. Man hatte dazu den berühmten venezianischen Kapellmeister Lotti, mit den größten Sängern und Sängerinnen berufen. Dieses waren die ersten Opern, die Quanz hörte, und sie brachten ihm eine sehr vortheilhafte Idee von dem ächten und wahren italiänischen Geschmacke bey, wovon man sich jetzt in Italien immer mehr und mehr entfernt.

<214> Die vornehmsten Sänger in diesen Opern waren: Senesino Verselli, die Santa Stella, welche mit dem Kapellmeister Lotti verheyrathet war, die Tasi, die Durastanti, und Madame Hesse, eine Deutsche. Es ist dieser Sänger und Sängerinnen schon an einem andern Orte dieser Lebensbeschreibungen gedacht worden. Quanz charakterisirt, in dem von sich aufgesetzten Lebenslaufe, ihre Verdienste so richtig, und er ist so sehr der Man, der davon urtheilen kann, daß die Uebergehung seines Urtheils dem Interesse schaden würde, das er so weislich seiner Lebensbeschreibung zu geben gewußt hat.

Francesco Bernardi, genannt Senesino, hatte eine durchdringende, helle, egale und angenehme tiefe Sopranstimme (mezzo Soprano), eine reine Intonation und schönen Trillo: In der Höhe überstieg er selten das zweygestrichene f. Seine Art zu singen war meisterhaft, und sein Vortrag vollständig. Das Adagio überhäufte er nicht zu viel mit willkührlichen Auszierungen; dagegen brachte er die wesentlichen Manieren mit der größten Feinheit heraus. Das Allegro sang er mit vielem Feuer, und wußte die laufenden Passagien mit der Brust, in einer ziemlichen Geschwindigkeit, auf eine angenehme Art heraus zu stoßen. Seine Gestalt war für das Theater sehr vortheilhaft, und die Action natürlich. Die Rolle <215> eines Helden kleidete ihn besser, als die Rolle eines Liebhabers.

Matteo Berselli hatte eine angenehme, doch etwas dünne hohe Sopranstimme, deren Umfang sich vom eingestrichenen c bis ins dreygestrichene f mit der größten Leichtigkeit erstreckte. Hierdurch setzte er die Zuhörer mehr in Verwunderung, als durch die Kunst des Singens. Im Adagio zeigte er wenig Affekt, und im Allegro ließ er sich nicht viel auf Passagien ein. Seine Gestalt war nicht widrig; seine Action aber auch nicht feurig.

Santa Stella Lotti hatte eine völlige, starke Sopranstimme, gute Intonation und guten Trillo. Die hohen Töne machten ihr einige Mühe. Das Adagio war ihre Stärke. Das sogenannte Tempo rubato hörte Quanz von ihr zum erstenmale. Sie machte auf der Schaubühne eine sehr gute Figur, und ihre Action war, besonders in erhabenen Charakteren, unverbesserlich.

Vittoria Tesi hatte von Natur eine männliche starke Contraltstimme. In den Opern zu Dresden sang sie mehrentheils solche Arien, als man für Bassisten zu setzen pflegt. Nach der Zeit aber hat sie, außer dem Prächtigen und Ernsthaften, auch eine angenehme Schmeicheley im Singen angenommen. Der Umfang ihrer Stimme <216> war außerordentlich weitläuftig. Viele Passagien waren eben nicht ihr Werk. Durch die Action aber die Zuschauer einzunehmen, dazu schien sie geboren zu seyn; vorzüglich in Mannsrollen, als welche sie, zu ihrem Vortheile, fast am natürlichsten ausführte.

Der Geist der Zwietracht trennte diese Virtuosengesellschaft bald wieder, und machte damit auch den Opern in Dresden auf ein Paar Jahre ein Ende. Heinichen componirte, nach dem Beylager, noch eine Oper, welche nach der Zurückkunft des Königs aus Polen aufgeführt werden sollte. Bey der Probe, die auf dem königlichen Schlosse, in Gegenwart des Direktors, Baron von Mortax, gehalten wurde, zankten Senesino und Berselli sich mit dem Kapellmeister Heinichen über eine Arie, wo sie ihm, einem Manne von Gelehrsamkeit, der sieben Jahre sich in Italien aufgehalten hatte, Schuld gaben, daß er den Ausdruck der Worte verfehlt hätte. Senesino, der mit seinen Gedanken schon den engländischen Guineen entgegen geflogen war, zerriß die Rolle des Berselli, und warf sie dem Kapellmeister vor die Füße. Dieser Vorfall wurde an den König nach Polen berichtet, und es kam der Befehl zurück, daß alle wälschen Sänger abgedankt seyn sollten.

