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Hiller: Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten

Graun (Carl Heinrich)

Königl. Preußischer Kapellmeister.

[1. Teil: Jugend]

<76> Ward im Jahr 1701 zu Wahrenbrück, einer im Sächsischen Churkreise, im Amte Liebenwerde gelegenen kleinen Stadt, geboren. Sein Vater, August Graun, war General-Acciseinnehmer allda. Die Mutter, eine geborne Schneiderin, war aus Elsterwerde.

Carl Heinrich war der jüngste unter drey Brüdern, von denen der älteste, August Friedrich, als Dom- und Stadtcantor in Merseburg, im Jahr 1771 gestorben ist. Der zweyte Bruder, war der nachherige Concertmeister in Berlin, Johann Gottlieb Graun, der als ein starker Violinspieler, und feuriger Instrumentalcomponist sich berühmt gemacht, aber gleichfalls im Jahr 1771 mit Tode abgegangen ist. Da diese drey Brüder schon in früher Jugend besondere Lust und Fähigkeit zur Musik von sich merken ließen, so ward der erste Grund der Ton- und Singkunst schon in ihrer Vaterstadt, so gut es die Umstände erlauben wollten, gelegt. Die beiden Jüngern wurden aber hernach bald, von ihrem Vater, nach Dresden, auf die sogenannte <77> Kreuzschule gebracht. Es werden auf dieser Schule sechs und dreißig junge Leute, die aber alle Talent zum Singen haben, und Musik verstehen müssen, mit verschiedenen Beneficien, als freyer Wohnung, Kost und Unterricht versorgt; auch bleiben ihnen jährlich noch einige Thaler Geld übrig, die bis zu ihrem Abgange von der Schule gespart werden. Sie heißen Alumni, theilen sich in zwey Chöre, und sind von den Currendanern, die aus drey Chören bestehen, unterschieden.

Ohngefähr um da Jahr 1713 sind die beiden Graune auf diese Schule nach Dresden gekommen. Der jüngste von ihnen wurde als Rathdiscantist [FN] aufgenommen, und hatte den als Organist in Nordhausen verstorbenen Christoph Gottlieb Schröter zum Gesellschafter.

<78> Der damalige Cantor an dieser Schule, Grundig, war zwar kein Componist, doch aber ein, sowohl im Unterrichten junger Leute, als auch in der Wahl und Aufführung guter Kirchenstücke, sehr geschickter und sorgfältiger Mann. Er war vorher Tenorist in der königlichen Kapelle gewesen, und daher selbst ein guter Sänger. Graun hatte also das Glück gleich eines guten Unterrichts im Singen zu genießen. Er war dabey der besondern Aufsicht und Unterweisung des damaligen Organisten bey der evangelischen Hofkirche, und Klavieristen bey der königlichen Kapelle, Christian Pezolds, eines sehr gefälligen Kirchencomponisten anvertraut. Die Früchte dieses doppelten guten Unterrichts zeigten sich auch sehr bald. Der junge Graun that sich mit seiner Fertigkeit im Klavierspielen, und guten angenehmen Singart in kurzer Zeit vor allen seinen Mitschülern hervor.

Er hatte, von Jugend auf, eine besondere Neigung zum Angenehmen und Zärtlichen, sowohl im Singen, als in der Tonkunst überhaupt. Deswegen machten die gedruckten Singwerke des berühmten Reinhard Reiser, eines der gefälligsten und melodischsten Componisten, die man je in irgend einem Lande gehabt hat, einen so starken Eindruck auf ihn, daß er eins dieser Werke, die musikalische Landlust, welche aus einigen <79> kleinen überaus gefälligen deutschen Cantaten besteht, durch öfteres Durchsingen fast ganz auswendig lernte. Man kann mit Recht behaupten, daß die schöne und rührende Melodie, von denen die Arbeiten dieses Reiser voll waren, nicht allein unserm Graun, der sie mit der größten Begierde gleichsam verschluckte, sondern auch Hassen, der in Hamburg zuerst in Reisers Opern gesungen hat, den ersten Anlaß gegeben habe, hierinne ihre Empfindung zu stärken und zu befestigen, um hernach, wie beide gethan haben, jeder seinem Genie gemäß, die Sache noch weiter zu treiben.