<217> Bis zum Jahre 1723 kommt in Quanzens Leben eben nichts merkwürdiges vor, als daß er Reisen nach Polen und wieder zurück machte; eine Zulage zu seinem Gehalte bekam, und auf königliche Kosten nach Italien geschickt werden sollte, welches aber sein Gönner, der Baron von Seyfertitz, aus guten Gründen, hintertrieb.

Im Jahre 1723 aber that er, mit dem Lautenisten Weiß, und dem nachherigen Kapellmeister Graun, eine Reise nach Prag. Der Kaiser Carl VI. hatte, um diese Zeit, zu seiner Krönung zum Könige in Böhmen, die berühmtesten Virtuosen aus Europa nach Prag verschreiben lassen. Die Geschichte hat keine so glänzende Begebenheit für die Musik auszuweisen, als diese Feyerlichkeit, noch ein ähnliches Beyspiel, da so viele große Meister irgend einer Kunst, auf einmal, an Einem Orte versammelt gewesen.

Es wurde bey dieser Gelegenheit eine Oper unter freyem Himmel aufgeführt, in welcher auf hundert Personen sangen, und zweyhundert die Instrumente dazu spielten. Um diese Oper öfterer und mit mehr Bequemlichkeit, auch in den Proben mit anzuhören, ließen unsere Reisende sich zum Orchester anwerben; Weiß spielte die Theorbe, Graun den Violoncell, und Quanz die Hoboe, als Ripienisten mit.

<218> Diese Oper, die von dem alten berühmten Kaiserlichen Oberkapellmeister Fux componirt war, hieß: La Constanza e la Fortezza. Die Composition war mehr im Kirchen- als Theaterstyl; aber voller Pracht und Würde. Die meistentheils gebundene Schreibart, und das Concertiren der Violinen gegen einander, welches besonders in den Ritornellen häufig vorkam, ob es gleich größtentheils aus Sätzen bestand, die auf dem Papiere steif und trocken genug aussehen mochten, that dennoch hier, im Ganzen, bey so starker Besetzung, und in freyer Luft, einer sehr gute, ja weit bessere Wirkung, als ein galanterer, mit vielen kleinen Figuren und geschwinden Noten gezierter Gesang, in diesem Falle gethan haben würde.

Die Chöre, die mit Schülern und Kirchensängern aus der Stadt besetzt waren, dienten, nach Französischer Art, zugleich zu Balletten. Wegen der Menge der Spieler im Orchester war es nöthig, daß der Tact geschlagen ward, welches der Kapellmeister Caldara that, weil Fux durch das Podagra daran gehindert wurde. Der Kaiser hatte ihn indeß in einer Sänfte von Wien nach Prag tragen lassen, und er hatte das Vergnügen und die Ehre, seine Musik, nicht weit vom Kaiser sitzend, anzuhören.

<219> Unter den Hauptsängern dieser Oper war fast kein einziger nur mittelmäßig. Die Mannsrollen waren besetzt mit Orsini, Domenico, Carestini, Gassati, Borosini und Braun, einem angenehmen deutschen Baßsänger. Die Sängerinnen waren die beiden Schwestern Ambreville, wovon hernach die eine an den Violoncellisten Peroni, und die andere an den Sänger Borosini verheyrathet worden. Alle diese Sänger stunden in wirklichen kaiserlichen Diensten.

Gaetano Orsini war einer der größten Sänger, die jemals gelebt haben. Er hatte eine schöne, egale und rührende Contraltstimme, von einem nicht geringen Umfange; eine reine Intonation, schönen Trillo, und ungemein reizenden Vortrag. Im Allegro artikulirte er die Passagien, besonders die Triolen, mit der Brust sehr schön, und im Adagio wußte er, auf eine meisterhafte Art, das Schmeichelnde und Rührende so anzuwenden, daß er sich dadurch der Herzen seiner Zuhörer im höchsten Grade bemeisterte. Seine Action war leidlich, und seine Figur hatte nichts Widriges. Er ist lange Zeit in kaiserlichen Diensten gewesen, und hat, bis in ein hohes Alter, seine Stimme gut erhalten. Er starb zu Wien ums Jahr 1750.