Nachdem Graun seine Discantstimme in einen Tenor verändert hatte, fuhr er fort, auf gedachter Schule zu studiren, und legte sich mit großem Eifer auf die Composition. Hierbey genoß er, in Ansehung des reinen harmonischen Satzes, und der gebundenen Schreibart, der Unterweisung des damaligen Königl. Polnischen Kapellmeisters, Johann Christoph Schmidt, eines Mannes, der in diesem Theile der Composition, unstreitige Verdienste hatte, obgleich sein Gesang ziemlich trocken und steif war.

Im Jahr 1719 hatte Graun eine neue Gelegenheit, seine musikalische Wißbegierde, besonders in Ansehung der Singekunst, mit Vortheil zu sättigen. Es wurden, bey Gelegenheit <80> des Churprinzliches Beylagers, verschiedene Opern in Dresden aufgeführt, zu deren Verfertigung der berühmte venezianische Kapellmeister Anton Lotti, und zur Ausführung die Santa Stella Lotti, Gattin des Kapellmeisters, die Vittoria Tesi, die Margherita Durastanti, der berühmte Francesco Bernardi Senesino, Matteo Berselli [FN 1] und andere brave Sänger, berufen waren. Bey Anhörung der ersten drey Vorstellungen der ersten dieser Opern [FN 2], that Graun nicht weiter, als daß er, ohne auf etwas sonst, als auf die Musik seine Aufmerksamkeit zu richten, bloß zuhörte, und durch Hülfe seines ungemein glücklichen Gedächtnisses sich das Gehörte merkte; weil er sich, in seinen damaligen Umständen, nicht Hofnung machen konnte, die vollständige Partitur dieser Oper sobald, als es ihm lieb gewesen wäre, zu erhalten. Wenn er nach Hause kam, schrieb er alles auf, was er gemerkt hatte, und nach drey, auf diese Art, angehörten Vorstellungen, hatte er die Singstimme und den Baß aller Arien der ganzen Oper, nur mit wenigen unbeträchtlichen <81> Abweichungen, aufgeschrieben. Nach diesem wendete er seine Aufmerksamkeit auf die Ausführung der Sänger, und bemühte sich ihnen alles nachzumachen. Die übrigen damals in Dresden aufgeführten Opern und Serenaden, deren einige von der Arbeit des auch um diese Zeit daselbst angekommenen Johann David Heinichen waren, hörte er, wo nicht mit gleich sauerer Bemühung, doch mit gleicher Wißbegierde an. Dieß ist ohne Zweifel der Zeitpunkt, der ihn nicht allein als Operncomponisten, sondern auch als Sänger, im eigentlichen Verstande, gebildet hat; denn zum theatralischen Acteur, in seinem ganzen Umfange, scheint er nie recht aufgelegt gewesen zu seyn.

Nachdem diese Opern geendiget waren, verließ Graun die Kreuzschule, wo er bisher für das Chor des Alumnäums verschiedene Motetten componirt hatte. Es steht auch noch bis jetzt, sein, und seines Bruders Name in einer der Dachkammern, worinne sie beide geschlafen haben, mit Kühnruß an die hölzerne Wand geschrieben. Er hielt sich noch einige Jahre in Dresden auf, und fand nicht allein wegen seiner Musikkenntniße, sondern auch wegen seines bescheidenen, liebenswürdigen Charakters, viele Gönner und Freunde. Für seinen ehemaligen Lehrer, den Cantor Grundig, und dessen Nachfolger, den berühmten Baßsänger, Theodor Christlieb Reinholdt, <82> componirte er viele Kirchenstücke, welche, wenn man sie beysammen hätte, mehr als zween Jahrgänge betragen würden. Es ist unter diesen auch ein ziemlich langes Osteroratorium; doch findet man in allen diesen Compositionen das geschmeidige, singbare und gefällige Wesen nicht, was die nachherigen Compositionen unsers Grauns so sehr auszeichnet. An gut gearbeiteten Chören fehlt es ihnen indeß keinesweges.

[2. Teil: Freunde und Förderer]

<82> Unter die Freunde und Gönner unsers Graun ist vornämlich der Concertmeister Pisendel zu rechnen. Dieser, in so manchem Betracht, würdige Mann hat ihm damals, nach Bedürfniß, immer mit gutem Rathe und scharfsinnigen Beurtheilungen seiner Musikarbeiten beygestanden, ist auch, bis an sein Ende, sein und seines Bruders vertrauter Freund geblieben. Ferner war der damalige Superintendent Löscher sein besonderer Gönner. Dieser berühmte und große Theolog war ein großer Liebhaber der Musik, besonders der geistlichen Musik. Er war gewohnt, sich oft, nach Anleitung eines Psalms, oder andern geistlichen Liedes, mit freyen Phantasien auf dem Klaviere zu unterhalten und zu ermuntern; woraus erhellet, daß er selbst kein schlechter Musicus war. Dieser gelehrte und rechtschaffene Mann nahm sich einst unsers Grauns nachdrücklich an, als ein Musikfeindlicher alter Bürgemeister der Stadt, wegen <83> eines nicht kirchenmäßig genug gesetzten Chores, ihm das Componiren für die Kirchen in Dresden, oder wenigstens dem Cantor das Aufführen seiner Stücke verbieten, oder durch Oberconsistorium verbieten lassen wollte. Graun hatte, welches er nachher selbst mißbilligte, den Spruch: Meine Schaafe hören meine Stimmen, in einem Chore, ganz im Pastoralstyle geschrieben. Freylich hatte er hierinne einen doppelten Fehler begangen: denn, einen Spruch, der nur von einer Stimme gesungen werden sollte, als ein Chor zu bearbeiten, und einen allegorischen Ausdruck eben sowie einen eigentlichen zu behandeln, ist allerdings beides nicht gut: aber einem jungen Componisten, der bisweilen in Gefahr gerathen kann, mehr Einbildungskraft als Beurtheilung zu zeigen, hätte der Herr Bürgemeister auch etwas zu gute halten sollen. Dieß Versehen verdiente keinesweges, daß man alle Aufführung Graunischer Kirchenstücke untersagen wollte; D. Löscher ließ dieses strenge Begehren daher nicht zur Ausführung kommen, sondern ermahnte nur den Componisten, immer alles genau zu überlegen, und unter Kirchen- und Theatercomposition einen wohl bedachten Unterschied zu machen. Dieß ist es nicht allein, wodurch sich der seel. Löscher als einen wahren Freund unsers Graun bewies; sondern dieser rühmte jederzeit noch viele andere Gutthaten von ihm.

<84> Außer diesem würdigen Manne hatte Graun noch einen besondern Gönner, an dem damaligen Oberlandbaumeister Karger. Dieser wohnte im großen Garten bey Dresden, und Graun hielt sich bisweilen einige Tage bey ihm auf. Einsmals componirte er etwas allda, und als eben ein Gewitter am Himmel stand, erhob sich Graun vom Tische, an welchem er schrieb, und ging zum Zimmer hinaus. Kaum hatte er es verlassen, als das Gewitter in dasselbe einschlug, und den Tisch, nebst der darauf liegenden Partitur verbrannte. Ohnfehlbar würde Graun selbst vom Blitze seyn getödtet worden, wenn er ein paar Minuten länger sitzen geblieben wäre.

Auch der berühmte Lautenist, Sylvius Leopold Weiß, war Grauns sehr guter Freund. In seiner und Quanzens Gesellschaft, der damals als Flötenist in der königl. Polnischen Kapelle stand, reiste er im Jahr 1723 nach Prag, um die vom kaiserlichen Oberkapellmeister Fux componirte Oper, Costanza e fortezza zu hören. Da es schwer war, bequeme Gelegenheit dazu zu haben, so ließen alle drey sich zum Orchesire anwerben, und verstärkten dasselbe, als Ripienisten, nicht allein bey der Aufführung, sondern auch in den Proben. Graun spielte den Violoncell.

Der aber, dessen Freundschaft auf seine zeitlichen Umstände den meisten Einfluß gehabt hat, <85> war der damalige Ceremonienmeister und Hofpoet, Johann Ulrich König. Dieser hatte schon ehedem Hassen in Hamburg aufs Theater gebracht, nachher am Braunschweigischen Hofe empfohlen, und dadurch, wie der Erfolg gelehrt hat, den Anfang zu seinem nachherigen Glücke gelegt.