Domenico hatte eine der schönsten Sopranstimmen, die man hören konnte. Sie war voll, <220> durchdringend und rein in der Intonation. Im übrigen aber sang und agirte er eben nicht mit sonderlicher Lebhaftigkeit.

Giovanni Carestini hatte eine starke und volle Sopranstimme, die sich nach der Zeit in einen der schönsten, stärksten und tiefsten Contralt verwandelte. Er hatte eine große Fertigkeit in Passagien, die er, der guten Schule des Bernachi gemäß, so wie Farinello, mit der Brust stieß. In willkührlichen Veränderungen unternahm er viel, meistentheils mit gutem Erfolg, doch auch zuweilen bis zur Ausschweifung. Seine Action war sehr gut, und so, wie sein Singen, feurig. Nach der Zeit hat er im Adagio noch sehr zugenommen. Er ist über dreißig Jahre, mit vielem Ruhme, auf der Opernbühne geblieben. Im Jahr 1735 war er in England; im Jahr 1746 kam er nach Dresden, und sang in den Opern Leucippo, Archidamia und Demofoonte. Er ging hierauf im Jahr 1750 nach Berlin, wo er bis 1755 in Diensten blieb, und sich alsdann nach Italien in Ruhe begab, aber bald darauf starb.

Pietro Gassati war mehr ein großer Acteur, als Sänger. Borosini hatte eine helle und biegsame Tenorstimme. Braun sang mit so viel Geschmack und Ausdrucke, daß, seiner tiefen Stimme ungeachtet, er selbst <221> Adagioarien auf eine angenehme und rührende Art vortrug.

Bey dieser Gelegenheit lernte Quanz auch den berühmten Violinisten und Stifter einer eigenen Schule, Tartini, der damals bey dem Grafen von Kinsky, zu Prag, in Diensten stand, kennen. Er fand damals schon viel Fertigkeit der Finger und des Bogens bey ihm. Doppeltriller und Doppelgriffe machten ihm so wenig Mühe, als das Spielen in der äußersten Höhe. Sein Vortrag soll übrigens nicht rührend, und sein Geschmack nicht edel genug gewesen seyn.

Es ist das Schicksal manches Musikers, daß sein Leben einer beständigen Reise ähnlich sieht. Quanz befand sich um diese Zeit in solchen Umständen. Kaum war er von Prag nach Dresden zurück gekommen, als der Bischoff von Würzburg ihn auf der Flöte zu hören verlangte. Quanz hätte, auf vortheilhafte Bedingungen, bey ihm in Diensten bleiben können, wenn ihn nicht noch vortheilhaftere Aussichten bewogen hätten, lieber wieder nach Dresden zurück zu gehen.

Nach einer unterdeß nach Polen wiederholten Reise, fand sich im Jahr 1724 eine bequeme Gelegenheit, daß Quanz nun auch Italien sehen konnte. Der Graf von Lagnasco wurde als <222> polnischer Bevollmächtigter an den römischen Hof geschickt, und dieser erbot sich, ihn frey mitzunehmen, auch in Rom mit Tisch und Logis zu versorgen. Quanz erhielt die königliche Einwilligung dazu, verließ Dresden im May 1724, und kam in der Mitte des Julius in Rom an.

Um Musik zu hören, ließ er in allen Kirchen und Klöstern herum, wo nur was zu hören war. Dieses Herumlaufen in der größten Hitze des Sommers, und eine unvorsichtige Abkühlung, zogen ihm ein heftiges Fieber zu, von dem er aber doch bald wieder hergestellt wurde.

Das Neuste und Merkwürdigste was Quanz bisher in Rom gehört hatte, war der so genannte lombardische [FN] Geschmack, welchen Vivaldi, kurz vorher, durch eine seiner Opern, dahin gebracht, und die Einwohner dergestalt dadurch eingenommen hatte, daß sie fast nichts hören mochten, was diesem Geschmacke nicht ähnlich war.