Jetzt hatte er wieder gleiches Vergnügen, einem andern braven angehenden Tonkünstler, unserm Graun, mit gleich guter Wirkung, ein Beförderer seines Glücks zu werden. Hasse, welcher ohngefähr zwey Jahre, als Tenorist, am Braunschweigischen Hofe in Diensten gestanden, und daselbst seine erste Oper componirt, darauf aber, mit Herzoglicher Erlaubniß, eine Reise nach Italien gethan hatte, erhielt den, von da aus, gesuchten Abschied, und man bemühete sich in Braunschweig um eine würdige Besetzung seiner Stelle. König, der auch am Braunschweigischen Hofe nicht unbekannt war, empfohl zu diesem Ende unsern Graun an den damaligen Direktor, den Grafen von Dehn. Dieser brachte es auch ohne Schwierigkeit dahin, daß Graun einen Ruf als Sänger bekam, und ihm zugleich die Rolle überschickt wurde, die er in der bevorstehenden Lichtmeßoper dort vorstellen sollte. Die Oper hieß Henricus Auceps. Graun reiste im Jahre 1725 um Weihnachten nach Braunschweig, und recitirte daselbst in den zwo Lichtmeßopern des folgenden <86> Jahres. Die Arien der erst genannten waren von der Composition des damaligen Braunschweigischen Kapellmeisters, Schurmann, und gefielen Graunen ganz und gar nicht; er setzte sich also dieselben nach seinem Geschmacke, und sang sie nach dieser seiner eigenen Composition. Dem Herzoge, und dem ganzen Hofe gefielen sie so sehr, daß er nicht allein als Tenorist, an Hassens Stelle, angenommen, sondern ihm auch die zur Sommermesse zu componirende Oper aufgetragen wurde.

Diese Oper hieß Polydor, und war ganz deutsch. Sie ward von Seiten der Composition mit allgemeinem Beyfalle aufgenommen. Graun hielt hierauf um die Vicekapellmeisterstelle an, und erhielt sie, nebst einer Zulage zu seiner Besoldung. Er zeigte zugleich, wie würdig er derselben war, in einem deutschen Weihnachtsoratorium, das er damals verfertigte.

In allen darauf folgenden Opern recitirte er mit, wenn sie auch nicht von seiner eigenen Composition waren. Seine Arien, und was die Signora Simonetti, die beste und erste Sängerin auf dem damaligen Braunschweigischen Theater, zu singen hatte, schrieb er mehrentheils neu dazu.

[3. Teil: Werke]

<86> Die Opern, welche er in Braunschweig ganz in Musik gebracht hat, sind, so viel man weiß, folgende:

  1. <87> Polydor, ganz deutsch.
  2. Sancio und Sinilde, aus dem Italiänischen des Silvani, mit vielen Abänderungen, ins Deutsche übersetzt.
  3. Iphigenie in Aulis, auch ganz deutsch.
  4. Scipio Africanus, deutsch.
  5. Timareta, ganz italiänisch, im Jahr 1733.
  6. Pharao, mit italiänischen Arien und deutschen Recitativen, nach damals in Deutschland an einigen Orten üblicher, nicht gar zu vernünftiger Gewohnheit. Die Oper ist eigentlich der Glanguir des Apostolo Zeno; den der Rector Müller in Hamburg, welcher die Uebersetzung besorgte, in einen Pharao umgeschaffen, und die Scene aus Indien nach Egypten verlegt hat.

Außer diesen Opern hat Graun auch in Braunschweig viele deutsche Geburtstagsmusiken, Kirchenstücke, italiänische Cantaten, und zwo Passionsmusiken componirt. Auch die Trauermusik bey dem Ableben des Herzogs August Wilhelm, im Jahr 1731 verfertigte er mit allgemeinem Beyfalle. Der folgende Herzog Ludwig Rudolph bestätigte ihn in seinem Amte, und in seiner Besoldung. Ein gleiches that der wieder auf diesen folgende Herzog Ferdinand Albrecht.

<88> Von diesem letztern aber bat sich ihn der damalige Kronprinz, jetzt regierender König von Preussen aus, ohne daß Graun eher etwas davon erfuhr, als bis ihm der Herzog seine Entlassung selbst ankündigte. Graun begab sich demnach im Jahr 1735 in die Dienste des damaligen Kronprinzen von Preussen nach Reinsberg.

Hier war seine vornehmste Beschäftigung, sich mit Singen vor dem Prinzen hören zu lassen. Er setzte also viele italiänische Cantaten in Musik, deren Worte theils aus den Singgedichten des Paolo Rolli genommen, theils vom Prinzen selbst, in französischer Sprache, entworfen, und von dem damaligen italiänischen Poeten Bottarelli in Berlin, ins Italiänische übersetzt sind. Hier ist eigentlich die Zeit, und dieß sind die Werke, woraus man unsern Graun, als einen großen Sänger, in seiner ganzen Stärke kann kennen lernen.

Gleich nach dem Antritte der Regierung des Prinzen, als König von Preussen, im Jahr 1740, verfertigte Graun, auf allerhöchsten Befehl, die Musik zur Beerdigung des verstorbenen Königs Friedrich Wilhelm. Die Worte sind lateinisch, und die Sänger zur Aufführung dieser Musik wurden aus Dresden verschrieben. Die Partitur davon ist in Kupfer gestochen.

<89> Kurz darauf, noch im Jahre 1740, wurde Graun vom Könige nach Italien gesandt, um die zu einer vollständigen Oper nöthigen Sänger und Sängerinnen in königliche Dienste zu nehmen. Er hielt sich in Italien beynahe ein Jahr auf, besuchte Venedig, Bologna, Florenz, Rom und Neapel, und richtete seinen Auftrag zum Vergnügen des Königs aus. In Italien fand sein Singen und seine Composition großen Beyfall; das erstere unter andern auch bey dem Bernacchi, einem der größten Sänger und Singmeister Welschlands, welcher es ohne Zurückhaltung und Verstellung sehr lobte. Nach seiner Zurückkunft ward seine Besoldung bis auf 2000 Thaler erhöht, und er mußte für das Carneval zwischen 1741 und 42 die Oper Rodelinde schreiben. Sie kann immer für eine der besten Graunischen Opern gelten, ob sie gleich die erste war, die er in Berlin schrieb. Wir wollen das vollständige Verzeichniß aller von Graun in Berlin verfertigten Opern, mit den Jahren, in welchen sie zuerst aufgeführt wurden, hersetzen, und es mit einigen Anmerkungen begleiten. Viele derselben sind nach der Zeit oft wiederhohlt worden, und man weiß, daß der König bis jetzt noch alle Jahre, eine oder zwey Opern von Graun aufführen läßt.

Die erste war, wie schon gesagt,

Rodelinda, im J.1741. Hierauf folgte

  1. <90> Cleopatra, 1742. Zu beiden ist die Poesie von Bottarelli. Scheibe im kritischen Musicus hat diese beiden Opern von S. 786 bis 794 recensirt.
  2. Artaserse, 1743. Poesie von Metastasio. In dieser Oper sang Pasqualino Bruscolini, ein guter Altist, der nachher auch auf dem Dresdner Theater gesungen hat, zum erstenmale.
  3. Catone in Utica, 1744. Poesie von Metastasio. Salinbeni, dessen man sich in Berlin und Dresden, wohin er nachher kam, noch mit Vergnügen erinnert, trat darinne das erstemal auf.
  4. Alessandro nelle Indie, 1744. Poesie von Metastasio.
  5. Lucio Papirio, 1745. Poesie von Apostolo Zeno.
  6. Adriano in Siria, 1745. Poesie von Metastasio.
  7. Demmofoonte, 1746. Ebenfalls von Metastasio. In dieser Oper bewog die Arie: Misero pargoletto, die meisten Zuhörer zu Thränen.
  8. Cajo Fabrizio, 1747. Von Apostolo Zeno.
  9. Le feste galanti, 1747. Aus dem Französischen des Duché, durch den neu angekommenen <91> italiänischen Dichter Villati übersetzt.
  10. Recitative, Chöre und ein Duett zu einem Schäferspiele, 1747. Poesie von Villati. Die Sinfonie nebst ein Paar Arien sind vom Könige; die übrigen von Quanz und Nichelmann. Die Giovanna Astrua sang darinne zum erstenmale.
  11. Cinna, 1748. Poesie von Villati, nach dem Französischen des Corneille.
  12. Europa galante, 1748. Von Villati aus dem Französischen des la Mothe. Ein seltsames Ding von einer Oper.
  13. Ifigenia in Aulide, 1749. Von Villati aus dem Racine übersetzt.
  14. Angelica e Medoro, 1749. Aus dem Französischen des Quinault, durch Villati.
  15. Coriolano, 1750. Nach dem Entwurfe des Königs von Villati.
  16. Fetonte, 1750. Nach dem Französischen des Quinault. In diesem Jahre ging Salinbeni nach Dresden, und der brave Contraltist Giovanni Carestini kam an seine Stelle nach Berlin.
  17. Mitridate, 1751. Aus dem Racine.
  18. Armida, 1751. Aus dem Quinault.
  19. Britannico, 1752. Aus dem Racine. Das Schlußchor: Vanne Neron spietato ist vortreflich.
  20. <92> Orfeo,1752. Aus dem Französischen des du Boulai.
  21. Il giudizio di Paride, 1752. Poesie von Villati.
  22. Silla, 1753. Vom Könige französisch bearbeitet, und von dem neuen Poeten Tagliazucchi in italiänische Verse übersetzt. Nach dieser Oper nach Bruscolini Abschied.
  23. Semiramide, 1754. Aus dem Französischen des Voltaire durch Tagliazucchi in die Form einer Oper gebracht.
  24. Montezuma, 1755. Die meisten Arien dieser Oper sind ohne Wiederhohlung.
  25. Ezio, 1755. Poesie von Metastasio, doch mit verschiedenen Abänderungen.
  26. I fratelli nemici, 1756.
  27. Merope, 1756. Ebenfalls ohne Wiederhohlung in den meisten Arien.