Während seines Aufenthalts zu Rom nahm er auch, sechs Monate lang, von dem berühmten Francesco Gasparini Unterricht im Contrapuncte. Dieser gründliche Componist war damals schon zwey und siebzig Jahre alt, und <223> Quanz rühmt ihn seiner Rechtschaffenheit wegen eben so sehr, als wegen seiner Wissenschaft. Er hat auf fünf und zwanzig Opern für das Theater zu Venedig geschrieben. Unter seinen gelehrten Compositionen befindet sich eine vierstimmige Misse, die aus lauter Canons besteht, und die, so wie seine Cantaten, sehr hoch geschätzt wurde. Es wird ihm auch insgemein die Erfindung des mit Instrumenten begleiteten Recitativs zugeschrieben.

Nach dieser Uebung in der Augenmusik fing nun Quanz an für das Ohr zu arbeiten, und componirte Solos, Duette, Trios und Concerte. Wenn er auch bey diesen Musikstücken nicht von allen steifen Künsteleyen des Contrapuncts Gebrauch machen konnte, so hatte er, durch diese Schularbeit, doch einen Vortheil im Satze überhaupt erlangt, der ihm bey Verfertigung eines Trio und Quatuor sehr zu statten kam.

Im Jahr 1725 ging er nach Neapel, woselbst er seinen Landsmann Hasse antraf, der damals unter Alessandro Scarlatti studirte. Quanz ersuchte Herrn Hasse, daß er ihn mit seinem Meister, dem alten Scarlatti bekannt machen möchte, wozu er sich auch sogleich willig finden ließ; Scarlatti aber gab ihm zur Antwort: "Mein Sohn, Sie wissen, daß ich die blasenden Instrumentisten nicht leiden kann; <224> denn sie blasen alle falsch." Dem ohngeachtet ließ Hasse nicht ab, dem Alten so lange anzuliegen, bis er die gesuchte Erlaubniß erhielt.

In der Oper zu Neapel und in verschiedenen Privatconcerten hörte Quanz, den sich seinen Vollkommenheiten immer mehr nähernden Farinello, die nachher in England berühmter gewordene Strada, die schon oben genannte Tesi, und den großen Violoncellisten Francischello, welcher nachher in kaiserliche Dienste getreten ist. Er kehrte darauf, noch in eben dem Jahre gegen Ostern, nach Rom zurück, um in der päbstlichen Kapelle am Charfreytage das berühmte Miserere des Allegri zu hören.

Quanz beurlaubte sich nun bey dem Grafen von Lagnasco, und fing an auf eigene Kosten zu reisen. Florenz, Livorno, Bologna, Ferrara, Padua waren die Städte, die er nach einander besuchte, wo er Ernsthaftes und Komisches, Gutes und Schlechtes durch einander hörte, bis er im Februar 1726 nach Venedig kam, als die beiden Opern, Siface von Porpora, und Siroe von Vinci, um den Vorzug stritten. Die letzte fand den meisten Beyfall. Der Cavalier Nicolini, ein Contralt, die Romanina, eine tiefe Sopranstimme, und der berühmte Tenorist Paita machten den Schimmer des Schauspiels.

<225> In Venedig erhielt Quanz von seinem Könige die Erlaubniß, noch nach Paris zu reisen; und dies hieß, in Ansehung der Musik, von einem äußersten Ende an das andere, aus der Mannichfaltigkeit ins Einförmige versetzt werden. Er fand auch, ob ihm gleich der französische Geschmack nicht unbekannt, und ihre Spielart nicht zuwider war, doch nichts als aufgewärmte und abgenutzte Gedanken bey den Componisten, ein übertriebenes Geschrey und affectirtes Geheul bey den Sängern und Sängerinnen. Doch fehlte es nicht an guten und geschickten Leuten auf verschiedenen Instrumenten. Guignon und Battiste waren als Violinisten, so wie Blavet, Lucas und Naudot als Flötenisten berühmt.

In eben dem Jahre 1726 kam Quanz zuerst auf den Einfall, noch eine zweyte Klappe an der Flöte anzubringen, um den Unterschied, der sich zwischen Dis und Es findet, auch auf die Flöte anwendbar zu machen, und beide Töne in ihrer erforderlichen Reinigkeit hören zu lassen.