Hierzu kommen noch zween gelegentliche Prologen.

Aus diesen Opern sind alle Duetten und Terzetten, nebst einigen Chören, in Partitur, vor einigen Jahren, in vier Foliobänden, in Berlin zusammen gedruckt worden.

Ueberdem hat Graun an öffentlichen Musiken in Berlin verfertigt:

  1. Eine Passionsmusik, nach der Poesie des Hrn. Prof. Ramlers, der Tod Jesu betitelt;
  2. ein lateinisches <93> TE DEUM LAUDAMUS;

beide Stücke sind zu Leipzig, im Breitkopfischen Verlage, in Partitur gedruckt. In eben diesem Verlage ist auch die Cantate: Lavinia a Turno, von der Poesie der zuletzt verstorbenen verwittweten Churfürstin von Sachsen, ans Licht getreten. Auch hat er viel Instrumentaltrios, und etwan ein Dutzend Klavierconcerte gesetzt; welche letztern, ob sie gleich die Stärke des Klaviers lange nicht erschöpfen, doch Muster abgeben können, wie man sonderlich ein Adagio für das Klavier melodisch und rührend setzen könne.

Im Jahr 1761 kam in Berlin bey Weber eine Sammlung auserlesener Oden zum Singen beym Klaviere, vom Herrn Kapellmeister Graun, heraus. Der Vorbericht des Herausgebers gab zu einigen Streitigkeiten Anlaß, wovon man die herausgekommenen Streitschriften im ersten Theile des zweyten Bandes der kritischen Briefe über die Tonkunst im 71sten Briefe angezeigt finden kann, wenn man es der Mühe werth achtet.

Graun hat sich, Zeit seines Aufenthalts in königl. Preußischen Diensten, zweymal sehr vortheilhaft verheyrathet. Aus der ersten Ehe hat er eine Tochter hinterlassen, die er selbst im Singen unterrichtet hat, und die an den Commerzienrath Zimmermann zu Torno im Fürstenthume <94> Crossen verheyrathet ist. Aus der zweyten Ehe sind vier Söhne am Leben, von denen aber keiner die Musik zu seinem Hauptwerke gewählt hat.

Graun starb in Berlin an einer hitzigen Brustkrankheit, am 8. August, im Jahr 1759, zur Betrübniß der Seinigen, und aller wahren Kenner guter Musik.

[4. Teil: Künstlerische Stellung]

<94> Es ist verschiedenemale seiner besondern Stärke im Singen gedacht worden: jetzt wollen wir noch etwas umständlicheres darüber sagen. Seine Stimme war nicht besonders stark, aber sehr angenehm; sie war ein hoher Tenor. Die Hälfte der ungestrichenen, und die ganze eingestrichene Octave waren ihre bequemsten Töne. Er hatte eine große Leichtigkeit in derselben, und sang Passagien mit vieler Fertigkeit und Deutlichkeit, in der rechten Singart, folglich weder am Gaumen angestoßen, noch geschleift. Doch trug er auch die zum Adagio gehörigen Volaten vortreflich vor. Dieses sang er überhaupt sehr zärtlich und rührend. Das Trillo, welches er als Discantist sehr gut gehabt hatte, war ihm, nach Aenderung der Stimme in den Tenor, nicht mehr vortheilhaft; doch wußte er, als ein Meister der Setzkunst, diesen Mangel überaus wohl zu bedecken. Besser geriethen ihm die Doppelschläge, und andere kleine Singmanieren.