Im Jahre 1727 ging er nach London, woselbst er die Oper, unter Händels Direktion, in einem sehr blühenden Zustande fand. Außer den berühmten Sängern, dem Senesino, der Cuzzoni und der Faustina, fand er unter den musikalischen Ausländern auch einen Landsmann und <226> Collegen in dem Flötenisten Wiedemann. Man hatte ihn gern in England behalten; selbst Händel war dafür; aber Quanz glaubte, seinem Könige so viel schuldig zu seyn, daß er sich auf keine Weise von der Verbindlichkeit zurück zu kehren losmachen könnte. Er reiste also den 1 Junius 1727 wieder aus England ab, und war den 23 Julius wieder in Dresden.

Quanz stellte nun über alles, was er auf seiner Reise Gutes und Schlechtes in der Musik gehört hatte, Betrachtungen an. Er fand einen ziemlichen Vorrath gesammalter Ideen; sahe aber auch ein, daß er sie erst in Ordnung bringen müßte. Er hatte zwar an jedem Orte, wo er sich aufgehalten hatte, etwas zur Nachahmung des daselbst herrschenden Geschmacks gesetzt; er kannte aber auch den Vorzug, den ein Original immer vor einer Copie voraus hat. Er fing also an, seine vornehmste Bemühung dahin zu richten, daß er sich einen eigenthümlichen Geschmack bilden möchte. Dazu aber wurde Nachsinnen, Ueberlegung und Zeit erfordert: so daß er zu dem, was er vorher in einer Stunde fertig gemacht hatte, sich jetzt einen ganzen Tage Zeit nahm. Bey diesen Arbeiten mit mehr Ueberlegung kam ihm der beständige Umgang mit seinem Freunde, dem Concertmeister Pisendel, sehr zu statten.

<227> Bis hierher war Quanz Hoboist und Flötenist in der Polnischen Kapelle gewesen, und seine Besoldung hatte in mehr nicht, als 216 Thaler, bestanden. Es war aber, während seiner Reise, sein Platz mit einem andern besetzt worden, und er sollte nun in die Sächsische Hof-Kapelle einrücken. Dies geschah auch im Jahre 1728, nach Absterben eines Violinisten, dessen Besoldung von 250 Thalern Quanz als eine Zulage zu seinem vorigen Gehalte bekam. Von dieser Zeit an legte er die Hoboe gänzlich bey Seite, weil er damit dem Ansatze auf der Flöte schadete, und blieb ganz allein bey diesem letzten Instrumente.

In eben dem Jahre reiste er, im Gefolge des Königs, mit dem Baron von Seyfertitz nach Berlin, woselbst er, auf Verlangen der Köngin von Preussen, einige Monate verbleiben mußte. Nachdem er sich einigemal vor der Königin hatte hören lassen, wurden ihm ihre Dienste, mit 800 Thalern Gehalt, angetragen. Er hätte beides gern angenommen; der König, sein Herr, aber wollte nicht darin willigen. Indeß bekam er doch die Erlaubniß, so oft nach Berlin zu gehen, als er verlangt werden möchte. Es geschah von nun an auch alle Jahre zweymal, daß Quanz entweder nach Berlin, Ruppin oder Reinsberg kommen mußte, weil der damalige <228> Kronprinz von Preussen sich entschlossen hatte, die Flöte spielen zu lernen, und Quanz ihn unterrichten sollte. Er hatte noch einen Durchlauchten Scholaren an dem Markgrafen von Bayreuth, zu welchem er auch bisweilen eine Reise machen mußte.

Als im Jahre 1733 August III, nach seines Vaters Tode, zur Regierung gelangte, wollte er Quanzen ebenfalls nicht von sich lassen, sondern erhöhte lieber seinen Gehalt bis auf 800 Thaler, und bestätigte dabey die oben gemeldete Erlaubniß, so oft, als es erforderlich wäre, nach Berlin zu reisen.

Im Jahre 1734 gab er seine ersten sechs Sonaten auf Flöte und Baß, in Kupfer gestochen heraus. Sechs andere, die vorher schon in Holland unter seinem Namen ans Licht gekommen waren, hat er nie für seine Arbeit erkennen wollen.

Im Jahre 1739 fing er an selbst Flöten zu drechseln und abzustimmen; die ihm alle sehr gut sind bezahlt worden.

Gegen das Ende des Jahrs 1741 wurden ihm vom Könige in Preussen abermals Dienste, unter sehr vortheilhaften Bedingungen, angeboten. Zweytausend Thaler Besoldung auf Lebenszeit; außerdem eine besondere Belohnung für seine Compositionen; hundert Ducaten für jede Flöte, die er liefern würde; die Freyheit, nicht im <229> Orchester, sondern nur bey der königlichen Kammermusik zu spielen, und von Niemandes als des Königs Befehl abzuhangen, verdienten wohl einen Dienst endlich aufzuheben, wo er solche Vortheile niemals hoffen konnte. Der König von Polen war auch so gnädig, daß er ihn an seinem bessern Glücke nicht hindern wollte.

Im Jahre 1752 ließ er den bekannten Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen, drucken; ein Werk, das weit mehr enthält, als der Titel sagt. Die größere Hälfte des Buchs betrift mehr die Musik im Ganzen genommen, als das Flötenspielen, und ist voll richtiger und nützlicher Anmerkungen über den guten Geschmack in der practischen Musik überhaupt. Quanz zeigt sich darin als einen Mann von tiefen Einsichten, gründlichen Kenntnissen und einer vieljährigen Erfahrung.

In eben dem Jahre erfand er auch, bey einer gewissen Gelegenheit den, Aus- und Einschiebekopf an der Flöte, vermittelst dessen man dieselbe, ohne Verwechselung der Mittelstücke, um einen halben Ton höher oder tiefer machen kann, ohne der reinen Stimmung Eintrag zu thun.

Quanz hat für sein Instrument sehr viel componirt. Die Zahl der Concerte beläuft sich allein auf dreyhundert, und diese sind alle für den König von Preussen gemacht, weil Se. Majestät <230> keine andere Concerte spielen mochten. Daß bey einer so großen Anzahl von Concerten nicht viel Wiederholtes, nicht viel Bekanntes in den Passagien vorkommen sollte, läßt sich nicht leicht widersprechen; indeß sind sie doch alle nach einem sehr guten Plane, mit prächtigen Ritornellen, wohlgewählten Begleitungen und kräftigen Harmonien gearbeitet. Die wenigsten davon sind bekannt geworden, und die es geworden sind, gehören zu den ersten und ältesten.

Bey der Kammermusik hatte Quanz die meiste Zeit weiter nichts zu thun, als bey dem Anfange eines jeden Satzes, wenn der König ein Concert blies, mit einer kleinen Bewegung der Hand den Tact anzugeben; auch bediente er sich, als Lehrer des Monarchen, des Privilegiums, zuweilen, am Ende der Solosätze und Cadenzen, Bravo zu rufen.

Den letzten Winter des für Sachsen so unglücklichen siebenjährigen Krieges brachte er, nebst einigen andern Collegen aus der Königl. Preußischen Kapelle, in Leipzig zu, wo der König die Winterquartiere hielt. Die Erinnerung an die vorigen Zeiten, wo ein unter der Last des Krieges jetzt zu Boden gedrücktes Land ihn in seinem Schooße aufgenommen, genährt und erzogen hatte, konnte doch wohl keine andern Empfindungen bey ihm rege machen, als aufrichtiges und herzliches Bedauern?

<231> Uebrigens brachte er den Rest seiner Tage in dem besten Wohlstande und in aller Beequemlichkeit zu, bis er den 12. Juli 1773 zu Potsdam von dieser Welt Abschied nahm. Der König hat ihm die Ehre erwiesen, ein Denkmal auf seinem Grabe errichten zu lassen.

Seit dem Jahre 1737 war er verheyrathet gewesen, hat aber keine Kinder hinterlassen.

Er war ein ziemlich großer und starker Mann; doch nicht so, daß der Vers, den Burney [FN] auf ihn anwendet, so ganz auf ihn paßt:

The son of Hercules he justly seems,
By his broad shoulders, and gigantic limbs.

"Er scheint, bey seinen breiten Schultern und gigantischen Gliedmaßen, ein wahrer Sohn des Herkules zu seyn."