<95> Das unverwerflichste Zeugniß von der Vortreflichkeit seines Gesanges giebt wohl der Umstand, den sein Nachfolger, der Kapellmeister Reichardt, im dritten Stück seines musikalischen Kunstmagazins erzählt: Als nämlich Franz Benda dem Könige, der damals in Dresden Winterquartiere hielt, die Nachricht von dem traurigen Tode Grauns brachte, weinte der König und sagte: "Einen solchen Sänger werden wir nicht wieder hören." Grauns Gesang war also das erste, was der König beklagte; und er wußte doch, und weiß gewiß noch jetzt Grauns Compositionen zu schätzen.

Als Componist verstand er die Harmonie und ihre Künste sehr gründlich. Sein harmonischer Satz war überaus rein und deutlich. Er war immer, im rechten Maaße voll, aber nie der Singstimme überlastig. Seine eigentlich harmonischen Stücke, sind alle, nach ihren Eigenschaften, sehr gut gearbeitet. Seine Fugen sind weder schwülstig noch platt, weder gezwungen noch leichtsinnig hingeschrieben: man darf, zum Beweise dessen, nur die Chöre im Tode Jesu, betrachten. Ueberhaupt kann man ihn, in dieser Schreibart allen Componisten zum Muster empfehlen. In allen seinen Arbeiten herrscht eine sehr genaue Ordnung der Modulation. Er war in diesem Punkte so empfindlich, daß auch die geringste Härte in <96> der Modulation ihm zuwider war. Seine Melodie war eine der angenehmsten, die man hören kann. Ob es gleich seinen Stücken keinesweges am gehörigen Feuer fehlte, so war doch der Ausdruck des Angenehmen, Schmeichelhaften und Rührenden, bey ihm derjenige, der ihm, im Ganzen genommen, immer am besten gerieth. Seine Adagio sind besonders Meisterstücke, und entsprechen seinem leutseligen, menschenfreundlichen und sanftem Charakter. Schade, daß seine Adagioarien fast alle ein wenig zu lang sind, da zumal der erste Theil immer ganz wiederholt werden muß. Ein Graun oder Salinbeni müssen sie vortragen, wenn der Zuhörer dabey nicht ermüden soll.

Sein Tod ward billig auch laut, und öffentlich beklagt. Im ersten Bande der kritischen Briefe über die Tonkunst enthält der eilfte Brief etwas hierher gehöriges. Weiterhin findet sich ein Gedicht, welches zur Ehre unsers unsterblichen Grauns gar wohl werth ist, die hier gegebene Nachricht von seinem Leben zu beschließen.

>So früh stirbt Graun! So bald verläßt die Seinen
Der Vater unsrer Harmonie!
Um dessen Grab die Musen Thränen weinen,
Graun, unser Liebling, stirbt so früh!

<97> Wenn er im Schmerz der klagenden Cantate
Die Violine wimmern ließ,
Und jeder Strich, der sich der Saite nahte,
Das Herz mit einem Dolch durchstieß;

Wenn, um den Tod des Ewigen zu feyern,
Der Ton der Orgel zitternd klang,
Und Gottes Sohnes Leiden zu erneuern,
Die Kunst recitativisch sang;

Wenn Gottes Pracht in dem Te Deum tönte,
Von allen Lippen überfloß,
Sie zu dem Chor der Seligen gewöhnte,
Und Andacht in die Herzen goß;

Wenn die Musik mit feurigen Gedanken
Begeisternd im Concert gestrahlt,
Und wenn ein Lied, in minder schweren Schranken,
Den jugendlichen Scherz gemahlt;

Wenn seinem Wink im Wettstreitsaal [FN] der Künste
Ein Heer von Musen folgsam war,
Und jeder Sieg der lieblichsten der Künste,
Der Tonkunst, neues Lob gebahr:

<98> Dann riß er den, der sonst nicht fühlen konnte,
Zur heftigsten Bewundrung hin;
Und der sich sonst mit Regungen verschonte,
Ward hier Gefühl und lauter Sinn.

Wer will um den nicht patriotisch klagen,
Den Friedrich, den die Welt geehrt!
Zu seinem Ruhm wird noch die Nachwelt sagen:
Ja, Graun, du warst der Thränen werth!

Klagt dich der Held, so fließt dein Lob geschwinder
Von jedes Kenners Mund herab.
Die Grazien, der Tonkunst holde Kinder,
Streun treue Blumen auf dein Grab.